Erneut geschlossen: Den «Löwen» betritt derzeit niemand, um essen und trinken zu gehen. · Bild: Reto Pfister
Die Zukunft des Löwen ist ungewiss
Im traditionsreichen Gasthof wird seit Mitte Juli erneut nicht mehr gewirtet. Michel Aegerter ist mit der Löie Thörigen AG in Konkurs gegangen, das Restaurant ist seither geschlossen.
Thörigen · Die Tische und die Sonnenschirme laden nach wie vor ein, auf der Terrasse des Gasthofs Löwen in Thörigen Platz zu nehmen. Nur sitzt dort niemand, und es ist auch kein Personal zu sehen, das einen bedienen würde. Die Tafel, auf der man im Gasthof willkommen geheissen würde, ist leer, die Türe verschlossen. Bei einem Versuch, für ein Datum im September einen Tisch zu reservieren, flattert nach einem halben Tag die Meldung ins E-Mail-Postfach, dass die Reservation storniert sei. Grund: «Guten Tag, leider bleibt der Löie bis auf weiteres geschlossen», wird als Begründung geliefert. Im Löwen wird erneut nicht mehr gewirtet. Im Frühling 2023 hatte ihn der Gastronom Michel Aegerter wieder eröffnet. Dieser bot dort gutbürgerliche Küche an. Nach zwei Jahren ist wieder Schluss, Mitte Juli wurde über die Löie Thörigen GmbH der Konkurs eröffnet. Auch Aegerter selbst meldete sich über die sozialen Medien und gab bekannt, dass das Restaurant wegen eines Konkurses per sofort geschlossen ist. Was allenthalben mit grossem Bedauern und Erstaunen zur Kenntnis genommen wurde. «Wir sind sprachlos», und «das kann es nicht gewesen sein», lauteten einige der Reaktionen auf Aegerters Facebook-Posting. Viele sprachen ihm Mut zu, in der Hoffnung, dass es irgendwie und irgendwann doch wieder weitergeht.
«Vom Konkurs überrascht»
Die Besitzerin des Gasthofs ist die Kulta Immobilien AG mit Sitz in Solothurn. Diese hatte den Gasthof von der Integral Immobilien AG erworben, die ihn ihrerseits von Bruno Christen erstanden hatte. Dieser war ein langjähriger Geldgeber des Spitzenkochs Nik Gygax gewesen und hatte den Gasthof 2022 in einer Zwangsversteigerung erworben. Für die Kulta Immobilien AG verwaltet VR-Mitglied Rolf Länzlinger die Liegenschaft. «Wir waren vom Konkurs der Löie Thörigen GmbH überrascht», sagt Länzlinger. Auch die Liegenschaftsbesitzerin hat offene Forderungen aus dem Mietverhältnis mit der Löie Thörigen GmbH. Diese seien aber nicht auf dem Betreibungsweg eingefordert worden und hätten deshalb mit der Konkurseröffnung nichts zu tun. «Wir hatten Kenntnis von einigen Konkursandrohungen gegen die Löie Thörigen GmbH, wissen aber nicht, wer letztlich die Konkurseröffnung durchgezogen hat», sagt Länzlinger. Die Kulta Immoblien AG hat in der Vergangenheit bereits mehrfach gastronomisch genutzte Liegenschaften erworben. So auch den Hirschen in Grünen, den Michel Aegerter während 19 Jahren geführt und dort sogar die Corona-Pandemie überstanden hat. Die steigenden Energiepreise zwangen ihn jedoch 2022, aufzugeben und den Gasthof zu verkaufen. Auf dem Grundstück entstehen Wohnungen, wie bei anderen von der Kulta erworbenen Liegenschaften. In Thörigen war dies nicht der Fall. «Es war auch der Wunsch der Gemeinde, dass im Löwen weiter gewirtet wird.» Zwei Jahre später kam nun auch aus Sicht der Kulta Immoblien AG die grosse Enttäuschung. Nach einem Meeting mit dem Konkursamt wird sich nun zeigen, wie es weitergeht. Was aus dem Löwen-Gebäude wird, ist ungewiss. «Wir werden uns in den nächsten Wochen Gedanken über die Zukunft des Gebäudes machen», sagt Verwalter Länzlinger.
Gemeinde kann nichts tun
Bei der Gemeinde Thörigen kommt angesichts der erneuten negativen Nachrichten rund um den Löwen naturgemäss keine Freude auf. «Aus Sicht der Gemeinde ist es bedauerlich, dass der einst so schillernde Gasthof schon wieder geschlossen ist», sagt Gemeindepräsident Sandro Moret. «Für die Bevölkerung bedeutet die Schliessung einen Treffpunkt weniger im Dorf. Es bleibt zu hoffen, dass der Sternen bestehen bleibt.» Es sei allen bewusst, dass es heutzutage kein einfaches Unterfangen sei, im Gastgewerbe erfolgreich zu sein. Selbst aktiv werden kann die Gemeinde jedoch nicht. «Das Gebäude ist in privater Hand und wird vom Besitzer verpachtet», sagt Moret. Als der Gasthof nach dem Ende der Ära Gygax versteigert wurde, habe die Gemeinde überlegt, ob sie selbst aktiv werden wolle. Aber das geht gar nicht einfach so», klärt der Thöriger Gemeindepräsident auf. «Eine solche grössere Investition müsste vom Souverän, der Stimmbevölkerung, genehmigt werden.» Was entweder an einer Gemeindeversammlung oder mittels kommunaler Abstimmung hätte geschehen müssen. Aktuell würde es gar nicht drin liegen, sich beim Löwen zu engagieren. «Wir haben genug andere Projekte in der Gemeinde, die aktuell anliegen», sagt Moret.
Aegerter sagt vorerst nichts
Nicht Stellung nehmen will vorerst Michel Aegerter. «So lange nicht alle offenen Fragen geklärt sind, gebe ich keine Interviews», lässt er via Whatsapp verlauten. Für den Herzblut-Gastronomen ist die neuste Entwicklung sehr bitter. 19 Jahre lang hatte er den Gasthof Hirschen in Grünen geführt und sogar die Corona-Pandemie gut überstanden. Die steigenden Energiepreise zwangen ihn jedoch 2022, den Gasthof zu verkaufen. Der damals 42-Jährige wollte eigentlich kein Restaurant mehr selbst führen, sondern sich als Koch oder im Service in einem Restaurant anstellen lassen. Beim zweiten Betreten des Hauses entschied er sich dennoch, die Herausforderung anzunehmen und den Löwen zu führen, dies mit gutbürgerlicher Küche zu erschwinglichen Preisen. Nach zwei Jahren ist nun auch in Thörigen für Michel Aegerter Schluss.
Illustre Geschichte
Zuvor hatte jahrzehntelang der Spitzenkoch Nik Gygax im Löwen Thörigen den Kochlöffel geschwungen. Als Gastronom war Gygax herausragend gewesen, über 20 Jahre lang wurde er jeweils von «Gault Millau» mit 18 von 20 möglichen Punkten, einem absoluten Spitzenwert, ausgezeichnet. In betriebswirtschaftlichen Fragen agierte er hingegen wiederholt unglücklich. 2006 ging er mit der Nik Gygax Wine & Dine AG Konkurs, 2013 mit der Löwen Thörigen AG. Beide Male fand er jedoch Geldgeber, um im Oberaargauer Dorf weiter als Gastronom der gehobenen Kategorie tätig sein zu können. 2020 starb Nik Gygax im Alter von erst 62 Jahren. Seine Nachfahren schlugen anschliessend das Erbe aus, so dass es 2022 zur Versteigerung kam.
Wird das Restaurant Erinnerung?
Mit dem Ergebnis, dass das traditionsreiche Gebäude zweimal weiterverkauft wurde und es schliesslich mit Michel Aegerter einen Neuanfang gab. Der nun auch schon wieder Geschichte ist. Mit der Ungewissheit, ob im Löwen überhaupt nochmals Gäste für Speis und Trank empfangen werden. Oder ob dem Gasthof das Schicksal blüht wie bei anderen Gasthöfen, auch auf diesem Grundstück in Zukunft nicht mehr gegessen oder getrunken, sondern gewohnt oder es anderweitig genutzt wird. Und der Löwen als Restaurant nur noch eine Erinnerung sein wird.
Von Reto Pfister