• Mit dem Buch «Das Unmögliche im Leben erreichen» blickt Werner Pauli auf ein ereignisreiches Leben zurück. · Bild: Felix Ott

  • Über 20 Jahre war Werner Pauli (Mitte) praktisch im OP vom Spital Huttwil zuhause. · Bild: zvg

22.10.2025
Huttwil

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Vom Backstubenlehrling zum Chefarzt in Huttwil: Werner Pauli hat in seinem langen Leben vieles gewagt – und mit seinem bildhaften Denken sogar die Chirurgie verändert. Heute lebt der 87-Jährige in Rohrbach und zieht Bilanz.

Werner Pauli hat unzählige Füsse operiert und dadurch vielen Menschen in Huttwil und Umgebung wieder auf die Beine geholfen. Über zwanzig Jahre lang leitete der Chirurg das Spital Huttwil, prägte dessen Entwicklung und baute die orthopädische Chirurgie zu einem wichtigen Schwerpunkt aus. Heute, mit 87 Jahren, lebt Pauli in Rohrbach und hat seine Vergangenheit in einem Buch reflektiert. Wie konnte ein Legastheniker eine so erfolgreiche Karriere hinlegen? Beim Schreiben seiner Autobiografie hat Pauli etwas über sich selbst erkannt: «Ich denke nicht in Worten, sondern in Bildern», sagt er. Diese bildhafte Denkweise, so Pauli, habe ihn durch sein ganzes Leben begleitet: von seiner Kindheit, über die ersten Operationen bis hin zur Entwicklung einer neuartigen Titanplatte. Sie sei vielleicht der Grund, warum ihm Lösungen oft eingefallen seien, wenn andere noch nach Worten gesucht hätten.

Vom Denken in Bildern zum Operieren mit Präzision
In Huttwil fand Pauli den Ort, an dem sein Denken in Bildern zu konkreten medizinischen Fortschritten führte. Als Chefarzt erarbeitete er sich den Ruf eines präzisen und innovativen Operateurs. Patientinnen und Patienten reisten aus der ganzen Schweiz, aber auch aus Spanien und Kanada an, um sich von ihm operieren zu lassen. Seine Erfindung, die sogenannte X-Titanplatte, revolutionierte die Fusschirurgie: Mit ihr konnten Fehlstellungen und Verkrümmungen korrigiert werden, die zuvor nur schwer zu behandeln waren. Die Idee dazu kam ihm nicht im Operationssaal, sondern in den Ferien – beim Beobachten eines sturmsicheren Vordachs, dessen überkreuzte Stangen ihn auf die Idee brachten. Auch heute wird diese X-Platte noch bei Operationen verwendet.

Vom Backstubenlehrling zum angesehenen Chefarzt
Der Weg in den Operationssaal war für Werner Pauli alles andere als vorgezeichnet. Aufgewachsen als zehntes Kind einer Bauernfamilie in Boll im Worblental, absolvierte er zunächst eine Lehre als Bäcker-Konditor. Die Arbeit gefiel ihm, doch sie stillte seine Neugier nicht. «Beim Segelfliegen habe ich realisiert, dass ich zu wenig weiss», sagt Pauli. Er konnte sich nicht erklären, wie die Luftströme entstehen, die sein Flugzeug im Himmel hielten. Mit 32 Jahren wagte er schliesslich den Neuanfang und trat zur Matura an. Dies bereits zum zweiten Mal, nachdem er beim ersten Versuch an Latein gescheitert war. Als die Nachricht kam, dass er bestanden hatte, wusste er, dass sein Weg frei war. Er schrieb sich für Medizin ein, schloss das Staatsexamen im Alter von 38 Jahren ab und begann seine Laufbahn als Arzt. Sein beruflicher Weg führte ihn an verschiedene Spitäler in der Schweiz und schliesslich nach Huttwil, wo er das Spital während zwei Jahrzehnten mitgestaltete und prägte. Er bekam auch starken Gegenwind zu spüren. Nicht alle waren mit seinen unkonventionellen und neuen Vorgehensweisen einverstanden. Einige Neider versuchten sogar, ihn loszuwerden, wie er heute sagt. «Die Medizin ist in ihrem Denken stehengeblieben», sagt Pauli. Oft sei er aufgrund seiner anderen Denkweise angeeckt. Doch auf unnötige Diskussionen habe er sich nie eingelassen. Pauli ist überzeugt: «Das ist Energieverschwendung.»

Schwächen sind keine Hindernisse, sondern Chancen
Das Schreiben seines Buches habe ihn verändert. «Ich wollte verstehen, warum ich meinen Weg so gegangen bin», sagt Pauli. Dabei habe er erkannt, dass Schwächen nicht nur Hindernisse, sondern auch Chancen sind. Auch in Zukunft will er diese Chancen weiter nutzen. Er setzt sich beispielsweise dafür ein, dass seine Methoden in der Fusschirurgie mehr Beachtung finden. Zudem möchte er, dass sein erfinderischer Vorfahre Samuel Johann Pauli die Anerkennung für seine Erfindungen erhält. «Vermutlich hat er ebenfalls in Bildern gedacht», sagt Pauli. Wenn Pauli heute durch das Spital in Huttwil geht, spürt man, welche Beziehung er zu diesem Ort hat. Unzählige Stunden hat er hier verbracht. Das Personal erkennt ihn auf den Gängen. Er wird respektvoll begrüsst. Für ihn ist das kein Symbol des Erfolgs, sondern ein Zeichen dafür, dass sich Beharrlichkeit auszahlt. «Man muss die Chancen nutzen, wie sie fallen, und dann dranbleiben», sagt Pauli. Dann lächelt er. «Bei mir hat das gut funktioniert.»

Von Felix Ott