Über 2000 Besuchende verwandelten die Aufstiegspartie des FC Langenthal auf der Rankmatte in ein Volksfest. · Bild: Stefan Leuenberger
Ein Fussball-Volksfest für die Region
Zwar verpasst der FC Langenthal den Aufstieg in die Promotion League, weil der viel stärkere Zürcher Gegner SC YF Juventus die entscheidende Partie 4:1 gewinnt. Trotzdem ist der FCL auch ein Sieger: Langenthal erlebt am Samstagabend bei Bilderbuchwetter ein Fussball-Volksfest.
Fussballclub Langenthal · «Wir gehören auch zu den Siegern», ist Santo Gallo, Präsident des Fussballclubs Langenthal, überzeugt. «Wir haben in dieser Saison unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen und dürfen mit Stolz auf das Erreichte blicken», so der 41-jährige Langenthaler. «Gegner YF Juventus war in allen Belangen besser. Diese Mannschaft hat den Aufstieg verdient. Sie gehört in die Promotion League», zollt Langenthals Trainer Edvaldo Della Casa dem Gegner neidlos Respekt.
Zürcher zu überlegen
Die alles entscheidende Partie am Samstagabend ab 18 Uhr auf der Rankmatte in Langenthal verläuft sportlich einseitig. Die Zürcher, mit sieben ehemaligen Spielern der Super League, sind schlicht das bessere Team. Die 1:2-Niederlage im Hinspiel scheint dem besten Team der 1.-Liga-Classic nichts anzuhaben. Nur über kurze Phasen kann Gelb-Blau den Ball in seinen Reihen halten. Ansonsten bestimmen die Weiss-Schwarzen das Geschehen. Am Ende siegt «Juve» diskussionslos 4:1 und steigt in die dritthöchste Schweizer Fussballliga auf.
Stolzer Langenthaler Trainer
Für den FC Langenthal platzt zwar der Aufstiegstraum. Unbestritten bleibt aber die Tatsache, dass die Oberaargauer eine geniale Spielzeit 2025/26 lieferten, der am Ende bloss die Sahnekirsche auf der sonst schon süssen Torte fehlt. Mit «Gratuliere, gratuliere, gratuliere» richtet Trainer Edvaldo Della Casa trotz Niedergeschlagenheit direkt nach dem Schlusspfiff die absolut passenden Worte an die hängenden Köpfe seiner Schützlinge. Und: Ein Volksfest ist der Aufstiegsknaller sowieso. Ein ideales «Warm-up» für das abendliche «Street Festival» im Stadtzentrum.
Panini-Bilder wichtiger
Grandiose 2150 Fans sorgen rund um den Kunstrasen der Rankmatte für ein Langenthaler Sommerfest. Die Region Langenthal trifft sich, um gemeinsam für eine Mannschaft zu «fänen». Längst nicht bei allen Besuchenden steht der Fussball im absoluten Fokus. Sich bei Bratwurst und Bier für einen «Fünfliber» zu einem Schwatz mit Freunden oder Schuttkollegen zu treffen, hat ebenfalls seinen Reiz. Die vielen Junioren in Langenthaler Shirts haben neben dem Fussballgucken primär das gemeinsame «Blödeln», das eigene Fussballspielen auf dem Nebenplatz oder das «Tscheggen» der heiss begehrten Panini-Bilder der laufenden Fussball-WM im Kopf. Im Tauschfieber ist auch Arthur Sitez: «Ich spiele selber bei den Junioren E bei Langenthal Fussball. Mein Lieblingsspieler ist Georgino M’Vondo-Ze», sagt der 10-Jähr- ige. «Ich will auch einmal in der ersten Langenthaler Equipe mitspielen – und später dann bei Real Madrid», meint der rechte Flügel kurz angebunden und ist, schwupps, wieder auf der Jagd nach fehlenden Bildern.
Ein «Diehard»-Fan
Die Erwachsenen sind bei der Hitze dafür besorgt, dass vor allem stets genügend Tranksame und – wo möglich – ein Schattenplatz vorhanden ist. Es gibt aber auch viele Leute am Spielfeldrand, die «ihren» FCL seit ewigen Zeiten unterstützen, sogenannte «Diehard»-Fans, die sich komplett auf das Geschehen auf dem Grün konzentrieren. «Seit 30 Jahren bin ich an allen FCL-Spielen dabei», erzählt Peter Rygailo. «Das Team ist sehr weit gekommen und darf stolz sein. Ein allfälliger Aufstieg hätte hohe Hürden mit sich gebracht. Darum ist es gut so, wie es ist», findet der früher selber Eishockey, aber nie Fussball spielende 68-Jährige, der im Winter mit gleichem Herzblut den SCL unterstützt. Unter dem bunten Volksfest-Fussballpublikum hat es auch Angehörige. «Mein Mann ist Co-Trainer bei YF Juventus. Ich interessiere mich aber auch sonst für Fussball, primär für den FC Basel. Am besten fand ich früher Marco Streller», erklärt die 28-jährige Zürcherin Michèle Gürtler. Auch viel Prominenz aus Sport, Politik und Show weilt unter den Zaungästen. So auch die 47-jährige Langenthaler Stadträtin Cornelia Gerber. «Ich identifiziere mich mit Langenthal. Der FCL hat mich schon immer interessiert. Jetzt noch viel mehr, weil mein Sohn bei den Junioren E mitspielt. Er durfte heute mit Mehmet Yigit einmarschieren», meint die stolze Mutter.
Eine Glatze rasieren
Das Spiel neigt sich dem Ende zu. Noch sind fünf Minuten zu spielen. «Ich rasiere mir eine Glatze, wenn Langenthal die Partie noch dreht», entfährt es einem stylisch frisierten jungen Fan. Er sagt es unaufgeregt, weil er weiss, dass die Wahrscheinlichkeit bei null liegt. Der FC Langenthal verliert – und ist trotzdem auch ein Sieger. Mit den tollen Leistungen schafft es Gelb-Blau, eine ganze Region hinter sich zu stellen. Die beiden Aufstiegsrunden-Heimspiele gegen Tuggen und YF Juventus sind Volksfeste. Jetzt gilt es, auf dem Erreichten aufzubauen. «Ganz klar: Wir hätten den Aufstieg entgegengenommen und alle notwendigen Vorkehrungen, um in der Promotion League zu spielen, treffen können», findet Vereinspräsident Santo Gallo. «Nun geht die Reise halt in der gleichen Liga weiter. Meines Wissens wird der Grossteil der aktuellen Mannschaft zusammenbleiben. Wir wollen in der nächsten Spielzeit sportlich wieder eine starke Rolle spielen», so Gallo. «Wir wollen aber auch die Vereinsstrukturen – gerade auch im Nachwuchsbereich – nachhaltig stärken, damit der FC Langenthal auch in Zukunft zu den ambitionierten Adressen des Schweizer Fussballs gehört.»
Von Stefan Leuenberger