• Auch der Garten der Anlikers ist den Insekten gewidmet. «Unser Gärtner hat eine spezielle Blütenmischung gesät, die von Frühling bis Herbst blüht und Bienen und Schmetterlinge fördert», sagt Fritz Anliker. · Bilder: Gabriela Graber

  • Im Moment haben Anlikers nur zwei Netze mit Puppen von Schwalbenschwänzen und Nachtfaltern.

  • Die verschiedenen Stadien des Falters aus Nordafrika – von der farbigen Raupe bis zum Falter, der beachtliche 80 Stundenkilometer zurücklegen kann.

  • «In unseren besten Zeiten hatten wir fünf bis sechs solcher Netze gleichzeitig im Einsatz», sagt Fritz Anliker. Durchschnittlich überwinterten sie über 2000 Schmetterlinge pro Jahr.

  • Liebe à la Schmetterlinge: Einer dieser Nachtfalter schlüpfte im Zelt, der andere hängte sich draussen ans Netz und ging nicht mehr weg. Fritz brachte sie dann zusammen.

  • In seinem Fotobuch hat Fritz Anliker alle Schmetterlinge dokumentiert, die er über die Jahre gezüchtet hat.

  • Im Gartenhäuschen hängen Infotafeln, auf dem Tisch liegt ein Bilderrahmen mit aufgesteckten Schmetterlingen. «Die habe ich bekommen und für Vorträge genutzt. Gefallen haben sie mir aber nie. Schmetterlinge gehören lebendig in die Natur», so Fritz Anliker.

  • Der Lieblingsfalter der Anlikers: der Schwalbenschwanz. «Er ist wunderschön, leicht zu halten – und man begegnet ihm direkt vor der Haustür.»

  • Der Totenkopfschwärmer – der Schmetterling, mit dem alles begann. Dieses Exemplar fanden Anlikers auf einem Parkplatz. «Leider konnten wir ihn nicht mehr retten.»

25.07.2025
Oberaargau

Ein halbes Jahrhundert für die Schmetterlinge – das Lebenswerk der Anlikers

Seit über 50 Jahren engagieren sich Fritz und Elisabeth Anliker aus Rohrbach für den Erhalt der Schmetterlinge und ihres Lebensraums. Im Porträt erzählen sie, wie aus einer zufälligen Begegnung mit einer Raupe ein Lebenswerk wurde.

Rohrbach · Schon wer bei Anlikers zufährt, merkt: Hier wohnen Schmetterlingsfreunde. Über dem Hauseingang hängen Metall-Falter und Schmetterlingsbilder – und neben dem Haus wächst ein Garten, in dem es summt und flattert. Auch in der Wohnung finden sich Spuren ihrer Leidenschaft – von Bildern bis zu Enzyklopädien. Und mitten auf dem Esstisch: Ein kleiner Holzkasten, mit jenem Falter, mit dem alles begann.

Der Anfang einer Leidenschaft
«Es war ein Spätsommertag im Jahr 1973. Wir gingen einem Freund in Gondiswil mit der Kartoffelernte helfen. Plötzlich lag da auf dem Acker eine gelbe Raupe vor mir. Es war die schönste Raupe, die ich je gesehen hatte», erinnert sich Fritz Anliker und zeigt in seinem Fotoalbum auf ein besonders auffälliges Exemplar. «Sie war riesig – etwa 15 cm lang und mehr als einen Daumen dick.» Es sei ihm klar gewesen, dass aus der Raupe irgendein Schmetterling wachsen würde – und er packte sie in ein Glas und brachte sie nach Huttwil zu Walter Berger, einem in der Region bekannten Schmetterlingskundler. Dieser habe seine Vermutung bestätigt. Bei dem Tier handelte es sich um einen Totenkopfschwärmer – ein seltener Falter aus Nordafrika. «Die Raupe war so speziell – in dem Moment hat’s uns gepackt.»  Fritz und Elisabeth Anliker besorgten ungespritzte Kartoffelstauden und legten das Tier in ein Glas, das 20 Zentimeter tief mit Erde gefüllt war – wie von Herrn Berger instruiert. Zehn Wochen nach dem Eingraben sollte sich die Raupe verpuppen, dann sollten sie ihm die Puppe bringen. «Das haben wir dann gemacht», so Fritz Anliker. Doch dann geschah etwas, das sie nicht erwartet hatten. «Herr Berger brachte die Puppe ins Naturhistorische Museum in Bern, wo der Schmetterling geschlüpft ist. Aber statt ihn fliegen zu lassen, haben sie ihn präpariert! Dabei wollte ich doch, dass er fliegt.» Ganz losgelassen hat ihn das bis heute nicht. Doch damals habe man noch nicht viel über die Falter gewusst – man sei wohl davon ausgegangen, dass sie in unseren Wintern wegen der Kälte eingehen. Erst Jahre später habe man herausgefunden, dass sie im Frühling über die Alpen zu uns fliegen – und im Herbst übers Rhonetal und Mittelmeer wieder zurück. «In nur einer Nacht schaffen sie es übers Meer nach Afrika – mit einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern.» Mit dem Fund der Raupe auf dem Acker begann für Fritz und Elisabeth Anliker die Schmetterlingszucht. Auch ihr Sohn half begeistert mit. Zu Beginn fragten sie jeweils Walter Berger: Welche Art sie gefunden hatten, was sie frass und wie man sie richtig hielt. Doch nach und nach besorgten sie sich eigene Fachliteratur und arbeiteten sich tief ins Thema ein. «Anfangs hielten wir die Raupen in Sterilisiergläsern», erzählt Fritz Anliker. «Da musste man aber aufpassen, dass es nicht zu viele waren – sonst begannen sie, sich zu zanken, und einige gingen ein.» Als er merkte, dass die Tiere mehr Platz brauchten, baute er eigene Kästen aus Styropor, mit einem Fliegengitter oben drauf. Später kamen Terrarien mit feinmaschigen Netzen auf – wie sie sie noch heute nutzen. Im Laufe ihrer Arbeit mit den Faltern wurde ihnen klar: Schmetterlinge sind bedroht. Und wenn man nichts unternimmt, verschwinden sie langsam. Mit grossen Folgen für das Ökosystem. «Schmetterlinge bestäuben Blüten, an die Bienen gar nicht hinkommen. Das wissen viele gar nicht», sagt Elisabeth Anliker.

Auf neuer Mission 
«Wir haben gemerkt, wie wichtig dieses Wissen ist – und dass es unter die Leute muss», erzählt Fritz Anliker. Deshalb begann er, Schmetterlinge zu fotografieren und zu dokumentieren. Nach einigen Jahren hatte er genügend Material für seinen ersten Vortrag. «So begann ich, in Schulen und Vereinen über die Wichtigkeit der Schmetterlinge zu erzählen.» Mit der Zeit wurden Fritz und Elisabeth Anliker in der Region als Schmetterlingskundige bekannt. «Immer mehr Leute kamen mit Fragen oder Raupen zu uns. Und wir freuten uns, helfen zu können», so Fritz Anliker.  An zwei Begegnungen erinnern sich die beiden besonders. Eine Rohr­bacherin erzählte uns einmal, sie habe eine Raupe zerstampft, weil sie nicht wusste, was es war. «Es war ein Schwalbenschwanz – unser Lieblingsfalter. Das war für uns ein Stich ins Herz», erzählt Elisabeth Anliker. «Dann zeigten wir ihr ein Bild davon. Von da an brachte sie uns jede Raupe, die ihr begegnete.» Unvergessen blieb auch der Anruf eines Gärtners: Eines Abends um 21.30 Uhr rief er an – beim Heckenschneiden hatte er eine riesige Raupe entdeckt. «Schon bei der Beschreibung wusste ich: Das muss ein Totenkopfschwärmer sein», erinnert sich Fritz Anliker. Der Mann fuhr noch am selben Abend vorbei. «Solche Momente gaben Energie – selbst wenn man am nächsten Morgen früh raus musste.»

Kritik, Zweifel, Durchhaltewille
Doch es gab auch Gegenwind. «Von manchen hiess es: Der mit seinen Raupen – der sollte sich lieber etwas Gescheiterem widmen.» Solche Kritik liess ihn nicht kalt. Auch ein Kommentar auf einem Feld traf ihn hart: «So etwas Dummes musst du doch nicht auch noch züchten», habe ein Bauer gesagt, als er Breitwegerich für den Distelfalter suchte. «Ich wurde stinksauer.» Mehr als einmal habe er alles hinschmeissen wollen. Doch am Ende war die Liebe zu den Schmetterlingen stärker. «Es ist ein aufwändiges Hobby – aber ein wunderschönes. Es hat mir grosse Befriedigung gegeben und war ein guter Ausgleich zu meiner Arbeit als Lokführer.» Zwei bis drei Stunden pro Tag widmete sich Fritz Anliker seinen Insekten, er musste misten, füttern, reinigen, sammeln, beobachten, fliegen lassen. Elisabeth unterstützte ihn dabei und schaute zu den Tieren, wenn er auf der Arbeit war. Herausfordernd war oft das Thema Futter: Wenn Fritz und Elisabeth Anliker neue Raupen fanden, wussten sie oft nicht, was diese fressen. «Jede Art hat ihre eigenen Vorlieben. Und wenn wir es mal herausgefunden hatten, stellte sich die nächste Frage: Woher kriegen wir das?», so Elisabeth Anliker. In den besten Zeiten hatten die Anlikers fünf bis sechs Netze mit den unterschiedlichsten Arten gleichzeitig. «Durchschnittlich haben wir jeweils jährlich über 2000 Schmetterlinge überwintert und fliegen lassen – davon allein 900 Schwalbenschwänze. » Heute sind es gerade mal noch 40 Exemplare dieses Falters.  

Rückgang und Ursachen
In den über 50 Jahren, in denen sich die Anlikers für Schmetterlinge einsetzen, habe sich viel verändert – leider nicht zum Guten. «Es hat weniger Schmetterlinge – und auch weniger verschiedene Arten. Das mitanzusehen, tut weh», sagt Fritz Anliker. Die Ursachen seien vielfältig. Ein Problem sei die intensive Bewirtschaftung von Kulturland. «Vom Ei bis zum Falter dauert es acht bis zehn Wochen. So lange steht das Gras auf den Wiesen heute kaum mehr.» Auch der Einsatz von Pestiziden spiele eine Rolle, ebenso die Versiegelung von Lebensräumen. Ein weiteres Thema, das Fritz Anliker beschäftigt, ist der Einfluss von Mobilfunk-Antennen. «Schmetterlinge sind extrem sensibel – ich denke, sie spüren das», sagt er. Wissenschaftlich ist dieser Zusammenhang aber nicht belegt – doch Fritz Anliker verweist auf eine persönliche Erfahrung. Als in Rohrbach eine Antenne geplant war, versuchte er – auf Tipp eines anderen Schmetterlingskundlers hin – das Projekt zu stoppen. Doch ohne Erfolg. «Kurz nach der Inbetriebnahme verschwanden bei uns rund 30 Prozent der Falter. Für mich war das kein Zufall.»

Blick nach vorn
Für die Zukunft wünschen sich Fritz und Elisabeth Anliker, dass ihr Anliegen weiterlebt. Nicht nur in Büchern und Bildern – sondern draussen, auf Wiesen und in den Köpfen der Menschen. «Es wäre schön, wenn sich mehr junge Leute für die Schmetterlinge interessieren würden», sagt er nachdenklich.«Ich habe das Gefühl, das Interesse ist nicht mehr da. Aber es braucht Menschen, die sich für ihren Schutz einsetzen – denn Schmetterlinge können sich nicht selbst schützen. Ohne uns verschwinden sie. Und das wäre sehr schade», so Fritz Anliker. Dabei gehe es nicht nur um schöne Flügel oder seltene Raupen, sondern um das grössere Ganze, so Elisabeth Anliker. «Wenn die Schmetterlinge verschwinden, geraten ganze Nahrungsketten ins Wanken – Pflanzen, die auf sie angewiesen sind, sterben aus, und auch andere Tiere verlieren ihre Lebensgrundlage. Man muss zu ihnen Sorge tragen, bevor es zu spät ist.» Dass ihre Arbeit nicht unbemerkt geblieben ist, zeigt eine kleine Geste, die ihnen viel bedeutet hat: Vor Kurzem ehrte die Gemeinde Rohrbach Elisabeth und Fritz Anliker an der Versammlung für ihr jahrzehntelanges Engagement. «Es tat gut, zu spüren, dass unser Einsatz geschätzt wird», sagt Fritz Anliker. «Aber wir haben das nie für die Anerkennung gemacht. Wenn wir heute Schmetterlinge über eine Wiese flattern sehen, ist das für uns Dank genug. Denn es zeigt uns: Unser Tun war nicht umsonst.»

Gabriela Graber