Martin Niggli hat ein ungewöhnliches Hobby. Er sammelt auf seinen Jogging-Touren Abfall und postet dies in den sozialen Medien, in der Hoffnung, etwas zu bewegen. · Bilder: Leroy Ryser
Ein Hobby zwischen Freude und Frust
Martin Niggli hat aus seinem Ärger ein Hobby gemacht: Während er joggen geht, sammelt er auf seinen Touren Abfall. Egal ob in Wäldern oder auf Strassen – zu finden gibt es genug. Seine Sammelaktionen postet er ab und zu auf Facebook oder WhatsApp und hofft, damit etwas zu bewegen. Insgeheim weiss er aber: Sein Hobby dürfte nachhaltig Bestand haben.
An diesem Sonntagnachmittag macht Martin Niggli für den «Unter-Emmentaler» einen kurzen Zwischenhalt auf seiner Jogging-Tour. Der Sack, den er mitschleppt, ist gut gefüllt, bevor er ihn auf dem Boden ausbreitet. Enthalten ist Abfall. Viel und unterschiedlich. Dosen, Plastikpapierchen, Strohhalme – alles Mögliche ist dabei. Das Foto, welches entsteht, ist der Beweis für seine heutige Arbeit. «Gerade an Hauptstrassen finde ich immer sehr viel Abfall», sagt der 44-Jährige. Das wisse er schon im Voraus, weshalb er sich zu Hause entsprechend vorbereitet. «Je nachdem, wo ich joggen gehe, nehme ich ein paar kleine Plastiksäckchen mit oder gleich den 20-Liter-Sack.» Zweiteren hat er heute gut gefüllt.
Er kennt Langenthals Abfalleimer
Seit etwa 2018 ist Martin Niggli mit diesem ungewöhnlichen Hobby unterwegs. Plogging nennt es sich und wurde 2016 in Stockholm, Schweden, ins Leben gerufen. Dieser «Fitnesstrend» stärkt nicht nur die Gesundheit, sondern hilft auch der Umwelt, weshalb er in verschiedenen Bevölkerungsgruppen Anklang findet. «Dass es einen Namen hat, habe ich irgendwann erfahren, aber zu Beginn wusste ich davon nichts», erinnert sich Martin Niggli. Als er damals begann, sei das irgendwie laufend entstanden. «Ich war oft Wandern und der Abfall hat mich extrem gestört. Ich habs einfach gerne sauber und das fand ich schlimm. Deshalb habe ich alles Mögliche eingesammelt und in meinem Rucksack verstaut», erzählt er. Irgendwann habe er dann die Idee entwickelt, während des Joggens Gleiches zu tun. Da stellt sich dann nur die Herausforderung des Transports. «Zu viel mittragen ist beim Joggen nicht so praktisch. Deshalb wähle ich oft auch Routen, die an Abfalleimern vorbeiführen. Heute kenne ich fast alle Abfalleimer in Langenthal», lacht er. Längst wisse er, welche Routen viel «Ertrag» bringen und welche weniger, auch erkenne er äussere Einflüsse ziemlich gut. «Nach einem warmen Wochenende findet man viel mehr Abfall. Menschen sind dann gerne draussen und lassen ihr Zeug noch öfter fallen als sonst», sagt Martin Niggli. Auch deshalb geht er im Sommer gut und gerne zweimal pro Woche, während er im Winter auch aus wettertechnischen Gründen weniger oft joggt und sammelt.
Auf Handschuhe verzichtet er
Dass der Abfall seinen Rhythmus beim Joggen bricht, stört ihn indes schon länger nicht mehr. «Bei den ersten Touren gab es durchaus ab und zu den Moment, in dem ich dachte: «Ach nicht schon wieder bücken.» Aber mit der Zeit war die Suche nach Abfall auch ein Ansporn.» So sei er manchmal fast enttäuscht gewesen, wenn er nicht so viel gefunden hatte. Mittlerweile wäre ihm das aber lieber. «Ich frage mich mittlerweile oft, wo das Problem bei den Menschen liegt. Und wer so etwas tut. Denn eigentlich wissen wir alle, dass man es nicht tun sollte», sagt er. Dementsprechend trage sein Hobby auch etwas Frustrierendes mit sich, weil er selbst keine Besserung erkennen kann. «Ich glaube schon, dass es sauberer ist, weil ich etwas beitragen kann. Aber trotzdem finde ich jedes Mal, wenn ich gehe, genügend, um meine Abfallsäcke zu füllen.» Da kommen dann gut und gerne auf einer Tour 20 Liter zusammen, vor allem wenn diese an einer Hauptstrasse vorbeiführt. Handschuhe trägt Martin Niggli übrigens keine; Ekel verspürt er nur in seltenen Fällen. «Ich schaue einfach, dass ich mir danach nicht ins Gesicht fasse – und wenns eklig aussieht, habe ich ja die Möglichkeit, den Abfall mit dem Plastiksack zu greifen», sagt der gelernte Schreiner. Das Schlimmste, das er je gefunden hatte, seien dreckige Unterhosen gewesen. So viel Pech habe er aber nur selten. Dafür gibt es immer wieder glückliche Momente: «Ab und zu danken mir Menschen, die sehen, was ich tue», verrät er. Das freue ihn – ab und zu hält er dann auch für einen Schwatz an. Zum Mitmachen kann er aber nur die wenigsten bewegen. «Die Antwort ist zumeist dieselbe: «Es ist nicht mein Müll.» Aber meiner ist es auch nicht und trotzdem finde ich, dass ich etwas dagegen tun möchte.» Ein paar Nachahmer hat Martin Niggli dennoch gefunden. In seiner Freizeit engagiert er sich im Funktionärsteam des SC Langenthal und dort hat er von Kollegen auch schon Fotos erhalten, auf denen diese bei Spaziergängen mit ihren Hunden Abfall gesammelt haben.
Wenig Unterstützung aus der Politik
Martin Niggli ist sich bewusst: Die Arbeit wird ihm wahrscheinlich weder kurz- noch langfristig ausgehen. Diesen Schluss zieht er auch, weil er aus der Politik keine Unterstützung für sein Problem spürt. «In Deutschland haben Dosen ein Pfand», nennt er eine Idee, die helfen könnte. «Das Sammeln dieser Dosen ist bei Obdachlosen beliebt, deshalb liegt immerhin nur noch Plastikmüll rum», weiss er von einem kürzlichen Besuch mit Freunden in Hamburg. «Vielleicht wäre es aber auch möglich, Unternehmen wie Tankstellenshops oder Fastfood-Ketten verstärkt in die Pflicht zu nehmen. Vielleicht so, dass sie in einem Perimeter klare Reinigungsaufgaben tragen oder mitfinanzieren müssen», sagt der Langenthaler. Möglichkeiten wären da, findet er – von nahenden Veränderungen auf politischer Ebene habe er aber keine Kenntnis. Und solange sich nichts ändert, wird Martin Niggli seinen Ärger weiterhin zum Hobby machen. «Ich sage gerne, dass wir eine Gesellschaft sind, in der man einander helfen sollte. Und mit meinen Aktionen helfe ich dann halt jenen, die weniger Hirn haben», führt er auch ein wenig verärgert aus. Also bleibe er dran und helfe weiter. Sein Hobby könne er schliesslich auch geniessen: Der «Ertrag» symbolisiert immerhin auch seinen Beitrag für ein sauberes Langenthal. Wenn er sich irgendwann aber ein anderes Hobby suchen müsste, weil «Littering» kein Problem mehr ist, wäre er kaum böse. Denn letztlich ist klar: Am liebsten würde er auch ohne sein Zutun eine abfallfreie Laufstrecke antreffen.
Von Leroy Ryser