• Thomas Schenk in der Antarktis. Im Hintergrund die deutsche Forschungsstation Neumayer III. Neben eisigen Temperaturen bietet die Antarktis aber auch atemberaubende Momente in der Natur. · Bilder: Thomas Schenk

16.01.2026
Oberaargau

Ein Jahr in der Antarktis

Kurz vor Weihnachten kehrte der Madiswiler Thomas Schenk zurück aus der Antarktis. Er verbrachte über ein Jahr auf der deutschen Forschungsstation Neumayer III – fernab von Familie, Freunden und festem Boden. Als technischer Leiter sorgte er dafür, dass die Station rund läuft, von Blockheizkraft­werken bis zu Pistenbullys, und erlebte die extreme Natur des Südkontinents hautnah. Für ihn waren Isolation, eisige Temperaturen und Mitternachtssonne zugleich Herausforderung und Abenteuer.

Madiswil · Wenn draussen der Sturm tobt und die Temperatur auf minus 40 Grad sinkt, steht Thomas Schenk irgendwo zwischen Heizaggregaten und Fahrzeugen, bereit, einen Defekt zu beheben. «Man weiss nie, was der Tag bringt», sagt der 32-Jährige aus Madiswil. «Oft läuft alles ruhig, dann plötzlich mitten in der Nacht ein Alarm – und man steht im Pyjama und Badeschlappen da, um eine geborstene Leitung zu flicken.» So klingt der Alltag am kältesten und einsamsten Arbeitsplatz der Welt: der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Die Station befindet sich auf dem etwa 200 Meter dicken Ekström-Schelfeis.

Techniker, Tüftler, Teamplayer
Seit November 2024 lebte Thomas Schenk als Stationsingenieur auf der deutschen Polarstation. Er war verantwortlich für die gesamte Technik: Blockheizkraftwerke, Hydraulik, Fahrzeuge, Metallbearbeitung. Gemeinsam mit einer Elektroingenieurin und einem IT-Spezialisten hielt er das Leben auf der Station am Laufen – von der Stromversorgung bis zur verstopften Wasserleitung. «Wir reparieren alles – notfalls mit einer Gabel und etwas Klebeband», sagt er schmunzelnd. Zusätzlich trug Schenk als technischer Leiter und stellvertretender Stationsleiter auch administrative Verantwortung. Die Aufgaben sind vielfältig, die Anforderungen hoch. «Material und Maschinen leiden unter den extremen Temperaturschwankungen. Kunststoff wird spröde, Stahl bekommt Probleme. Da braucht es Einfallsreichtum und schnelle Auffassungsgabe.»

Von Madiswil in die Antarktis
Aufgewachsen ist Thomas Schenk in Madiswil. Nach der Lehre als Baumaschinenmechaniker in Langenthal absolvierte er ein Maschinenbaustudium und arbeitete unter anderem bei Marti Tunnelbau. Immer wieder zog es ihn ins Ausland: nach Norwegen in den Tunnelbau, auf dem Velo von Marokko nach Gambia. «Ich habe mich eher aus Jux und Abenteuerlust beworben», erzählt er über den Schritt in die Antarktis. «Beim Vorstellungsgespräch hatte ich gar kein gutes Gefühl – doch erhielt ich daraufhin trotzdem einen positiven Bescheid.» Bevor es losging, verbrachte er mit dem Überwinterungsteam vier Monate in Bremerhaven zur Vorbereitung. Es gab Feuerwehrkurse, technische Schulungen und psychologische Trainings. «Das war wichtig, denn hier unten ist man völlig aufeinander angewiesen. Wenn etwas passiert, muss jeder wissen, was zu tun ist.» Zum Glück habe er ein tolles Team erwischt.

Leben in der Isolation
Von Mitte Februar bis Mitte Oktober ist die Neumayer-Station komplett von der Aussenwelt abgeschnitten – kein Schiff, kein Flugzeug kann sie erreichen. Im antarktischen Winter bleiben neun Personen zurück: drei Techniker, vier Wissenschaftler, eine Ärztin und ein Koch. «Manchmal fühlte ich mich wie in einer Zeitkapsel oder in einer Schneekugel», sagt Schenk. «Wochentage verlieren ihre Bedeutung, und draussen herrscht eine absolute Stille, wie man sie sonst nirgends erlebt.» Die Kälte, Dunkelheit und Isolation hinterlassen Spuren. Beziehungen verändern sich, Heimweh kommt auf. «Fünf aus dem Team waren in einer Beziehung, inzwischen sind es nur noch zwei. Solche Veränderungen muss man als Team auffangen.» Auch Todesfälle in der Familie können in dieser Zeit passieren. Schenk betont, wie wichtig gegenseitige Unterstützung ist. «Man muss funktionieren, auch wenn es persönlich schwierig ist.»

Wenn die Sonne nie untergeht
Im antarktischen Sommer dagegen herrscht Hochbetrieb – die Forschungsstation ist wieder erreichbar. Im November kehrten über 50 Wissen-schaftlerinnen und Wissenschaftler zurück, um das Klima, das Eis, die Atmosphäre und die Tierwelt zu erforschen. Schenk und sein Team sorgen dafür, dass Strom, Wasser und Fahrzeuge laufen. «Nun wird es schon fast unangenehm hell», sagt er über die Mitternachtssonne, wenn die Sonne nahezu 24 Stunden am Himmel steht. Da erinnere ihn das Leben in der Station sogar an die Schweiz: «Im Sommer braucht man hier Sonnenschutz und es fühlt sich manchmal an wie in einer Berghütte.»

Wie ein Astronaut auf dem Mond
Trotz der langen Arbeitstage bleibt die Faszination für den Ort ungebrochen. «Dieser Ort verzauberte mich. Auch wenn ich mich manchmal wie in einer Schneekugel fühlte – ich war dort glücklich.» In der Dunkelheit des Winters wiederum fühlte er sich «wie ein Astronaut auf dem Mond», wenn er draussen mit dem Pistenbully unterwegs war und nur ein feiner Lichtschein am Horizont zu sehen war. Er schwärmt von den Polarlichtern und der Dämmerung in allen möglichen Farbtönen. Das Leben auf der Station ist spartanisch. Sein Zimmer war klein wie eine Schiffskajüte – zwei Betten, im Winter für ihn allein, im Sommer geteilt. Rechtlich gilt die Station als Schiff, betrieben von einer deutschen Reederei. «Das hat sogar Auswirkungen auf die Bürokratie», lacht Schenk. «Ich konnte mich in der Schweiz nicht abmelden, weil es in der Antarktis keine Adresse gibt.» Doch auch in der Eiswüste gibt es Momente der Geselligkeit. «An meinem Geburtstag am 3. Februar hatten wir mit der Forschungsgruppe der EPFL Lausanne ein Fondue-Raclette zubereitet», erzählt er. «Und in der kleinen Gruppe der Überwinterer wiederholten wir dies zum 1. August. Solche kleinen Feste bringen ein Stück Heimat hierher.»

Rückkehr nach Madiswil
Mitte Dezember ist Thomas Schenk nach über einem Jahr am Südpol zurückgekehrt – rechtzeitig zu Weihnachten. Zuerst hat er einige Wochen auf dem Madiswiler Bauernhof «Bio-Gut» seines Bruders Simon verbracht, danach möchte er über seine berufliche Zukunft nachdenken. «Vielleicht zieht es mich wieder zu Marti Tunnelbau, vielleicht wage ich nochmals ein Abenteuer. Aber zuerst will ich einfach ankommen und alles sacken lassen.» Seine Liste der Dinge, auf die er sich freut, ist lang: «Im T-Shirt und in kurzen Hosen draussen sein, barfuss über den Rasen laufen, den Boden unter den Füssen spüren, das Zirpen der Grillen hören. Ich sehne mich nach Regen, nach einem richtigen Sommergewitter, nach dem Geruch der Erde.» Auch das Alltägliche fehlt ihm: «Kinderlachen, Waldgeräusche, das Rascheln der Blätter – all das gibt es dort nicht.»

Madiswil bleibt der Anker
Obwohl er sich selbst als «Vagabund» bezeichnet, hat Madiswil für ihn einen festen Platz. «Hier bin ich aufgewachsen, hier lebt meine Familie. Madiswil bedeutet für mich Heimat – ein Anker, auch wenn ich sonst gerne frei bin.» Seine Eltern, Ingrid und Karl Schenk, leben noch immer im Dorf, ein Teil seines Freundeskreises ebenso. Wenn er von seiner Heimat spricht, klingt ein Stück Stolz mit. «Ich fühle mich wohl in Madiswil. Es ist mein Rückzugsort. Ich freue mich darauf, unangemeldet bei den Eltern vorbeizuschauen, einfach an der Tür zu klingeln und Hallo zu sagen.» Noch weiss er nicht, wie es nach seiner Rückkehr weitergeht. «Ich war zu eingespannt, und wichtig war mir zuerst eine gute Übergabe an das nächste Team. Das stand im Zentrum. Erst jetzt fokussiere ich mich richtig auf den nächsten Abschnitt.» Möglichkeiten gibt es viele – vielleicht ein weiterer Einsatz in einer anderen Polarstation, vielleicht wieder ein technisches Projekt in der Schweiz. Eines ist aber sicher: Das Jahr am Ende der Welt hat ihn verändert. «Abgekapselt zu sein von allem, was einem lieb ist, war nicht einfach. Aber ich nehme das als Chance, mich neu auszurichten – abseits von Ablenkungen und Einflüssen. Dieser Ort verändert einen. Und er zeigt, wie wenig es manchmal braucht, um glücklich zu sein.» Unterdessen hat Thomas Schenk wieder festen Boden unter den Füssen – nicht Eis, sondern Erde. Doch das besondere Licht und die Erlebnisse in der Antarktis, das Gefühl von Weite, Stille und Gemeinschaft, werden ihn wohl ein Leben lang begleiten.

Die Antarktis und Neumayer III
Die Antarktis ist mit rund 14 Millionen Quadratkilometern grösser als Europa oder Australien. Fast der gesamte Kontinent ist von durchschnittlich 2000 Metern dickem Eis bedeckt. Würde es vollständig schmelzen, stiege der Meeresspiegel um rund 60 Meter. Im Sommer leben etwa 5000 Menschen auf Dutzenden Stationen, im Winter nur rund 1000. Die deutsche Forschungsstation Neumayer III steht auf dem Ekström-Schelfeis nahe der Küste des Weddell-Meeres. Sie ruht auf 16 hydraulischen Stelzen und kann regelmässig angehoben werden, um nicht im Schnee zu versinken. Im Sommer leben dort rund 50–60 Personen, im Winter nur neun, die über Monate völlig von der Aussenwelt abgeschnitten sind. Dann friert das Meer, und Flüge oder Schiffe sind unmöglich. Die Station ist während neun Monaten physisch unerreichbar. Legt das letzte Schiff ab und startet der letzte Flieger, ist das 
verbleibende Team ab März auf sich selbst gestellt. Das Meerwasser gefriert ein und die Wetterbedingungen lassen kein Flugzeug mehr landen. Die Station wird für Klima-, Wetter-, Meeres- und Polarforschung genutzt. Seit kurzem gibt es über Starlink stabile Internetverbindungen. Rechtlich gilt der Kontinent als Niemandsland: Militärische oder industrielle Nutzung ist verboten, der Antarktis-Vertrag von 1959 legt fest, dass die Antarktis ausschliesslich wissenschaftlich genutzt werden darf.

Von Patrick Bachmann