Die Eriswilerin Mirjam Zehnder im Element: Sie wirkt sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen des Volleyballvereins Lund in der höchsten schwedischen Liga als Scoutin. · Bilder: zvg
Ein Leben im Zeichen des Volleyballs
Als sie als 15-Jährige dem Regio Volleyteam beitrat, hätte sich Mirjam Zehnder nie erträumen lassen, dass die Ballsportart eines Tages ihren Alltag bestimmen würde. Heute lebt die Heimat-Eriswilerin in Schweden und arbeitet für den Schwedischen Volleyballverband.
Mirjam Zehnder, Volleyballspielerin und Scoutin aus Eriswil · «Ich bin in meinem Leben einfach dem Bauchgefühl gefolgt. Das hat mich immer auf gute Wege geführt», erzählt Mirjam Zehnder. Ihre Intuition brachte die 35-Jährige weit umher: Nach Bern und Zürich, nach Äthiopien und zuletzt nach Schweden, wo sie bereits seit sieben Jahren wohnt und ein abwechslungsreiches Leben mit vielen Projekten rund um das Volleyball lebt. Angefangen hat aber alles in Eriswil.
Ein alles prägender Unfall
Zehnder ist als älteste von drei Geschwistern in einem Bauernhaus aufgewachsen. Mit sechseinhalb Jahren hatte sie ein Erlebnis, das sie für den Rest ihres Lebens prägen würde. Ihr Arm geriet in eine Maschine und wurde schwer verletzt. Es folgten viele Spitalaufenthalte und Operationen – insgesamt sollten es rund 15 werden. «Die intensivste Phase waren die ersten zwei Jahre, gleich beim Schulanfang.» Lesen und Schreiben habe sie deshalb im Spital gelernt. Der Unfall habe sie gezwungen, schon früh selbstständig zu werden. «Ich wollte allen immer beweisen, dass ich trotz meiner verletzten Hand alles selber machen kann.» Doch sie war im Alltag eingeschränkt. «Im Turnen konnte ich vieles nicht mitmachen, da ich keine Kraft in der Hand hatte oder wegen OPs die Hand schonen musste.» Trotzdem begann sie in der 6. Klasse mit Volleyball – zuerst in der Schule, und bald darauf in der Juniorinnenequipe des frisch gegründeten Vereins Regio Volleyteam. «Das Spiel hat mich einfach von Anfang an sehr gepackt. Gewisse Ärzte hatten da schon ihre Bedenken, aber meine Hauptärzte liessen mich machen.» Ihre Hand zwang sie immer wieder, Spielpausen einzulegen, um sie zu schonen. «Ich musste dann immer zuerst wieder das Vertrauen in meine Hand zurückgewinnen», erzählt Zehnder.
Ein Auslandseinsatz, der Spuren hinterlässt
Nach dem Gymnasium lockte sie erstmals die Ferne. Im Internet stiess sie auf ein Journalismuspraktikum in Äthiopien – und meldete sich kurzerhand für einen dreimonatigen Einsatz an. «Als ich in Addis Abeba landete, war es mitten in der Nacht. Ich wurde von einem alten VW-Käfer abgeholt, in dem mein Koffer kaum Platz hatte. Wir sind durch komplett leere, pechschwarze Strassen gefahren und haben versucht, den vielen Löchern auszuweichen», erinnert sich Zehnder. Der Kontrast zur Schweiz sei riesig gewesen. «Gerade die allgegenwärtige Armut war für mich zu Beginn ein Schock. Alles war sehr einfach. Es dauerte eine Weile, bis ich mich zurechtfand.» Der Aufenthalt erfüllte sie mit Dankbarkeit für ihr Heimatland. «Ich habe aber auch erkannt, dass in Äthiopien die Dinge auf ihre eigene Art funktionieren. Und manchmal ist es schön, wenn Strom und Internet fehlen: Die Zeit vergeht langsamer, und das tut gut», erzählt sie. Während ihres Aufenthalts schrieb sie für eine lokale Zeitung – und alle zwei Wochen auch einen Reisebericht für den «Unter-Emmentaler». «In dieser Zeit eröffnete sich mir ein neues, internationales Leben. Ich habe Leute aus aller Welt kennengelernt – mit einigen davon bin ich noch heute in Kontakt.»
Von der Uni ins Radiostudio
Zurück in der Schweiz ging es an die Universität Bern. Zehnder wählte ein Studium in Germanistik und Politikwissenschaften mit der Absicht, danach in den Medien zu arbeiten. Volleyball spielte sie in einem der Frauenteams des Regio Volleyteams, das in der dritten Liga, damals im Regionalverband Solothurn, spielte. Nach Abschluss des Bachelorstudiums begann sie ein Praktikum bei Radio Energy in Zürich als Musikredaktorin. «Es war ein spannender Job. Wir planten das Musikprogramm der Energy-Sender, organisierten grosse Events und interviewten berühmte Musiker wie Marc Sway oder David Guetta.» Auch während dieser Zeit blieb sie dem Volleyball treu – und zwar im TV Dübendorf in der Nähe von Zürich. Im Sommer 2017 besuchte sie im schwedischen Lund einen Freund aus Äthiopien-Tagen. «Es regnete, alles war grau – die Stadt machte keinen guten Eindruck auf mich», erinnert sich Zehnder. Als der Freund ihr dort ein Masterstudium vorschlug, winkte sie zunächst ab. Zurück in der Schweiz merkte sie jedoch: Nach vier Jahren bei Radio Energy war es Zeit für etwas Neues. Kurz vor Ablauf der Frist bewarb sie sich – und ergatterte einen der 60 Studienplätze unter 500 Bewerbungen.
Ein neuer Anfang in Lund
Auch in Schweden zog es sie wieder in die Halle – zu Lunds «Volleybollklubb» (LVK), dem grössten Verein des Landes mit fast 1000 Mitgliedern. Dort spielte Zehnder in einem Freizeitteam, das zweimal pro Woche trainierte – meist mit internationalen Studierenden. 2019 suchte der Club Helferinnen für die Spielanalyse in der höchsten Liga (Elitserie), in der er mit je einem Frauen- und Männerteam vertreten ist. Zehnder liess sich zur Scoutin ausbilden. «Beim Scouting protokolliert man mit Codes den Spielablauf – Pässe, Angriffe, Blocks – mithilfe eines Computerprogramms, das weltweit in Spitzenligen verwendet wird. Das ist anspruchsvoll, man muss extrem schnell sein und viel üben», sagt sie. Seit vier Jahren ist Zehnder durch diese Aufgabe Teil der LVK-Männermannschaft in der schwedischen Elitserie und begleitet das Team bei Heim- und Auswärtsspielen. Den grössten Erfolg feierte sie mit «ihren Jungs» in der Saison 2023/24, als das Team sowohl im schwedischen Cup als auch in der Meisterschaft Bronze gewann. Über das Scouting und weitere Ämter im Club – etwa die Betreuung der Social-Media-Kanäle – knüpfte sie wertvolle Kontakte, die ihr den Weg zum Schwedischen Volleyballverband ebneten. Seit 2023 arbeitet Zehnder dort Teilzeit in der Kommunikation, und vergangenes Jahr war sie als Scoutin mit dem schwedischen U20-Frauenteam an der Europameisterschaft in Bulgarien mit dabei. «Bei mir lief vieles über Beziehungen», sagt sie rückblickend.
Volleyball – mehr als ein Hobby
Um ein Haar hätte Zehnder dieses Jahr sogar mit dem schwedischen Frauen-Nationalteam an die Weltmeisterschaft in Thailand reisen können, doch nach einem Trainerwechsel kam es nicht dazu. «Dann vielleicht beim nächsten Mal», sagt sie – etwa bei der EM-Gruppenphase, die nächstes Jahr in Göteborg stattfindet. Gefragt ist sie allemal: «In Schweden gibt es nur wenige, die mein Niveau im Scouting haben. Die Grundlagen sind schnell gelernt – aber um wirklich gut zu werden, braucht es hunderte Stunden Übung. Und die habe ich mittlerweile. Das Niveau in der schwedischen Elitserie ist ziemlich ähnlich wie in der Nationalliga A in der Schweiz», sagt Zehnder. Das sah man zuletzt in einem direkten Vergleich im August 2025, als die Schweiz in Winterthur im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel der Männer auf Schweden traf. Die Schweiz gewann knapp mit 3:2. «Das war für mich speziell, denn ich kenne die meisten in der schwedischen Mannschaft, und sogar ein Spieler aus unserem Club stand in der Startaufstellung. Trotzdem wollte ich natürlich, dass die Schweiz erfolgreich ist.» Am Schluss haben sich beide Teams, dank der Resultate in den anderen Matches, für die EM im nächsten Sommer qualifiziert. Auch ausserhalb der Halle prägt der Sport ihr Leben: gemeinsame Barbecues mit dem Team, Weltmeisterschaften schauen oder gemeinsame Abende im Ausgang. «Volleyball ist mittlerweile allgegenwärtig in meinem Leben.»
Offen für das, was kommt
Zehnder selber trainiert im Moment nicht – vor eineinhalb Jahren riss sie sich das Kreuzband. «Volleyball zu spielen, ist definitiv nicht gesund», schmunzelt sie. Ob sie je wieder regelmässig auf dem Feld stehen wird, lässt sie im Moment offen – auch wegen ihrer Hand. «Vielleicht sollte ich es dann auch mal gut sein lassen. Das Schöne ist, dass ich trotzdem intensiv dabei bin.» Was die Zukunft für Zehnder bringt, stehe noch in den Sternen. «Solange mir wohl ist und ich mich weiterentwickeln kann, bleibe ich hier. Und solange ich nicht den Drang habe, zurück in die Schweiz zu gehen, mache ich es nicht.» Vielleicht führt sie ihr Weg auch einmal zu einem Volleyball-Team in einem anderen Land – Gespräche dazu gab es bereits, auch wenn bisher nichts Konkretes draus wurde. Zehnder lässt das Leben auf sich zukommen, offen für das, was kommt. «Solange das Bauchgefühl stimmt, ist alles gut.» Und beim Regio Volleyteam, wo für Mirjam Zehnder alles seine Anfänge nahm, geht in diesen Tagen die neue Saison los.
Viele regionale Equipen
Die regionale Volleyballmeisterschaft 2025/26 läuft. Der Volleyball-Grossverein «Regio Volleyteam» ist im Regionalverband Bern-Solothurn mit sieben Teams vertreten. Das erste Frauenteam spielt in der 3. Liga Pro, wo nach dem 7. Rang in der letzten Spielzeit eine Mittelfeld-Klassierung das Ziel ist. Das Frauen-«Zwöi» spielt in der Gruppe 3 der 3. Liga und möchte einen Podestplatz erreichen. Es wird zu packenden Partien gegen das Frauenteam des TV Ursenbach kommen, das den Aufstieg aus der 4. Liga geschafft hat. Im dritten Frauenteam von Regio in der 4. Liga spielt die Rangierung eine sekundäre Rolle. Das «Drü» dient dazu, jungen Spielerinnen den Einstieg ins Erwachsenen-Volleyball zu ermöglichen. In einer anderen Gruppe der 4. Liga kommt es zu Duellen zwischen den Frauenteams des Sportvereins Wasen und des VBC Lützelflüh. Zu einem weiteren packenden Regionalduell wird es in der 5. Liga zwischen dem SV Dürrenroth und dem zweiten Frauenteam des VBC Lützelflüh kommen. Das erste von zwei Männerteams von Regio möchte in der 3. Liga den starken 2. Rang der Vorsaison bestätigen. Im «Zwöi» in der 4. Liga spielen vor allem Junioren mit. Beim Nachwuchs stellt das Regio Volleyteam in drei Juniorinnen-Altersklassen Teams (U23, U20 und U18). Der VBC Lützelflüh ist mit einem U23-Team vertreten. Gleich mit zwölf Equipen nimmt der VBC Langenthal am Meisterschaftsbetrieb teil. slh
Von Gabriela Graber