Hansjörg Luterbach begeistert sich gleichermassen für Geschichte wie für neue Technologien. · Bilder: Felix Ott
Ein Leben zwischen Lettern und Legenden
Nach 36 Jahren bei der Druckerei Schürch in Huttwil wird Hansjörg Luterbach pensioniert. Der 65-Jährige war nicht nur ein Allrounder im Betrieb, sondern auch das sprachliche Gewissen des Hauses – zuletzt als Korrektor. Doch sein Lebenslauf reicht weit über das Emmental hinaus: Luterbach ist auch Archäologe, Geschichtenerzähler und Abenteurer.
Wenn Hansjörg Luterbach zu erzählen beginnt, wird es nie langweilig. Mal berichtet er vom Druckereiwesen, mal von glühend heissem Wüstensand unter den Füssen – irgendwo in Ägypten. 36 Jahre lang war er der Allrounder in der Druckerei Schürch in Huttwil: als Reprofotograf, Druckformenhersteller, Buchdrucker, Offsetdrucker – und in den letzten elf Jahren als Korrektor mit scharfem Blick. Doch Luterbach ist mehr als ein Mann der Sprache: Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf, der weit über das Emmental hinausreicht. Nun wird der 65-Jährige pensioniert – Zeit für einen Blick zurück auf ein reiches Berufsleben, das weit mehr umfasst als Buchstaben auf Papier. Und auf einen Menschen, der nie aufgehört hat, genau hinzuschauen – ob beim Korrekturlesen oder beim Erkunden antiker Kulturen. Sätze wie «Da muss ich noch etwas ausholen» oder «Das passt vielleicht nicht ganz ins Gespräch» gehören zu Luterbachs Standardrepertoire. Sie zeugen von seinem Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen, Details hervorzuheben und dabei das grosse Ganze sichtbar zu machen. Dieses «grosse Ganze» hat er auch bei der Druckerei Schürch erlebt.
Die Medienbranche im digitalen Umbruch
Hansjörg Luterbach konnte den Wandel der Medienwelt aus nächster Nähe miterleben. Er sah, wie die Bleilettern aus dem Druckwesen verschwanden, wie digitale Maschinen Einzug hielten und wie Druckerzeugnisse in einer zunehmend digitalen Welt an Bedeutung verloren. «Ich mag interessante Sachen», sagt Luterbach. Der Wandel der Branche habe ihn stets fasziniert – neue Technologien, neue Prozesse, neue Perspektiven. «An meinem ersten Tag musste ich erst einmal die Kompetenzen festlegen», erinnert er sich an seinen Einstieg bei der Druckerei Schürch. Ein älterer Drucker sollte ihn einarbeiten – einer, der viel rauchte und gerne allein arbeitete. Dass Hansjörg Luterbach etwas auf dem Kasten hatte, musste er ihm zuerst beweisen. Mit der Zeit gestaltete er die Abteilung nach seinen Vorstellungen um. Luterbach bediente eine Vielzahl von Maschinen, wurde zum Allrounder und schliesslich zum Korrektor. Unzählige Seiten und Druckbögen gingen durch seine Hände. Schon zuvor war er in anderen Druckereien tätig gewesen. Bei seinem vorherigen Arbeitgeber kam es jedoch zu einer Meinungsverschiedenheit: Hansjörg Luterbach legte gerne alle seine Ferien zusammen, um ausgedehnte Reisen in den arabischen Raum oder nach Afrika zu unternehmen. Seine grosse Leidenschaft ist die Archäologie. Doch seinem damaligen Chef war diese Praxis ein Dorn im Auge. Als dieser ihm eröffnete, dass dies künftig nicht mehr möglich sei, entgegnete Luterbach trocken: «Möchten Sie die Kündigung schriftlich oder mündlich?» Kurz nach der Rückkehr von einer längeren Reise fand er ein Inserat der Druckerei Schürch. Die flexible Arbeitszeit und der faire Lohn überzeugten ihn. Am 15. August 1989 begann er seine neue Arbeit in Huttwil.
Flache Hierachien und familiäres Umfeld
«Wir haben es gut im Team der Druckerei Schürch», sagt Luterbach. Er sei stolz, dass die Druckerei bereits so lange bestehe. Insbesondere, dass der «Unter Emmentaler» bereits seit 150 Jahren besteht, mache ihn stolz. Diese Botschaft möchte er auch den jetzigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weitergeben: «Bewahrt diesen Stolz auf diese Vergangenheit.» Das Unternehmen sei stets innovativ geblieben. Trotzdem habe es die Traditionen bewahrt und gepflegt. Die Druckerei Schürch sei geprägt von flachen Hierarchien. Die Begegnung auf Augenhöhe habe Luterbach stets geschätzt. «Das sind lobenswerte Strukturen», sagt er. Und strenge Hierarchien habe es in den 150 Jahren nie gegeben. Es ist auch der Zusammenhalt, den Luterbach stets geschätzt hat. Für ihn sei es selbstverständlich, dass er auch nach der Pensionierung die Ferienvertretung für seinen Nachfolger übernehmen werde. «Das wurde hier schon immer so gelebt», sagt er. Das sei auch für ihn von Vorteil. So lerne er weiterhin die neuen Leute und die neuen Technologien kennen. Zudem liesse sich dadurch noch etwas dazuverdienen und sein Alltag erhalte noch etwas Struktur.
Wissen abseits der Geschichtsbücher
Die Archäologie blieb sein ständiger Begleiter. Luterbach führt das Archäologische Museum in Schötz, arbeitete für verschiedene archäologische Institute, bereiste die halbe Welt und lebte mehrere Jahre in Israel und Ägypten. Er organisierte Führungen, begegnete bedeutenden Archäologinnen und Archäologen des 20. Jahrhunderts. Einmal sei er von der polnischen Ägyptologin Jadwiga Lipinska zum Tee eingeladen worden. Sie wohnte damals in einem abgelegenen Nebental des berühmten Tals der Könige – dort, wo einst Howard Carter, der Entdecker vom Grab Tutenchamuns, lebte und wo die Legende vom Fluch der Pharaonen entstand. Auch das Frühmittelalter fasziniert Luterbach. In seiner Heimatgemeinde Schötz befinden sich zahlreiche Ausgrabungsstätten aus jener Zeit. Unter anderem wurde dort einer der ältesten bekannten Friedhöfe der Schweiz aus jener Zeit entdeckt. Aber auch die jüngere Geschichte lässt ihn nicht los: Einige Wochen vor Kriegsausbruch 2022 war er in der Ukraine. «Vor Ort wusste man schon damals, dass der Krieg vor der Türe steht», sagt er.
Auch andere Maschinen sorgen für Begeisterung
Mit der Zeit wurden seine Reisen kürzer – aber nicht weniger abenteuerlich. Der Drang, die Welt zu erkunden, ist geblieben. Nach seiner Pensionierung wird er im September nach Rumänien reisen – nicht wegen alter Steine, sondern wegen alter Technik: Dort findet ein internationaler Bügeleisen-Sammlerkongress statt. Denn Luterbach ist auch ein leidenschaftlicher Sammler und Experte für elektrische Bügeleisen aus der Schweiz. Danach steht womöglich eine weitere Reise nach Ägypten an. Da er dort mehrere Jahre lang Führungen geleitet hat, drängt nun seine Familie, das alles selbst einmal erleben zu dürfen. Diesen Wunsch wird er ihnen nun wohl erfüllen. Sicher ist: Hansjörg Luterbach wird sich auch in Zukunft mit Geschichte beschäftigen – sei es in Form von Ausgrabungen, Büchern oder Gesprächen. «Die Geschichte ist stets mit Menschen verbunden», sagt er. Und so wird auch die Geschichte der Druckerei Schürch untrennbar mit Hansjörg Luterbach verbunden bleiben.
Von Felix Ott