Der Pflegeberuf ist ein Beruf mit viel Wertschätzung, ist die 28-jährige Pflegefachfrau Jasmin Zbinden überzeugt. Auf dem Bild unterhält sie sich mit Lindenhof-Bewohnerin Anna Marie Hess. · Bild: Irmgard Bayard
«Ein Privileg, für Menschen da sein zu können»
Wenn von Pflegeberufen die Rede ist, hört man oft viel Negatives, Mängel werden hervorgehoben. Die schönen Seiten des Berufes gehen bei den Diskussionen oft unter. Am Beispiel des Alterszentrums Lindenhof erzählen Pflegende, Bewohnerinnen sowie Angehörige, was sie sich unter einer guten Pflege vorstellen und wie diese gelebt werden kann.
«In diesem Beruf erfährt man viel Wertschätzung», betont Jasmin Zbinden. Wenn sie von ihrer Tätigkeit berichtet, strahlt die 28-jährige Pflegefachfrau. Man sieht ihr an und spürt, wie viel ihr diese Arbeit bedeutet. «Ich habe schon früh beim Grosi auf dem Land erlebt, wie sich Leute untereinander unterstützen.» Etwa ab der siebten Klasse habe sie gewusst, dass sie einen Beruf mit Kontakt zu Menschen und zu deren Wohl wählen wolle. Ausschlaggebend sei auch ihre Arbeit im Altersheim in Eriswil gewesen. «Viele Menschen kannten sich untereinander, und dort habe ich grosse Wertschätzung von den Leuten erhalten, die wir betreut haben, und hatte selbst gute Vorbilder.» 2020 schloss sie ihre Ausbildung als Fachfrau Gesundheit ab und bildete sich anschiessend zur Spital- und Arztsekretärin und zur Pflegefachfrau HF aus.
«Positives geht manchmal vergessen»
Am 28. November 2021 stimmten Volk und Stände für die Pflegeinitiative, die eine hochwertige Pflege sichern soll. Die zuständige Kommission des Parlamentes hatte sie bereits abgeschwächt – zum Beispiel bei der maximalen Arbeitszeit pro Woche, bei flexiblen Arbeitszeiten und bei den Kompensationen. Dass nicht überall alles optimal läuft, weiss auch Jasmin Zbinden. «Aber das Positive geht dabei oft vergessen. Und dieses überwiegt für mich, sonst würde ich den Beruf nicht mehr mit so viel Freude und Engagement ausüben.» Doch was braucht es, um an diesem Beruf überhaupt Gefallen zu finden? «Man muss soziale Kontakte lieben, um eine Beziehung zu den Menschen aufbauen zu können», betont Jasmin Zbinden. Sie findet es ein Privileg, mit den Menschen im Altersheim älter zu werden. «Man wächst mit ihnen und den Angehörigen zusammen.» Sie findet es schade, dass der Pflegeberuf, gerade im Altersheim, oft mit Tee servieren und Hintern reinigen abgetan werde. Dies gehöre zwar auch dazu, sei jedoch ein ganz kleiner Teil. Jasmin Zbinden gibt zu, dass der Beruf ab und zu belastend sein könne, «aber auch sehr schön, zum Beispiel wenn man miterleben kann, wenn jemand aus dem Spital zu uns zurückkommt und bei uns wieder laufen lernt.» Das seien Meilensteine, die immer wieder vorkommen. «Oder wenn man einen Menschen bis zum letzten Atemzug begleiten kann und dessen Dankbarkeit spürt.»
«Ein gutes Team ist wichtig»
Im Lindenhof arbeitet sie seit fünf Jahren. «Wir haben ein extrem gutes Team und arbeiten dank einer flachen Hierarchie alle auf Augenhöhe.» Sie selbst ist stellvertretende Gruppenleiterin, Hygieneverantwortliche und Berufsbildnerin. «Kürzlich wurde der Lindenhof zertifiziert. Das war für uns alle eine Wertschätzung und Anerkennung für unsere Arbeit», freut sie sich. Einen grossen Anteil an der guten Zusammenarbeit im Team schreibt sie Saverio Stanca, Bereichsleiter Pflege, Betreuung und Aktivierung, zu, der für die Pflegenden immer ein offenes Ohr habe. Dieser wiederum betont, wie wichtig die Betriebskultur sei, damit sich die Angestellten darin wohl fühlen. Zum Thema Personalrekrutierung und Personalbindung sagt er: «Nach Möglichkeit müssen wir unter anderem flexibel auf die Wünsche der Mitarbeitenden eingehen, zum Beispiel wenn sie einen anderen Arbeitsrhythmus anstreben.» Ebenso wichtig sei es, das Personal nach seinen Fähigkeiten einzusetzen. Und: «Es ist nicht nur pflegend tätig, sondern hat eine wichtige Koordinationsfunktion zwischen Bewohnenden, Angehörigen, den Therapeuten und den Ärzten.»
Eine Umarmung ist schön
Die 88-jährige Liselotte Wyler wohnt seit längerem im Lindenhof. «Das ist wie im Hotel», schwärmt sie. Was nötig sei, werde gemacht, ohne dass sie sich eingeschränkt fühle. «Gut geschultes Personal ist sehr wichtig», findet sie. «Und Pflegende mit Gespür.» Aber auch ab und zu eine Berührung oder eine kurze Umarmung schätzt sie sehr. «Das gibt es hier alles.» Monika Lanz und Beatrice Geissbühler-Lanz wohnen wie ihre beiden Brüder auswärts, besuchen ihre Mutter Elsbeth Lanz (95) aber immer gerne. Sie lebt seit dessen Bau im Lichthof, dem Haus für Demenzpatientinnen und Demenzpatienten. «Individuelle Pflege ist ganz wichtig», betont Beatrice Geissbühler. «Für uns Angehörige ist es wichtig, dass wir Vertrauen ins Personal haben können und auf dem Laufenden gehalten werden.» Gute Teamarbeit, wie sie im Lichthof gegeben sei, findet Monika Lanz sehr wichtig. «Und dass auch der Humor nicht zu kurz kommt.» Beide Töchter wie auch ihre Brüder Walter und Hansjörg Lanz schätzen die gute Zusammenarbeit mit dem Personal. «Wir können uns darauf verlassen, dass alles klappt und wir stets zeitnah informiert werden», so die Geschwister.
«Kein Tag ist wie der andere»
Zurück zu den Pflegenden. Anna Wechsler hat mit 20 Jahren soeben ihre Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) abgeschlossen. Auf diesen Beruf ist sie in der fünften Klasse beim Zukunftstag gestossen. Sie fand es lässig, mit Menschen in Kontakt zu kommen. «Vor allem, dass man gerade hier im Altersheim mit Menschen eine Beziehung auf Augenhöhe pflegen kann», findet sie befriedigend. «Für mich ist die Arbeit hier kein Müssen, sondern ein Dürfen, das ich mit viel Freude angehe», sagt sie. Das liege nicht zuletzt an der Vielseitigkeit. «Kein Tag ist wie der andere.» Auch die Schichtarbeit findet sie nicht störend, im Gegenteil, die bringe Abwechslung in den Alltag. Sie schätzt auch die gute Zusammenarbeit im Haus, unter anderem mit der Aktivierung. «Gerade im Altersheim ist nicht nur die Pflege wichtig, sondern auch die Beziehung zu den Menschen, die hier ihren Lebensabend verbringen.» Wie Jasmin Zbinden findet auch Anna Wechsler es vorteilhaft, dass man sich breit weiterbilden kann.
Zunahme der Ausbildung zur Pflegefachfrau/zum Pflegefachmann HF
Und wie sehen die Schulen selbst die Zukunft der Pflegeberufe? Das Berner Bildungszentrum Pflege in Bern bildet Pflegefachpersonen HF aus. «Wir verzeichneten in den letzten Jahren keinen Rückgang der Studierendenzahlen», erklärt Geneviève Wüthrich, Leiterin Marketing und Kommunikation, auf Anfrage schriftlich. «Wir beobachten lediglich starke Schwankungen von Jahr zu Jahr, die zwischen 317 Studierenden (2023) und 450 (2026) liegen können. Das laufende Jahr bezeichnet sie als ein aussergewöhnliches, was die Rekrutierung von neuen Studierenden für den Studiengang Pflege HF betreffe. Die Ursachen der Schwankungen liessen sich nur schwer einzuschätzen. «Es ist erwähnenswert, dass zwischen 75 und 81 Prozent unserer Studierenden über eine Grundausbildung als Fachfrau beziehungsweise Fachmann Gesundheit EFZ (FaGe) verfügen.» «Wir tun unser Bestes, um die Ausbildung zur Pflegefachperson HF im gesamten Kanton bekannt zu machen – durch Werbung im öffentlichen Raum, aber auch in grossem Umfang in den digitalen Medien», erklärt Geneviève Wüthrich. Noch immer stark in der Minderheit sind männliche Studierende (12 Prozent). «Der Beruf ist sehr vielseitig und bietet die Möglichkeit, Menschen im Alltag zu betreuen und zu begleiten. Daraus entsteht eine Bindung und seitens der Betreuten eine grosse Dankbarkeit», schreibt Marcel Josse, Rektor Berufsfachschule im Bildungszentrum Langenthal auf Anfrage, was man zum Beruf der FaGe hervorheben könne. Die Berufsschule unterstützt interessierte Lehrbetriebe beim Aufbau der Lehrlingsausbildung. Auch bei den Lernenden Fachfrauen/Fachmänner Gesundheit (FaGe) und Assistenz Gesundheit und Soziales (AGS) schwanken die Zahlen der Auszubildenden leicht und auch dort sind die Frauen mit 90 bis 95 Prozent in der Überzahl.
Vor dem Gespräch mit Jasmin Zbinden besuchen wir gemeinsam Anna Marie Hess. «Hier habe ich es ganz gut getroffen», sagt diese strahlend, nachdem ihr die Pflegende Augentropfen verabreicht und Tee gebracht hat. Wie herzlich diese Beziehung ist, spürt man sofort. Es wird geplaudert und gelacht. «Nicht immer, aber oft haben wir Zeit, uns mit den Bewohnenden zu unterhalten. Das schätzen sie sehr und für uns ist es genau das, was wir unter anderem an unserem Beruf so lieben.»
Von Irmgard Bayard