Franziska Heiniger blickt mit einem guten Gefühl auf abwechslungsreiche sieben Jahre als Bibliotheksleiterin von Huttwil zurück.
Eine Bibliothek ist ein Begegnungsort voller Leben
Seit dem 1. Februar ist Stella Bieri neue Bibliotheksleiterin in Huttwil. Sie tritt die Nachfolge von Franziska Heiniger an, die während sieben Jahren eine spannende Zeit mit vielen neuen Projekten erlebte. Nun zieht sie beruflich weiter ins luzer-
nische Büron. Warum Bibliotheken trotz oder gerade wegen der Digitalisierung so wichtig sind und was ihnen das Lesen persönlich bedeutet, darüber sprachen sie mit dem «Unter-Emmental».
Ein Gespräch mit einem Journalisten? Den beiden Frauen schienen diese Rolle nicht wirklich zu 100 Prozent zuzusagen. Aber was solls, man schickt sich da hinein. «Es ist nicht immer ganz einfach, bei den Fragen ernsthaft zu bleiben», gibt Stella Bieri lachend zu verstehen. Vielleicht liegt es aber auch an den Fragen selbst, dass sich der rote Gesprächsfaden nicht so schnell finden lässt. Dennoch kämpft man sich durch, umschifft scheinbare 08/15-Fragen und dringt schliesslich da und dort in die Tiefe vor. Vielleicht zu tief? Denn im Nachhinein wurden beim Gegenlesen sozialkritisch angehauchte Aussagen wieder zurückgezogen. Doch auch die hätten es verdient, wahrgenommen zu werden.
Verstaubt war vorgestern
Dabei haben Franziska Heiniger wie Stella Bieri viel Überraschendes, Spannendes und Wissenswertes über heutige Bibliotheken zu erzählen, wie sie eben auch in Huttwil geführt wird. Denn die hat so gar nichts mit dem Image einer verstaubten Bücherausleihe des vergangenen Jahrtausends zu tun. «Eine Bibliothek ist nicht einfach nur ein Buchlager, sondern ein lebhafter Ort, der sich weiterentwickelt und ganz viele Möglichkeiten bietet, die über das Bücherausleihen hinausgehen. Es ist ein soziokultureller Treffpunkt, offen für alle Menschen. Hier findet ein Austausch auf kultureller wie zwischenmenschlicher Ebene statt», bringt es Franziska Heiniger auf den Punkt. Was sie damit meint, verdeutlicht sie an den verschiedenen Projekten und Angeboten, die während ihren sieben Jahren als Bibliotheksleiterin in Huttwil entstehen konnten. «Wir konnten die Bücherregale mit Rollen versehen und so flexibel Raum schaffen, der es uns ermöglicht, Veranstaltungen durchzuführen.» Dabei seien neue Ideen ausprobiert, fallengelassen, weiterentwickelt und eingeführt worden, wie es in einem lebendigen Haus eben auch sein soll.
Sprach-Café, Lesungen und Referenten aus der Region
Zu den Neuerungen gehört zum Beispiel das Sprach-Café, das die Volkshochschule Oberaargau seit rund eineinhalb Jahren in der Bibliothek Huttwil anbietet. Dabei trifft man sich in einer gemütlichen Englisch- oder Spanisch-Runde in der Bibliothek und diskutiert ungezwungen über alles Mögliche zum entspannten Ausprobieren und Verbessern von Sprachkenntnissen. Neu eingeführt wurde auch das «Lesen und Geniessen» in Zusammenarbeit mit der Kirche und dem Claro-Laden. Hier tauscht man sich über ein gelesenes Buch aus. Zum Abschluss findet eine Lesung mit der jeweiligen Autorin oder dem Autoren statt. Nicht zwingend etwas mit Büchern zu tun hat die Biblio.Werkstatt: Hier werden Menschen aus der Region eingeladen, die über ihre Tätigkeit oder über ihre Passion referieren. Auch hier geht es um Wissensvermittlung, eine zentrale Funktion der Bibliothek.
Lesementoren gesucht
Auf ein Angebot weist Franziska Heiniger besonders hin: «Dass wir in Huttwil das Lesementoring anbieten können, freut mich sehr.» Dieses ausserschulische, niederschwellige Angebot steht allen Kindern von der 2. bis zur 6. Klasse offen, die Freude am Lesen haben oder diese Freude wachsen lassen wollen. «Gegenwärtig sucht die Bibliothek noch neue Mentoren», macht Franziska Heiniger gleich Werbung für ihren alten Arbeitsort. Interessierte könnten sich an ihre Nachfolgerin ([email protected]) wenden. «Während eines Schuljahres treffen sich die Mentoren einmal pro Woche für 45 Minuten mit den Kindern, lesen mit ihnen und tauschen sich aus. Das ist für die Kinder wie für die Mentoren etwas so Wichtiges.»
Bibliothek als Ort des Wissens
«Es gibt noch Tausende von Ideen für eine Bibliothek», schwärmt Franziska Heiniger. So denkt sie an eine Bibliothek der Dinge, bei der man Geräte aller Art ausleihen kann, oder an die Bibliothek als digitaler Kompetenzraum, wo Jugendliche sich zu Computerspielen treffen, Senioren sich mit Tablets und Handies vertrauter machen können oder Tipps bei Steuererklärungen oder Office-Anwendungen angeboten werden. «Die Bibliothek als ein Ort, wo man sich Wissen aneignen kann.» Manch eine dieser Ideen lasse sich mangels Platz nicht realisieren, andere sind vielleicht noch nicht reif. Aber das mache gar nichts. Denn die Bibliotheken entwickelten sich ja immer weiter und irgendwann werde es doch soweit sein, dass die Idee Realität werde.
Mit gutem Gefühl gehen
Vor Kurzem hat Franziska Heiniger in die Kooperative Speicherbibliothek Schweiz ins Luzernische Büron gewechselt und verlässt die Bibliothek Huttwil nach sieben Jahren. Warum? «Ich wollte einfach eine Luftveränderung, einen anderen Bibliothekstyp sehen. Ich verlasse aber einen einmaligen Ort. Ich kann jeder und jedem nur empfehlen, hier zu arbeiten. Ich darf mit dem guten Gefühl gehen, dass ich einen sehr einzigartigen Ort übergeben kann. Während meiner Zeit sind immer Leute dagewesen, die mich und meine Vorhaben unterstützt haben. Ich konnte mich stets auf den Vorstand und das Bibliotheksteam verlassen. Ohne sie hätte ich das nie geschafft … Ja, das Gehen tut auch ein wenig weh», lässt sie durchblicken.
Stella Bieri neue Bibliotheksleiterin
Am 1. Februar hat Stella Bieri nun offiziell ihre Nachfolge angetreten. Was schätzt Franziska Heiniger an ihr? «Ihre aufgestellte, innovative Art und ihr Herzblut für Bücher und Medien. Ich wünsche ihr, dass sie ihre Ideen in Angriff nehmen und umsetzen kann und sich die Bibliothek weiterentwickeln und lebendig bleiben darf.» Und was schätzt die 33-jährige Stella Bieri an ihrer Vorgängerin? «Dass sie mich so offen empfangen hat. Sie hat mich im Januar eingearbeitet und – obwohl wir uns vorher gar nicht kannten – ist sie in dieser kurzen Zeit für mich eine gute Freundin geworden. Die Bibliothek Huttwil ist schon sehr lebendig und ich bin froh und dankbar, dass ich darauf aufbauen darf.» Sie hoffe für ihre Vorgängerin, dass sie auch an ihrer neuen Stelle ihre Ideen umsetzen könne und einen ebenso schönen Arbeitsort wie in Huttwil vorfinde. «Huttwil ist nicht zu toppen», flüstert Franziska Heiniger kaum wahrnehmbar dazwischen, es blieb dennoch nicht verborgen. «Ich freue mich schon jetzt darauf, meine eigenen Ideen selber planen und umsetzen zu dürfen», blickt Stella Bieri vorwärts. Priorität habe für sie aber vorerst das Kontakteknüpfen zu den Menschen, die hier ein und aus gehen oder hier arbeiten, zum Bibliotheksverein und dem Verbund Bibliothek Oberaargau.
Das Buch im Mittelpunkt
Die Bibliothek in Huttwil kenne sie schon seit ihrer Schulzeit, da sie in Huttwil aufgewachsen und hier wohnhaft ist. Im Jahre 2015 habe sie die Lehre als Buchhändlerin abgeschlossen, konnte danach Wissen im käufmännischen Bereich sammeln und sich auch bei der Lehrlingsausbildung engagieren. «Für mich war aber schon immer klar: Ich möchte eigentlich zu den Büchern zurück, zu einem Job jedoch, bei dem das Buch im Mittelpunkt steht.» Somit entsprach die Stelle als Bibliotheksleiterin von Huttwil genau ihren Wünschen. «Lesen ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und mit Büchern verbinde ich viele schöne Erinnerungen.» So zum Beispiel an ihren Grossvater, der ihr viele Märchen vorgelesen hat. «Er war für mich eigentlich immer am Lesen.» Kinder schauen viel von ihren Eltern oder Grosseltern ab, und wenn diese begeistert sind vom Lesen, dann übertrage sich das auch auf die Kinder.
Bibliothek ist kein Auslaufmodell
Für Stella Bieri wie Franziska Heiniger sind Bibliotheken ebenso wie gedruckte Bücher trotz zunehmender Digitalisierung nicht wegzudenken. Gegenüber einem digitalen Buch habe ein gedrucktes Buch von der Haptik her, der Wahrnehmung etwa über den Tast- und Geruchssinn, auch gewisse Vorteile. «Der Kopf nimmt etwas anders wahr, wenn wir es in den Händen halten und es nicht nur elektronisch vorliegt.» Doch man dürfe beides nicht gegeneinander ausspielen, vielmehr sei es ein Gegen- statt ein Miteinander, betont Franziska Heiniger. «Solange Bibliotheken lebendig bleiben, sich weiterentwickeln und der soziokulturelle Aspekt hineinspielt, sind sie kein Auslaufmodell. Man muss nicht immer alles selber besitzen, sondern darf auch austauschen. Das macht auch vom Nachhaltigkeitsaspekt Sinn», findet Franziska Heiniger.
Öffentliche Lesung mit Marc Häusler
Morgen Mittwoch, 12. Februar, findet in der Bibliothek ab 19.30 Uhr die Hauptversammlung des Bibliothekvereins Huttwil statt. Dabei wird auch Franziska Heiniger verabschiedet. Im Anschluss daran liest Marc Häusler, einstiger Regierungsstatthalter Oberaargau und neuer Stadtschreiber von Langenthal, aus seinem Buch «Jakobsmuschel mit Erdbeeren». Diese Lesung (ab zirka 20.15 Uhr) ist öffentlich.
Open-Library und Bibliothek Oberaargau
Bessere Zugänglichkeit und ausgebautes Angebot
Mit der Einführung der Open Library konnte sich die Bibliothek Huttwil den wandelnden Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer zur Zugänglichkeit zu den Büchern und Medien anpassen. «Der Mehrwert der Open-Library ist gross», zieht Franziska ein sehr positives Fazit. Dank der Open-Library haben Personen ab 18 Jahren mit ihrem persönlichen, gültigen und für die Open Library berechtigten Bibliotheksausweis von Montag bis Sonntag von 6 bis 23 Uhr Zugang zur Bibliothek auch während der unbedienten Öffnungszeiten. «Vorher hatten wir 16,5 Stunden bediente Zeit, jetzt ist die Zugänglichkeit massiv grösser.» Mit dem neuen Verbund Bibliothek Oberaar-gau (BOA) konnte das Medien- und Dienstleistungsangebot vergrössert werden. So können die Nutzerinnen und Nutzer auf das Angebot der drei Bibliotheken Huttwil, Langenthal und Her-zogen-buch-see sowie eMedien der digitalen Bibliothek Bern zugreifen. Die Medien und Bücher werden jeweils einmal pro Woche per Kurier zu den lokalen Bibliotheken angeliefert. Übrigens, der Medienbestand wird jährlich um 10 Prozent erneuert.
Von Thomas Peter