Die Langenthalerin Carole Howald strahlt über Silber: «In einem Olympia-Final zu stehen, ist unglaublich.» · Bild: Leroy Ryser
«Einen Olympia-Final zu spielen, ist unglaublich»
Während andere davon träumen, lebt Carole Howald ihren Sportler-Traum. Als Curlerin hat die 32-Jährige die wichtigsten Auszeichnungen gewonnen: Sie ist mehrfache Schweizer Meisterin, Europameisterin, Weltmeisterin, gewann das Grand Slam of Curling, die Players Championship und darf sich nun auch noch über Olympiasilber freuen. Im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler» verarbeitet die Langenthalerin ihre Eindrücke kurz nach ihrem Abenteuer in Cortina d'Ampezzo.
Interview: Leroy Ryser im Gespräch mit Carole Howald, Curlingspielerin aus Langenthal ·
Carole Howald, Sie sind mehrfache Schweizer Meisterin, haben die Europa- und Weltmeisterschaften gewonnen, sowie die hoch dotierten Players Championship und den Grand Slam of Curling. Und jetzt kommt auch noch Olympiasilber hinzu. Unter so vielen Erfolgen, welcher Erfolg war der Grösste?
Wenn man die Gelegenheit erhält, ein solches Turnier zu spielen, ist es klar, dass man das Beste geben will. Und ich glaube, das haben wir als Team erreicht. Darauf bin ich unglaublich stolz, ich bin glücklich, dass wir das erreichen konnten. Viele Menschen können nicht einmal davon träumen, eine Medaille zu gewinnen. Auch ich hätte das nie gewagt. Und dennoch haben wir das geschafft. Das ist unglaublich.
Kann man Olympiasilber und Weltmeisterschaftsgold vergleichen?
Im Moment ist ein unglaublicher Emotionenmix vorhanden. Auch deshalb möchte ich das gar nicht gewichten oder vergleichen. Was ich aber sagen kann, ist, dass der Halbfinal-Sieg sich genauso gut angefühlt hat, wie der Moment, als wir Weltmeisterinnen wurden.
Rückblickend, was denken Sie: Wieso hat es geklappt?
Das ist eine Belohnung für unsere harte Arbeit. Wir haben die ganze Saison gezeigt, dass wir das beste Team sein können. Mittlerweile sind wir auf der Weltrangliste dank Olympiasilber wieder die Nummer 1. Wichtig war auch, dass wir uns selbst bleiben konnten. Gerade an Olympischen Spielen ist der Druck ein anderer, auch die Aufmerksamkeit. Aber wir sind in unserer Rolle geblieben, wir waren immer jenes Team, das wir schon immer waren. Das hat uns stark gemacht. Und das hat auch dazu geführt, dass wir die Sportschweiz bewegen konnten. Wir haben so viele Nachrichten erhalten, wie toll es war, uns zuzuschauen. Wir haben so viele tolle Momente erlebt – da denke ich nicht an Gold oder Silber. Klar, Gold glänzt schöner als Silber. Aber im Moment ist das völlig egal.
Und letztlich dürfen wir einfach nur die Fakten anschauen: Die Carole Howald, die früher einmal durch das Elzmatte-Schulhaus in Langenthal sprang und ganz normal zur Schule ging, wie alle anderen auch, steht heute hier und trägt die erste Schweizer Olympia-Medaille im Frauencurling seit 20 Jahren und war statistisch gesehen auch noch die beste Spielerin auf ihrer Position des ganzen Turniers. Eine unglaubliche Errungenschaft.
Das klingt nicht schlecht (lacht).
Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?
Es hat mir gezeigt, dass alles möglich ist. Ich war viele Jahre lang als Ersatzspielerin im Einsatz und bin immer dran geblieben. Ich habe immer an mich geglaubt. All das – wenn ich das meinem «jungen Ich» erzählen würde, würde ich einfach nur sagen: Gehe deinen Weg und glaube an dich. Heute verspüre ich einfach nur grosse Freude und Dankbarkeit.
Von aussen betrachtet, scheint das aber auch schwierig zu sein, das überhaupt zu begreifen?
Ja, durchaus. Ich denke, als Team haben wir unglaublich viel erreicht. Wir haben so viele Rekorde gebrochen. An Europameisterschaften sind wir seit 22 Spielen ungeschlagen, bei Weltmeisterschaften hielt diese Serie 42 Spiele lang. Wir gewannen die Players Championship – das beste Turnier überhaupt – drei Mal in Folge. Niemand sonst hat das je geschafft. Und dennoch hat man immer mal wieder das Gefühl: «So gut sind wir ja gar nicht.»
Das klingt speziell.
Ja, das ist ein bisschen eine Ambivalenz – und damit hatte ich diese Saison zwischendurch auch ein bisschen zu kämpfen. Wir haben immer wieder versucht, etwas zu finden, um besser zu werden. Das braucht Energie. Und deshalb hat diese Medaille unglaublich gut getan. Sie zeigt, dass sich unsere harte Arbeit gelohnt hat.
Und solche Triumphe hallen nach: In der Curlinghalle Bern, weiss jeder, wer Carole Howald ist. Dasselbe in Langenthal. Am Sonntagabend nach dem Medaillengewinn erschienen Sie in der Tagesschau. Wie gehen Sie damit um?
Natürlich erhoffe ich mir, dass Olympiasilber einen positiven Einfluss hat. Aber auch künftig kommt nichts von alleine. Sponsoren kommen nicht einfach so und bringen uns Geld – aber vielleicht werde ich ja vom Gegenteil überzeugt (lacht). Ausserdem fühle ich mich nicht so, als würde mich jeder kennen. Aber vielleicht haben wir den Wert von unserem Erreichten noch nicht richtig realisiert.
Letztlich prägt der Erfolg einen Menschen. Denken Sie, dass der Erfolg Sie verändert?
Ich hoffe es nicht. Ich möchte immer noch die gleiche Carole sein, die ich immer war. Und letztlich müssen wir ehrlich sein: Bei diesen Gegnerinnen wäre es auch möglich gewesen, keine Medaille zu gewinnen. Deshalb soll es mich auch nicht verändern.
Wenn Sie an die Olympischen Spiele zurückdenken: Was kommt Ihnen in den Sinn?
Es gab so viele Momente, die wir erlebten, da ist es richtig schwierig, «den einen Moment» herauszupicken. Es ist mehr so das Gefühl davon, dass wir über die olympischen Ringe geslidet sind. Dass wir etwas Unglaubliches geschafft haben. Vielleicht sind es auch die Momente, in denen man Menschen in den Arm nimmt und die Freude mit ihnen teilt. Und dann ist da noch der Final. Wir konnten einen olympischen Final spielen, und nur schon dort zu sein, ist unglaublich.
Neben so vielen positiven Erinnerungen hat es schwierige Herausforderungen gegeben. In der Schweiz wurde das Team Tirinzoni beispielsweise auch ein bisschen für fehlende Lockerheit in der Round Robin kritisiert. War der Druck wirklich so gross, dass es schwierig war, damit umzugehen?
Der Druck war tatsächlich gross. Aber das Gute ist, dass jede Athletin denselben Druck hatte. Für uns gesprochen denke ich, dass es uns von Beginn weg klar war, dass es hart werden wird. Uns half der Support, den wir in der Halle hatten. Gefühlt hat die ganze Schweiz mit uns mitgefiebert, und das hat grosse Freude bereitet. Seien wir ehrlich: Es wäre ja schade gewesen, wenn wir diese Zeit nicht hätten geniessen können. Und das war eines unserer Ziele, und ich glaube, das ist uns gelungen.
Und letztlich haben Sie persönlich performt. Mit Ihrer persönlichen Leistung dürfen Sie zufrieden sein.
Ja, ich glaube, das kann ich. Ich konnte die Olympischen Spiele geniessen. Und wenn mir das gelingt, dann kann ich besser spielen. Beides hat sich positiv beeinflusst und heute verspüre ich einfach Freude und Dankbarkeit.
Erinnern Sie sich an spieltechnische Momente, die Sie stolz machen?
Ja, ein Stein wird mir ewig in Erinnerung bleiben: Der letzte Stein im Halbfinal, den Alina Pätz zum Sieg gegen die USA spielte. Dieser Stein musste präzise sein. Sie hat ihn so gespielt, dass wir ihn beim Wischen kontrollieren konnten – aber dort war die Gefahr gross, dass wir ihn verwischen. Bei diesem Stein, hat das ganze Team perfekt harmoniert.
Es ist augenscheinlich, dass Sie einen Stein hervorheben, den nicht Sie selbst gespielt haben, sondern bei dem Sie mit Ihrem Einsatz eine unterstützende Rolle hatten. Sie haben Ihrer Kollegin Alina Pätz geholfen, damit das Team den Sieg gewinnen konnte. Zeigt das die Persönlichkeit von Carole Howald?
In unserem Team gibt es keine Alleinunterhaltung. Alle tragen ihren Teil bei, alle haben eine Rolle. Und vielleicht passt das zu meiner Person. Curling ist ein Team-Sport und es braucht von allem ein bisschen.
Und manchmal hilft alles Wischen nichts mehr – beispielsweise beim letzten Stein im achten End des Finals. Dieser Stein hätte die Wende gegen Schweden bedeuten können, misslang aber und führte zur Niederlage. Wie blicken Sie darauf zurück?
Da dürfen wir ehrlich sein: Jeder in unserem Team hätte diesen Stein gerne zurück. Natürlich denkt man daran, was man in dieser Situation anders hätte machen können. Und ich denke, das darf auch seinen Platz haben. Heute wissen wir aber auch nicht, ob wir Gold gewonnen hätten, wenn dieser Stein gepasst hätte. Abschliessend können wir sagen: Alle haben versucht, das Beste zu machen – und das hat in diesem Moment leider nicht gereicht. Aber deshalb bin ich nicht «hässig». Es waren einfach nur ein paar Millimeter, und von solchen Situationen lebt der Sport. Klar hätten wir gerne gewonnen. Aber hey: Wenn ich jetzt wegen einem einzelnen Stein an Silber keine Freude hätte, dann wäre wirklich etwas falsch. In einem Olympischen Final dabei zu sein, ist ein grosser Erfolg.
Wie erlebte Ihr Umfeld die Spiele? Ihre Eltern, Ihre Schwester und Ihr Freund waren ständig vor Ort.
Es war unglaublich. Es kamen Leute, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie nach Cortina reisen würden. Erfreulicherweise konnte ich meiner Familie und meinem Freund auch das «Village» zeigen. Es gab extrem viele Attraktionen, so konnten wir Fotos von uns auf Cola-Dosen prägen. Es war überwältigend. Und solche Momente bleiben. Für mich hat es gepasst, es waren wirklich tolle Tage.
Und kaum hat dieser Event geendet, ging es ohne Pause weiter. In der letzten Woche mussten Sie die Schweizer Meisterschaften spielen, um sich für die Weltmeisterschaften zu qualifizieren. Das hat nicht geklappt. War das Team müde?
Physisch gesehen nicht; wir hatten genügend Energie. Aber man hat durchaus eine gewisse, insbesondere mentale Müdigkeit festgestellt. Ausserdem sind unsere Gegnerinnen immerhin auf Rang sechs der Weltrangliste klassiert, weshalb wir wussten, dass eine Niederlage keine grosse Überraschung wäre. Sie haben zudem gut gespielt, einmal mehr war es äusserst knapp. Dass wir jetzt nicht an die Weltmeisterschaft dürfen, schmerzt. In den letzten Jahren war für uns im März noch nie spielfrei – das wird speziell.
Wie geht es jetzt weiter?
Mit ein paar Tagen Pause. Dann werden wir uns im Team zusammensetzen und alles Weitere besprechen.
Dann bleibt zum Abschluss nur noch eine Frage: Sie haben in Ihrer Karriere alles gewonnen. Alles ausser Olympiagold. Wir können also sagen: Sie haben für die nächsten vier Jahre noch ein Ziel vor Augen …
Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Wir werden uns alle fragen müssen, ob wir bereit sind, noch einmal All-in zu gehen. Möglich ist alles. Aber wir dürfen auch eines festhalten: Wir sind die Weltnummer 1 und erlebten die beste Saison, die wir je hatten. Also gäbe es ja eigentlich keinen Grund, zum Saisonende aufzuhören …