• Lara Christen präsentiert an ihrem Kraftort, dem «Huttubärg», die im Frauen-Eishockeyturnier der Olympischen Spiele gewonnene Bronzemedaille. · Bild: Stefan Leuenberger

26.02.2026

«Familiärer Umgang ermöglichte die Medaille»

Die 23-jährige Huttwiler Eishockeyspielerin Lara Christen hat mit der Schweiz an den Olympischen Winterspielen im Eishockeyturnier der Frauen die Bronzemedaille gewonnen. Im «UE»-Interview spricht die Verteidigerin über ihren bislang grössten Erfolg.

Interview: Stefan Leuenberger im Gespräch mit Lara Christen, Eishockeyspielerin aus Huttwil ·

Wie geht es Ihnen?
Ach, ich bin schon ein bisschen müde – körperlich und mental. Die letzten Tage habe ich eindeutig zu wenig geschlafen. Aber für meinen bislang grössten Erfolg nehme ich das gerne in Kauf. Vier Wochen dauerte die ganze Olympia-Kampagne. Ich war am Montag schon froh, endlich wieder nach Hause zu kommen.

An wie vielen Orten mussten Sie die Bronzemedaille bereits zeigen?
Beim Empfang in Kloten am Montagabend ging es los. Am Dienstag durfte ich die Medaille an einer Feier an meiner Arbeitsstelle präsentieren. Ganz viele Arbeitskolleginnen und -kollegen waren da, was mich sehr berührt hat. Am Mittwoch habe ich die Familienmitglieder eingeladen. Weitere Präsentationen dürften folgen. Es ist für mich ein Genuss, diesen schönen Erfolg mit meinen Leuten zu teilen.  

Wenn die Medaillen-Sightseeing-Tour einmal zu Ende ist: Welchen Ehrenplatz wird sie erhalten?
Irgendwo in der Wohnung wird sie an der Wand einen Ehrenplatz erhalten.

Viele Familienmitglieder, Ihr Freund sowie Kolleginnen und Kollegen haben Sie in Mailand lautstark unterstützt. Ihr Fanclub war öfters im Fernsehen zu sehen. Hatten Sie zwischen den Spielen die Möglichkeit, sich mit Ihren Leuten auszutauschen oder sogar etwas mit ihnen zu unternehmen?
Ich schätze es extrem, dass so viele Fans für mich nach Mailand gereist sind. Diese Unterstützung bedeutet mir enorm viel und ich bin sehr dankbar für all die Menschen. Nach jeder Partie hatte ich vor dem Stadion die Möglichkeit, mich kurz mit ihnen auszutauschen. Zu unserem Olympiadorf hatten Angehörige keinen Zutritt, deshalb traf ich mich ausserhalb des Dorfes ein paar Mal mit meiner Familie.  

Apropos Olympiadorf: Wie schmeckte das Essen?
Das Essen war klar besser als in Peking. Es gab ein Buffet. Ich habe mich in den letzten drei Wochen von Pasta und Reis ernährt. Diese Speisen habe ich für eine Weile gesehen.

Gab es bereits eine Medaillen-Feier mit der Familie?
Ich plane nach der Eishockeysaison mit allen Leuten, die mich unterstützt haben, einen gemeinsamen Anlass.  

Konnten Sie bereits alle WhatsApp-Gratulationen beantworten?
Jawohl. Allerdings waren es um die 150 Stück. Ein Wahnsinn. Das habe ich nicht erwartet. Mir haben Leute geschrieben, von denen ich schon viele Jahre nichts mehr gehört habe.  

Welche Nachricht hat Sie am meisten berührt?
Jede einzelne Nachricht hat mich berührt. Extrem gefreut haben mich die Gratulationen von den Bieler NLA-Teamkollegen meines Bruders «Lu», wie beispielsweise Gaëtan Haas oder Christian Dubé.

Ist Ihnen dieser grosse Rummel – Sie haben als erste Huttwilerin in der 102-jährigen Geschichte der Olympischen Winterspiele eine Olympiamedaille gewonnen – angenehm?
Ich bin stolz, eine Huttwilerin zu sein, weshalb ich mich selber freue, dies geschafft zu haben. Den Rummel empfinde ich aktuell nicht als störend.

Viel Rummel gibt es am kommenden Sonntag. Die Huttwiler Gemeinde führt ab 17 Uhr im Hirten-Saal eine öffentliche, grosse Medaillenfeier zu Ihren Ehren durch. Was bedeutet Ihnen dies?
Es ist eine riesige Ehre. Der Gemeindepräsident Adrian Wüthrich hat mich persönlich darüber informiert. Es zeigt mir, dass der Erfolg unseres Teams wahrgenommen wird. Ich denke, dass ich am Sonntag vor der Feier ähnlich nervös wie vor dem Bronzespiel sein werde.  

Was wünschen Sie sich für diesen Empfang?
Ein gemütliches Beisammensein mit Fröhlichkeit und ohne Zwang. Den Erfolg mit Huttwil zu teilen, ist für mich eine Ehre.

Der Medaillengewinn bringt viele Verpflichtungen mit sich. Sie dürften in den letzten Wochen kaum an Ihrem Arbeitsplatz gewesen sein. Wie reagiert Ihr Arbeitgeber C+S Ingenieure AG in Huttwil, wo Sie als kaufmännische Angestellte im Einsatz sind, auf Ihren sportlichen Triumph?
Die Firma hält mir den Rücken frei. Mein Chef Roger Flückiger hat mir explizit gesagt, dass ich während der Olympiazeit nichts für das Geschäft tun soll. Er hat mir einfach gesagt, dass ich gesund zurückkommen soll – und bestenfalls mit einem «Plämpu». Dass ich beide Wünsche erfüllen konnte, ist unglaublich. Die Leute an meiner Arbeitsstelle sind für mich wie eine zweite Familie und ich kann ihnen gar nicht genug danken.  

An Ihrem Arbeitsplatz haben Sie grosse Fans. Mit Eliane Ruch, Claudia Schär, Roger Flückiger, Martin Zurbrügg und Fabian Mair ist ein Quintett extra nach Mailand gereist, um Sie zu unterstützen.
Sie überraschten mich sogar doppelt. Zuerst waren sie am Spiel gegen Tschechien und dann auch noch beim Bronzespiel gegen Schweden im Stadion. Sie haben extra frei genommen dafür. Es ist unbeschreiblich schön.

Sie sind die erste Huttwilerin, die eine Olympia-Medaille gewinnt. Nicht aber – wie im «UE» irrtümlich vermeldet – die erste Person aus Huttwil, die an Olympischen Spielen startete. 1976 nahm der Huttwiler Andreas Meyer mit der Schweizer Eishockeynati am Olympischen Eishockeyturnier in Innsbruck teil (11. Rang). Kennen Sie den Schweizer Meister mit dem SC Langnau von 1976?
Persönlich kenne ich Andreas Meyer nicht. Der Name und seine sportlichen Erfolge sind mir aber sehr wohl ein Begriff.  

Vor den Spielen haben Sie im «UE» gesagt, dass wirklich alles zusammenpassen muss, damit die Schweiz am Ende eine Medaille gewinnt. Es hat alles gepasst.
Der Ursprung dafür, dass es gepasst hat, liegt bereits ungefähr sechs Jahre zurück. Seither sind wir nämlich fast in unveränderter Form als Schweizer Frauennati unterwegs. Die Spielerinnen kennen sich in- und auswendig, sind total zusammengewachsen. In der Nati herrscht ein familiärer Umgang. Wir gehen in jeder Spielsituation füreinander. Egal, was auch immer passiert. Dieser Punkt war hauptentscheidend für den Medaillengewinn.

Sie sagten vor dem Turnier in Mailand auch, dass die Restnationen gegenüber den Frauen-Eishockey-Krösussen USA und Kanada Boden gut gemacht haben. Hat sich dies im Fall der Schweiz bestätigt?
Auf jeden Fall. Gerade im Halbfinal gegen Kanada, den wir bloss mit 1:2 verloren haben, hat sich gezeigt, dass mit einem geschickten Spielsystem und grosser Disziplin vieles möglich ist. Natürlich sprach das Schussverhältnis deutlich für Kanada. Gleichwohl waren wir nahe dran.   

Sie waren als Verteidigerin einmal mehr überragend, die tragende Säule der Schweizer Defensive und mit der meisten Eiszeit im gesamten Team. Im Gruppenspiel gegen Tschechien gelang Ihnen kurz vor Schluss mittels Weitschuss aber auch ein Tor (Ihr zweites Olympia-Tor nach einem Treffer gegen Finnland vor vier Jahren in Peking). Dank dem 3:3 erreichte die Schweiz die Verlängerung, in der sie dann gewann.    
Natürlich freute ich mich über den Treffer. Er war sehr wichtig. Letztlich spielt es aber überhaupt keine Rolle, wer die Tore erzielt. Die Hauptsache ist, dass die Schweiz am Ende mehr Tore auf der Anzeige hat. 
Sie haben mit Ihrer Bronzemedaille dazu beigetragen, dass die Schweiz mit 23 Medaillen einen neuen Rekord an Winterspielen erzielt hat. Im Vorfeld haben Sie auf 17 Medaillen getippt.
Es ist mega cool, dass ich beim Rekord der Schweiz mit dabei sein darf. Mein Tipp basierte auf meiner Rückennummer 17. Auch 17 Medaillen hätten ja Rekord bedeutet. Dass es nun gewaltige 23 Stück wurden, ist umso besser.  

Hatten Sie neben Ihren sieben Eishockeyspielen Zeit, andere Olympia-Wettbewerbe zu verfolgen?
Es war zu wenig Zeit da, um viele Wettbewerbe zu verfolgen. Ich habe live nur gerade die Männer-Eishockeypartie Schweiz gegen Tschechien gesehen. Im Olympiadorf hatte es aber einen Aufenthaltsraum mit mehreren Bildschirmen. Dort haben wir oft teamintern Wettbewerbe angeschaut.  Vor allem die Ski Alpin-Rennen der Männer und Curling. Aber generell alles mit Schweizer Beteiligung.

Gab es im Olympiadorf einen Austausch mit anderen Sportlerinnen und Sportlern?
Den grössten Austausch hatten wir mit den Eishockey-Männern. In unserem Dorf waren sonst nur noch die Mit­machenden im Eiskunstlauf und Eisschnelllauf einquartiert. Mehr als ein kurzer Schwatz ergab sich mit diesen aber nicht.  

Was hat Sie an den Olympischen Spielen begeistert?
Wegen eines Norovirus-Falls in unserem Team konnten wir an der Eröffnungsfeier nicht teilnehmen. Umso schöner war es, dass wir bei der Schlussfeier dabei waren. Zwar dau­erte die Reisezeit nach Verona total vier Stunden. Doch die Feier war ein Genuss. Der Einmarsch mit allen Athletinnen und Athleten bleibt mir für immer in Erinnerung. Ebenso die Medaillenübergabe vor vollem Stadion im Anschluss an das Finalspiel im Fraueneishockey. Sowieso war es nach den Spielen vor leeren Rängen in Peking einfach grandios, jede Partie vor so vielen und lautstarken Fans spielen zu dürfen. Was mir sehr viel bedeutet hat, war der gemeinsame Restaurantbesuch mit meinen Liebsten im Anschluss an die Medaillenübergabe.  

Was sagen Sie zum Scheitern der Schweizer Eishockeymänner?
Das ist mega schade. Sie hätten diese Führung im Viertelfinal über die Runden bringen sollen. Aber es zeigte sich einmal mehr, wie schnell es im Eishockey gehen kann. Und es ist halt einfach Sport. Am Ende verliert immer ein Team.

Sie können sich nach all dem Olympiarummel nicht ausruhen. Für den SC Bern, wo Sie als Kapitänin spielen, stehen die Playoffs in der höchsten Schweizer Frauenliga bevor. Wie sieht es bei Ihnen mit dem Energiehaushalt, der Konzentration und der Motivation aus?
Im Moment gehe ich schon etwas am Anschlag. Wir haben in Mailand untereinander gescherzt, dass es jetzt schon cool wäre, gemeinsame Ferien zu buchen, um den Erfolg zu feiern. Die Playoffs starten für uns am 6. März. Bis dahin sind meine Batterien wieder geladen. Ich werde topmotiviert sein, um einen weiteren Erfolg anzustreben.      

Mit dem SC Bern haben Sie letzte Saison den dritten Meistertitel Ihrer Karriere geholt. Nun hat der SCB die 28 Spiele umfassende Qualifikation gewaltige 20 Punkte hinter dem EV Zug auf dem 2. Rang abgeschlossen. Wie wollen Sie den Zuger Sturmlauf zum Meistertitel stoppen?
Das wird sehr schwierig. Allerdings haben wir letzte Saison kein Meisterschaftsspiel gegen Zug gewinnen können und haben dann im Playoff-Final gegen Zug glatt in drei Siegen den Meistertitel geholt. Eine Wiederholung streben wir an. Ich bin guten Mutes, obwohl es für die Realisierung schon ein kleines Wunder benötigt.  

In Huttwil haben Sie Eislaufen und Eishockeyspielen gelernt, sind «z’Huttu» zur Schule gegangen. Noch immer sind Sie täglich in Ihrem Elternhaus und arbeiten auch in Huttwil. Das Städtli bedeutet Ihnen etwas.
Huttwil ist mein Zuhause. Ich bin auch oft und gerne auf dem «Huttubärg», quasi ein Kraftort für mich, besonders bei schönem Wetter. Mein ganzes Umfeld ist in Huttwil.  

Sie sind erst 23 Jahre alt und haben in der Schweiz bereits alles gewonnen, was im Fraueneishockey möglich ist. Sie sind die beste Verteidigerin des Landes. Liebäugeln Sie nicht damit, einmal in Kanada auf höchstem
Niveau Eishockey zu spielen?
Für mich sind die Familie und das Umfeld extrem wichtig. Eishockey spielt in meinem Leben eine grosse Rolle. Aber die Familie kommt an erster Stelle. Darum kommt für mich ein Wechsel ins Ausland nicht in Frage.