An dieser Stelle an der Eriswilstrasse kam es zur Schlägerei – der Vorfall ereignete sich allerdings bereits am 18. Juli. · Bild: Gabriela Graber
«Es ist nicht nötig, sich Sorgen zu machen»
Huttwil hat in den letzten Tagen und Wochen die Schlagzeilen dominiert: Zuerst mit einer Schiesserei, dann mit einer Schlägerei und dazwischen immer wieder mit den dazugehörigen Berichterstattungen. Für Gemeindepräsident Adrian Wüthrich ein verkraftbares Ärgernis. Weil entscheidend sei vor allem eines: «Für die Bevölkerung bestand in keinem Moment Gefahr.»
Mit wie üblich grossen Lettern titelte der Blick letzte Woche in seiner Printausgabe: «In Huttwil BE geht die Angst um.» Zu dieser Story geführt hatten gleich zwei Geschichten, die für Aufsehen sorgten. Zuerst fielen in Huttwil Schüsse, später tauchte ein etwas älteres Video auf, das eine Schlägerei auf offener Strasse inmitten von Huttwil dokumentiert. Und beides zog emotionsgeladene Berichterstattungen nach sich, die zweifellos zahlreiche Klicks auf dem Online-Portal des Boulevardblatts generierte. Zuerst wurde das Opfer des missglückten Mordanschlags mit Bild und Ton präsentiert, dann folgte ein Interview mit der Mutter des mutmasslichen Täters und später, just nachdem auch noch ein Video von einer Schlägerei auf offener Strasse auftauchte, wurde in einer Strassenumfrage dokumentiert, wie sehr verunsichert Huttwils Bürgerinnen und Bürger nun seien. Während etwas mehr als einer Woche war Huttwil in aller Munde – und wurde vom Blick kurzerhand neben den gefährlichsten Gemeinden der Schweiz aufgezählt.
Bedenkliche Vorfälle
Verständlicherweise lässt das auch Gemeindepräsident Adrian Wüthrich nicht kalt. Einerseits wünscht er sich bessere Schlagzeilen für «sein» Huttwil, andererseits wurde auch er von den Ereignissen überrascht. «So etwas ist bedenklich. Jeder solche Vorfall lässt einen nachdenken», erklärt das SP-Parteimitglied. Gerade in Zeiten von Push-Nachrichten beschäftige es die Menschen anders, wenn dann plötzlich etwas vor der eigenen Haustüre passiert und man darüber eingehend informiert wird. «Und da verstehe ich es dann auch, wenn sich jemand Gedanken macht oder sich sogar unwohl fühlt, wenn man davon hört, dass im Städtli Schüsse abgegeben wurden.» Wüthrich aber relativiert und beruhigt sogleich. Für die Bevölkerung habe in keinem Moment eine Gefahr bestanden, dies habe ihm die Kantonspolizei in einem persönlichen Gespräch versichert. «In beiden Fällen hat die Polizei gute Arbeit geleistet und die Situationen schnell unter Kontrolle gehabt.» So sei sie beispielsweise bei der Schlägerei, die bereits am 18. Juli stattgefunden hatte, rasch vor Ort gewesen. Bei der Schiesserei konnten die mutmasslichen Täter bereits festgenommen und der Staatsanwaltschaft überführt werden. Für Wüthrich ist somit klar: «Wenn geschossen wird, gibt das einem zu denken. Aber wichtig ist für mich, dass für die Bevölkerung in keinem Moment eine Gefahr bestand.» Mit seinen Worten wolle er die Situation aber nicht herunterspielen. Wer sich unwohl fühle, könne sich melden. «Einerseits natürlich bei begründeten Verdachtsfällen bei der Polizei, andererseits hat auch der Gemeinderat ein offenes Ohr für die Belange der Bürgerinnen und Bürger.» So gebe es beispielsweise auch die Möglichkeit, am 28. August mit ihm am Stammtisch im Restaurant Bahnhof in Kontakt zu treten, um darüber zu diskutieren. «Ich stehe gerne hin und betone erneut, dass es nicht nötig ist, in Huttwil Angst zu haben.» Huttwil sei sicher und man werde sich auch dafür engagieren, dass das so bleibt. Dazu trage etwa die Schulsozialarbeit bei oder auch die Jugendarbeit, die man derzeit regional mit angrenzenden Dörfern besser organisieren wolle.
Eine übertriebene Darstellung
Trotz der Berichterstattung insbesondere im Blick gebe es aber keinen Grund, Huttwil nun plötzlich als «unsichere Gemeinde» zu betrachten. In der Schweizer Kriminalitätsstatistik sei das Blumenstädtli schon immer im besseren Drittel klassiert gewesen, entsprechend gelte Huttwil viel eher als ruhig und sicher. Diese Aussagen würden auch Reaktionen stützen, die er selbst erhalten habe, als er über sein Instagram-Konto Informationen über die Berichterstattung publizierte. «Viele haben mir geschrieben, das sei typisch Blick und entsprechend masslos übertrieben. Von den meisten Huttwil-erinnen und Huttwilern erhalte ich sehr positive Nachrichten, auch von Neuzuzügerinnen und Neuzuzügern, die das Klima hier schätzen.» Gegenüber dem Blick hegt Wüthrich aufgrund der intensiven Berichterstattung aber keinen Groll. «Ich kann verstehen, dass auf diese Weise darüber berichtet wird. Solche Storys, mit Emotionen der Mutter des vermeintlichen Täters oder dem Beinahe-Opfer einer Schiesserei – das interessiert, das generiert Klicks», weiss der Politiker. Mit Huttwil sei nun eben «ein Geschäft gemacht worden», das könne man nicht verhindern, weil man auch niemandem verbieten könne, Auskunft zu geben. «Natürlich hätte ich gerne eine andere Schlagzeile gehabt», sagt Wüthrich. Solche gebe es aber durchaus ebenso. «Erst vor kurzem sorgte der Boom, den wir in Huttwil erleben, für positive Nachrichten und dies wurde schweizweit ebenso wahrgenommen.» Die Wild-West-Schlagzeilen der letzten Wochen dürften somit eher kurzzeitig für Aufsehen sorgen. Adrian Wüthrich gibt aber auch zu, dass er froh sei, wenn es dann möglichst bald wieder etwas ruhiger wird um das sonst eher idyllische Huttwil.
Von Leroy Ryser