• Im neuen Film von Valerio Alexander Johler lässt ein Toast Hawaii eine Ehekrise eskalieren. · Bilder: zvg

  • Protagonist Hermann – gespielt von Sebastian Krähenbühl – ruft täglich bei der Sex-Hotline an.

  • Der Langenthaler Regisseur ist auf die nächste Szene fokussiert.

27.03.2026
Langenthal

Filmemacher zeigt menschliche Abgründe

Lug, Betrug, leere Versprechen und falsche Hoffnungen: Der Langenthaler Regisseur Valerio Alexander Johler belichtet schwere Themen und lässt Raum zum Schmunzeln. Seine neuste Tragikomödie «Toasted Love» feiert am nächsten Donnerstag Premiere.

 

Eine Vase mit Rosen, zwei Gläser Rotwein. Romantische Musik. Er trägt ein kurzärmliges Hemd mit Palmenmuster, sie ein geblümtes Kleid. Sie schwärmt von einem gemeinsamen Südsee-Urlaub: Wandern in den Kanahua-Wäldern, weisse Sandstrände, Surfen für Anfänger. Er blättert durch den Reiseprospekt. «Bing!», macht der Backofen. Sie: «Heute gibt es etwas richtig Hawaiianisches.» Toast mit Käse, Kochschinken und einer Scheibe Ananas. Er: «Bist du sicher, dass die so Zeug auf Hawaii essen?» Schnitt. Eine Schlüsselszene aus dem Kurzspielfilm «Toasted Love», dem neuesten Streich des Langenthaler Filmemachers Valerio Alexander Johler. Sommer, Sonne, Sonnenschein – damit hat die 20-minütige Tragikomödie wenig zu tun: Sie erzählt die Geschichte einer gescheiterten Beziehung. «Menschliche Abgründe faszinieren mich», erklärt der Autorenfilmer. Zwischendurch darf geschmunzelt werden.

Möglichst viel Action
Rückblende: In Johlers Kindheit waren Kameras und Scheinwerferlicht weit weg. Filme fesselten ihn aber schon früh: «Möglichst viel Action war wichtig.» In der Stube der Familie Johler flimmerten Jurassic Park und Star Wars über den Röhrenfernseher. Gerne schwelgt der Langenthaler in Nostalgie: Cartoons, Videospiele, Sitcoms – die Popkultur der 90er und 2000er Jahre prägte ihn. Auch den spitzbübischen Schalk hat er sich bis heute bewahrt. Ein Junge voller Ideen und Tatendrang, dessen Energie sich in filmreifen Streichen entlud. «Mir fehlte ein Ventil für meine Kreativität – Kunst war in meinem Elternhaus kein Thema.» Als 12-Jähriger begann er Gitarre zu spielen und fand so eine erste Ausdrucksform. «Davon musste ich meinen Vater aber erst überzeugen.» Später spielte er in verschiedenen Bands, war jedoch noch nicht zufrieden. Während seiner Lehre zum Informatiker suchte er weiter nach einer Form, Geschichten zu erzählen. Film schien die Lösung zu sein. «Da kann ich meine eigenen Visionen umsetzen.» 2014 belegte er einen einwöchigen Filmkurs in Los Angeles. Wo, wenn nicht Hollywood, soll die Karriere eines Regisseurs beginnen? «Wenn ich zurückkehre, kann ich alles.» Mit dieser Hoffnung stieg Johler in den Flieger.

Keine Traumfabrik
Ernüchtert kehrte Johler aus den Staaten zurück. «Der Kurs war eine Katastrophe.» Sein verklärtes Bild der Filmhauptstadt prallte auf die harte Realität: «Während auf dem Hollywood-Boulevard Obdachlose um Geld betteln, entstehen die grossen Blockbuster in verschlossenen Fabrikhallen.» Unerreichbar für den damals 22-Jährigen. «Wenn ich in Hollywood nicht finde, wonach ich suche – was suche ich überhaupt?» Sein Traum vom Filmemachen war nach dem Besuch in der «Traumfabrik» vorerst begraben. 2016 trat Johler eine neue Stelle in der IT-Branche an. Am Ende der ersten Woche fand er sich erneut deprimiert vor dem Bildschirm wieder. «Die Maus in meiner Hand fühlte sich an wie ein schwerer Stein. So konnte es nicht weitergehen.» «Filmschule Schweiz», tippte er in den Internetbrowser ein und wurde fündig. Voraussetzung für ein Filmstudium ist ein gestalterischer Vorkurs. Einen solchen bot die damalige «Neue Schule für Gestaltung Langenthal». Die nächste Infoveranstaltung fand bereits tags darauf statt. Ohne Zögern schnappte er sich den letzten freien Platz. «Am nächsten Montag reichte ich die Kündigung ein.»

Durchhaltewille
Im gestalterischen Vorkurs zweifelte Johler oft: «Ist Film das Richtige? Soll ich es nicht besser mit Fotografie probieren?» Schliesslich blieb er seiner Vision treu und belegte 2018 den Studiengang Film an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich. «An diesem Punkt wusste ich bereits genau, was ich wollte: Autorenfilme machen.» Fiktive Geschichten erzählen, das Drehbuch schreiben, als Regisseur die Dreharbeiten leiten und die finalen Entscheidungen im Schnitt treffen. Doch erst musste Johler die Grund­lagen erlernen. «Filmemachen heisst nicht Glamour, sondern Durchhaltewillen.» Zuerst bestand seine Klasse aus neun Studentinnen und Studenten – nach zwei Semestern waren sie noch zu dritt. Der Student musste Opfer bringen: «Ich war bereit, ‹all-in› zu gehen.»

Fasziniert vom Betrug
Als erstes Projekt dokumentierte Johler das Leben des Aussteigers «Mike» im Wald. Danach wagte er sich an seinen ersten Kurzspielfilm «Cordon Bleu». Die Geschichte startet in einer Beiz. Ein nigerianischer Prinz verspricht einem Stammtisch-Mitglied das grosse Geld – und entpuppt sich als Abzocker. «Ein sogenannter Scam», erklärt Johler. Betrugsmaschen kennt er aus seiner Zeit als IT-Mitarbeiter. Wer beim Surfen auf zwielichtigen Websites auf Virusmeldungen stiess, meldete sich aufgelöst bei ihm. «Wie kann man mit gesundem Menschenverstand auf sowas reinfallen? Das fasziniert mich bis heute.» Auch in seinem neusten Film «Toasted Love» – seiner Diplomarbeit – spielt ein Betrugsopfer die Hauptrolle. Während seine Frau Vera (Diana Dengler) arbeitet, verbrät der arbeitslose Hermann (Sebastian Krähenbühl) sein Erspartes an der Erotik-Hotline. So sehr, dass er sich in die Telefonsexarbeiterin Roxy (Jenny Kantsjö) verliebt.

Masturbieren im Scheinwerferlicht
«Toasted Love» beginnt mit einem Höhepunkt: Die erste Szene zeigt Hermann beim Telefonsex. «Damit will ich nicht provozieren», erklärt Johler. «Selbstbefriedigung ist schambehaftet – aber ein zentrales Motiv des Films. Die Einstiegsszene bricht dieses Tabu sofort.» Sowohl Schauspieler Sebastian Krähenbühl – bekannt aus Kinofilmen, SRF-Serien und der Migros-Werbung – als auch das Team hinter der Kamera blieben beim Dreh professionell. Lachen war erlaubt: «Es ist eine absurde Situation. Lachen beim Dreh einer Komödie zu verbieten wäre tragisch. Humor hält zudem die Stimmung am Set hoch.» Das ist wichtig, denn Filme drehen geht an die Substanz: «Ich schlafe schlecht, trinke nach dem Aufstehen direkt zwei Tassen Kaffee. Die Zähne putze ich auf dem Weg zum Set. Sobald die Scheinwerfer angehen, herrscht volle Konzentration.» Zeit ist Geld – so entstand «Toasted Love» in nur
vier Drehtagen.

Kommunikation ist alles
«Das Feedback auf das Drehbuch war gemischt», verrät Johler. Die Story sei gewaltverherrlichend und sexistisch – mit dieser Begründung lehnten einige Frauen ab, bei «Toasted Love» mitzuarbeiten. Johler versteht die Kritik. Ein Nachtessen eskaliert im Streit um den titelgebenden Toast Hawaii – Hermann attackiert Vera und würgt sie. «Auch für mich eine herausfordernde Szene. Die ekligsten zehn Sekunden, die ich je gedreht habe.» Solche Momente nimmt Johler in Kauf – er bringt mit häuslicher Gewalt eine tragische Realität auf die Leinwand: «Wer sich mit den Figuren auseinandersetzt, erkennt: Hinter der Ehekrise stecken tiefgreifende Kommunikationsprobleme.»

Nächster Film schon abgedreht
Bald wird «Toasted Love» erstmals öffentlich aufgeführt: Gemeinsam mit Kurzfilmen von anderen Studierenden der Schule F+F ist er am 2. April im Kino Xenix in Zürich zu sehen. Der Abend steht unter dem Motto «Kurz und heftig! – Gemeinschaften im Umbruch». Er selbst hat seinen Film bereits in Hunderten Fassungen gesehen – dennoch ist Johler gespannt: «Während 20 Minuten bin ich den Reaktionen des Publikums ausgeliefert.» Diesen Herbst soll «Toasted Love» auch an nationalen und internationalen Filmfestspielen präsentiert werden. Und Johlers nächster Film ist bereits im Kasten: «Forever Yours» – ebenfalls eine Tragikomödie – drehte er auf analogem 16-Millimeter-Farbnegativfilm. «Mit dieser analogen Herausforderung habe ich mir einen Traum erfüllt.» Weitere Kurzfilme sollen folgen. «Zudem plane ich meinen ersten Langspielfilm. In drei, vier Jahren will ich mit der Produktion beginnen können.» Neben eigenem Filmschaffen ist Johler zudem als Multimedia-Produzent für die Zeitung Willisauer Bote tätig. Ob es ihn irgendwann doch zurück nach Hollywood zieht? «Im Moment nicht», sagt er. «Vielleicht findet mein erster Langspielfilm internationalen Anklang – wenn es sich ergibt, gebe ich Hollywood eventuell noch eine Chance.» Vorerst erzählt er aber lieber Geschichten von Stammtisch-Proleten und Bünzlis, von verborgenen Abgründen. Valerio Alexander Johler dreht Filme direkt aus dem Leben – und lebt für den Film.

Von Matteo Hug