Die 23-jährige Huttwilerin Lara Christen spielt zum zweiten Mal für die Schweiz Eishockey an den Olympischen Spielen. · Bilder: Keystone
«Für eine Medaille muss alles passen»
Für die 23-jährige Huttwiler Eishockeyspielerin Lara Christen beginnt heute in Italien an den Olympischen Winterspielen das Eishockeyturnier der Frauen. Nur zu gerne würde die Verteidigerin und Teamkapitänin des Schweizer Meisters SC Bern an ihren zweiten Spielen mit dem Schweizer Nationalteam eine Medaille gewinnen.
Interview: Stefan Leuenberger im Gespräch mit Lara Christen, Eishockeyspielerin aus Huttwil · Lara Christen, Sie stehen vor Ihren zweiten Olympischen Winterspielen. Im Gegensatz zur Premiere 2022 in Peking haben Sie im Schweizer Team für Cortina eine Leaderrolle inne und sind nicht aus dem Kader wegzudenken. Wie beurteilen Sie Ihre enorme Entwicklung?
Ich habe in der Nati innerhalb des Teams immer mehr Verantwortung übertragen bekommen. Ich versuchte, diese auf und auch neben dem Eis zu übernehmen. Ich hatte und habe das Vertrauen des Natitrainers, was mein Selbstvertrauen stärkt. Dies war ausschlaggebend dafür, dass ich meine Leistung stets steigern konnte. Ich arbeite immer hart und fokussiert auf ein Ziel hin.
Was begeistert Sie am Eishockeyspiel?
Der Teamgedanke fasziniert mich. Dass gemeinsam etwas erreicht werden kann.
Noch nie vor Ihnen konnte eine Person aus Huttwil an den Olympischen Spielen teilnehmen. Sie stehen nun bereits vor Ihren zweiten Spielen. Nervös?
Tatsächlich kribbelt es mehr als vor vier Jahren, als wegen Corona keine Zuschauenden zu den Olympischen Spielen zugelassen wurden. Nun wird die Ambiance im Stadion völlig anders sein. Darauf freue ich mich allerdings sehr.
Alle Eishockeyspiele finden in Mailand statt. Waren Sie schon einmal da?
Ich war bereits vor gut zehn Jahren einmal mit der Familie in Mailand. Es handelte sich allerdings um einen Städtetrip. Die Eishockeystadien kenne ich noch nicht.
Die Distanz von Huttwil nach Peking beträgt 8000 km. Jene von Huttwil nach Mailand bloss 280 km. Wie gross wird Ihre persönliche Fantruppe an den Olympischen Spielen sein?
Meine Eltern und auch meine Grosseltern werden die ganze Dauer über vor Ort sein. Mein Bruder Luca wird eine Woche da sein. Ausserdem reisen Kolleginnen und Kollegen, Verwandte und auch mein Freund nach Mailand, um mich vor Ort zu unterstützen.
Auf was freuen Sie sich am meisten?
Meine grösste Freude ist die Tatsache, dass alle zuvor genannten Menschen mit mir vor Ort diesen speziellen Sportanlass erleben können. Ohne sie wäre ich im Eishockey nicht dort, wo ich jetzt bin.
Wie lange werden Sie an den Spielen weilen?
Dies hängt davon ab, wie weit wir es in der K.o.-Phase schaffen. Wenn das Turnier für uns zu Ende ist, werde ich nach Hause reisen.
Mit wem werden Sie das Zimmer teilen – und wieso?
Mit Sinja Leemann, die auch beim SC Bern spielt. Ich war schon immer mit ihr im Zimmer. Wir verstehen uns gut, sind ein eingespieltes Team. Wir sind auch neben dem Eishockey sehr gut befreundet.
Ihre Eishockeykarriere ist beeindruckend. In der Saison 2024/25 haben Sie mit dem SC Bern bereits Ihren dritten Meistertitel der Karriere gewonnen. Wie unterscheidet sich dieser von den beiden vorherigen, die Sie mit den ZSC Lions gewonnen haben?
Jeder Titel hat seine eigene Geschichte. Als Bernerin mit Bern quasi daheim den Titel zu holen, ist schon schön. Speziell ist der Titelgewinn auch darum, weil es das Frauenteam des SC Bern erst seit drei Saisons gibt.
Sie sind Team-Kapitänin beim SC Bern. Ein Genuss oder eine Last?
Es ist mega cool und auch eine Ehre, dieses Amt ausüben zu dürfen. Gerade auch, weil ich von meinen Mitspielerinnen als Kapitänin vorgeschlagen wurde. Ich fühle eine grosse Unterstützung vom Team.
Am 1. November 2025 spielte der SC Bern daheim gegen die ZSC Lions. Ihr Name war in dieser NLA-Partie stellvertretend für das gesamte Women’s-League-Team gross auf dem Rücken aller Trikots der SCB-Männer von, sehen. Es war eine Aktion für mehr Sichtbarkeit des Fraueneishockeys. Fühlten Sie sich geschmeichelt?
Klar. Es war eine coole PostFinance-Aktion. Es wäre natürlich schön, wenn durch solche Aktionen etwas mehr Leute auch die Frauenspiele besuchen würden.
Wenn Sie mit dem SC Bern Auswärtsspiele gegen den SC Langenthal bestreiten, finden diese in der Huttwiler Eishalle unweit von Ihrem Zuhause statt. Eine Besonderheit?
In der Tat sind die Partien in Huttwil meine eigentlichen Heimspiele. Es kommen immer so viele Leute aus meinem Umfeld in den Campus Perspektiven, was mich so fest freut. Die Spiele gegen den SC Langenthal sind sowieso besonders speziell, weil ich meine gesamte Nachwuchszeit und später auch eine Saison in der höchsten Frauenliga beim SC Langenthal verbracht habe.
An der WM in Tschechien 2025 wurden Sie zum vierten Mal in Serie unter die Top-3-Spielerinnen der Schweiz gewählt. Was bedeuten Ihnen solche Auszeichnungen?
Es ist immer eine schöne Anerkennung. Es zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin und es sich lohnt, jeden Tag hart an sich zu arbeiten.
Sie sind erst 23 Jahre alt, spielen seit 2018 für die Schweizer Frauen-Nati. In der von Swiss Ice Hockey aufgeschalteten Allzeit-Länderspielstatistik der Frauen stehen Sie mit 117 Natispielen an der Spitze. Verrückt, nicht?
Aufgrund fehlender Daten können nur die Statistiken ab der Saison 2018/19 nachvollzogen werden. Vor mir gab es aber bestimmt schon zahlreiche Spielerinnen, die mehr Länderspiele absolviert haben. Auch die aktuellen Natispielerinnen Lara Stalder oder Alina Müller dürften mehr Länderspiele bestritten haben als ich. Für mich ist die Anzahl Länderspiele aber nicht wichtig. Ich freue mich einfach jedes Mal fest darüber, wenn ich für die Schweiz spielen darf.
National haben Sie alles gewonnen, was möglich ist. Eine Medaille an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen fehlt noch im Palmarès. Doch diese zu realisieren, dürfte schwierig sein. Geben Sie mir Recht, wenn ich behaupte, dass die Schweiz weiter weg ist von den Medaillen als noch vor ein paar Jahren?
Schwierig zu sagen. Wenn bei uns alles zusammenpasst, sind wir durchaus ein Medaillenkandidat. Einfach wird es sicher nicht, weil die direkte Konkurrenz um eine Medaille in den letzten Jahren abgeliefert hat.
Russland wurde aus dem Verkehr gezogen. Hinter den unantastbaren Frauen-Nationen Kanada und USA hätte sich die Schweiz als Weltnummer 3 etablieren können. Diesen Part übernahmen zuletzt an wichtigen Titelkämpfen aber Länder wie Finnland oder Tschechien.
Finnland und insbesondere Tschechien haben enorme Fortschritte erzielt. Es benötigt von uns perfekte Leistungen, um gegen sie gewinnen zu können.
Gold und Silber sind vergeben, zu dominant treten Kanada und die USA seit Jahren auf. Was benötigt es, um einen Exploit wie an der WM 2012 und den Olympischen Spielen 2014 zu schaffen, als die Schweizer Frauen-Nati jeweils Bronze und damit die beiden einzigen bisherigen Medaillen an Grossanlässen gewann?
Das stimmt. Seit Jahren ist Gold und Silber praktisch vergeben. Allerdings ist es auch so, dass die Teams dahinter – und da zähle ich die Schweiz dazu – zuletzt ziemlich Boden gutmachen konnten. Bei uns muss wirklich alles zusammenpassen, um jenes Team zu sein, das am Ende im Kampf um die Bronzemedaille jubelt.
Wie realistisch schätzen Sie einen Medaillengewinn ein?
Wir werden von Anfang an daran glauben und hart dafür kämpfen.
Wie wichtig sind die Gruppenspiele gegen Tschechien, Kanada, USA und Finnland? Dem fragwürdigen Modus geschuldet ist es Fakt, dass die Schweiz vor dem ersten Puckeinwurf bereits für die Viertelfinals qualifiziert ist.
Unsere Konzentration gilt voll und ganz dem Viertelfinal, für den wir auch bei vier Niederlagen in den Gruppenspielen qualifiziert sind. Es hilft uns nichts, wenn wir in den Gruppenspielen sensationell Kanada oder die USA bezwingen und dann im Viertelfinal ausscheiden. Und trotzdem wollen wir in der Gruppenphase natürlich die bestmögliche Form für die K.o.-Spiele holen. Und dann ist da natürlich noch die Tatsache, dass wir mit Siegen gegen Tschechien und Finnland Gruppendritter werden würden. Dann würden wir im Viertelfinal auf den Sieger der Gruppe B (Japan, Schweden, Deutschland, Frankreich und Italien) treffen. Werden wir Gruppenvierter oder -fünfter, wäre die Viertelfinal-Aufgabe mit Tschechien oder Finnland bedeutend schwieriger.
Wer wird Olympiasieger?
Ich tippe auf Kanada.
Wo landet die Schweiz im Olympischen Männerturnier?
Schwierig. Es wird ein hochstehendes Niveau sein. Ich hoffe auf einen Exploit.
Wie viele Medaillen holt die Schweiz an den Olympischen Spielen 2026?
17 Stück.
Vorrunden-Spielplan: Freitag, 6. Februar, 14.40 Uhr, Schweiz – Tschechien; Samstag, 7. Februar, 21.10 Uhr, Schweiz – Kanada; Montag, 9. Februar, 20.40 Uhr, Schweiz – USA; Dienstag, 10. Februar, 21.10 Uhr, Schweiz - Finnland.
STECKBRIEF · Lara Christen
Rufname: Läru
Wohnort: Huttwil
Geboren: 2. Oktober 2002
Grösse: 163 cm
Gewicht: 64 kg
Sternz.: Waage
Familie: Vater Reto, Mutter Alexandra, Bruder Luca (27)
Beruf: KV-Angestellte
Hobbies: Tennis
Farbe: Blau
Kleidung: sportlich, Trainerhose, T-Shirt
Essen: Lasagne
Getränk: Rivella, Ice Tea
Musik: Hitparade, Radio, Mundart
Lektüre: Ich bin keine Leseratte
TV: Sport
Kurz Gefragt
Beste Eishockeyspieler ever
Roman Josi – neben meinem Bruder «Lu». Bei den Frauen ist es die US-amerikanische Spielerin Hilary Atwood Knight.
Rückennummer
Bei Bern war es die einzige Nummer, die noch frei war. Diese habe ich dann auch in der Nationalmannschaft übernommen.
Verletzungen
Holz anfassen – ich habe noch nie etwas Gravierendes gehabt.
Lieblingssuppe
Kürbissuppe.
Steuererklärung
Die fülle ich selber aus.
Netflix
Nach «Prison Break» und «Modern Family» schaue ich aktuell die Serie «The Rookie».
Politik
Nicht meins.
Skigebiet
Saas-Fee.
Peinlichster Moment
In meinem ersten Jahr im Schweizer Nationalteam habe ich ein Teammeeting verschlafen.