• Die Podiumsgesprächteilnehmer waren sich nur in sehr wenigen Punkten einig. Von links: Markus Russi, Roland Aregger, Moderator Andreas Schüpbach, Elias Vogt und Thomas Knutti. · Bild: Marion Heiniger

  • In Eriswil soll auf dem Grunholz ein Windrad gebaut werden. Auf dieser Fotomontage ist es aus Sicht der Kalberweid zu sehen. · Bild: zvg

04.04.2025
Oberaargau

Gegen- und Rückenwind für die Windenergie

Unterschiedlicher hätten die Meinungen und Ansichten am Podium über Windenergie nicht sein können. Während die befürwortende Seite von positiven Auswirkungen auf den Tourismus und Rückhalt in der Bevölkerung sprach, redete

die Gegenseite von ineffizienten Windrädern und Augenwischerei.

Oberaargau · «Lasst euch nicht Sand in die Augen streuen.» Diese Worte benutzte Elias Vogt, Präsident des Verbands Freie Landschaft Schweiz, am Podium zum Thema Windenergie in Eriswil nicht nur einmal. Er sprach dabei die «grossartige» Präsentation des in Eriswil geplanten Windrades an, welche zuvor durch Gemeindepräsidentin Sonja Straumann erfolgte. Der junge Politaktivist und Windkraftgegner wohnt in Grenchen und führt das Hotel Chasseral im Berner Jura. Zusammen mit SVP-Nationalrat Thomas Knutti, der aus Därstetten im Simmental kommt, bildete er an diesem Abend die Contra-Seite. Auf der Pro-Seite waren zu Gast Markus Russi, Geschäftsführer Elektrizitätswerk Ursern, welches den Windpark Gütsch oberhalb Andermatt betreibt, und Roland Aregger, Geschäftsführer der WindPower AG, Entlebuch. Moderiert wurde das Podium durch Andreas Schüpbach, SVP-Grossrat und Präsident der SVP Huttwil. Zwei Minuten gab er den Podiumsteilnehmern jeweils Zeit, um auf seine Fragen und diejenigen des Publikums zu antworten.


 

Wenig Ertrag durch Windenergie

Warum er den Eriswilerinnen und Eriswilern abraten würde, ein Windrad zu bauen, wollte der Moderator von Thomas Knutti wissen. «Windradprojekte sind Fantasieprojekte, die den Menschen wegen der Energiewende ein gutes Gefühl geben sollen, doch das ist nicht so», erklärte Thomas Knutti. Als Beispiel nannte er ein Windradprojekt auf dem Stockhorn. Die Turbine mit einem Gewicht von rund 100 Tonnen wurde eine sieben Kilometer lange Strasse hinauf transportiert, welche dafür extra gebaut werden musste. Elias Vogt verfolgte einen anderen Aspekt. Ihm sei eine natürliche, ländliche Landschaft, die nicht mit Windrädern überstellt wird, wichtig. «In Eriswil soll eine gigantische Anlage gebaut werden, die zwei Mal so hoch ist wie das Berner Münster, eine Anlage, die sich dreht, in der Nacht rot blinkt und das alles dafür, dass sie vielleicht nur an einem von fünf Tagen Strom produziert», hielt er fest. Ausserdem verbrauche die Schweiz 60 000 Gigawattstunden Strom pro Jahr, Windkraftanlagen würden dabei nur fünf Gigawattstunden beisteuern, was nicht einmal ein Zehntausendstel des Schweizer Landesverbrauchs ausmachen würde. «Man verspricht euch günstigen Strom und dass das Dorf damit versorgt werden kann, man probiert euch einzulullen und einzuseifen», wurde Elias Vogt konkreter. Die Schweiz sei kein Windland, der Strom, der hierzulande durch Wind produziert werde, sei lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein. «Ihr seid gegen Windenergie», erkannte Moderator Andreas Schüpbach, «wie sieht denn die Alternative aus?» Das grosse Problem sei die Energiestrategie 2050, in die man hineingeraten sei, antwortete Thomas Knutti. Man habe den Leuten versprochen, dass der ganze Ausbau rund 40 Franken pro Person kosten würde, in Wahrheit seien es aber über 4000 Franken. «Das ist das Problem mit den erneuerbaren Energien, man meint es gut, aber es sind Fantasieprojekte, die keinen verlässlichen Strom liefern.» Man müsse eben zusätzlich auch Ersatzstrom anbieten, damit zu Spitzenzeiten genügend Strom vorhanden sei. «Hier in Eriswil macht man für wenig Strom von einem Windrad ein solch grosses Manöver. Unter der Bevölkerung gibt es Spannungen und Streit. Einsprachen, die man zum Projekt machen kann, können bis vor Bundesgericht gehen und das alles für nicht mal ein Prozent Windenergie.» Auch Elias Vogt liess kein gutes Haar an der Windenergie. «Wenn ihr in Eriswil eine Windkraftanlage aufstellt, hat diese nur 20 Prozent Effizienz, zu 80 Prozent produziert sie wenig bis nichts.» Der Strom müsse dann von anderswo herkommen. «Es ist ein Witz, wenn man euch sagt, mit dem Windrad könne man das ganze Dorf versorgen», erklärte er weiter. Es gäbe kaum etwas Schlimmeres als eine Windkraftanlage. Zudem habe es Menschen, die in der Nähe des Eriswiler Windrads wohnen würden, sie wären dem Lärm, dem Schattenwurf, dem Infraschall und in der Nacht einem blinkenden roten Licht ausgesetzt. «Wird die Bevölkerung von Eriswil wirklich hinters Licht geführt?», wollte Andreas Schüpbach von Markus Russi wissen. «Absolut nicht», wehrte sich der Andermatter gegen diese Aussage. Das blinkende Licht störe beim Schlafen nicht, zudem drehe das Windrad nicht die ganzen 8760 Stunden im Jahr. Auch sei noch gar nicht sicher, wie gross das Windrad in Eriswil schlussendlich sein werde, wenn man den Wind aber optimal nutzen wolle, müsse man halt in die Höhe. Zudem gäbe es Auflagen, so zum Beispiel Schattenwurfabschaltungen oder Lärmpegel, die eine gewisse Grenze nicht übersteigen dürften. «Hier werden Unwahrheiten erzählt, in Andermatt steht die lokale Bevölkerung voll und ganz hinter den Windrädern, nicht zuletzt deshalb, weil wir in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich eine Verdopplung des Strombedarfes werden abdecken müssen.» «Das mit den Dezibel müsste man aber noch besser anschauen», konterte Thomas Knutti. Der Lärm sei ein riesengrosses Problem. Je näher die Menschen an einem Windrad wohnen, desto mehr würden sie darunter leiden. «Lasst euch nicht wegen einem Windrad innerhalb von der Bevölkerung dermassen spalten», startete Knutti nochmals einen Aufruf. 

Schweiz ist kein Windland
«Es kann doch nicht sein, nur weil wir die Energiestrategie haben und man sich deswegen ein grünes Mäntelchen anziehen möchte, dass wir nun alle das Gefühl haben, jetzt sind wir ein Windland. Wir haben einfach zu wenig Wind in unserem Land. Wir sind ein Tourismusland, das Bild unserer schönen Landschaft möchten wir erhalten, stehen einmal Windräder oder alpine Solaranlagen, erhalten wir unsere schöne Landschaft nie wieder zurück. Es sind Phantasieprojekte, die nicht nachhaltig sind», erklärte Knutti weiter. «Bremst die Windenergie wirklich den Tourismus?», wandte sich der Moderator an Markus Russi. «Absolut nicht», war dieser überzeugt. Die Touristen in Andermatt hätten Freude an den Windrädern. So werde denn auch mit der lokal produzierten Windenergie geworben. Auch die Entlebucher seien stolz auf ihre Windräder und als Unesco Biosphäre Entlebuch mache  man entsprechend Werbung, hakte sich Roland Aregger in das Tourismusthema mit ein. Wieder an die Gegnerseite gewandt, wollte Andreas Schüpbach von Elias Vogt wissen, ob denn die Freie Landschaft Schweiz grundsätzlich gegen erneuerbare Energie sei, oder nur dort, wo dies einschneidend für die Landschaft sei? «Wir sind ausschliesslich gegen Windenergie und sehen diese kritisch», erklärte Vogt und kam gleich wieder auf die Grösse des Eriswiler Windrades zu sprechen. «Im Richtplan spricht man von fünf Turbinen, zuerst kommt man jetzt mal mit einer 220 Meter hohen Turbine, ich wette aber, dass ihr am Schluss über fünf Windturbinen abstimmen werdet. Die Lobby möchte gerne ausbauen, ihr habt die Lobby vor euch, ihr kennt sie sogar.» Stossend findet Elias Vogt auch den damit verbundenen Wertverlust von Lebensqualität in den Dörfern und die Entwertung der sich in der Nähe befindenden Liegenschaften. Viele Häuser würden im Jura zum Verkauf stehen. «Ihr werdet es bitter bereuen», mahnte er das zahlreich zum Podium erschienene Publikum. Diese Erfahrung konnten Roland Aregger und Markus Russi nicht teilen, im Entlebuch und in Andermatt würden keine Häuser zum Verkauf stehen, im Gegenteil, es seien in den letzten Jahren viele neue Häuser gebaut worden.

Stromalternativen
Ein Votant aus dem Publikum zielte direkt gegen Elias Vogt. Er habe nun drei Mal zwei Minuten dermassen viel Unsinn erzählt und nur schlecht über Windräder gesprochen, aber keine Silbe darüber verloren, woher denn stattdessen der Strom kommen solle. Der spontan ausgebrochene Applaus stiess bei Elias Vogt nicht auf Begeisterung, «Wir haben in der Schweiz die Solarstromproduktion innerhalb eines Jahres von fünf auf zehn Prozent verdoppeln können, gerade auch in alpinen Gebieten, wo man extrem hohen Winterstromanteil hat. Wenn wir so weitermachen und nochmals fünf Prozent zulegen, dann sind das Tausende von Windturbinen, die wir nicht bauen müssen, sondern der Strom wird auf den privaten Dächern produziert.» Thoms Knutti ergänzte, dass es nicht nur darum gehe, woher der Strom komme, es brauche Strom, der auch bezahlbar sei. «Wenn wir so weitermachen, ist der Strom für die Bevölkerung und die Wirtschaft in Zukunft nicht mehr bezahlbar. Wir brauchen Bandenergie, 24 Stunden, sieben Tage die Woche, dabei kann auch Kernenergie eine Lösung sein. Wir müssen für alles offen sein, die Wasserkraft ausbauen, denn die hat noch viel Potenzial.» Roland Aregger teilte die Meinung von Thomas Knutti, dass man alles nutzen solle, um Strom zu produzieren. Eher kritisch stand er jedoch Atomkraftwerken gegenüber. «Das Uranvorkommen reicht noch für 60 Jahre, doch weltweit will man die Kernenergie ausbauen, wahrscheinlich reicht das Uran dann doch nur noch für etwa 20 Jahre. Zudem sind wir mit der Kernenergie von Russland abhängig.» Auch die nächste Stimme aus dem Publikum zielte wiederum auf Elias Vogt: «Mich nerven die demagogischen Äusserungen von Elias Vogt (demagogisch = hetzerisch), die bald 20-jährige Arbeit der Arbeitsgruppe hat mehr wert als hier dargestellt wird.» Vogt verteidigte sich: «Das ist nicht demagogisch. Das, was die Gemeindepräsidentin vorhin sagte, stimmt alles, aber es ist einseitig, man versucht euch einzuseifen, es geht hier um Geld und nicht um den Strom. Man bietet euch an, den eigenen Strom zu kaufen, aber der kommt ja nur zu 20 Prozent von eurem Windrad, der Rest muss eingekauft werden und kommt vom Atomkraftwerk in Gösgen oder aus Deutschland. Es wird euch Sand in die Augen gestreut, das ist nicht demagogisch, sondern sachlich.» Dieser Aussage hielt Markus Russi entgegen: «Die Gemeinde Eriswil kann einen Vertrag machen und kann bestimmen, dass der vom eigenen Windrad produzierte Strom für die Grundversorgung des Dorfes bleibt, der Rest wird verkauft.»  

Speicherlösungen und Infraschall
Ein weitere Frage aus dem Publikum bezog sich auf das Thema Strom-Überproduktion im Sommer durch private Solaranlagen und ob es nicht besser wäre, über Speicherlösungen nachzudenken. «Man ist daran, Speicherlösungen zu suchen, die besten Speicher sind die Stauseen, Batterien sind fraglich wegen der Umwelt. Ich schlage vor, ein Elektroauto zu kaufen, um den eigenen Strom optimal nutzen zu können», antwortete Markus Russi. Nach Meinung von Elias Vogt gäbe es neben den Speicherkraftwerken in den Alpen noch weitere Lösungen. So zum Beispiel Wasserstoff- oder Salzspeicher. Diese seien zwar noch ineffizient, aber das werde sich ändern. Ebenfalls angesprochen wurde das Thema Infraschall. Der Infraschall einer Windturbine sei so tief und so gering, dass man dies in den Messungen nicht berücksichtige. In der Umwelt gäbe es viel höhere Infraschallquellen, so zum Beispiel eine Wärmepumpe, war von Markus Russi zu erfahren. Für Elias Vogt besteht sehr wohl ein Problem mit Infraschall. «Infraschall ist weniger ein Ton, sondern vielmehr eine Vibration, der bei Windturbinen durch die Rotorblätter entsteht, es kann aber je nach Geologie des Geländes sehr wohl ein Problem für die Anwohner werden», erklärte er. Nach gut zwei Stunden beendete Moderator Andreas Schüpbach das Podiumsgespräch. Bei einem Apéro konnten aber weiterhin Fragen an die Gesprächsteilnehmer gestellt werden. 

Von Marion Heiniger