Die 32-jährige Langenthaler Curlerin Carole Howald strebt mit der Schweiz eine Olympiamedaille an. · Bilder: Keystone
«Goldene Medaille wäre schon die Schönste»
Am Donnerstag gehen für Carole Howald und somit auch für Langenthal die Olympischen Spiele richtig los. Die Curlerin tritt am Vormittag gegen Italien zum ersten Gruppenspiel an und hat dabei realistische Chancen, als erste Langenthalerin überhaupt Olympia-Gold nach Hause zu bringen. Für die 32-Jährige ist das noch ein langer Weg – der Gewinn einer Medaille ist aber dennoch das erklärte Ziel.
Carole Howald, Curlingspielerin aus Langenthal · Ab dem Donnerstag in dieser Woche wird in Langenthal mächtig mitgefiebert. Mit Carole Howald greift nämlich eine waschechte Langenthalerin ins Spielgeschehen beim Curling-Wettbewerb der Olympischen Spiele ein. Die heute 32-Jährige ist in Langenthal aufgewachsen, in der Elzmatte zur Schule gegangen, trägt als Burgerin den Heimatort Langenthal und ist bis heute in Langenthal wohnhaft und angemeldet, obwohl sie aus sportlichen Gründen in Magglingen Wochenaufenthalterin ist. Sie selbst sagt: «Langenthal liegt mir sehr am Herzen.» Gemeinsam mit ihrem Freund hat sie in Kanada erst kürzlich ein Haus gebaut, aber auch hier stellt sie klar: «Unser Ziel ist es, sechs Monate in Kanada und sechs Monate in Langenthal zu leben.» Danach hängt sie lachend an: «In Langenthal dann am liebsten gleich im Zentrum.» Und nun macht sie sich auf, Langenthals erste olympische Goldmedaille zu gewinnen.
Die Weltnummer 2
Gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen vom Team Tirinzoni (Selina Witschonke, Alina Pätz und Silvana Tirinzoni) hat sie dafür realistische Chancen. Die bisherige Saison war besser als jede zuvor. Bei insgesamt elf Turnieren nahm das Schweizer Team an zehn Finals teil, sechs konnten siegreich gestaltet werden. Als Weltnummer zwei gehen die Schweizerinnen zusammen mit den an Nummer eins gesetzten Kanadierinnen als die grössten Favoritinnen in dieses Turnier. In der mittlerweile langen Geschichte der Olympischen Spiele gibt es keine Aufzeichnungen über eine Goldmedaille, die ein Langenthaler gewonnen hat; unsicher ist einzig, ob in den 1920er-Jahren einst ein Roggwiler für die einzige Oberaargauer Goldmedaille gesorgt hatte, oder ob auch der ganze Oberaargau noch «goldlos» ist. Carole Howald wäre somit womöglich die erste Oberaargauerin und ganz sicher die erste Langenthalerin, der dieser Coup gelingt.
Lockerheit ist wichtig
Bis dorthin ist es laut der 32-Jährigen aber ein weiter Weg. «Es sind neun Gruppenspiele, danach folgen die Halbfinals und der Final – da kann man auch mal ein Spiel verlieren. Es kann so viel passieren», weiss sie. Der Gewinn einer Medaille sei aber zweifellos das Ziel. Dieses will sie aber nicht zu verbissen verfolgen, «eine gewisse Lockerheit ist wichtig», erklärt sie, ruhig bleiben, auch wenn mal etwas schieflaufen sollte, ist die Devise. Und: Zu weit nach vorne denken, wolle sie sowieso nicht. Die Gedanken sind kurzfristig gehalten: Schritt für Schritt, Stein für Stein. «Natürlich wollen wir es in den Final schaffen. Und Finals sind immer zum Gewinnen da», lacht Carole Howald. «Wir wissen aber, dass es bis dahin viele Herausforderungen gibt – und da muss viel passen.»
Bereits viele WM-Erfolge
Ausserdem war der Weg alleine bis zum heutigen Tag schon lange, dauert die gemeinsame Reise doch schon vier Jahre. Insbesondere im Curling wird bei einer Teamzusammenstellung vieles auf die Olympischen Spiele ausgerichtet. Als Leaderin des Teams gewann Silvana Tirinzoni 2019, 2021, 2022 und 2023 die Weltmeisterschaft, 2023 und 2024 zudem die Europameisterschaft. Während Carole Howald im Jahr 2022 dazustiess, gehört Alina Pätz schon länger dazu, Selina Witschonke stiess im Jahr 2023 dazu. Und gerade für die 46-jährige Skip Silvana Tirinzoni könnten es durchaus auch die letzten Olympischen Spiele sein, also die letzte Chance, den grossen Traum zu erfüllen. «In die Zukunft denken wir aber noch gar nicht. Hier wollten wir sein. Also zählt für uns aktuell nur das Hier und Jetzt.» Was danach passiere, sei ein Team-Entscheid und hänge von vielen, unterschiedlichen Faktoren ab. «Wieso jetzt aufhören, wenn es so gut läuft», wirft Carole Howald zwar durchaus als Argument in den Raum. Erst nach der Weltmeisterschaft im März 2026 würden diese Themen aber überhaupt gemeinsam diskutiert.
Wenn der olympische Traum kickt
Und vielleicht müssen danach auch zuerst die zahlreichen Eindrücke ein bisschen wirken und verarbeitet werden. «Als wir unsere Kleider vor ein paar Wochen anprobieren durften, war das schon ganz speziell», erinnert sich Carole Howald. Wie alle Schweizer Olympioniken wurde auch das Team Tirinzoni von Ochsner Sport mit der offiziellen Kleidung der Olympioniken ausgestattet, der Anprobe-Termin sei aussergewöhnlich gewesen, sagt sie. «Da wurde uns dann wirklich klar: Hey, wir gehen an die Olympischen Spiele», sagt die Langenthalerin und hängt an: «Ich werde in den nächsten Tagen die gleichen Klamotten wie beispielsweise ein Marco Odermatt tragen dürfen. Das ist schon etwas ganz Besonderes.» Vergangenen Freitag machte sich das Team dann ins Pre-Camp nach Flims auf, wo die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Dort wurde dann auch fleissig trainiert, genauso sei aber auch Regeneration beispielsweise durch Massage- und Physio-Termine in den Tagesablauf eingeflossen. Am gestrigen Montag trat das Team dann die Reise nach Cortina an; dort werden nun fleissig die Steine und auch das Eis getestet. «Gerade die ersten Tage sind wichtig, damit wir uns wohlfühlen», sagt Carole Howald. Man müsse das Eis analysieren, Besonderheiten kennenlernen und für die nahenden Spiele daraus lernen. «Mein persönliches Ziel ist es, dass wir von Tag zu Tag besser werden. Wenn wir uns stetig steigern können, dann haben wir im Verlauf des Turniers gute Chancen.» Weiterhelfen könnte da auch ein guter Start gegen Italien; auch hier wolle man die erste Partie aber nicht überbewerten. Ein erster Erfolg wäre toll, aber keine Pflicht, um den Gewinn einer Medaille zu erreichen.
Dankbarkeit für den Moment
Mit dem «Unter-Emmentaler» hat Carole Howald kurz vor ihrer Abfahrt nach Flims gesprochen. Nervös war sie an jenem Tag nicht. «Vielleicht kommt das noch», lachte sie, aktuell überwiege aber ganz klar die Dankbarkeit. «Wir dürfen über die olympischen Ringe ‹sliden›. Allein das ist ein unglaubliches Gefühl. Das ist der Wahnsinn. Ich darf hier sein, mit meinem Team. Und darüber bin ich überaus dankbar», sagt Carole Howald. Viele Teams hätten viel dafür getan, diesen Traum zu erreichen, sie sei eine von wenigen, die letztlich diese Erfahrung sammeln könne. Ein bisschen Aufregung werde da dann zwischenzeitlich wahrscheinlich auch dazugehören, «aktuell kann ich aber noch ganz gut schlafen», sagte sie vergangene Woche. Dass die Spiele in der Nähe seien, sei für sie ein weiterer Vorteil. Das Gegenteil erlebte Carole Howald vor vier Jahren in Peking, als sie im Team von Silvana Tirinzoni als Ersatzfrau Vierte wurde. «Es gibt keine Zeitverschiebung – und es werden so viele Freunde, die Familie und auch mein Freund mit dabei sein. Das wird unglaublich toll für uns.»
Medaillenpotenzial klar da
Und so fehlt eigentlich nur noch die Krönung für das vierjährige Olympia-Abenteuer. Und auch für Carole Howalds Palmarès, das neben Europa- und Weltmeisterschaftsgold auch den Titel des Grand Slams of Curling und die Players Championship bereits umfasst. «Der Gewinn einer Medaille ist ein realistisches Ziel. Ich bin überzeugt, dass wir dafür das Potenzial haben», sagt Carole Howald vielleicht sogar etwas defensiv. Auf die Frage, ob es denn nicht die Goldene sein müsse, überlegt sie nur kurz, ehe sie antwortet: «Die goldene Medaille wäre schon die Schönste.»
Spielplan Schweiz Vorrunde: Donnerstag, 12. Februar, 9.05 Uhr, Italien; Freitag, 13. Februar, 14.05 Uhr, China; Samstag, 14. Februar, 9.05 Uhr, Japan; Samstag, 14. Februar, 19.05 Uhr, Kanada; Montag, 16. Februar, 9.05 Uhr, Schweden; Montag, 16. Februar, 19.05 Uhr, Grossbritannien; Dienstag, 17. Februar, 14.05 Uhr, Südkorea; Mittwoch, 18. Februar, 19.05 Uhr, Dänemark; Donnerstag, 19. Februar, 14.05 Uhr, USA.
Von Leroy Ryser