Naja Ritter während dem historischen WM-Halbfinal-Erfolg gegen Schweden. · Bilder: Keystone
«Habe den WM-Titel noch nicht realisiert»
Die 22-jährige Sumiswalderin Naja Ritter ist Weltmeisterin im Unihockey. Mit der Schweizer Nati hat die Verteidigerin der UHV Skorpion Emmental an der WM in Tschechien diesen historischen Erfolg geschafft. Die Studentin berichtet von den verrückten WM-Tagen.
Interview: Stefan Leuenberger im Gespräch mit Naja Ritter, Unihockey-Weltmeisterin aus Sumiswald – Sie sind Weltmeisterin im Unihockey.
Das tönt noch immer so weit weg. Der Stellenwert ist gigantisch. Aber ich habe es noch überhaupt nicht realisiert. Ich benötige noch einige Tage dafür, obwohl die Unihockeyszene der Schweiz und mein gesamtes Umfeld den Titelgewinn natürlich zelebrieren – und ich immer wieder darauf angesprochen werde. Es braucht etwas Zeit.
Welchen Ehrenplatz erhält die WM-Goldmedaille?
Sie wird in meinem Zimmer hängen, wo ich sie immer sehen kann und damit die unglaublichen Momente gedanklich immer wieder aufgefrischt werden.
Erzählen Sie ein wenig von den Feierlichkeiten – «Stubete Gäng» inklusive.
In der Garderobe haben wir den Erfolg so richtig ausgelassen gefeiert. Schon dort war – wie nach jedem Torerfolg – die «Stubete Gäng» musikalisch vertreten. Anschliessend ging es an die Players-Party in einen Club in Ostrava. Obwohl wir physisch und psychisch nach dieser intensiven WM völlig fertig waren, haben wir es mit unseren Goldhüten krachen lassen. Schliesslich gab es nur zwei Stunden Schlaf, ehe der Rückflug auf dem Programm stand. Um 15 Uhr kamen wir in Kloten an. Der Empfang war gigantisch. Im Stadtsaal von Kloten waren Familien, Freunde und Fans vereint. Die «Stubete Gäng» reiste extra an, um mit uns auf der Bühne den Song «Dunne mit de Gäng», der uns durch die ganze WM begleitete, anzustimmen. Das war einfach cool. Am Montagabend war ich dann froh, daheim im Kreis meiner Familie angekommen zu sein. Endlich konnte ich mich ein bisschen ausruhen.
Wie intensiv war die WM-Zeit mit ihren Teamkolleginnen bei der UHV Skorpion Emmental, Doris Berger, Ladina Tödury und Marylin Thomi?
Ich muss sagen, dass ich mit allen Natikolleginnen gleich viel Zeit verbracht habe, was zeigt, wie toll die Chemie im gesamten Team ist.
Mit wem haben Sie das Zimmer geteilt?
Mit Nathalie Spichiger. Die langjährige «Skorps»-Spielerin kenne ich natürlich sehr gut. Wir sind uns sehr vertraut, was wichtig ist, wenn man über zehn Nächte gemeinsam in einem Zimmer verbringt. Allerdings hätte ich mit jeder Natispielerin das Zimmer geteilt.
Gab es spezielle Rituale?
Tatsächlich hatten wir teamintern die Wertung «Hunter of the day» am Laufen. Eine gute Tat wurde mit diesem Titel belohnt. Ich habe (Ritter lacht dazu – Anmerkung des Verfassers) die Auszeichnung nie erhalten.
Hatten Sie familiäre Unterstützung an der WM in Tschechien?
Die war tatsächlich sehr gross. Meine Eltern, drei Brüder und mein Freund waren vor Ort. Auf den Halbfinal und den Final hin sind dann sogar noch langjährige Unihockey-Weggefährtinnen extra angereist.
Bezeichnen Sie den Schweizer Titelgewinn auch als «das Wunder von Ostrava»?
Wir wussten, zu was wir fähig sind. Ganz wichtig dafür war der erste Sieg gegen Schweden seit 20 Jahren Mitte Oktober. Wir konnten anlässlich der Euro Floorball Tour in Chur mit 5:4 gewinnen. Uns war klar, dass einiges möglich ist, wenn wir Spiel für Spiel unsere Leistung abrufen. Im Halbfinal gelang uns eine Topleistung, womit der souveräne Sieg gegen Schweden möglich wurde. So gesehen war der Sieg kein Wunder, sondern vielmehr das Resultat harter Arbeit und einer perfekt umgesetzten Leistung.
Ab welchem Zeitpunkt haben Sie ernsthaft daran geglaubt, dass die Schweiz 20 Jahre nach Singapur 2005 zum zweiten Mal Weltmeisterin im Frauen-Unihockey werden kann?
Mit dem Sieg gegen Schweden haben wir einen riesigen Schritt getan. Es war aber alles so surreal, dass der Gedanke an den WM-Titel einfach nicht präsent war. Mit Fortdauer der Finalpartie gegen Tschechien und spätestens beim 2:0 habe ich dann schon daran geglaubt, dass wir es schaffen können.
Sie haben als Verteidigerin beim Sieg gegen die Slowakei ihre beiden ersten WM-Tore – drei Tore im Natidress sind es insgesamt – erzielt. Ein weiterer Meilenstein.
Ich habe mich sehr darüber gefreut. Das Toreschiessen gehört ja nicht zu meinen Kernaufgaben.
Wieso sind Sie überhaupt Verteidigerin – und nicht Goalgetterin?
Ich wollte seit jeher immer hinten spielen. Dies ist so geblieben.
Sie durften vorher an zwei U19-Weltmeisterschaften für die Schweiz antreten (ohne Medaillengewinn). Kein Vergleich zu einer WM bei den «Grossen», oder?
Wir haben damals auf U19-Stufe Medaillen knapp verpasst. Nun klappte es bei der Elite gleich mit Gold. Es ist viel besser so, als umgekehrt. Das ganze Drumherum ist an der WM der Aktiven natürlich viel gigantischer.
Wie sind Sie überhaupt zum Unihockeysport gestossen?
Das war in der 2. Klasse. Ausgelöst durch meinen Bruder. Ich habe ihn stets an die Partien des UHC Grünenmatt begleitet oder ihn von den Trainings abgeholt. Irgendwann dachte ich mir, dass ich ja auch mitmachen könnte, wenn ich schon immer da bin. So habe ich ab diesem Zeitpunkt für vier Jahre bei den Junioren von Grünenmatt mitgespielt. Mädchenteams gab es bei Grünenmatt keine. Dann wechselte ich zur UHV Skorpion Emmental, wo ich fortan in den Juniorinnen-Equipen mitspielte.
Hat Sie keine andere Sportart gereizt?
Doch, die Leichtathletik, die ich bei der LG Sumiswald auch bis zur Oberstufe ausgeübt habe. Doch dann war klar, dass ich im Unihockey grössere Fortschritte erziele und höhere Ambitionen habe. Beach-Volleyball würde mich noch reizen. Diese Sportart habe ich noch nicht gezielt ausgeübt.
Mitte der Saison 2019/20 wurden Sie in das NLA-Team der UHV Skorpion Emmental befördert. Als junge Spielerin haben Sie es mit viel Fleiss zur Stammspielerin geschafft. Wo sehen Sie selber Ihre Qualitäten?
Ich kann die Ballsicherheit in die Linie bringen und mit viel Tempo nach vorne auslösen. Allerdings ist mir dies in der aktuellen Saison noch nicht zu meiner vollen Zufriedenheit gelungen.
Sie sind Weltmeisterin. Mit einem Titelgewinn auf Klubebene mit der UHV Skorpion Emmental wollte es aber bisher nicht klappen.
Und genau diesen Titelfluch wollen wir besiegen. Wir haben im Cup wie auch in der Meisterschaft die Möglichkeit, 2025/26 den Titel zu holen.
Sie sind erst 22 Jahre alt und bereits Weltmeisterin. Haben Sie nicht Angst vor möglichen Motivationsproblemen?
Im Jux habe ich vor der WM meinen Brüdern erklärt, dass ich meine Karriere beende, wenn ich den WM-Titel hole. Dies werde ich nun natürlich nicht tun. Ich habe noch genügend Biss, um weitere Erfolge im Unihockey zu schaffen. Auch mit einem WM-Titel im Rücken.
Bislang war es der Traum jeder jungen, starken Unihockeyspielerin, einmal in Schweden spielen zu können. Nun ist Schweden an der WM abgestürzt, hat erstmals überhaupt keine Medaille gewonnen. Während die Schweiz den WM-Titel holte.
Wollen nun alle guten Unihockeyspielerinnen in der Schweizer Liga spielen?
So schnell geht es natürlich nicht. So sehr der Titel hilft und Swiss Unihockey neue Türen öffnet – die aktuell beste Unihockey-Liga mit den besten Spielerinnen ist jene in Schweden.
Wie sieht es bei Ihnen aus? Möchten Sie einmal im Ausland den Unihockeysport ausüben?
Tatsächlich will ich den Sprung nach Schweden wagen. Ich möchte im kommenden Sommer zu einem schwedischen Spitzenteam wechseln. Die Gespräche laufen. Spruchreif ist allerdings noch nichts. Mein Studium könnte ich in Schweden fortsetzen, dies wäre kein Problem. Klappt es nicht mit dem Wechsel nach Schweden, werde ich bei den «Skorps» bleiben.
Zum Schluss – und aus Aktualität: Wie verbringen Sie die Weihnachtstage?
Wir geniessen die feierliche Zeit im Kreis der Familie mit Essen und Weihnachtsbaum. Auf dem Tisch wird Kartoffelgratin mit einem feinen Stück Fleisch stehen. Anschliessend werde ich im Freundeskreis einige Skitage im Wallis verbringen.
Steckbrief – Naja Ritter
Rufname: Naja
Wohnort: Sumiswald
Geboren: 21. April 2003
Grösse: 164 cm
Gewicht: 56 kg
Sternz.: Stier
Beruf: Studentin
Zivilstand: in festen Händen
Hobbys: Sport allgemein, Zeit mit der Familie verbringen
Farbe: hellblau
Kleidung: locker
Essen: Dampfnudeln
Getränk: Mate
Musik: Mundart, speziell Kunz
Lektüre: Biografien
TV: Sportsendungen,
auf Netflix aktuell
Weihnachtsfilme
Kurz Gefragt
Beste Unihockeyspielerin ever
Maja Viström.
Gerade so gut wie Unihockey
Die Zusammenarbeit mit Kindern.
Rückennummer
Die Nummer 3 habe ich nach dem Motto «aller guten Dinge sind drei» gewählt.
WM-Pokal
Wir haben abgemacht, dass jede Spielerin den Pokal einige Tage bei sich daheim haben kann. Darauf
freue ich mich natürlich.
Verletzungen
Ich bin anfällig für Bänderverletzungen. Auch an der WM war ich dies-
bezüglich nicht ganz beschwerdefrei. Zudem hatte ich einmal eine Gehirnerschütterung.
Ihr grösster Fan
Ganz klar mein Grossvater. Er verpasst kein Spiel. Er macht von jeder Partie eine Analyse. Nach jedem Spiel gehe ich in sein Büro, damit wir – auch per Videoanalyse – gemeinsam eine Auswertung vornehmen können.
Ritterfarm
Bei unserem Familienbetrieb im Ober Gammenthal hilft die ganze Familie mit. Allerdings muss ich eingestehen, dass ich, auch aus Zeitgründen,
auf dem Bauernhof von allen am
wenigsten mithelfe.
Freund
Luca Fankhauser von den Unihockey Tigers ist mein Freund. Wir haben
uns durch den Unihockeysport
kennen gelernt.
Eigene Homepage
Habe ich (noch) keine.
Instagram
Darauf bin ich vertreten.
Und immer aktiver.
Kreuzworträtsel
Eher nein, dafür Sudoku.
Süssigkeiten
Ich habe alle Fruchtgummi-
Süsswaren sehr gerne.
Jahreszeit
Frühling, wenn alles erwacht.
Instrument
Erst seit kurzem spiele ich Klavier.
Der Grund dafür: Ich muss ein
Instrument erlernen, um meinen
Berufswunsch Lehrerin ausüben
zu können. Das Klavierspielen gefällt mir allerdings sehr.