«Kleine Gemeinden kämpfen natürlich oft damit, dass sich zu wenige Leute engagieren. Aber wir merken auch: Wenn man den Menschen erklärt, was ein Amt konkret beinhaltet, öffnet sich manchmal doch jemand dafür. Bei den letzten Wahlen fanden wir relativ problemlos Gemeinderäte und Kommissionsmitglieder – das zeigt mir, dass das Interesse am Mitgestalten durchaus vorhanden ist.»
Hans Peter Baltensperger: Der Gemeindepolitiker aus Leidenschaft
Eigentlich hatte Hans Peter Baltensperger sein Amt nach zwölf Jahren abgegeben. Doch als kein Nachfolger gefunden wurde, änderte Wyssachen sein Organisationsreglement – so dass er nochmals antreten konnte. Ein Gespräch über politisches Engagement, Verantwortung und die Herausforderungen kleiner Gemeinden.
Oberaargau · Gabriela Graber im Gespräch mit Hans Peter Baltensperger, Gemeindepräsident von Wyssachen
Herr Baltensperger, wie fühlt es sich an, erneut als Gemeindepräsident gewählt worden zu sein – und das unter ganz besonderen Umständen?
Es geht mir gut – ich bin motiviert. Die Situation an der Gemeindeversammlung war angespannt, aber nicht, weil ich mich persönlich angegriffen gefühlt hätte, sondern wegen der Diskussion um die Amtszeitverlängerung. Ich wusste: Ich habe nichts zu verlieren. Inzwischen habe ich die erste Sitzung hinter mir – und freue mich, wieder dabei zu sein.
Drei Amtszeiten liegen hinter Ihnen – eigentlich wäre Schluss gewesen. Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie nun doch noch einmal kandidieren?
Ich war keineswegs amtsmüde – im Gegenteil: Die Gemeindepolitik interessiert mich nach wie vor sehr. Ich habe mich nie zu Sitzungen gezwungen gefühlt. Sie haben mir Freude gemacht – sei es wegen der spannenden Geschäfte oder dem guten Mitein-ander mit Gemeinderat und Verwaltung. Natürlich wurde auch mal heftig diskutiert, aber am Ende fanden wir fast immer einen gemeinsamen Entscheid – und sind danach zusammen etwas trinken gegangen. In einer kleinen Gemeinde wie Wyssachen geht es um konkrete Anliegen der Bevölkerung, nicht um politische Interessenvertretung auf höherer Ebene. Da ist man mit mehr Herzblut dabei. Nachdem die vorgesehene Nachfolge tragischerweise verstorben war, wollte sich weder im Gemeinderat noch in der Bevölkerung jemand zur Wahl stellen. Wir haben aktiv gesucht –, aber ohne Erfolg. An der Gemeindeversammlung hätte es zu einer offenen Wahl kommen können, doch wir waren überzeugt: Niemand hätte spontan angenommen. Deshalb habe ich mich bereit erklärt, nochmals anzutreten.
Das Reglement musste angepasst werden, damit Sie nochmals antreten durften. Wie lief dieser Prozess ab – und weshalb war er nötig?
Laut dem bisherigen Reglement durfte man maximal drei Amtszeiten machen. Damit ich nochmals kandi-dieren konnte, musste dieses an der Gemeindeversammlung angepasst werden. Der Kanton hatte die Änderung bereits genehmigt – das war keine grosse Sache, aber es hat mehrere Monate gedauert. Uns war schon länger empfohlen worden, das Reglement zu aktualisieren – es war seit dem Jahr 2000 nicht mehr überarbeitet worden. So haben wir die Anpassung der Amtszeitbegrenzung gleich als Gelegenheit genutzt, um es an die heutigen Gegebenheiten anzupassen.
Dass für eine weitere Amtszeit das Reglement angepasst werden musste, war nicht unumstritten. Wie sind Sie mit dieser Kritik umgegangen?
Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich gebe zu, dass ich dieses Amt liebe. Aber ich fände es schade, wenn man jemanden dazu verknurren würde. Es klingt vielleicht für manche schon so, als könnte ich nicht loslassen. Aber diese Stimmen kann ich nicht ändern.
Wie stellen Sie sicher, dass das Vertrauen in demokratische Prozesse gewährleistet ist?
Die demokratischen Prozesse bleiben erhalten – es ändert sich in dieser Hinsicht nichts. Die Gemeindeversammlung hat transparent über die Reglementsanpassung entschieden, und der Kanton hat sie genehmigt. Für mich ist klar: Demokratie ist zentral.
Warum war es so schwierig, jemanden zu finden?
Beim Präsidium liegt das vor allem an der nötigen Flexibilität. Als Gemeinderat kann man vieles auf den Abend legen – die Sitzungen sind meist abends. Als Gemeindepräsident hat man aber auch tagsüber Einsätze, oft auch spontan. Ich habe das Glück, dass ich selbständig bin und mich entsprechend organisieren kann. Meine Frau managt unser Büro. Wenn ich weg bin, übernimmt mein Sohn das Tagesgeschäft. So kann ich mir das Amt überhaupt leisten.
Wie sind Sie ursprünglich zur Gemeindepolitik gekommen?
Schon als Schüler und junger Mann habe ich mich für das Geschehen hier im Dorf und in der Umgebung interessiert. Ich begann früh damit, Zeitung zu lesen, weil mich das Leben in der Gemeinde einfach faszinierte. Mein erster Schritt in die Gemeindepolitik war im Jahr 2001, als ich in die Baukommission gewählt wurde. Dort war ich acht Jahre lang aktiv, bevor ich in den Gemeinderat gewählt wurde und das Ressort Bildung übernahm. Bereits nach einem Jahr kam das Vizepräsidium dazu – und kurz darauf wurde ich Gemeindepräsident. Dieses Amt habe ich dann zwölf Jahre lang mit Freude und Engagement ausgeübt.
Was waren für Sie persönlich die grössten Meilensteine Ihrer bisherigen Amtszeiten? Worauf sind Sie besonders stolz?
Es gab viele Highlights. Besonders schön fand ich, dass wir gemeinsam gestalten und am Ende konkrete Resultate sehen konnten. Ein grosses Projekt war die umfassende Sanierung des Schulhauses – von der Turnhalle bis zum Hauptgebäude. Das war eine Teamleistung des gesamten Gemeinderats. Auch im Bereich der Strassensanierungen konnten wir einiges voranbringen. Daneben haben wir begonnen, die internen Strukturen in Verwaltung und Gemeinderat neu aufzugleisen – mit klareren Zuständigkeiten, nachvollziehbareren Abläufen und dem Ziel, die Verwaltung gezielt zu entlasten. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen, aber wir sind auf gutem Weg, die Strukturen an heutige Herausforderungen anzupassen.
Gab es Momente, in denen Sie besonders gespürt haben, dass Ihre Arbeit geschätzt wird?
Ich durfte in all den Jahren viele gute Menschen kennenlernen. Besonders gefreut haben mich Briefe – nicht nur kritische, sondern auch solche, in denen man mir Mut zugesprochen oder einfach gedankt hat. Einige kamen völlig unerwartet. Das bleibt mir in guter Erinnerung.
Sie dachten also nie ans Aufhören?
Nein. Es gab sicher herausfordernde Momente, aber aufgeben wollte ich nie. Der für mich persönlich schwierigste Moment war wohl, als nach einer ganztägigen Klausursitzung mit anschliessendem gemütlichen Beisammensein um 22 Uhr mein Telefon klingelte und es hiess, dass ein Gemeinderatskollege gestorben sei. Das hat mich extrem mitgenommen.
Das klingt nach einem sehr einschneidenden Erlebnis.
Ja. Es war die Person, die mein Amt hätte übernehmen sollen. In dem Moment wurde mir stark bewusst, wie plötzlich sich alles ändern kann – und wie verletzlich wir sind.
Was hören Sie von den Menschen im Dorf? Was erwarten diese vom neuen alten Präsidenten?
Ich glaube, unsere bisherige Strategie wurde von der Bevölkerung mitgetragen – es gab kaum Kritik. Was viele jedoch vermissen, ist das klassische Dorfleben. Besonders das Restaurant fehlt, das Rössli wurde vor zwei Jahren geschlossen. Gerade für die Vereine war es ein wichtiger Treffpunkt, um nach Anlässen zusammenzusitzen. Dieses Miteinander wünschen sich viele zurück.
Gibt es konkrete anstehende Projekte?
Ein grosses Thema ist sicher der Glasfaserausbau. Die Gemeindeversammlung hat uns den Auftrag gegeben, die Situation zu prüfen – auch, weil es Widerstand gegen eine 5G-Antenne gab. Während meiner vorherigen Amtszeit haben wir viele Abklärungen getroffen und waren im Gespräch mit Prioris, doch es kam zu keinem konkreten Angebot. Leider intervenierte damals ein anderes Unternehmen, vermutlich um die Marktstellung zu sichern, was den Prozess zusätzlich erschwert hat. Ein flächendeckendes Glasfasernetz ist für eine Gemeinde wie Wyssachen zentral – gerade wenn man bedenkt, wie gefragt ländliche Lagen in Zeiten des Homeoffice geworden sind. Doch der Ausbau ist bei uns teuer, weil die Anschlüsse weit verstreut sind. Der Bund verspricht zwar eine flächendeckende Abdeckung, aber es ist unklar, ob damit wirklich alle erreicht werden. Ich befürchte, wir gehören zu denen, die noch lange warten müssten – oder selbst investieren müssen. Deshalb möchte ich hier vorwärtsmachen. Weitere Projekte betreffen die Sanierung von Strassen – besonders Güterstrassen und Hofzufahrten – sowie mittelfristig auch die Sanierung des Gemeindehauses.
Wyssachen gilt als kleine Gemeinde – aber wie gross ist das politische Interesse bei den Menschen vor Ort?
Die Menschen hier sind froh, wenn alles läuft, aber sie reden auch mit. An den Gemeindeversammlungen sind sie engagiert dabei. Ich erlebe Wyssachen als weltoffene Gemeinde. Statt stur auf sich selbst zu schauen, ist man offen für Kooperationen. Dieses Denken über den Gartenhag hinaus ist spürbar. Als es etwa 2014 um den Feuerwehr-Zusammenschluss ging, war Wyssachen von Anfang an offen – wir erkannten rasch, dass es eine sinnvolle Lösung ist. Auch bei der Verlegung der Oberstufe nach Huttwil gab es zwar kritische Fragen, doch letztlich entschied man sich zugunsten der Kinder und ihres Bildungswegs. Der Mehrwert wurde rasch erkannt – spätestens ab 2012 war klar: Das war der richtige Schritt.
Wie fliessen neue Ideen aus der Bevölkerung ein?
Die Hochschule Luzern hat 2017/18 im Rahmen eines Lehrgangs unsere Gemeinde unter die Lupe genommen und Verbesserungspotenzial aufgezeigt. Daraus entstand die Gruppe «Wyssachen in Bewegung», bestehend aus sechs engagierten Personen. Sie nehmen seither Bedürfnisse aus der Bevölkerung auf, bringen Ideen ein, leiten diese an die Kommissionen weiter – und entlasten so den Gemeinderat, der oft stark ins Tagesgeschäft eingebunden ist. Ich habe gelernt: Forderungen kommen selten direkt beim Gemeinderat an. Sie müssen auf einer tieferen Ebene wachsen. Wir begrüssen das Engagement dieser Gruppe sehr. Ein konkretes Beispiel, das sie angestossen haben, ist der generationenübergreifende neue Spielplatz.
Was hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren in Wyssachen positiv entwickelt?
Ich habe das Gefühl, die Gemeinde ist in den letzten Jahren näher zusammengerückt – vielleicht auch als Folge der Corona-Krise. Es herrscht mehr Miteinander als früher. Früher gab es hier auch viele religiöse Gruppierungen, die nebeneinander existierten. Heute spüre ich mehr ein Miteinander, auch weil sich einige dieser Gruppen angenähert oder sogar zusammengeschlossen haben. Ein wichtiger Schritt war sicher der regelmässige Austausch zwischen Kirchgemeinde und politischer Gemeinde. Bei einer Kirchgemeinde-versammlung habe ich einmal gesagt: «Wir sind nicht die Kirchgemeinde oder die politische Gemeinde – wir sind Wyssachen.» Mir war wichtig, dass es kein Gegeneinander gibt. Auch Anlässe wie die Vereins- und Einzelehrung haben dazu beigetragen. Daraus ist mit der Zeit der Titel «Wyssacher des Jahres» entstanden. Alle Vereine werden eingeladen, Leistungen werden gewürdigt und das hat das Gemeinschaftsgefühl deutlich gestärkt.
Was bedeutet es für Wyssachen, dass Unternehmen wie Loosli oder Clevergie dem Standort treu bleiben?
Dank den beiden Firmen haben wir in Wyssachen nach wie vor ein aktives Gewerbe. Es freut mich sehr, dass diese Betriebe hier Perspektiven sehen – und nicht alles an die Autobahn verlagert wird. Das hat nicht nur steuertechnisch positive Auswirkungen, sondern ist auch für unsere Region und die Menschen vor Ort von grossem Wert.
Was ist Ihre Vision für Wyssachen?
Meine Vision ist, dass Wyssachen eine lebendige, eigenständige Gemeinde bleibt – mit Entwicklungsmöglichkeiten. Was mir auf dem Magen liegt, ist das aktuelle Raumplanungsgesetz. Es verhindert, dass Gemeinden wie unsere sich sinnvoll weiterentwickeln.
Was ist das Problem?
Wir dürfen kein neues Gewerbeland mehr einzonen – dabei entstehen viele gute Geschäftsideen direkt in der Landwirtschaftszone. Diese entwickeln sich dort weiter, bis sie irgendwann nicht mehr dem erlaubten Nutzungszweck der Zone entsprechen. Und dann müssen wir sagen: Tut uns leid, wir können euch nichts bieten, sucht euch Raum in Huttwil oder Langenthal. Das ist für die Gemeinde ein Verlust. Gleichzeitig fördern wir so unnötigerweise den Pendlerverkehr. Ähnlich ist es beim Wohnraum: Die Gemeinde besitzt kein eigenes Bauland mehr. Zwar gäbe es noch private Reserven, aber viele wollen nicht verkaufen oder überbauen – das blockiert die Entwicklung. Auch hier wäre mehr Spielraum nötig. Ländliche Gemeinden dürften nicht mit denselben Massstäben gemessen werden wie städtische. Hier braucht es mehr Differenzierung – und letztlich Gesetzesanpassungen auf kantonaler Ebene. Zentral ist auch der öffentliche Verkehr. Der Anschluss an den öV ist für Wyssachen überlebenswichtig – nicht nur für Schüler und Pendler, sondern auch für unsere Zukunft als Wohnstandort. Wir sind da immer an der Grenze. Gemeinsam mit Eriswil haben wir erreicht, dass der Bus nun drei Mal täglich durchfährt – das ist ein Erfolg. Ich wünsche mir, dass wir hier weitere Synergien nutzen können, auch touristisch, etwa mit einer Haltestelle auf der Fritzenfluh.
Immer wieder wird über Gemeindefusionen diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
2010 haben wir in Wyssachen einer Fusion mit Huttwil zugestimmt, Huttwil allerdings lehnte ab. Damals war ich ein Befürworter. Heute sehe ich die Vorteile unserer Eigenständigkeit klarer: Die Wege sind kürzer, die Entscheidungsprozesse unmittelbarer. Ein Baugesuch etwa wird bei uns meist deutlich schneller behandelt als in grösseren Gemeinden. Fusionen sind nicht die einzige Lösung. Vielmehr glaube ich an Kooperationen unter Gemeinden.
Was wünschen Sie sich vom Kanton – gerade mit Blick auf die Rolle kleiner Gemeinden wie Wyssachen?
Ich wünsche mir vom Kanton, dass man Gemeinden wie Wyssachen nicht nur als Naherholungsgebiet sieht, sondern als lebendige Orte mit echtem Dorfleben. Wir wollen keine Schlaf-gemeinde sein, sondern eine aktive, eigenständige Gemeinschaft. Dafür braucht es mehr Handlungsspielraum – in der Raumplanung, bei den Finanzen, aber auch in der Verwaltung. Heute ist vieles streng reguliert, gerade beim Bauen. Jeder Schritt zieht mehrere Amtsverfahren nach sich. Statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, betreibt jedes Amt seine eigene Prüfung – das bremst. Mehr Flexibilität und Zusammenarbeit wären hier hilfreich.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich in dreieinhalb Jahren eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger für Ihr Amt findet?
Kleine Gemeinden kämpfen natürlich oft damit, dass sich zu wenige Leute engagieren. Aber wir merken auch: Wenn man den Menschen erklärt, was ein Amt konkret beinhaltet, öffnet sich manchmal doch jemand dafür. Bei den letzten Wahlen fanden wir relativ problemlos Gemeinderäte und Kommissionsmitglieder – das zeigt mir, dass das Interesse am Mitgestalten durchaus vorhanden ist. Auch unter den Jüngeren gibt es solche, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das stimmt mich zuversichtlich.
Kommen höhere Entschädigungen in Frage?
Das haben wir im Gemeinderat schon mehrfach diskutiert. Ich bin der Meinung: Eine angemessene Entschä-digung ist wichtig, aber sie sollte nicht der Hauptanreiz sein. Es wäre schade, wenn jemand das Amt nur übernimmt, weil es ein geregeltes Ein-kommen bietet. Das Engagement für die Gemeinde sollte im Vordergrund stehen.
Was würden Sie jungen Menschen sagen, die sich vorstellen könnten, in Ihre Fussstapfen zu treten?
Es ist kein einfacher Job. Man ist exponiert, man macht sich nicht nur Freunde – und man kann es nie allen recht machen. Aber wer sich engagiert, kann wirklich etwas bewegen. Gemeindepolitik ist anspruchsvoll, bietet aber auch viele spannende Einblicke und Begegnungen. Man lernt Abläufe kennen, sieht, wie Dinge funktionieren – und hat die Möglichkeit, mitzugestalten und eine Richtung mitzubestimmen. Auch wenn die Spielräume teils begrenzt sind. Es lohnt sich allemal.