Feuer und FLAMME für die Kunst: Eisenwerker Heiko Schütz blickt durch sein Objekt. · Bilder: Brigitte Meier
Hier lässt es sich in der Kunst baden
Mitten in der Natur, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft, liegt das historische Roggegratbad in Wyssachen, zehn Fahrminuten von Huttwil entfernt. Renoviert, wiederbelebt und neu eröffnet als BLUE-art SPA mit Kunstgalerie, Ferien- und zwei Mietwohnungen. Das Konzept basiert auf der Nutzung einer seit 250 Jahren bestehenden, ursprünglichen Heilquelle und kombiniert Wellness mit Kunst und Natur. Die idyllische Umgebung eignet sich ideal für Wanderungen, Spaziergänge oder Velotouren.
Ein schöner Spätsommertag zuhinterst in Wyssachen, munteres Vogelgezwitscher begleitet die vorbeiziehenden Wölkchen. Die ersten Sonnenstrahlen beleuchten die Jahreszahl 1783 an der Südfassade. Gegen Mittag wird je nach Sonnenstand die Jahreszahl 2025 ersichtlich. Anfang Oktober wurde das Roggegratbad wiedereröffnet. An der Medieninformation führt Roger Bernet, Projektentwickler, durch das Gebäude, das in neuem Glanz erstrahlt. Dazu haben regionale Handwerker, viele aus Wyssachen, einen grossen Beitrag geleistet. Am Tag der offenen Tür und an verschiedenen Anlässen wurden der Gemeinderat und die Unternehmer eingeladen sowie für die Handwerker eine Aufrichte organisiert. Für Roger Bernet ist es wichtig, die Bevölkerung zu informieren und einzubeziehen.
Hommage an Heiko Schütz
Der Skulpturengarten bildet die Verbindung von Kunst im Innern, Natur und Wellness mit Nutzen. Für Heiko Schütz ist die Ausstellung eine Herzensangelegenheit, und der Eisenwerker aus Niederönz freut sich sichtlich über diese Hommage an sein bisheriges Wirken. Neben der «Hostett» mit Apfel- und Birnbäumen steht mitten in der Rasenfläche ein Selbstporträt aus seiner Arbeitsphase zwischen 2000 und 2009. Der «Sprudelkopf» symbolisiert eine nie versiegende Quelle an Geschichten, die es über die Welt und das Menschsein zu erzählen gibt. Heiko Schütz ist ein Mensch voll übersprudelnder Ideen und der «Sprudelkopf» widerspiegelt dies. Lebenskraft symbolisiert sein Kunstwerk «Fächer», geschmiedet und neu zusammengeschweisst aus dem ehemaligen Dampfkessel des Raddampfers DS Lötschberg. Während einige seiner Objekte zum Nachdenken anregen, wirken andere verspielt oder sind mit einem Augenzwinkern zu betrachten. In der Gartenanlage sowie im Innenraum sind weitere Werke von ihm anzutreffen. So scheint die 2024 geschaffene grosse «Endlos-Schlaufe» in der Badkapelle bis unter den Himmel zu reichen. Schlaufen und Knoten in vielen Variationen begleiten Heiko Schütz seit Jahren und beeindrucken mit ihrer einfachen Formensprache.
Symbiose zwischen Kunst und Natur
Im Haus gibt es eine Galerie, zwei Mietwohnungen und eine Ferienwohnung; in deren Küche steht der alte Ofen und gleich daneben neue Polstermöbel. «Mir gefallen die Veloursstoffe und die Verbindung von alt und modern», betont Roger Bernet, während er über ein ockerfarbenes Designersofa streicht. Jeder Raum wurde thematisch, auch bezüglich Möblierung und Farbkonzept, um die jeweiligen Objekte gestaltet. Eine Treppe führt in den von Kunstwerken umgebenen Wellnessbereich mit Dampfbad, Wasserbecken mit Unterwassermusik und Ruhezonen. Ein schmaler Kiesweg führt zur Aussensauna. Das Lichtdesign ist farblich abgestimmt auf die Bilder von Brigitte Buck Litscher. Der Kunstnachlass der 2023 verstorbene Zürcherin umfasst Hunderte von Gemälden, jedoch keine elitäre Kunst. In ihren grossformatigen Ölbildern, die auch in der Galerie hängen, fängt sie Energie und Lebendigkeit ein.
Wechselvolle Geschichte
Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Roggengratbad 1783. Zwei Jahre später schreibt der Landvogt von Trachselwald in seinem Amtsbericht über die Bäder: «In dem Wyssbachgraben des Gerichts Eriswil, in dem sogenannten Roggengratbad, wird dem Vernehmen nach zuweilen gebadet» (aus «Die Heilbäder im Oberaargau und im Unteremmental»). Bis im Jahr 1869 hatte das Roggengratbad keinerlei Wirtschaftsrechte. In diesem Jahr wurde es wegen der vielen Holzfäller, die in der Gegend arbeiteten, für die Wintermonate gewährt und ab 1879 ganzjährig bewilligt. Im Jahr 1930 ersetzte der damalige Besitzer die sechs alten Badekästen aus Holz durch drei metallene Badewannen. Empfohlen wurde die heilbringende Quelle unter anderem bei rheumatischen Erkrankungen. Die letzten Bäder wurden 1963 gewärmt.
Zechprellerei wie zu Gotthelfs Zeiten
Das Ehepaar Heiniger, langjährige Wirtsleute, bekannt als «Bedli-Rösi und Bedli-Walter», verkauften 1975 den Betrieb an Peter Herrmann, Wyssbach. In den folgenden Jahren wurde das Gebäude erneuert und das Restaurant von verschiedenen Pächtern geführt. Am 16. November 2000 wurde die Liegenschaft durch einen Kaminbrand beinahe zerstört. Der Wiederaufbau mit umfassender Renovation erfolgte im Jahr danach. Anschliessend wurde der Restaurantbetrieb bis 2017 weitergeführt, endete jedoch, als die letzten Pächter wegen Zechprellerei gegenüber Lieferanten und Besitzern gerichtlich dazu gezwungen wurden, das Geschäft einzustellen (aus der «Festschrift 100 Jahre Wyssachen»).
Totalsanierung
Danach blieb der Restaurantbetrieb geschlossen. Nachdem auch der langjährige Besitzer verstorben war, erwarb die neu gegründete BLUE-art Roggegratbad AG die Liegenschaft im November 2023. Das 250-jährige Gebäude wurde unter Miteinbezug der neuen Energievorgaben, der Anforderungen der verschiedenen Nutzergruppen, der Bauvorschriften und ästhetischen Ansprüche vollständig renoviert. Das ehemalige Hauptgebäude präsentiert sich wieder in der traditionellen Schalung aus massivem Tannenholz; die Anbauten in moderner Lattenverkleidung.
Scherenschnittkunst als traditioneller Fassadenschmuck
Um das ursprüngliche Gebäude zusätzlich zu betonen, ziert ein 18 Meter langes Scherenschnittband von Esther Gerber die Südfassade. Die filigranen Motive wurden aus Stahlblech gelasert und die regionale Tradition des Scherenschnittes neu umgesetzt. Auch die Eingangstüren zur Ferienwohnung und zum Spa wurden mit einem Scherenschnittbild von Esther Gerber geschmückt. Als moderne Interpretation dieses typischen Schmuckelements der Emmentaler Bauernhäuser wurden die Unterdachverzierungen auf den West- und Südseiten ebenfalls als Scherenschnittelemente ausgeführt. Somit präsentiert sich das neue Roggegratbad auch gegen aussen als Kunst-Haus. Angelehnt an traditionelle Bauerngärten und Bauernhöfe wurde die Umgebungsanlage, die grösstenteils aus geteerter Parkfläche und Wiese bestand, neu gestaltet – mit einer Gartenanlage und schattigen Sitzplätzen umgeben von einem Gehege, wo schon bald Hirsche äsen, die von einem Landwirt in der Nähe betreut werden. Eine majestätische Eiche scheint das Haus zu behüten.
Kunstwelt zum Eintauchen
Die Konzeptidee basiert auf der ehemaligen Nutzung des Roggegratbads als typischen kleinen Badbetrieb für die Region. Das Wasser entspringt aus der ursprünglichen Quelle, die schon vor 250 Jahren als heilend galt. Sie wurde reaktiviert, und das Wasser wird im gesamten Haus genutzt, einschliesslich dem Spa-Bereich. Quellwasser sprudelt auch aus dem Brunnen vor dem Haus. «Wenn ich Menschen eine Freude, eine kleine Auszeit bereiten kann, erfüllt mich das sehr», erklärt Roger Bernet, der über langjährige Erfahrung in der Entwicklung und dem Betrieb einer Kette von Thermalbad- und Hammam-Anlagen schweizweit verfügt. Als Zielpublikum nennt er alle Menschen, die sich an einem beschaulichen Ort entspannen und erholen möchten: Leute aus der Stadt genauso wie aus der Region. Das zweite Positionierungsmerkmal neben der Natur ist das Thema Kunst. Die BLUE-art-Stiftung bezweckt die Verknüpfung von Kunst und Wellness, um neue Erlebniswelten zu schaffen, und Kunst einem breiten Publikum in einem anderen Kontext näherzubringen.
Von Brigitte Meier