• Huttwil soll zum neuen Rütli der Schweiz werden: Der Verein «In Memoriam 1653» sowie ein politischer Vorstoss von SVP-Grossrat Nils Fiechter fordern, die Rehabilitation der Bauernkrieger von 1653 und die Anerkennung des Huttwiler Bundesbriefes als Gründungsdokument der modernen Schweizer Demokratie. · Bild: Marcel Bieri

05.09.2025
Huttwil

Huttwil, das neue Rütli der Schweiz?

Die Auswirkungen des Bauernkrieges von 1653 auf die demokratische Entwicklung unseres Landes sollen besser im Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung verankert werden. Dieses Anliegen verfolgt der Verein «In Memoriam 1653».

Der Rütlischwur von 1291 gilt bis heute unverrückbar als Gründungsakt der Eidgenossenschaft und somit als eigentliches Wahrzeichen der Schweizer Demokratie, obwohl die damaligen Ereignisse historisch nicht belegt sind. Das Datum dieses Freiheitsaktes wurde nämlich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Bundesfeier von 1891 festgelegt; zuvor galten der Bund von Brunnen (1315) oder eine schrittweise Entstehung der Eidgenossenschaft als wahrscheinlicher. Das Freilichttheater «Burechrieg», das diesen Sommer in Huttwil aufgeführt wurde, hat breiten Bevölkerungskreisen die dokumentierten demo­kratischen Leistungen der Landbevölkerung von 1653 ins Bewusstsein gerufen. Der Huttwiler Bundesbrief von 1653 kann als frühe Version unserer modernen Demokratiebewegung verstanden werden, weil er zentrale Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Glaubensfreiheit, gegenseitigen Beistand und direkte Demokratie festschrieb – Werte, die 1848 in die Bundesverfassung eingingen und bis heute tragende Säulen der Schweizer Demokratie sind.

Bauernkrieg in Schulen kein Thema
Der in diesem Sommer gegründete Verein «In Memoriam 1653» ist deshalb der Meinung, dass dieser Teil der Schweizer Geschichte einen ganz anderen Stellenwert verdient hat, wie Johann Ulrich Grädel, Präsident des Vereins, gegenüber dem «Unter-Emmentaler» ausführt: «Es stellt sich nämlich sogar die Frage, ob nicht der dokumentierte Huttwiler Bundesbrief von 1653 anstelle des mythisch überhöhten Rütlischwurs von 1291 als eigentliche Gründungserzählung der heutigen modernen Schweizer Direktdemokratie gelten sollte.» Damit würde Huttwil zum neuen Rütli der Schweiz. Der Verein fordert ausdrücklich die symbolische Rehabilitierung der Bewegung von 1653, die Integration des Huttwiler Bundesbriefes in die kollektive Erinnerung und die Errichtung eines Gedenkortes in Bern. Der Huttwiler Unternehmer und EDU-Grossrat Johann Ulrich Grädel stört sich daran, dass der Bauernkrieg von 1653 in den Schweizer Schulen heute kein Thema mehr ist. Noch viel störender empfindet er den kürzlichen Entscheid der Stadt Bern, diesen Teil der Geschichte nicht aufarbeiten zu wollen und kein entsprechendes Zeichen zu setzen. «Ein wesentlicher Teil der Geschichte des Bauernkrieges fand hier in unserer Region rund um Huttwil statt. Ich war deshalb der Meinung, dass ein Huttwiler bei dieser Bewegung unbedingt dabei sein und vorangehen sollte», beschreibt der 72-jährige Grädel seine persönliche Motivation, sich beim neuen Verein zu engagieren. 

Prominente Unterstützung
In einem ersten Schritt soll der Verein und sein Anliegen bekannt gemacht werden, «damit dieser Teil der Schweizer Geschichte wieder präsenter wird», erwähnt der Vereinspräsident, der darauf hinweist, dass jede Person für einen Jahresbeitrag von 50 Franken Mitglied werden kann. Unterstützung erhält der Huttwiler und sein Verein von prominenter Seite, so lässt beispielsweise SVP-Ständerat Werner Salzmann verlauten: «Ohne den Mut der Landbevölkerung gäbe es weder unsere Freiheit noch unsere direkte Demokratie. Der Verein ‹In Memoriam 1653› erinnert daran und stärkt damit unsere Zukunft.» Aber auch der Huttwiler Gemeindepräsident Adrian Wüthrich steht dem Vorhaben wohlwollend gegenüber und nimmt sogar im Vorstand des Vereins Einsitz. «Dank diesem Verein kann der Geist des Freilichttheaters ‹Burechrieg›, das diesen Sommer 9000 Personen begeistert hat, weiterleben. Es ist wichtig, unsere Geschichte zu kennen und sich gerade in heutigen Zeiten bewusst zu sein, dass der Einsatz für Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie nie enden wird», erläutert Adrian Wüthrich.

Motion nimmt Anliegen auf
Support erhält der Verein «In Memoriam 1653» und sein Anliegen auch auf politischer Ebene, hat doch SVP-Grossrat Nils Fiechter (Oberwil im Simmental) im Grossen Rat des Kantons Bern eine Motion eingereicht, die die Rehabilitation der Bauernkrieger von 1653 fordert, sowie die Erschaffung eines Gedenkortes in Bern. In seinem Vorstoss beauftragt Fiechter den Regierungsrat, die bedeutende Rolle der Bauernkrieger von 1653 in ihrem Einsatz für mehr politische Mitsprache und Demokratie anzuerkennen, indem eine historische und symbolische Rehabilitierung durch den Kanton Bern erfolgt. Dies soll durch die Schaffung eines Gedenkortes an einem symbolischen, öffentlichen Ort in Bern geschehen. Damit würden gemäss Fiechter die damaligen Opfer gewürdigt, und zugleich könnte dadurch ihre Geschichte an künftige Generationen weitergegeben werden. Fiechter geht in seinem Anliegen aber noch weiter und schreibt in seiner Motion: «In Zusammenarbeit mit Historikern, Landwirtschaftsorganisationen und anderen Interessengruppen soll ein Gedenkprogramm zum 375. Jahrestag des Bauernkrieges im Jahre 2028 organisiert werden, um die Öffentlichkeit für die Bedeutung dieses Kapitels der Schweizer Geschichte zu sensibilisieren. Zudem soll das Ereignis des Bauernkrieges durch Lehrmaterial, Ausstellungen und Bildungsaktivitäten für Schulen und die Öffentlichkeit in die Bildungs- und Kulturlandschaft integriert werden.» Fiechters Motion dürfte in den nächsten Monaten im Grossen Rat behandelt werden.

Von Walter Ryser