Gemeindepräsident Adrian Wüthrich und Gemeinderätin Sybille Richiger (Ressort Soziales, Kultur und Freizeit) ehrten die Olympia-Bronzemedaillengewinnerin Lara Christen. · Bild: Marcel Bieri
Huttwil feiert seine Olympia-Heldin
Huttwil feierte am Sonntag Lara Christen. Die 23-jährige Eishockeyspielerin gewann mit der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen in Milano Cortina Bronze – und wurde im Hirtensaal von ihrer Gemeinde und der Stadtmusik Huttwil würdevoll geehrt.
Huttwil Eishockey · Da steht sie, die Olympia-Medaillengewinnerin, vor gefülltem Hirtensaal. Strahlende Augen, ein Lächeln, ein klein wenig Verlegenheit – während Huttwil vor ihr steht und applaudiert. Und mit dem Applaus fast nicht mehr aufhören will. Die Bronzemedaille macht bereits die Runde durch den ganzen Saal. Lara Christen will ihren Erfolg teilen. Fast 300 Personen hatten sich im Hirtensaal im Städtli-Zentrum eingefunden, um die junge Eishockeyspielerin zu feiern, darunter 37 Mitglieder der Stadtmusik Huttwil, Moderator Stefan Leuenberger, der Huttwiler Hockeyjournalist Klaus Zaugg, die Hockey Huttwil Academy sowie Mitglieder des Gemeinderats.
Grosser Stolz und eine «Huttu»-Fahne
«Wir sind unheimlich stolz», sagte Gemeindepräsident Adrian Wüthrich. Alle hätten vor dem Fernseher mitgefiebert – und jedes Mal, wenn das Wort «Huttwilerin» gefallen sei, habe er sich besonders gefreut. «Zu dieser tollen Leistung gratuliere ich dir im Namen der ganzen Gemeinde ganz herzlich. Du bist ein Vorbild für unsere Jugend.»
Im Namen der Gemeinde überreichte Wüthrich gemeinsam mit Gemeinderätin Sybille Richiger (Ressort Soziales, Kultur und Freizeit) eine Anerkennungsurkunde. Und weil die Familie Christen auch bei den nächsten Olympischen Spielen bestimmt mitkommen werde, gab es noch ein zweites Geschenk: eine Huttwiler Fahne. «Damit ihr sie neben der Schweizer Fahne zeigen könnt», erklärte Wüthrich mit einem Schmunzeln.
Hockey-Nachwuchs gratuliert
Den Anschluss machten die Kleinsten. Elf Kinder mit Hockeyshirts, Mützen und Käppis strömten auf die Bühne, begleitet von Michael Marti, Vereinspräsident der Hockey Huttwil Academy, jenem Verein, der in Huttwil die Eishockey-Nachwuchsförderung betreibt. «Du bist eine riesige Inspiration – nicht nur sportlich, sondern auch als Mensch», sagte Marti. «Danke für die Vorarbeit, die du für die Kinder auf dieser Weltbühne machst.» Die Kinder überreichten Christen je eine Blume.
Intensive letzte Wochen
Dann sprach die erfolgreiche Sportlerin selbst. Auf die Frage, was ihr das Erreichte bedeute, sagte die 23-Jährige: «Ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen.» Sie habe mit dem Hockey angefangen, weil es ihr Freude gemacht habe. «Dass so viel herausschaut mit 23, hätte ich mir nie erträumen lassen. Ich darf schon ein bisschen stolz sein darauf», ergänzte sie.
Am Montag vor einer Woche kam Lara Christen mit den Nati-Frauen in Kloten an. Seither ist vieles passiert. Zuerst habe sie ihre gesamte Wäsche gewaschen, die sich in drei Wochen angesammelt hatte. Am Dienstagabend organisierte ihr Arbeitgeber C&S Ingenieure ein Überraschungsfest für sie. Am Mittwoch feierten die Familienmitglieder ihre Heldin. «Bei diesen Feiern habe ich zum ersten Mal angefangen zu realisieren, was passiert ist.» Am Samstag wurde sie in der Berner PostFinance-Arena vor 16 800 Menschen bejubelt. Der SCB ehrte seine fünf Bronzegewinnerinnen anlässlich der Männerpartie gegen den EHC Biel, wo Christens Bruder Luca Eishockey spielt. «Das war sehr eindrücklich. Alle standen auf und haben applaudiert. Da zieht sich die Hühnerhaut über den ganzen Körper.» Inmitten des ganzen Rummels gab sie zu: «Ich bin schon ziemlich am Anschlag. Die letzten vier Wochen waren intensiv und emotional. Mein Körper ist müde und auch mein Kopf braucht Zeit, um das alles zu verarbeiten.» Abende wie dieser gäben ihr aber Kraft – denn die Saison sei noch nicht vorbei. «Es folgt ab Freitag mit den Playoffs mit den SC Bern Frauen ein wichtiger Teil, für den man bereit sein muss.»
Dass so viele Huttwilerinnen und Huttwiler an ihre Ehrung gekommen sind, bedeute ihr viel, sagte Christen. Mit ihrer Heimat sei sie stark verwurzelt, wie sie immer wieder sagte. «Ich bin hier aufgewachsen. Im Campus Perspektiven lernte ich das Eislaufen – wenn es diesen Ort nicht gegeben hätte, hätte ich wohl nie mit Hockey angefangen.» Besonders gern sei sie auf dem «Huttu-Bärg», laufe und lüfte ihren Kopf. «Ich komme immer wieder gern heim», sagte sie.
Wie Roman Josi bei den Männern
Eishockey-Fachmann Klaus Zaugg betonte auf der Bühne, wie wichtig Christens Rolle in der Schweizer Frauen-Nati ist. Mit 25 Minuten Eiszeit pro Spiel war sie die meist eingesetzte Spielerin des Turniers. «Sie ist eine der drei wichtigsten Spielerinnen. Ihre Rolle ist mindestens die von Roman Josi bei den Männern – weil sie sehr intelligent spielt und in schwierigen Situationen immer die richtige Entscheidung trifft.» Was ihn persönlich an Lara Christen fasziniere? «Ihre sympathische Bescheidenheit. Grosse Spielerinnen wissen, dass sie ihren Erfolg dem Team verdanken. Da ist sie wie Roman Josi.» Für Zaugg, der als Journalist schon 17 Olympische Spiele begleitet hat, ist der Abend auch persönlich besonders. «Ich dachte, ich würde eher Bundesrat, als dass ich in Huttwil neben einer Olympia-Medaillengewinnerin auf der Bühne sitze», meinte er lachend. Zum Abschluss erlaubte er sich noch einen Vorschlag: Im alten Griechenland habe man Olympiasieger mit lebenslänglicher Steuerbefreiung geehrt. Das Publikum lachte.
Die Familie steht über allem
Auf die Bühne gebeten wurde auch Lara Christens Familie – und sie zeigte, wie wichtig diese für sie ist. Im Schweizer Hockey hat sie bereits alles gewonnen. Der nächste logische Schritt wäre ins Ausland zu wechseln – nach Kanada, wo die beste Frauenliga der Welt beheimatet ist. Doch Christen winkt ab: «Das wurde schon manchmal gefragt. Aber meine Antwort ist immer dieselbe: Die Familie ist mir unglaublich wichtig, und auch das Zuhausesein. Ich liebe den Eishockeysport – aber so wichtig ist er mir dann doch nicht, dass ich die Familie verlassen würde, um im Ausland zu spielen.»
Ihr Bruder Luca ist selbst Eishockeyspieler – und hat Lara Christen früh geprägt. Durch ihn lernte sie daheim auf dem Garagenplatz besonders die Abwehr- und Verteidigungsposition kennen: «Er hat mich als Mädchen von oben bis unten mit Goalie-Ausrüstung eingekleidet. Weil ich noch nicht richtig rennen konnte, wurde ich ins Tor gestellt.» Lange war Luca ihr Vorbild – ein Autogramm von ihm hing über ihrem Bett. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet, gibt er zu: «Spätestens seit anderthalb Wochen bin ich ihr grösster Fan.» Mutter Alexandra meinte zu ihren «Musterkindern»: «Ich bin sehr stolz – aber es gibt kein Rezept. Wir sind, wie wir sind – ein Team. Wir gehen durch dick und dünn. Das Wichtigste ist, dass man mit voller Freude dabei ist.» Vater Reto wusste auf die Frage, ob bei seinen Kindern auch etwas zu «korrigieren» sei, nicht wirklich eine Antwort. Humorvoll äusserte er bloss einen Wunsch: einen Gruss im nächsten TV-Interview. Der fehle bis heute, lachte er. Leuenberger tröstete ihn damit, dass es weitere Olympische Spiele für Lara Christen geben werde. Zum Schluss drückte Leuenberger den erfolgreichen Huttwiler Eishockey-Geschwister zwei Schilder mit den Aufschriften «Du» und «Ich» in die Hand und stellte ihnen eine Reihe Fragen, die sie damit beantworten mussten: vom grösseren Chaos im Zimmer über die besseren Kochkünste bis hin zur Frage, wer denn wohl zuerst heiraten werde. Das Publikum lachte, ebenso Christens auf der Bühne. Dann standen alle auf – zum wievielten Mal an diesem Abend, hatte niemand gezählt. Der lange Applaus galt einer Person, die Olympiabronze gewonnen und dennoch mit beiden Beinen fest auf dem Boden geblieben ist – Lara Christen aus Huttwil.
Von Gabriela Graber