Daniel Bieri wird auch in der kommenden Saison als Trainer von Hockey Huttwil im Einsatz stehen. · Bild: Marcel Bieri
«Ich bin stolz und enttäuscht zugleich»
Wie geht es nach dem verlorenen Final weiter mit Hockey Huttwil? Ein Gespräch mit Trainer Daniel Bieri über die vergangene Saison, über die Zukunft, über sein Verhältnis mit Präsident Heinz Krähenbühl und die Gründe, warum Hockey Huttwil von den Langenthalern nach wie vor nicht ernst genommen wird.
Interview: Klaus Zaugg im Gespräch mit Daniel Bieri, Trainer Hockey Huttwil · Die Analysen sind gemacht; was überwiegt jetzt: die Enttäuschung über den verpassten Titel oder der Stolz auf eine insgesamt tolle Saison?
Die Gefühle sind immer noch gemischt. Wir haben den Titel nicht geholt und ich bin immer noch enttäuscht. Aber ich bin stolz auf meine Spieler. Wie sie als Team zusammengestanden sind und mit welcher Energie sie bis zum Schluss alles versucht haben, den Titel zu holen. Stolz aber auch auf alle in unserem Klub, die diese Saison erst ermöglicht haben, Stolz auf die Art und Weise, wie wir Hockey in Huttwil als Erlebnis zelebriert haben, über eine gute Show am Videowürfel, die in unserer Liga einzigartig ist, die Atmosphäre fand ich bei uns sogar besser als in Seewen. Es gibt also sehr viele Gründe, um stolz zu sein.
Aber eben auch einen, um enttäuscht zu sein. Es hat nicht gereicht.
Ja, ich bin enttäuscht, dass ich nicht dazu in der Lage war, meine Spieler, die zu mir gestanden sind, mit dem Titel zu belohnen. Ich hätte einfach meinen Spielern, die alles gegeben und die zugehört haben, die demütig waren und allen in unserem Klub, den Fans und Huttwil diesen Titel so sehr gegönnt. Da fühle ich mich dafür verantwortlich und ich muss mir die Frage stellen: Warum hat es nicht gereicht?
Warum? Haben Sie eine Antwort?
Wir führten nach dem Sieg in der Verlängerung in Seewen im Final mit 2:1 und hatten die Chance, in Huttwil Meister zu werden. Alles war bereit für die Meisterfeier. Nun heisst es, Seewen sei halt besser gewesen und wir hätten keine Chance gehabt in den letzten zwei Spielen. Das sehe ich nicht so. Alles hing an einem seidenen Faden. Wir haben uns inzwischen mit den Seebnern über den Final ausgetauscht und ich weiss, dass sie inständig hofften, an diesem Finalsonntag in Huttwil nur ja nicht 0:1 in Rückstand zu geraten und die ersten zehn Minuten zu überstehen. Sie befürchteten, dass dann alles zusammengebrochen wäre. Aber sie gingen 1:0 in Führung. Obwohl wir in der Startphase die Chancen zum ersten Tor gehabt haben.
Aber es gibt einen Grund, warum Seewen und nicht Ihre Mannschaft diesen wegweisenden ersten Treffer erzielt hat.
Die Nervosität, die Anspannung, das Momentum und das Quäntchen Glück, die dazu geführt haben, dass insgeheim jeder hoffte, der Mitspieler werde es richten. Uns fehlte überall ein Prozent. Wir hatten auf einmal mehr Angst zu verlieren, als Mut zu gewinnen.
Kann es sein, dass die Spieler mit den Erwartungen, mit dem ganzen Drumherum an diesen Finalsonntag nicht umgehen konnten?
Nein, ganz sicher nicht. Das war eine riesige Motivation. Es war ja auch nicht so, dass wir nicht in die Gänge gekommen sind. Wir dominierten am Anfang das Spiel. Aber wir gerieten 0:1 in Rückstand und dann liess Seewen einfach nichts mehr zu und wir verzweifelten immer mehr.
Zu hohe Erwartungen oder – wie es im Sport so schön heisst: zu viel Druck.
Viele sind in dieser Situation aufgeblüht, aber einige waren dem Druck nicht gewachsen, wirkten gehemmt und konnten den Unterschied nicht machen. Das war für die meisten von unseren Spielern das erste Mal, dass sie in dieser Situation waren.
Das heisst, einige konnten mit der Situation nicht umgehen?
Schlussendlich zu viele, um den Titel zu holen, ja. Es war ja auch eine Ausnahmesituation, die viele noch nie erlebt hatten. Das Stadion praktisch ausverkauft und die einmalige Chance, vor eigenem Publikum Meister zu werden. Nun haben alle diese Erfahrung gemacht und wir dürfen zuversichtlich sein, dass es beim nächsten Mal klappt. Theoretisch ist das so, praktisch ist es schwieriger. Die Reaktionen sind alle menschlich, im positiven und negativen Sinn gesehen. Wichtig ist im Leben, solche Momente erleben zu dürfen und daran zu wachsen. Aber es ist sehr, sehr schwierig, erneut bis in den Final zu kommen. Wenn wir daran denken, wie hart wir kämpfen mussten, um überhaupt den Viertelfinal gegen Frauenfeld zu überstehen. Es war ein langer Weg bis in den Final und dort bis ins fünfte Spiel. Wir sind nur so weit gekommen, weil bei uns extrem viel zusammengepasst hat. Das Team ist über die Saison gesehen extrem gewachsen, und es war schön und spannend, das Team als Trainer zu begleiten und zu führen. Das ist jetzt aber alles Vergangenheit – nun dürfen wir wieder von vorne beginnen.
Werden wir nächste Saison mehr oder weniger das gleiche Team sehen?
Sagen wir es so: Wir werden wieder konkurrenzfähig sein.
Finalfähig?
Ich sage konkurrenzfähig.
Das bedeutet eigentlich finalfähig.
Wir werden das Potenzial haben, um für die Finalqualifikation mitzuspielen.
Wie sieht es bei der Konkurrenz aus?
Die Konkurrenz wird stärker sein als letzte Saison. Dübendorf und Wetzikon haben aufgerüstet. Franches-Montagnes war schon ein Spitzenteam und hat noch einmal nachgelegt und wird noch besser sein. Neu kommt Winterthur, das freiwillig aus der Swiss League abgestiegen ist. Alles in allem wird die MyHockey League noch ausgeglichener und besser sein.
Und der SC Langenthal?
Die Langenthaler werden sicher wieder ein talentiertes und teures Team haben.
Teuer?
Spieler mit viel Talent, viel Potenzial, wie sie als Team auftreten, werden wir sehen.
Hockey Huttwil spielte attraktives Hockey und trotzdem kommen während der Qualifikation nach wie vor im Schnitt weniger als 500 Fans. Was ist notwendig, um mehr Publikum ins Stadion zu locken?
Wir brauchen Einzelspieler und Charaktere, die herausstechen. Identifikationsfiguren, um eine Hockeykultur aufzubauen und die Fans ins Stadion zu holen. Spieler wie Michael Lüdi oder Timon und Robert Nyffeler, Timo Braus, Fabian Haldimann, oder Michael Minder und viele andere. Die Leute kommen nicht nur, weil wir gutes Hockey spielen. Sie wollen eine gute Show, eine gute Gastronomie und eben Spieler, die sie kennen. Wir hatten schon immer diese spannenden und einzigartigen Charaktere, waren immer ein tolles Team, das attraktiv gespielt hat, wir haben unsere eigene DNA entwickelt und wir werden mehr und mehr wahrgenommen. In den Playoffs kamen im Schnitt mehr als 800 Fans und in den beiden Finalpartien mobilisierten wir über 1000. Das ist vor allem dank dem grossen Aufwand, der um das Team geleistet wird, zu verdanken, die Spieler kommen seit dieser Saison über den Videowürfel viel besser und persönlicher zur Geltung.
Ideal wäre, wenn Luca Christen zurückkäme…
…ich hoffe und glaube daran, dass Luca noch viele Jahre in der National League vor sich hat.
Es hat geholfen, dass die Saison in Langnau und Bern zu Ende war und im Bernbiet nur noch in Huttwil Hockey gespielt worden ist.
Ja, Leute sind zum ersten Mal zu unseren Spielen gekommen und waren positiv überrascht vom Niveau und vom Unterhaltungswert.
Das Niveau war gerade in den Playoffs erstaunlich und das Hockey so attraktiv wie in der höchsten Liga…
…weil wir nicht viele Trainings haben und nicht genug Zeit zur Spielvorbereitung, um uns so auf den Gegner einzustellen, ist es wichtig, sich auf die eigenen Stärken zu fokussieren. Wir sind im System eingeschränkt, viele Variationen einzuüben. Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren. Vor der Verlängerung in Seewen standen wir vor der Entscheidung, ob wir abwarten oder einfach weiter vorwärts spielen sollten. Wir entschieden uns, weiter vorwärts zu spielen, weil das das ist, was uns auszeichnet und wo wir Vertrauen haben.
Die Rivalität mit Langenthal hilft, Hockey in Huttwil attraktiver zu machen.
Ja, aber wir sind in der Wahrnehmung natürlich noch weit hinter Langenthal. Für uns ist Langenthal sehr wichtig. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass wir für Langenthal offenbar nicht so wichtig sind.
Wird Hockey Huttwil von den Langenthalern nach wie vor nicht ernst genommen?
Ich denke schon.
Das kann nicht sein. Huttwil gewinnt ja gegen Langenthal fast immer und ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie die Langenthaler nach einer demütigenden Niederlage in Huttwil noch im Stadion ihren Trainer entlassen haben. Ein Moment für die Hockey-Ewigkeit.
Der SC Langenthal hat trotzdem einen viel höheren Stellenwert. Die Langenthaler hatten ein grosses Saison-Schlussfest nach dem Ausscheiden in den Halbfinals. Bei uns gab es ein internes Teamessen nach der Finalniederlage. Vielleicht beschreibt dies ein wenig den Unterschied.
Der grosse Unterschied ist die Tradition. Hockey Huttwil gibt es in der heutigen Form erst seit 2018. Den SC Langenthal seit 1946.
Ja, das ist so. Gegen die Geschichte von Langenthal kommen wir nicht an. Wenn wir nur die letzten drei Jahre nehmen, rein resultattechnisch gesehen, müssten wir ja berühmter und attraktiver sein, aber so ist es nicht. Die Tradition zählt mehr. Das wissen wir, wir versuchen einfach durch ehrliches, attraktives und unterhaltsames Eishockey, Leute für uns zu gewinnen.
Sie haben noch einen Vertrag für nächste Saison. Alle treibt die Frage aber jetzt schon um: Bleibt der Bieri nach der nächsten Saison?
Gespräche stehen noch an. Die Frage ist ja auch, ob ich in den nächsten Jahren noch der richtige Trainer bin und ob für mich Zeit für eine neue Herausforderung gekommen ist. Ich bin sehr glücklich bei Hockey Huttwil. Aber ich möchte gehen, wenn ich ein guter Trainer bin.
Wenn es also heisst: Schade, dass er geht?
Ja.
Bis wann können wir mit einer Entscheidung rechnen, ob Sie im nächsten Frühjahr gehen oder bleiben?
Noch bevor wir aufs Eis gehen, möchte ich die Entscheidung haben.
Wann gehen Sie aufs Eis?
Anfang August.
Sie haben bei Hockey Huttwil eine für einen Trainer schon fast biblische Amtszeit von gut sieben Jahren, und inklusive Ihrer Zeit bei Napf und zwischendurch bei Brandis als Spieler und Trainerassistent wird es die 20. Saison mit Heinz Krähenbühl sein. Wie erklären Sie diese Dauerhaftigkeit?
Als ich 2007 als Spieler zum EHC Napf kam, ging ich von einem Jahr aus. Ich hatte die Prüfung für die Polizei-Rekrutenschule in Luzern bestanden und wollte eigentlich Polizist werden. Bevor meine Ausbildung bei der Polizei begann, musste ich noch ein Zwischenjahr einlegen und kam nach Huttwil. Als Spieler zu Napf, beruflich in Heinz Krähenbühls Firma.
Wie haben Sie es so lange mit dem flamboyanten Präsidenten und Chef ausgehalten? Sie haben ja auch eine Kaderposition in seiner Firma.
Ich habe ihm sehr, sehr viel zu verdanken. Er fördert mich und fordert mich heraus und hat mich zu einem schönen Teil zu dem gemacht, was ich bin. In einigen Bereichen ticken wir genau gleich, in anderen völlig anders.
Wo gleich, wo anders?
Wir sind nach Auseinandersetzungen im Beruf oder Eishockey beide nicht nachtragend. Wir schauen beide lieber vorwärts und weniger zurück, wollen nie stehen bleiben. Wir reden offen miteinander, dulden keine Ausreden, scheuen die direkte Konfrontation nie und reden die Dinge nicht schön. «Hene» kann sehr emotional sein, ich bin vermutlich ein wenig zu verbissen.
Sie toben also weniger?
Ich tobe anders.
Wie meinen Sie das?
«Hene» sieht die Dinge mehrheitlich schwarz-weiss und bringt es auf den Punkt. Ich will aber analysieren. Für mich gibt es nicht nur schwarz und weiss, sondern auch Zwischentöne. Ich will immer noch wissen, warum etwas so ist, wie es ist. Deshalb ist er CEO und ich Trainer.
Wird es Hockey Huttwil auch ohne Daniel Bieri geben?
Die Welt dreht sich weiter. Jeder ist ersetzbar. Auch Daniel Bieri. Im Moment gibt es eine Ausnahme von dieser Regel. Es gibt ohne Probleme Hockey Huttwil ohne Daniel Bieri. Aber Hockey Huttwil ohne Heinz Krähenbühl ist für mich zurzeit undenkbar.
Erstaunlich ist, dass Sie bis heute ohne Krise durchgekommen sind und sechsmal hintereinander immer mindestens bis in den Halbfinal gekommen sind. Hat diese Konstanz etwas mit der Transferpolitik zu tun?
Ja, wir erneuern laufend unser Team. Das ist der wichtigste Prozess. Wenn der Trainer so lange bleibt, braucht es Wechsel im Kader. Unsere Stärke ist, dass wir es uns nicht leisten können, die besten Spieler bei den anderen Teams abzuwerben. Wir dürfen unsere Schlüsselspieler selber ausbilden. Die Leader von heute hatten wir vor vier Jahren bereits im Juniorenalter bei uns. Wir hatten aber noch nie ein Problem, uns von verdienten Spielern zu verabschieden, weil wir schon wussten, wer sie ersetzen kann.
Huttwil schafft den Spagat zwischen Spitzen- und Ausbildungsteam.
Ja, das ist aber auch unsere einzige Chance.
Falls Sie nach der nächsten Saison Hockey Huttwil verlassen sollten, dann könnten Sie ja auch Ihren Nachfolger ausbilden – oder zumindest Heinz Krähenbühl bei der Trainersuche beraten.
Wenn es mal soweit kommt und ich gefragt werde, sage ich gerne meine Meinung. Es ist aber nicht meine Aufgabe. Sondern jene der Führungsleute bei Hockey Huttwil.
Führungsleute? Sie belieben zu scherzen. Es gibt nur einen einzigen Führungsmann: Präsident Heinz Krähenbühl.
Das haben Sie gesagt.
Zur Person: Daniel Bieri. Geboren 13. November 1979 in Escholzmatt. 180 cm/88 kg. Wohnhaft in Ufhusen. Karriere als Spieler: 125 NLA-Spiele (2 Tore, 13 Assists) für die SCL Tigers. 190 NLB-Spiele (31 Tore, 49 Assists) für Lausanne, Olten und Sierre. 295 Spiele (102 Tore, 138 Assists) in der höchsten Amateurliga (1. Liga/MyHockey League) für den EHC Napf, die Huttwil Falcons, Brandis und Hockey Huttwil. Aufstieg mit Lausanne in die NLA 2001. Amateurmeister mit den Huttwil Falcons 2011. Als Trainer: Seit dem 24. Januar 2020 als Nachfolger von Andreas Beutler Trainer von Hockey Huttwil mit Vertrag bis 2027. Playoff-Finals 2022 und 2026. Er ist der erste Entlebucher, der es zum Stammspieler bei den SCL Tigers gebracht hat.