Bisher stand Adrian Bajrami in jedem FCL-Pflichtspiel in der Startaufstellung. · Bild: Keystone
«Ich fühle mich beim FCL unglaublich wohl – dieser Wechsel war der richtige Schritt»
Adrian Bajrami hat es geschafft: Der gebürtige Langenthaler hat auf diese Saison hin in die Schweizer Super League zum FC Luzern gewechselt und hat sich dort auf Anhieb einen Stammplatz erkämpft. Der 23-Jährige spielte während sechs Jahren in Portugal für unterschiedliche Mannschaften von Benfica Lissabon und geniesst nun seine Rückkehr in die Heimat. «In jedem Spiel waren über zehn Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder im Stadion. Das gibt mir eine unglaubliche Motivation», erklärt der Innenverteidiger. Erst vorletzte Woche wurde zudem bekannt, dass er langfristig in Luzern bleiben wird. Er unterschrieb einen Vertrag bis ins Jahr 2028.
Monatsinterview · Leroy Ryser im Gespräch mit Adrian Bajrami, Profi-Fussballer aus Langenthal
Adrian Bajrami, kennen Sie Ihren Marktwert?
Adrian Bajrami: Um ehrlich zu sein: nicht ganz genau. Er war einmal bei etwas über einer Million, aber die genaue Zahl kenne ich nicht.
Das ist korrekt. Gemäss dem deutschen Portal transfermarkt.de, eine Seite, die für diese Zahlen gerne von Fans herangezogen wird, liegt der Marktwert bei über 1,5 Millionen Euro. Was sagt Ihnen diese Zahl?
Es ist schön zu wissen, wenn der Marktwert steigt. Aber ich fokussiere mich nicht auf diese Zahlen. Ich habe mit Spielern gespielt, die einen grossen Marktwert hatten, die aber nicht viel besser waren als ich. Und zeitgleich habe ich mit Spielern gespielt, die denselben Marktwert hatten wie ich, die, wie ich finde, aber viel wertvoller waren.
Und dennoch: Sie sind in Langenthal in gewöhnlichen Verhältnissen aufgewachsen, sind hier zur Schule gegangen und wenn ich heute will, dass Sie in meinem Team spielen, muss ich im Minimum – wahrscheinlich sogar eher mehr – 1,5 Millionen Euro bezahlen.
Ja, so betrachtet ist das eine unglaubliche Zahl. Ich sehe hier zwei Arten, wie man das anschauen kann. Im Fussball sind die Zahlen extrem hoch. Da werden für Innenverteidiger gut und gerne über 30 Millionen Franken bezahlt, weshalb mein Marktwert eigentlich noch eher tief ist. Andererseits, ja, mit einem etwas bescheideneren Blick, ist 1,5 Millionen Franken unglaublich viel Geld.
Setzen wir diese Situation doch in ebendiese Perspektive: Vor beinahe sieben Jahren haben wir zum ersten Mal zusammen gesprochen und ein Interview geführt. Am 5. Januar 2019 titelte «Der Unter-Emmen-taler» mit ihren Worten: «Ich glaube daran, dass ich es schaffen kann». Und heute beweist beispielsweise Ihr Marktwert, dass Sie in der Zwischenzeit so einiges geschafft haben.
Das ist so. Ich darf stolz sein auf meinen bisherigen Weg. Wenn wir damals bei diesem Interview davon gesprochen hätten, dass ich irgendwann mal vor 60 000 Zuschauern spiele und im portugiesischen Cup auch noch ein Tor in diesem Stadion (Anm. d. Red.: Estadio da Luz, Lissabon) schiessen darf, dann hätte ich das wahrscheinlich nicht so wirklich geglaubt. Ich durfte mit argentinischen Weltmeistern wie Angel Di Maria und Nicolas Otamendi im gleichen Team spielen und mit ihnen trainieren. Und jetzt spiele ich in der Super League. Darauf darf ich stolz sein. Aber ich habe noch diverse Träume, die ich mir noch gerne erfüllen möchte.
Über Ihre Zukunft sprechen wir später noch, schauen wir aber zuerst noch in die Gegenwart. Sie spielen beim FC Luzern und gerade am letzten Sonntag gelang ein grosser Coup: Sie haben den amtierenden Meister, den FC Basel, mit 2:1 im St. Jakob-Park vor fast 30 000 Zuschauern bezwungen. Ein spezieller Erfolg?
Ja. Das war toll, wirklich. Wenn ich mich zurückerinnere, hatte Basel nach nur 30 Sekunden den ersten Pfostenschuss und ich habe mir so gedacht: Das könnte ein ganz, ganz schwieriger Nachmittag werden. Nach unserem Führungstreffer zum 1:0 kamen wir dann ziemlich gut ins Spiel, auch, weil es uns gelang, Basel nur wenige gute Möglichkeiten zu geben. Ihre Schüsse kamen oft von ausserhalb der Gefahrenzone und wir konnten ihre Angriffe gut wegblocken. Aber das brauchte viel Energie, in der Halbzeit waren wir niedergeschlagen.
Trotz der 1:0-Führung?
Ja, irgendwie schon. Wir waren erschöpft, wir hatten kein gutes Gefühl. Und dann kam unser Trainer zu uns und sagte: hey, das ist doch einfach toll. Wir führen hier in Basel. Das macht doch Spass. Und so war es auch. So viele Fans, eine unglaubliche Atmosphäre und dann dieser Sieg. Das hat richtig, richtig Spass gemacht.
Sie sind in diesem Sommer aus Lissabon zum FC Luzern gewechselt und überzeugen seither mit ihrer Ruhe am Ball, ihrer Konstanz und ihrem soliden, sicheren Auftreten – selbst als 23-Jähriger. Ausserdem wurden sie auch schon von sport.ch nach dem Spiel gegen St. Gallen in das «Team der Runde» gewählt. Der Saisonstart ist Ihnen gelungen.
Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um mich zurechtzufinden. Zuerst wollte ich das, was ich in Lissabon gelernt habe, hier umsetzen. Das ist aber nicht zielführend. Ich musste lernen, was der Trainer (Anm. d. Red.: Mario Frick) von mir will. Das habe ich Schritt für Schritt begriffen. Die letzten Spiele sind mir gut gelungen, hier konnte ich eine gute Leistung zeigen. Auch als Team haben wir tolle Spiele gezeigt und wichtige Punkte gesammelt. Wir haben aktuell nur vier Punkte Rückstand auf den Leader. Die Top-Sechs können wir erreichen.
Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Gelernt haben Sie diese Fähigkeiten unter anderem in Lissabon bei Benfica. Wie war diese Zeit für Sie?
Es war eine unglaubliche Ehre, dort spielen zu dürfen. Vor 10 Jahren hätte ich niemandem geglaubt, der mir gesagt hätte, dass ich in einem solchen Verein spielen darf. Diese Tradition, diese Geschichte, diese Fans. Und auch die Mannschaft, die Teammitglieder. Benfica gehört für mich zu den grössten Vereinen im Fussballgeschäft und damit habe ich etwas erlebt, was nicht viele andere Fussballer in ihrer Karriere erleben dürfen.
Das birgt auch Herausforderungen.
Natürlich. Ich kann mich an Momente erinnern, in denen wir ausgepfiffen wurden, obwohl wir 1:0 führten. Die Erwartungen dort sind riesig. Benfica muss dominieren. Immer. Der Druck ist immens und Raum für Fehler besteht keiner. All das hat mich aber auch viel gelehrt. Dadurch, dass ich weg von zu Hause war, musste ich schnell erwachsen werden und für mich selbst sorgen. Ich konnte mich in Lissabon menschlich und sportlich unglaublich stark weiterentwickeln.
Von aussen betrachtet war es ausser-dem erstaunlich, wie stetig ihre Entwicklung voranschritt. Sie haben in den Juniorenauswahlen gespielt, kamen in die zweite Mannschaft, wurden Captain der zweiten Mannschaft, dann kam die Beförderung in die erste Mannschaft, die ersten Einsätze – und irgendwann hatten Sie es geschafft und waren mitten drin.
Das stimmt. Andererseits hatte ich aber auch das Gefühl, dass meine Entwicklung zuletzt etwas stockte. Mein Plan war es, nur eine Saison in der zweiten Mannschaft zu verbringen, daraus wurden dann zwei. Im Nachhinein hat mir das zwar gut getan, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr vorwärts komme. Möglichkeiten, um zu wechseln, hätte es gegeben, aber Benfica wollte dennoch an mir festhalten. Also bin ich geblieben. Und in der letzten Saison habe ich dann gehofft, dass ich mehr Einsatzminuten in der ersten Mannschaft spielen darf, aber auch dazu kam es nicht. Es ist wie ich sagte: Es gibt bei Benfica keinen Raum für Fehler. Und einem jungen Spieler eine Chance zu geben ist mit einem Risiko verbunden. Und deshalb habe ich die nicht erhalten – und sah auch keine kommen.
Und deshalb kam der Wechsel zum FC Luzern.
Das ist so. Der FC Luzern hat mich mit seinem Projekt überzeugt. Wir haben hier eine junge Mannschaft und einen Trainer, der auf junge Spieler setzt. Ich habe gespürt, dass der FCL nach einem Spieler wie mir sucht.
Einen letzten Blick zurück erlauben wir uns aber noch: Bereits nach wenigen Spielen in der neuen Saison wurde bei Benfica der Trainer entlassen und durch niemand Geringeren als José Mourinho ersetzt. Sie haben um ein paar Wochen die Chance verpasst, von einem der grössten Trainer des Weltfussballs zu lernen. Bereuen Sie das?
Natürlich wäre es toll gewesen, unter José Mourinho zu spielen. Das ist ein spezieller Trainer und ich bin mir sicher, dass dies eine unglaubliche Erfahrung gewesen wäre. Aber die Situation hätte sich für mich kaum verändert. Otamendi, der meine Position spielt, spielt weiterhin jedes Spiel. Und beim FC Luzern habe ich ganz andere Möglichkeiten.
Dann kommen wir zurück zum FC Luzern. Was ist hier anders für Sie?
Sportlich gesehen habe ich die Möglichkeit, ein Leader in diesem Team zu sein. Ich habe die Chance, viele Einsatzmi-nuten zu sammeln. Und beides dient meiner Entwicklung. Privat schätze ich es zudem ungemein, dass ich viel näher bei meiner Familie bin. Ich habe es genossen, bei Benfica zu spielen. Beim grossen Benfica. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Aber hier in Luzern fühle ich mich von Tag zu Tag wohler.
Sie haben bereits im Interview vom Januar 2019 gesagt, dass Sie Ihre Familie ab und zu vermissen. Diese Veränderung ist ein Pluspunkt.
Ein unglaublich grosser sogar. An freien Tagen bin ich in Langenthal. Nach einem Trainingstag kann ich innerhalb von 40 Minuten bei meiner Familie sein, wenn ich das möchte und ich keine anderen Termine habe. Und auch bei den Spielen: In jedem Spiel waren immer über 10 Freunde, Bekannte und Familienmitglieder vor Ort. Egal ob in Genf, St. Gallen, Basel oder Luzern. Das gibt mir eine unglaubliche Motivation.
Also sind Sie, obwohl Sie nicht mehr in Langenthal wohnen, heute wieder öfter im Oberaargau anzutreffen. Was bedeutet Ihnen Langenthal?
Langenthal ist mein Zuhause. An diesem Ort fühle ich mich am wohlsten. Wenn ich durch Langenthal laufe, kenne ich jede Gasse. Ich kenne unglaublich viele Menschen hier. Und entsprechend verbringe ich auch viel Zeit hier und geniesse, was in den letzten Jahren aufgrund der Distanz nicht mehr so möglich war.
Dann blicken wir doch auch noch nach vorne. Was dürfen wir von Ihnen und dem FC Luzern noch erwarten in dieser Saison?
Wir wollen in die Top-Sechs. Das braucht ab und zu ein bisschen Glück. Das hatten wir auch gegen Basel, wenn wir beispielsweise an den Kopfball von Ibrahim Salah denken, der knapp über das Tor ging. Aber es ist möglich, mit unserer Mannschaft dieses Ziel zu erreichen.
Und was erwarten Sie von sich persönlich?
Ich möchte so viele Einsatzminuten sammeln wie irgendwie möglich. Ich nehme mir vor, mich immer nur auf das nächste Spiel zu fokussieren und nicht zu weit nach vorne zu schauen. Nicolas Otamendi besitzt ein Tattoo: «un dia a la vez». Ein Tag nach dem anderen. Ich habe mit ihm darüber gesprochen und er hat mir gesagt: «Junge, was bringt es dir, wenn du zu weit nach vorne schaust?» Ich habe mir das zu Herzen genommen. Und deshalb liegt mein Fokus auf dem Spiel gegen den FC Sion (Anm. d. Red.: Heute um 18 Uhr). Weiter nach vorne will ich nicht denken.
Sie haben aber auch von Träumen gesprochen. Wovon träumen Sie?
Mein Traum ist es, in der Bundesliga zu spielen. Für mich ist das die coolste Liga und deshalb eines meiner Ziele. Und natürlich ist auch die Champions League für mich ein Thema. In diesem Wettbewerb Spiele zu bestreiten ist traumhaft.
Apropos Champions League: Als Benfica in der letzten Saison gegen Barcelona antrat, waren Sie mit dabei. Sie hatten zwar keinen Einsatz, waren aber Ersatzspieler und haben indirekt gegen Spieler wie Lamine Yamal oder Robert Lewandowski gespielt.
Das war tatsächlich ein spezieller Moment. Es ist der Traum eines jeden Jungen, der Fussball spielt, die Champions League Hymne zu hören und dabei zu sein. Es war schade, dass ich nicht spielen durfte, aber es ist eine schöne Er-innerung für mich.
Wie sieht es mit Spielen in der Nationalmannschaft aus? Sie sind erst vor wenigen Wochen schweizweit aufgefallen, als Sie sich öffentlich äusserten, dass Sie nur noch für die Schweiz
spielen wollen. Speziell daran ist, dass Sie in den letzten Jahren mehrere Testspiele in der albanischen A-Nationalmannschaft bestritten haben, dem Heimatland ihrer Eltern.
Das ist korrekt. Der letzte Einsatz für Albanien ist aber mehrere Jahre her. Und jetzt bin ich wieder in der Schweiz und ich merke, wie gut ich mich hier fühle. Ich bin unglaublich zufrieden, ich habe Freude, hier zu sein. Und vor allem habe ich diesem Land alles zu verdanken. Ich habe nie in Albanien gespielt. Ich habe nie dort gelebt. Das heisst nicht, dass ich meine Wurzeln verleugnen will. Ich bin stolz auf meine Wurzeln und geniesse auch künftig immer wieder gerne Sommerferien in Albanien. Aber ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen und für mich ist die Schweiz meine Heimat. Und ausserdem durfte ich auch ein paar Gespräche mit Nati-Trainer Murat Yakin führen, die mich positiv gestimmt haben. Deshalb war für mich dieser Entscheid klar.
Dann ist ein Einsatz in der Schweizer Nationalmannschaft ein Ziel, oder ein Traum von Ihnen?
Ja, das wäre wirklich toll, wenn ich einmal für die Schweiz spielen dürfte. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn ich dieses Land repräsentieren darf. Aber wie bereits gesagt: Aktuell liegt der Fokus eindeutig beim FC Luzern. Ich bin davon überzeugt, dass ich Fortschritte machen werde, wenn ich mich von Woche zu Woche versuche zu verbessern und hart arbeite. Vielleicht kommt die Möglichkeit, mir solche Träume zu erfüllen, dadurch automatisch. Hinweis der Redaktion: Wenige Stunden nach dem Interview wurde Bajrami am Mittwoch von Nationaltrainer Murat Yakin für die bevorstehenden WM-Qualifikationsspiele gegen Schweden und Slowenien aufgeboten. Er ist als Ersatzspieler in der Innenverteidigung vorgesehen.
Dann kehren wir noch einmal in die Gegenwart zurück: Gerade aktuell deutet vieles darauf hin, dass Sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Oder was sagt beispielsweise ihr Trainer über ihre bisherigen Leistungen?
Ich hatte kein explizites Gespräch mit dem Trainer über meine Leistungen. Aber ich spüre sehr positive Signale. Ich verstehe immer besser, was der Trainer von mir will. Mario Frick hilft mir auch durch diverse kleine Gespräche sehr. Ausserdem war ich bisher in jedem Spiel in der Startaufstellung und auch das nehme ich als positives Zeichen wahr.
Dieser Eindruck wird nicht zuletzt auch dadurch gestützt, dass der FC Luzern Sie erst kürzlich aus ihrem Leihvertrag herausgekauft und fix übernommen hat. Sie haben – schon nach nur wenigen Spielen – einen Vertrag bis ins Jahr 2028 unterschrieben. Das ist ein eindeutiges Zeichen, dass der FCL mit Ihnen zufrieden ist.
Ja, der Zeitpunkt ist vielleicht etwas aussergewöhnlich, aber es zeigt, dass es zwischen mir und dem FCL passt. Und offensichtlich ist der FC Luzern mit meinen bisherigen Leistungen zufrieden. Heute kann ich aus meiner Sicht sagen: Ich fühle mich beim FCL unglaublich wohl – dieser Wechsel war der richtige Schritt.
Adrian Bajrami
Geboren: 5. April 2002
Aufgewachsen/Wohnhaft: Langenthal/Kriens
Zivilstand: Verlobt
Teams: FC Langenthal, BSC Young Boys (beide Junioren), Benfica Lissabon (Junioren und Aktivteams), FC Luzern.
Position: Innenverteidiger.
Starker Fuss: Links.
Lieblingsessen: Döner.
Lieblingsgetränk: Wasser.
Motto: Un dia a la vez – Ein Tag nach dem anderen.