Ein Leben für die Bienen: Thomas und Renate Schär betreiben auf ihrem Hof in Schweinbrunnen eine natürliche Bienenzucht. · Bild: Walter Ryser
Kleine Bienen mit grosser Wirkung
Mit dem Verein Bienen Hof haben Thomas und Renate Schär ein Projekt lanciert, das in der Imker-Szene Seltenheitswert hat und zugleich skeptisch betrachtet wird. Die beiden betreiben auf ihrem Hof in Schweinbrunnen bei Schwarzenbach eine natürliche Bienenhaltung, bei der auf jegliche chemische Behandlung verzichtet wird. «Diese Bienen haben gelernt, im Einklang mit ihrer Umgebung zu leben – ohne unsere ständige Kontrolle», erwähnt Thomas Schär.
Huttwil · Vor 22 Jahren begannen Thomas und Renate Schär auf ihrem Hof in Schweinbrunnen bei Schwarzenbach mit der Imkerei. Der Start erfolgte ganz traditionell, im klassischen Stil mit Schweizer Kasten-System. Die beiden wandten dabei die üblichen Methoden an und verwendeten bei der Behandlung der Varroamilbe chemische Hilfsmittel. So hielten sie in den Anfangsjahren bis zu 70 Bienen-Völker. «Allerdings kämpften wir jährlich mit Schwarmproblemen und verzeichneten grosse Eingriffe bei den Bienenvölkern», erläutert der gelernte Automechaniker und Maurer, der heute hauptberuflich im Kunsthandel tätig ist.
Viele Gefahren lauern den Bienen
Thomas und Renate Schär waren der Meinung, dass man die Probleme, mit denen die Bienen zu kämpfen haben, auf natürliche Weise lösen kann. Aus diesem Grund entschlossen sich die beiden im Jahr 2014 einen eigenen Weg zu gehen und sich vermehrt für die Artenvielfalt und den Erhalt der Natur einzusetzen. Sie lancierten dazu das Projekt «Zurück zur Urbiene». Thomas Schär wollte genau wissen, wer und was die Bienenvölker wirklich bedroht. Schnell hat er festgestellt, dass die Varroamilbe nicht die einzige Gefahr für die Bienen darstellt. Pestizide, Fungizide und Saatgutbehandlungen schwächen zusätzlich den Orientierungssinn und das Immunsystem der Bienen. Weitere Belastungen entstehen durch Rückstände im Bienenwachs sowie Umweltgifte. Für den 51-jährigen Imker war klar, dass nicht die Milbe die Bienen tötet, sondern Viren und Vergiftungen durch die Milbe und die damit einhergehenden Folgeerscheinungen wie Umweltgifte und Pestizide sowie Rückstände im Bienenwachs. «Die wahren Ursachen für das Bienensterben sind ein Zusammenspiel aus Parasiten, Umweltbelastungen und menschlichem Eingreifen», lautet sein Fazit.
Grosse Verluste in den ersten Jahren
Der Imker hat deshalb gehandelt und bei der Bienenzucht konsequent auf den Einsatz von chemischen Mitteln verzichtet. Nur noch punktuell wendet er das sogenannte Hyperthermie-Verfahren an. Bienen und Bienenbrut vertragen erhöhte Temperaturen besser als Varroamilben. Diesen Umstand nutzt die Hyperthermie und reduziert die Anzahl Milben mittels Wärmebehandlung. Dazu hat Thomas Schär in die Zellgrösse bei den Waben eingegriffen. In zwei Schritten wurden diese von 5,4 auf 4,9 mm verkleinert. Der Effekt dieses Eingriffs erstaunte selbst Thomas Schär gewaltig. «Die kleinzelligen Bienen werden fast doppelt so alt wie die grosszelligen Bienen, weshalb sich auch die Population (Volksstärke) verdoppelt», bemerkt er. «Nicht wir retten die Bienen – die Bienen retten sich selbst», sagt er dazu. Die Umstellung verlief jedoch nicht reibungslos, wie der Imker zugeben muss. So verzeichnete er in den ersten Jahren der Umstellung grosse Verluste, die ihn am Vorhaben zweifeln liessen. «Nicht alle Bienen schafften die Anpassung», sagt er dazu. Doch Thomas und Renate Schär hielten an ihrem Projekt fest – mit Erfolg. Sie stellten nämlich fest, dass bei kleineren Zellen die Brutzeit reduziert wird, womit die Varroa-Vermehrung erschwert wird. Die Milbe kann sich nicht mehr unkontrolliert ausbreiten. «Die Kombination mit der natürlichen Selektion führt zu widerstandsfähigeren Völkern», stellt der Imker erleichtert fest. Bei ihm steht deshalb nicht mehr die Bekämpfung der Milbe im Vordergrund, sondern die Förderung der Bienen. «Wir haben nicht die Milbe verändert – sondern die Voraussetzungen für gesunde Bienen geschaffen», beschreibt er seinen Weg. So seien die kleinzelligen Bienen kerngesund, würden die Varroamilbe selber «haushalten» und hätten diese gut im Griff.
In 13 Jahren keine Krankheiten gefunden
Die kleinen Bienen bringen laut Thomas Schär eine grosse Kraft zurück ins Volk. Sie seien zudem auch auffallend ruhig im Verhalten, was er auf die natürliche Selektion zurückführt. Oder: «kleine Bienen – grosse Wirkung», wie er mit Genugtuung feststellt. Diese Bienen hätten mittlerweile gelernt, im Einklang mit ihrer Umgebung zu leben, ohne die ständigen Eingriffe der Menschen. Beim Gespräch mit dem Imker spürt man, Thomas Schär ist stolz auf sein Projekt, was er mit dem Hinweis, dass in den letzten 13 Jahren bei neun Inspektionen durch die kantonalen Bieneninspektoren keine Brutkrankheiten gefunden wurden, unterstreicht. In der Imker-Szene wird das Projekt der Schärs allerdings kritisch betrachtet. So gibt es Imker, die entschieden davon abraten, diesen Weg zu beschreiten, «weil ihr dann keine Bienenvölker mehr habt», wie kürzlich ein Imker in einer Fachzeitschrift kritisierte. Thomas und Renate Schär lassen sich von solchen Aussagen nicht verunsichern. Aktuell verfügen die beiden auf ihrem Bienenhof über 42 Bienenvölker, die heuer mit rund 70 kg pro Volk überdurchschnittlich viel Honig produzierten. In einem normalen Jahr liegt der Schnitt pro Volk bei etwa 22 bis 28 kg. Die Imkerei wird mittlerweile als Verein Bienenhof geführt. Für 26 Bienenvölker besteht je eine Patenschaft, die von Gönnerinnen und Gönnern ideell und finanziell mitgetragen wird. Auf dem Hof wird eine Vielzahl an Honigprodukten hergestellt, Thomas Schär hat sich dabei auf die Produktion von Met und Honigwein spezialisiert, die auch schon prämiert wurden. Aktuell beschäftigt er sich mit einem Luxus-Spirituosen-Projekt, bei dem Honig-Schnaps in eine von einem namhaften Künstler kreierte Flasche abgefüllt und mit einer speziell verzierten Etikette versehen wird. Eine edle Holzverpackung, die sein Bruder Paul Schär herstellt (Hector Egger AG, Langenthal), rundet dieses Liebhaber-Objekt ab. Die «Met-Brand-Barrique»-Flaschen werden anschliessend zu Preisen von 12 500 bis 50 000 Franken zum Kauf angeboten. Bleibt nur noch die Frage, weshalb sich Thomas Schär mit Leib und Seele den Bienen verschrieben hat? «Die Imkerei ist für mich ein grosser Ausgleich zu meinen anderen beruflichen Tätigkeiten. Ein, zwei Tage bei den Bienen ist für mich wie eine Woche Ferien am Meer», erzählt er lachend. Wer so oft wie er Bienen um sich hat, dem ist aber nicht immer zum Lachen zumute, vor allem dann nicht, wenn die kleinen Tiere zustechen. Doch das steckt der Vater von vier Kindern mittlerweile schulterzuckend weg. Das gehöre dazu, sagt er lapidar und erwähnt, dass er dieses Jahr wohl gegen 300 Stiche habe ertragen müssen. Mittlerweile sei er gegen die Stiche immun, verzeichne er keinerlei körperliche Reaktionen mehr, «aber jeder Stich schmerzt, daran habe ich mich noch nicht gewöhnt», bemerkt er. Das Ergebnis, das er mit seinem Bienenhof erzielt, überwiege diesen Schmerz bei weitem, fügt er abschliessend hinzu.
Die Varroamilbe gelangte von Asien nach Europa
Eine der grössten Bedrohungen für das Leben der Bienen ist die Varroamilbe (Varroa destructor). Vor allem die westliche Honigbiene (Apis mellifera) leidet stark unter ihrer Bedrohung. Die Varroamilbe wird häufig im Zusammenhang mit dem Bienensterben genannt. In den 1970-er Jahren gelangte sie über Asien nach Europa und richtet seitdem erheblichen Schaden an. Jeder Imker kennt und fürchtet sie. Die Varroamilbe lebt als Parasit im Bienenstock oder auf der Honigbiene selber. Den Ursprung hat die Varroamilbe in Südostasien. Dort lebte sie mit der östlichen Honigbiene (apis cerana). Durch das langjährige Zusammenleben hat sich die östliche Honigbiene an die Schädlinge angepasst und gelernt, mit dem Befall der Parasiten umzugehen. In den 1980er Jahren hat sich die Varroamilbe von Asien aus auf die ganze Welt verbreitet. Somit ist heutzutage jeder Imker mit der Bekämpfung der Varroamilbe konfrontiert. Doch warum ist sie so gefährlich für die Bienen? Die 1,1 mm grossen Parasiten greifen direkt das Immunsystem der Honigbiene an und richten damit immensen Schaden an. Dabei haben Forscher in einer neuen Studie entdeckt, dass die Varroamilbe die Bienen anders angreifen als bisher gedacht. Bis vor Kurzem wurde vermutet, dass das Blut (Hämolymphe) ausgesaugt wird. Neue Erkenntnisse haben gezeigt, dass die Fettkörper der Bienen angegriffen werden. Der Fettkörper der Honigbiene verrichtet dabei die Funktionen einer Leber. Sie speichert Nahrung, stärkt das Immunsystem und entgiftet den Organismus. Durch die Schädigung des Fettkörpers (Leber) ist es den Bienen nicht möglich, ihren Körper vollständig zu entgiften. Somit sind sie anfälliger für Krankheiten, welche sich zusätzlich noch schnell im Bienenstock verbreiten.
Von Walter Ryser