• Regula Bieri-Obrecht und Ueli Bieri stecken voller Kreativität. Im ehemaligen Schulhaus in Wyssbach haben sie sich eine Oase geschaffen. · Bilder: Bürte Lachenmann

  • Regula Bieri-Obrecht hat eine grosse Leidenschaft für das Solarfärben. Die Wolle erhält nur durch Sonnenlicht und Pflanzenteile ihre intensive Farbe.

  • Das Steinmehl zum Malen wurde aus Entlebucher Steinen gewonnen.

  • Naturmaler Ueli Bieri kennt die Region bestens und gibt sein Wissen unter anderem bei Hike-&-Sketch-Touren weiter.

13.03.2026
Oberaargau

Kreativität, Inspiration und Begegnung

Vor etwas mehr als zehn Jahren zogen Regula Bieri-Obrecht und Ueli Bieri nach Wyssbach bei Madiswil. Im ehemaligen Schulhaus haben sie sich einen besonderen Ort geschaffen – einen Ort der Begegnung, der Kreativität und der Ruhe.

Madiswil · Das ehemalige Schulhaus in Wyssbach wurde 2015 von Regula und Ueli Bieri aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. Erbaut wurde es in den frühen 1920er-Jahren – ganz genau lässt sich das heute nicht mehr nachvollziehen. Sicher ist jedoch: Generationen von Schülerinnen und Schülern haben hier lesen, schreiben und rechnen gelernt. In den beiden ehemaligen Klassenräumen kamen täglich rund 100 Kinder zusammen, und im Obergeschoss wohnten zugleich die Lehrerin und der Lehrer, sie in der kleinen, er in der grossen Wohnung. Das Haus war über viele Jahre ein lebendiger Treffpunkt des kleinen Weilers.

Denkmalgeschützt und voller Erinnerungen
Wer die ehemalige Schule betritt, spürt sofort ihren besonderen Charme. Die Treppenstufen knarzen leise und in den früheren Unterrichtsräumen hängen noch immer die alten Wandtafeln. Es ist, als würden die Geschichten vergangener Schulzeiten noch in den Räumen nachklingen. Regula und Ueli Bieri kommen beide aus dem Lehrerberuf. Während er diesen vor einigen Jahren aufgegeben hat, arbeitet sie noch immer als Lehrerin in Willisau. Als sie das Haus renovierten, war ihnen besonders wichtig, den ursprünglichen Charakter des Gebäudes zu bewahren. Dafür führten sie Gespräche mit Einwohnerinnen und Einwohnern und stöberten im Gemeindearchiv. Jeder kleine Hinweis wurde gelesen – doch konkrete Baupläne liessen sich nicht finden. Da das Schulhaus unter Denkmalschutz steht, musste bei der Renovation mit viel Sorgfalt vorgegangen werden. Auch die Auswahl der Materialien war vorgegeben. Seit den 1980er-Jahren findet hier kein Unterricht mehr statt. Als die beiden das Gebäude 2015 übernahmen, wartete viel Arbeit auf sie. Heute jedoch sind die grossen, lichtdurchfluteten Schulräume wieder mit Leben erfüllt. Früher wurden hier Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse unterrichtet. Mit der Zeit wurde der Transport in umliegende Ortschaften günstiger als der Unterhalt des alten Schulhauses – und so wurde der Unterricht eingestellt. Seither nehmen die Kinder aus der Gegend längere Schulwege in Kauf.

Kreative Räume mit Herz
Die beiden Räume im Erdgeschoss spiegeln heute die vielfältigen Interessen von Regula Bieri-Obrecht und Ueli Bieri wider. Regula widmet sich mit Leidenschaft den Heilpflanzen und textilem Handwerk wie Filzen, Färben, Lismen oder dem Herstellen von Seifen. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin ist sie ausgebildete Heilpflanzenexpertin und verbindet ihr Wissen mit viel Kreativität. Das Filzen ist für sie immer wieder eine Entdeckungsreise. Sie liebt die Arbeit mit den Händen und die kleinen Überraschungen, die dabei entstehen. Neben Schals oder Armstulpen fertigt sie auch schöne Einzelstücke. Besonders angetan hat es ihr das transparente Filzen: Mit speziell geeigneter Wolle entstehen daraus stimmungsvolle Windlichter und Tischleuchten. Eine weitere Leidenschaft ist das sogenannte Solarfärben. Dabei werden Wolle oder Stoffe mit heimischen Pflanzen gefärbt – ganz ohne starkes Erhitzen, nur durch die Kraft der Sonne. Die Materialien werden zusammen mit Pflanzen in ein grosses Gefäss gelegt und mit Wasser übergossen. Innerhalb weniger Tage löst das Sonnenlicht die Farbstoffe aus den Pflanzen und überträgt sie auf Stoff oder Wolle. Je nach Pflanze und Sonneneinstrahlung entstehen dabei immer wieder neue, überraschende Farbtöne. Ihre Produkte verkauft Regula Bieri-Obrecht auf verschiedenen Märkten oder direkt bei sich zu Hause. Neben den textilen Arbeiten gehören auch Marmeladen, Sirupe, Kräuterliköre und im Kaltverfahren hergestellte Naturseifen zu ihrem Sortiment.

Inspiration in der Natur
Dass das ehemalige Schulhaus abseits von Hektik und Verkehr liegt und von üppiger Natur umgeben ist, ist für die beiden ein grosses Geschenk. Ueli Bieri ist Naturmaler und fast täglich draussen unterwegs – selbst bei Regen oder Kälte. Der zweite grosse Schulraum dient ihm als Kursraum und ist mit Tischen und Malutensilien ausgestattet. Seine bevorzugten Stilrichtungen sind das Sketchen, also das schnelle Skizzieren und Zeichnen, sowie die Aquarelltechnik. Am liebsten arbeitet er direkt in der Landschaft. An seinem Zeichentisch im Haus sieht man ihn selten – ihn zieht es hinaus in die Natur. Dort entdeckt er immer wieder neue Blickwinkel, die er auf Papier festhält. Auch gemeinsam sind Regula und Ueli oft draussen unterwegs. Während Ueli seinen Platz zum Skizzieren sucht, geniesst Regula die Ruhe der Natur oder nimmt ihre Stricksachen mit. Ueli Bieri gibt sein Wissen rund um Aquarell, Sketchen und Naturbeobachtung gerne weiter und bietet im Schulhaus regelmässig Kurse an. Besonders beliebt sind seine Hike-&-Sketch-Touren. Auf kurzen Wanderungen – mal in der Natur, mal auch in Städten – werden mehrere Stopps eingelegt. Die Teilnehmenden haben Zeit, Landschaften zu skizzieren oder zu aquarellieren. Dabei erklärt Ueli Bieri verschiedene Maltechniken, zeigt den Umgang mit Stift und Pinsel und erzählt Spannendes über Natur, Orte und Landschaften. Von seinen Arbeiten sind inzwischen drei Bücher erschienen, eines davon widmet sich der Maltechnik. Das «entleBUCH» zeigt Aquarelle aus seiner Heimatregion, «FACETTENreich um den Napf» wiederum porträtiert den vielfältigen Naturraum rund um den Napf. Die Naturverbundenheit zeigt sich auch an anderer Stelle: So hat Bieri Steine aus dem Entlebuch zu Steinmehl verarbeitet und daraus die Farbpigmente hergestellt, mit denen er Bilder malt.

Ein Ort zum Ankommen
Bis vor einigen Jahren fanden in den neu gestalteten Schulräumen auch regelmässig Konzerte statt, die Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Schweiz nach Wyssbach lockten. Leider konnte sich diese Veranstaltungsreihe langfristig nicht etablieren. Regula und Ueli Bieri wohnen heute selbst im Obergeschoss des Schulhauses. In der ehemaligen Lehrerwohnung nebenan bieten sie zudem eine Ferienwohnung an. Sie wurde sorgfältig renoviert und eröffnet einen wunderbaren Blick in die umliegende Natur. Immer wieder kehren Stammgäste nach Wyssbach zurück, um dem Alltag zu entfliehen und die besondere Ruhe dieses Ortes zu geniessen. Wer Lust hat, darf auch einfach einmal vorbeischauen. Das Haus steht offen für Begegnungen – und wenn es die Zeit erlaubt, freuen sich Regula und Ueli Bieri immer über interessierte Besucherinnen und Besucher und einen persönlichen Austausch.

Von Bürte Lachenmann