Denise Roth ist seit 2019 am Neurozentrum Oberaargau in Langenthal tätig und wird die neue Memory Clinic leiten. · Bild: Thomas Peter
Langenthal erhält eine Memory Clinic
Immer mehr Menschen sind von Demenz betroffen. In der Schweiz ist es jede neunte Person der über 65-Jährigen, bei den über 90-Jährigen sind es gar über 40 Prozent, Tendenz weiter steigend. Auch das Neurozentrum Oberaargau in Langenthal betreut zunehmend mehr Betroffene. Deshalb baut das Neurozentrum sein Angebot weiter aus und feiert morgen Samstag, 16. August, mit einem Tag der offenen Tür ihr 15-jähriges Bestehen und die offizielle Eröffnung der Memory Clinic unter der Leitung der Neurologin Denise Roth. Demenz ist zwar (noch) nicht heilbar, doch können Erkrankte wie Angehörige dank der Memory Clinic lernen, mit Demenz und ihren Folgen so gut wie möglich umzugehen.
Die Zahlen zeigen eine deutliche Entwicklung. Demenz ist keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern betrifft immer mehr Menschen, weltweit und somit auch im Oberaargau. Doch eine entsprechende spezialisierte Anlaufstelle fehlte bis anhin in der Region. «Wir erhalten von Jahr zu Jahr immer mehr Anfragen. Der Bedarf ist in der Region da und wir wollen den Menschen ein entsprechendes Angebot in ihrer Nähe ermöglichen», erklärt die 44-jährige Denise Roth auf die Frage, warum es gerade in Langenthal eine Memory Clinic braucht. «Wir haben diesen Bereich bereits jetzt durch das Ärzteteam im Neurozentrum Oberaargau in Langenthal abgedeckt. Die Infrastruktur ist hier also schon vorhanden. Nun werden wir das Angebot weiter ausbauen. Somit können wir Betroffene noch umfassender begleiten und betreuen. Die ganze Abklärung inklusive Diagnostik, Aufklärung und Begleitung können wir hier im Neurozentrum anbieten. Zudem ziehen wir für spezifische Abklärungen Spezialisten bei wie etwa das Röntgeninstitut Langenthal für ein MRI des Kopfes», ergänzt Denise Roth, die die Memory Clinic leiten wird.
Gedächtnissprechstunde
«Eine Memory Clinic ist eine Gedächtnissprechstunde. Wir wollen eine Anlaufstelle sein sowohl für Menschen, die erste Anzeichen einer Demenz haben, als auch für jene, die bereits eine Demenz-Diagnose haben», erklärt Denise Roth. «Die ersten Anzeichen sind Vergesslichkeit wie beispielsweise, dass man gewisse Dinge mehrmals erzählt oder Termine vergessen gehen. Aber auch Sprach- und Wortfindungsstörungen seien Anzeichen, wenn man etwa die Worte nicht mehr findet, wenn einem ein Name oder eine Ortschaft nicht mehr in den Sinn kommt. Aber auch der Orientierungssinn wird schlechter. Man findet sich plötzlich nicht mehr zurecht im Einkaufszentrum und zu Hause findet man Dinge wie den Schlüssel oder die Brille nicht mehr. Dies können Frühzeichen gerade bei der Alzheimer Krankheit sein», zählt Denise Roth auf. Wenn man eine solche Veränderungen feststelle, solle man sich an die Hausärztin oder den Hausarzt wenden, es mit ihnen besprechen. Diese machen erste Tests und gegebenenfalls ein Hirnscreening. «Wenn die Hausärztin oder der Hausarzt den Eindruck erhält, da ist etwas, das über den normalen Rahmen hinausgeht, dann können sie die betroffene Person uns zuweisen.»
Hausarzt bliebt erste Anlaufstelle
Eine hausärztliche Zuweisung sei nicht nur zwingend sondern auch sinnvoll. «Der Hausarzt kennt die Patienten und ihre Vorgeschichte, die Medikamente, die sie einnehmen, und deren Nebenwirkungen, und betrachtet die Situation ganzheitlich. Deshalb ist es wichtig, dass die Hausärztin, der Hausarzt die erste Anlaufstelle ist und bleibt», betont Denise Roth. «In der Memory Clinic führen wir dann zunächst ein Gespräch mit den Betroffenen und – ganz wichtig – auch mit den Angehörigen oder Begleitpersonen, weil es zentral ist, dass man das ganzheitlich ansieht.» Bei der ersten Untersuchung in der Memory Clinic werden mit verschiedenen Tests die Körper- und Denkfunktionen untersucht und Hirnstrommessungen durchgeführt, um Hinweise auf eine mögliche Erkrankung zu finden. «Wie ist zum Beispiel die Sprache, wie ist das Vorstellungsvermögen etwa beim Zeichnen? Und dann ordnen wir ein: Sind die Einschränkungen stärker als wir es bei Personen in diesem Alter erwarten?» Wenn es über den normalen Rahmen hinausgeht und der Verdacht auf Demenz besteht, werden weitere Abklärungen getroffen, zum Beispiel mit einer Nervenwasseruntersuchung im Neurozentrum oder einem MRI vom Kopf im Röntgeninstitut Langenthal oder weiteren Kopfuntersuchungen mittels PET (Positronen-Emissions-Tomographie), mit der Stoffwechselvorgänge im Körper sichtbar gemacht werden. Bei einem zweiten Termin werde dann der Befund besprochen. Handelt es sich hier tatsächlich um eine Krankheit? Was ist der Grund für die Veränderungen? «Da gibt es ganz viele verschiedene Ursachen wie zum Beispiel ein Vitaminmangel oder eine Stoffwechselstörung. Es gilt herauszufinden, was dahinter steckt. Wenn wir das herausgefunden haben, dann versuchen wir, dies mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, möglichst gut zu behandeln. Auch mit dem Ausbau des Angebotes im Neurozentrum Oberaargau wird der Hausarzt, die Hausärztin weiterhin die erste Anlaufstelle sein und uns beiziehen, wenn Fragen auftauchen. Wir werden punktuell vielleicht alle sechs bis neun Monate hinzugezogen und machen Verlaufskontrollen. Die aktuellen Medikamente in Tablettenform oder Pflaster werden von den Hausarztpraxen abgegeben. Wenn dann die neuen Medikamente in Infusionsform kommen, dann müssen diese in einem spezialisierten Zentrum wie unserer Memory Clinic verabreicht werden.»
Aktivsein ist beste Vorsorge
Laut Denise Roth könne man aber selber dazu beitragen, den Krankheitsverlauf hinauszuzögern. «Bewegung, aktiv sein, gesunde Ernährung: Das ist das A und O und praktisch gleichwertig gegenüber den Medikamenten. Medikamente allein genügen nicht. Deshalb sollte man schon früh darauf achten und prophylaktisch aktiv sein. So kann man auch im höheren Alter ein neues Instrument oder eine neue Sprache lernen, Hobbies pflegen. All das kann den Beginn einer Demenz hinauszögern. Die Hirnzellen gehen zwar durch die Alzheimererkrankung oder die Arterienverkalkung kaputt, doch die gesunden Hirnzellen sind gut vernetzt und verknüpft und funktionieren gut. Dadurch kann man defekte Hirnzellen länger kompensieren. Wir Menschen benötigen ja nicht das ganze Hirn, wir haben noch ganz viel Land, das brach liegt, das wir rekuperieren können. Beispielsweise bildet sich bei der Alzheimer Erkrankung in häufigster Form typischerweise zuerst der Schläfenlappen zurück, dort also, wo sich die ‹Festplatte›, das Gedächtnis, befindet. Deshalb ist bei der Alzheimer Krankheit die Vergesslichkeit so prominent. Wenn die Festplatte defekt ist, dann können andere Hirnbereiche diese Aufgabe zwar nicht eins zu eins, aber doch teilweise übernehmen. Man kann sozusagen neue Schleifen trainieren und sich neue Strategien angewöhnen, indem man die Informationen nicht beiläufig aufnimmt, sondern sie bewusst aktiv abspeichert und sie zum Beispiel mehrmals repetiert. Dank dem MRI Bild können wir feststellen, welche Region, welches Muster und welche Krankheit dahintersteckt», erklärt Denise Roth. Deshalb mache es Sinn, diese Abklärungen vorzunehmen. «Dies ist auch wichtig für die eigene Lebens-und Zukunftsplanung und für die Angehörigen, um gewisse Dinge bereits im Voraus organisieren zu können wie eine Patientenverfügung; oder man überlegt, wie man es mit dem Wohnen organisieren kann, was für Unterstützung man braucht.» Hilfe zum Beispiel, wenn man noch selber Zahlungen im Internet vornehme und plötzlich immense Beträge ausgebe, weil man das Ausmass nicht mehr richtig beurteilen könne. «Das sind Bereiche, bei denen es sich lohnt, dass die Angehörigen sich bewusst sind, dass solche Fehler passieren können.» Denise Roth weist zudem auf spezifische therapeutische Angebote wie Gedächtnisgruppe oder Ergotherapie hin, wo man spezifische Übungen mache, oder – beim fortgeschrittenen Stadium – aufgezeigt erhalte, wie man den Alltag zu Hause organisieren könne.
Forschung geht Richtung Frühdiagnose
«Hirnzellen, die defekt sind, können wir nicht mehr regenerieren. Dadurch aber, dass das Hirn plastisch und lernfähig ist, kann man das gesunde Hirn unterstützen und mit Medikamenten dort Substrat geben, dass es dennoch so gut wie möglich funktionieren kann», erklärt Denise Roth. «Das Ziel ist es, die Lebensqualität, die Selbständigkeit für Betroffene zu verlängern und den Heimeintritt hinaus zu zögern», betont sie. Dank der aktuellen Medikamente könne ein Heimeintritt zwar um einige Monate bis ein Jahr hinausgeschoben werden. «Das Problem bei diesen Medikamenten ist, dass wir eigentlich beim Behandlungszeitpunkt damit zu spät sind. Man müsste dieses Medikament eigentlich nehmen, wenn die ersten Ablagerungen beginnen und nicht erst, wenn sie schon einen gewissen Prozentsatz des Hirns kaputt gemacht haben. Zum Zeitpunkt, wenn die Betroffenen merken, dass sich etwas verändert hat, hat die Krankheit schon zehn Jahre zuvor begonnen.» Deshalb gehe die Forschung in Richtung Früherkennung. So sei man daran, Bluttests zu entwickeln, mit denen man bereits im Blut sehen kann, ob Veränderungen vorhanden sind. So könne man die Behandlung mit dem Medikament schon früher beginnen und dafür sorgen, dass die Krankheit gar nicht erst einen solchen Schaden verursacht. Das sei aber noch Zukunftsmusik und noch nicht spruchreif, hielt Denise Roth fest. Ende Juli hat der Schweizer Pharmakonzern Roche die EU-Zulassung für einen ersten neuen Bluttest zur Alzheimer-Diagnose erhalten, der helfen kann, Alzheimer bei Patienten auszuschliessen. «Die Forschung ist am Ball und es besteht die Hoffnung, dass wir das je länger je besser behandeln können. Die Krankheit ist so komplex und hat so viele Faktoren, die da hineinspielen, dass es nicht einfach eine Lösung, ein Medikament geben wird, welches das Problem lösen wird. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass die Krankheit irgendwann einmal heilbar sein wird.»