Langenthal will ab dem Jahr 2040 den Ausstieg aus der Gasversorgung anstreben. Dafür gibt es mehrere Gründe. · Bild: zvg
Langenthal strebt den Gasausstieg an
Ab 2040 will die Stadt Langenthal, gemeinsam mit seiner Tochtergesellschaft, der Industriellen Betriebe Langenthal, aus der Gasversorgung aussteigen. Dieser Entscheid hat einerseits, aus städtischer Sicht, gesellschaftliche und politische Gründe, für die IBL aber genauso wirtschaftliche. Mit der frühzeitigen Kommunikation soll der Kundschaft ein akzeptabler Planungshorizont geboten werden.
In Langenthal wird der Wärmebedarf zu etwa zwei Dritteln mit Gas sichergestellt. Das ist insbesondere in dichtbesiedelten Gebieten, also zumeist in Städten, weiterhin zu grossen Teilen üblich. In den letzten Jahren hat in der Gesellschaft aber ein Umdenken stattgefunden, das politische und wirtschaftliche Auswirkungen nach sich zieht. Privatpersonen wollen mit erneuerbaren Energien heizen, zugleich wird politisch Klimaneutralität angestrebt, weshalb das Heizen mit Erdgas oder auch Öl über die letzten Jahre an Beliebtheit verlor. Wer ausserdem seine Wohneinheit saniert, ist aufgrund von kantonalen Richtlinien beinahe gezwungen, mit fossilen Brennstoffen betriebene Heizungen durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Die neue Ausgangslage führt auch im Oberaargauer Zentrum zu einem Schritt, den bereits mehrere Städte ankündeten: Langenthal will ab 2040 aus der Gasversorgung aussteigen.
Im Einklang mit Klimaschutzzielen
Das sei ein Zeichen hin zu einer Zukunft mit erneuerbaren Energien, sagt Regula Schneider als Leiterin des Bereichs Unternehmensentwicklung der Industriellen Betriebe Langenthal. Als hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt ist die IBL für die Versorgung der Bevölkerung mit Energie und Wärme zuständig und wird diesen Entscheid letztlich umsetzen, geplant und vorangetrieben wurde er aber gemeinsam. Und dies deshalb, weil aus den verschiedenen Positionen verschiedene Gründe entspringen. «Bis 2050 will die Schweiz klimaneutral sein. Und dies ist das übergeordnete Ziel, nach dem wir allgemein, im Einklang mit den Klimaschutzzielen, handeln», erklärt Reto Müller als Stadtpräsident die politische Grundlage. Dies sei Richtschnur und führe zu einer Verantwortung, die Langenthal mittragen wolle. «Dieser Weg wurde politisch gesehen bereits in mehreren Abstimmungen gestützt», begründet er weiter; auch deshalb sei Langenthal nicht etwa die erste Stadt, die nun diesen Weg gehen will. «Um das Ziel «Netto-Null» erreichen zu können, ist das der nächste Schritt», sagt ausserdem der zuständige Gemeinderat und Vize-Stapi Michael Schär, immerhin werde weiterhin ein Grossteil der Wärme in Langenthal durch Gas sichergestellt. Wichtig sei aber, den Bürgern durch eine frühe Kommunikation genügend Vorlauf zu bieten, so Schär weiter. «Eine Heizung hat oft eine Lebensdauer von 15 Jahren, so könnte eine heute neu eingesetzte Gasheizung noch amortisiert werden, bevor der Gasausstieg erfolgen würde.»
Nutzen von Gasnetz nimmt ab
Der Ausstieg erfolge indes nicht nur aus politischen oder gesellschaftlichen Gründen, sondern auch aus wirtschaftlichen, erklärt derweil Rudolf Heiniger, Direktor der IB Langenthal. «Der Nutzen des Gasnetzes nimmt ab. Die Kosten für die Aufrechterhaltung sind hoch, zugleich verlieren wir rund 100 Kunden pro Jahr in diesem Geschäftszweig.» So gesehen mache ein geordneter Ausstieg in den kommenden Jahren durchaus Sinn, weil das Angebot offensichtlich stetig weniger nachgefragt wird, unterstrichen wird dies von den rückläufigen Absatzzahlen der letzten Jahre. Bis 2040 werde Gas aber weiterhin angeboten und erst danach schrittweise ein Ausstieg erfolgen. Wie dieser dann explizit aussehen wird, ist noch nicht festgelegt, entsprechende Pläne werden erst noch ausgearbeitet. «Es wird nicht einen Tag geben, an dem wir den Schalter umlegen», sagt Ruedi Heiniger weiter. Letztlich würden schrittweise Quartiere abgehängt, teilweise auch, weil eine Versorgung von Kunden möglicherweise früher nicht mehr gewünscht wird. Klar sei bereits jetzt, dass die Leitungen selbst im Boden bleiben und erst bei Platznot entfernt würden, informiert Ralph Markowski von der IBL, dies auch, weil der Aufwand dafür gross wäre und der Verkehr dadurch zumeist unnötig stark belastet würde. Die Leitungen selbst werden aber jeweils lokal vom Gas befreit, um die Sicherheit zu garantieren. Dafür werden die Rohre mit nicht brennbarem Stickstoff durchstossen, damit das brennbare Gas entweichen kann.
Eine finanzielle Herausforderung
Eine Herausforderung wird das für die IBL auch aus finanziellen Gründen. «Die Cashcow Gas fällt weg», sagt Finanzchef Simon Lanz, andererseits seien auch Investitionen beispielsweise in Wärmeverbünde nötig, um Ersatz zu bieten. Bis 2030 würden dadurch bereits rund 80 Millionen investiert, etwa 60 Millionen würden durch Fremdfinanzierungen ermöglicht. «Der finanzielle Spielraum der IBL verkleinert sich, der Ausstieg wird in den Büchern auch durch verstärkte Zinsbelastung sichtbar sein», so Lanz weiter, entsprechend erwarte man vorerst, dass der Gewinn sich verkleinere. «Diese Transformation ist aber nötig und ermöglicht eine längerfristige wirtschaftliche Stabilität.» Eine Ausnahme beim Gasausstieg gibt es indes: Die Industrie wird vorerst auch nach 2040 Gas beziehen können. Für gewisse Prozesse, die eine hohe Temperatur voraussetzen, gibt es derzeit nämlich noch keine Alternative zum Gas. Hier würden aber klimaneutrale Angebote wie Biogas angestrebt, bis 2040 sei es ausserdem möglich, dass die Forschung weitere Alternativen bereitstelle. Das Spannende dabei ist, dass die Industrie zwar nur ein Prozent der Gaskunden ausmacht, zugleich aber rund 25 Prozent der Gasmenge bezieht, wodurch sich letztlich für die IBL ein Aufrechterhalten eines solchen Angebotes auch aus wirtschaftlicher Sicht lohnt.
Frühzeitige Planung möglich
In den kommenden Jahren wird nun die Planung für die Umsetzung weiter vorangetrieben. Für Kunden stehen laut der IBL diverse Beratungsmöglichkeiten zur Verfügung, laut Gemeinderat Michael Schär gebe es je nach Gebiet, in dem man wohne, verschiedene Möglichkeiten, um auf nicht fossile Wärmeversorgung umzustellen. Während mit dieser nun frühen Kommunikation bereits die Möglichkeit für eine frühzeitige Planung auf Kundenseite gegeben sei, würden diese ausserdem mindestens zwei Jahre im Voraus informiert, bevor kein Gas mehr in die einzelnen Haushalte geliefert werde. So oder so hat aber noch die Politik das letzte Wort. Um den Ausstieg vollziehen zu können, benötigt es eine reglementarische Grundlage, über die der Stadtrat im Jahr 2026 befinden soll. Hier darf man aber davon ausgehen, dass aufgrund des gesellschaftlichen Bestrebens in Richtung Klimaneutralität eine gangbare Lösung gefunden werden muss.
Von Leroy Ryser