• Valerio Moser sitzt mit seiner Trophäe aus Berlin auf dem Wuhrplatz in Langenthal. · Bild: Felix Ott

04.11.2025
Langenthal

Langenthaler Wortakrobat erobert Europa

Vom «Chrämerslam» in Langenthal auf die grosse Bühne in Berlin: Valerio Moser ist neuer Europameister im Poetry Slam. Mit Sprachwitz, Rhythmus und einem kräftigen Schuss Oberaargauer Charme hat er die Jury und das Publikum überzeugt.

«Do you do voodoo and who do you do voodoo to?» – mit dieser und vielen anderen Wortschöpfungen gewann Valerio Moser kürzlich den Titel des Europameisters im Poetry Slam. Auch zwei Wochen nach dem Wettbewerb in Berlin kann er sein Glück noch immer kaum fassen: «Es war nie geplant, dass ich den Titel gewinne», sagt er. Der Titel sei eine grosse Ehre, auch wenn ihm alles noch etwas absurd vorkomme. Die Schweizer Poetry-Slam-Szene kennt Moser in- und auswendig: Der Langenthaler ist seit Jahren eine prägende Figur der hiesigen Spoken-Word-Kunst. Doch an einem Wettbewerb anzutreten, an dem Teilnehmende aus 20 Ländern aufeinandertreffen, sei eine besondere Erfahrung gewesen. Die Europameisterschaft habe eindrücklich gezeigt, wie vielfältig die nationalen Szenen seien. Das habe auch seine Textauswahl beeinflusst, erzählt Moser. Sein erster Beitrag war eine energiegeladene, mit Reimen gespickte Ode an sein Trottinett. Im zweiten Text zappte er sich durch eine wahnwitzige, kapitalismuskritische Fernsehshow. «Ich habe Texte gewählt, die stärker über Reim, Rhythmus und Energie funktionieren als über den Inhalt», sagt er. Zwar seien Übersetzungen eingeblendet worden, doch die eigentliche Kunst des Poetry Slam liege im kraftvollen Vortrag.

Ein brüllender Serbe in der Hotellobby
Ein Erlebnis in der Hotellobby um drei Uhr morgens wird Moser besonders in Erinnerung bleiben. Der irische und der schottische Teilnehmer hätten vorgeschlagen, einen «Poetry Circle» zu machen, bei dem alle der Reihe nach einen Text vortragen. Das sei eine Tradition aus der Pubkultur Irlands und Schottlands. «Als der serbische Teilnehmer an der Reihe war, sprang er plötzlich auf den Tisch, riss sich das T-Shirt vom Leib und brüllte seinen Text in die Runde», erzählt Moser lachend. «Keiner verstand ein Wort, ausser dem Kroaten, der ihn begeistert anfeuerte.» Für Moser war das eine unvergessliche Szene. «So absurd es klingt, genau das zeigt, dass Poetry Slam verbindet», sagt er. «Slam ist ein eigener sozialer Raum.» Neben den Auftritten gehe es bei Slam-Veranstaltungen auch darum, sich auszutauschen und die gemeinsame Leidenschaft zu leben. «Wir hatten eine sehr schöne Zeit miteinander», sagt Moser. Viele der Künstler­innen und Künstler, die er in Berlin kennengelernt habe, stünden noch heute mit ihm in Kontakt. Während die Kunstform im deutschsprachigen Raum bereits breite Beachtung findet, sei das in anderen Ländern noch nicht der Fall. Für viele Teilnehmende sei die Vorrunde mit rund 500 Zuschauerinnen und Zuschauern der grösste Auftritt ihrer bisherigen Karriere gewesen. Für Moser hingegen sei eine solche Publikumsgrösse nichts Un­gewöhnliches. Das Finale fand schliesslich vor 1700 Personen im ausverkauften Admiralspalast statt.

Ein Missverständnis um den Schweizermeistertitel
Doch auch wenn die Schweiz eine lebendige Poetry-Slam-Szene habe, sei sie noch nicht vollständig zusammengewachsen. Das zeigte schon der Weg, der Moser an die Europameisterschaft führte. Nach seinem Sieg als Schweizermeister 2024 habe er beschlossen, sich für den europäischen Wettbewerb anzumelden. «Ich dachte, ich bin so frech und gehe einfach hin», sagt er. Doch die Organisatoren teilten ihm mit, es habe sich bereits jemand beworben, der ebenfalls den Titel des Schweizermeisters beanspruche. Es stellte sich heraus, in der Romandie wird eine eigene Schweizermeisterschaft ausgetragen. «Wir haben dann einen Deal gemacht», erzählt Moser. Der Westschweizer Champion durfte 2024 an die Europameisterschaft, Moser dieses Jahr. Aus dem anfänglichen Missverständnis sei inzwischen eine Zusammenarbeit entstanden. Vielleicht könne daraus eines Tages eine mehrsprachige Vernetzung entstehen, mit Veranstaltungen, an denen Texte auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch vorgetragen werden. Der Erfolg von Valerio Moser zeigt, wie stark die Szene im Kanton Bern und besonders im Oberaargau ist. Der Langenthaler hat mit dem «Chrämerslam» einen beliebten Anlass ins Leben gerufen, an dem auch Newcomer die Chance erhalten, auf der Bühne zu stehen. Obwohl er bereits zur zweiten oder dritten Generation der Slammer gehört, sagt Moser: «Heute bin ich schon ein alter Hase in der Szene.» Von Rücktritt ist allerdings keine Rede. Als Europameister wird Valerio Moser 2026 an der Weltmeisterschaft in Südafrika teilnehmen. Bis dahin ist er in Langenthal noch bis Dezember mit seiner Show zum Buch «Tablett voll glitzernder Snapshots» unterwegs. Ab Herbst 2026 wird er mit seinem neuen abendfüllenden Programm «mannomann» auf die Bühne gehen.

Von Felix Ott