Die 23-jährige Eishockeyspielerin Lara Christen (dritte von rechts) ist der erste Mensch aus Huttwil, der an Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt. · Bild: Keystone
Lara Christen holt erste Olympia-Medaille für Huttwil
Eine Sternstunde in der Geschichte des Städtchens. Lara Christen holt mit den Hockey-Frauen in Mailand Bronze. Sie war die perfekte Verteidigerin in einem perfekten Team.
Olympische Winterspiele Mailand Cortina 2026: Eishockey Frauen · Alles passte bei den Schweizerinnen: Die taktische Ausrichtung und die Umsetzung, der Zusammenhalt im Team und dazu hin und wieder der Beistand der Hockeygötter, ohne den ein solcher Erfolg auf diesem Niveau nicht möglich ist. Lara Christen (23), die Schwester von Biels Luca Christen (28), spielte als Verteidigungsministerin, als Antwort des Frauenhockeys auf Roman Josi, eine zentrale Rolle. Wenn andere stürmen oder wenn alles drunter und drüber zu gehen droht, dann ordnet, beruhigt und lenkt die junge Huttwilerin mit kühler Präzision. Im Bronze-Spiel gegen Schweden hatte sie mit 30:19 Minuten wieder am meisten Eiszeit übernommen, sie stand länger auf dem Eis als alle anderen und schrieb am Ende die entscheidende Szene selbst. Sie war es, die den Siegestreffer zum 2:1 in der letzten Minute der Verlängerung mit dem zweiten Assist einfädelte.
Die meiste Eiszeit
Christen hat von allen Schweizerinnen während des ganzen Turniers am meisten Eiszeit geschultert – 25:01 Minuten pro Spiel. Zum Vergleich: Roman Josi hat in Mailand durchschnittlich 22:04 Minuten pro Partie verteidigt. Mit Plus 4 hat Lara Christen auch die beste Plus/Minus-Statistik des Teams. Sie war in Mailand die perfekte Verteidigerin in einem perfekten Team und eine der Besten der Welt. Sie war auch nach dem Sieg im Bronze-Spiel so wie immer: Ruhig, entspannt und gelassen – eigentlich so, wie sie auf dem Eis verteidigt. Nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen, auch nicht der bisher grösste Erfolg in ihrer Karriere. Sie hat die sympathische Bescheidenheit und die leise Art, wie sie viele grosse Spielerinnen und Spieler haben – im Wesen durchaus ähnlich wie Roman Josi.
Wie eine Familie
Dieses Schweizer Frauen-Nationalteam ist in den letzten Jahren in fast gleicher Besetzung zusammengewachsen. Wenn dieser Teamgeist von allen erwähnt und hervorgehoben wird, ist es mehr als eine Floskel, die einfach dazugehört. Während des ganzen Turniers waren Angehörige von allen da und trafen sich zwischen den Partien mit den Spielerinnen. Für Lara Christen ist dieser Zusammenhalt von zentraler Bedeutung: «Wenn wir für die Nationalmannschaft einrücken, dann ist es inzwischen ein wenig wie heimkommen.» Der grosse Unterschied zum letzten Olympischen Turnier – in Peking ging 2022 das Bronze-Spiel gegen Finnland 0:4 verloren – sei die grössere Erfahrung. Schon damals hatte Lara Christen bei ihrer ersten Olympia-Teilnahme eine zentrale Rolle im Team (am meisten Eiszeit) und schon damals war Colin Muller (62) Nationaltrainer. Zusammengewachsen über Jahre und nun in Mailand gereift für den grössten Moment.
Feierlichkeiten stehen bevor
Für Lara Christen ist Colin Muller der bestmögliche Coach. «Er ist für uns wie eine Vaterfigur geworden. Wir vertrauen ihm. Wir wissen, dass wir etwas wagen und auch Fehler machen dürfen.» Mit ziemlicher Sicherheit werden sich die Schweizerinnen an einen neuen Nationaltrainer gewöhnen müssen. Colin Muller sagt offiziell, das Bronze-Spiel sei seine letzte Partie gewesen – er werde den Vertrag nicht mehr verlängern. Hingegen kann Lara Christen, wenn sie weiterhin auf Hockey setzt, das Spiel des Nationalteams gut und gerne weitere zehn Jahre prägen und noch 2038 dabei sein – womöglich gar vor eigenem Publikum: Die Schweiz bewirbt sich ja für die Spiele von 2038. Die Olympische Bronzemedaille ist der bisher grösste Erfolg für die Huttwilerin. Mit den ZSC Lions (2022) und mit dem SC Bern (2025) hat sie die Schweizer Meisterschaft gewonnen und sie ist Kapitänin des SCB-Meisterteams. Doch: Meistertitel sind für den Augenblick, Olympischer Ruhm ist für die Ewigkeit. An der Eröffnungsfeier durften die Schweizerinnen wegen der Noro-Infektion von Torhüterin Andrea Brändli (sie musste 48 Stunden im Olympischen Dorf in Isolation bleiben und verpasste die beiden ersten Spiele) nicht teilnehmen. Nun waren sie bei der Schlussfeier in Verona am Sonntag als Medaillengewinnerinnen dabei. Am Montagabend folgte die offizielle Medaillenfeier im Schluefweg in Kloten. Weitere private Medaillenpräsentationen dürften folgen. Die grosse Huttwiler Medaillenfeier für Lara Christen folgt am kommenden Sonntag, ab 17 Uhr, im Hirtensaal (öffentliche Feier).
Resultate: Halbfinals: USA – Schweden 5:0; Kanada – Schweiz 2:1. – Spiel um Bronze: Schweiz – Schweden 2:1 n. V. – Final: USA – Kanada 2:1 n. V. – Schlussrangliste: 1. USA; 2. Kanada; 3. Schweiz; 4. Schweden; 5. Tschechien; 6. Finnland; 7. Deutschland; 8. Italien; 9. Japan; 10. Frankreich.
Von Klaus Zaugg
Bronze an Alina Marti aus Bleienbach
Neben Lara Christen durfte sich auch die 21-jährige Bleienbacherin Alina Marti über Bronze freuen. Die Stürmerin des EV Zug ist seit 2021 Teil der Schweizer Nati und war schon vor vier Jahren an den Olympischen Spielen dabei. Seit ihrem sechsten Lebensjahr spielt die Bleienbacherin Eishockey, zuerst beim SC Langenthal. Vor ihrem Engagement beim EV Zug feierte Marti drei Meistertitel mit den Frauen der ZSC Lions. In Mailand stand Marti bei allen sieben Schweizer Partien auf dem Eis und kam dabei auf durchschnittlich 17:53 Minuten. Ihr gelang ein Assist.
Von Stefan Leuenberger