Hanspeter Blaser unterrichtet an der Schule Eriswil seine letzte Klasse. Nach 41 Jahren im Schulzimmer geht der leidenschaftliche Lehrer in Pension – mit vielen Erinnerungen und grosser Verbundenheit zur Schule. · Bild: Marianne Ruch
Lehrer mit Herz, Haltung und Klarheit
Wenn Hanspeter Blaser am Freitag die Schule Eriswil verlässt, geht nicht nur ein Lehrer in Pension. Es verabschiedet sich ein Mensch, der das Leben an der Schule über vier Jahrzehnte hinweg mitgetragen, mitgeprägt und mit viel Herzblut begleitet hat. Generationen von Schülerinnen und Schülern hat er unterrichtet, gefordert, ermutigt und auf ihrem Weg begleitet. Für sein Kollegium war er weit mehr als nur ein Arbeitskollege.
Eriswil · Der Entschluss von Hanspeter Blaser, seine Tätigkeit als Lehrer etwas früher zu beenden, ist über längere Zeit
gereift. «Ich möchte meine Arbeit als Lehrer mit dem guten Gefühl abschliessen, dass ich die erforderliche Energie bis zuletzt aufbringen konnte. Und dass ich den Schülerinnen und Schülern hoffentlich als engagierter und motivierter Lehrer in Erinnerung bleibe.» Ein Berufskollege habe ihm einmal gesagt: «Ich höre nicht zu früh auf – ich höre zur rechten Zeit auf.» Genauso empfindet es Hanspeter Blaser auch.
Verwurzelt in der Natur – angekommen in Eriswil
Hanspeter Blaser wuchs mit zwei Brüdern und zwei Schwestern auf einem Bauernhof im Gohlgraben bei Langnau auf. Die Natur war von klein auf ein selbstverständlicher Teil seines Lebens. Eigentlich wollte er Förster werden. Gleichzeitig spürte er schon früh seine Freude am Umgang mit Kindern. Eine wichtige Rolle auf seinem Weg spielte Hans Ulrich Schwaar – Lehrer, Vorbild und Mentor. Er inspirierte Blaser dazu, das Lehrerseminar in Bern zu besuchen. Nach Eriswil kam Hanspeter Blaser eher zufällig. Ausgeschrieben war eine Stelle als Klassenlehrer einer 5. Klasse. «Ich war überzeugt, dass der ländliche Charakter des Dorfes zu mir passen würde – obwohl ich zuvor noch nie etwas von Eriswil gehört hatte und das Dorf zuerst auf der Karte suchen musste.» Von 53 Bewerberinnen und Bewerbern erhielt ausgerechnet der damals 21-Jährige den Zuschlag. «Die Chemie schien gegenseitig zu passen», sagt er. Und wie sie passte. Seit dem 1. April 1985 gehört Hanspeter Blaser zur Schule Eriswil. Geblieben ist er aus Überzeugung. Nicht zuletzt, weil Eriswil für ihn rasch mehr wurde als ein Arbeitsort: Er trat dem Turnverein und dem Skiklub Ahorn bei. Dort lernte er auch seine Frau Marianne kennen, mit der er drei mittlerweile erwachsene Kinder hat.
Nah bei den Jugendlichen
Wer Hanspeter Blaser als Lehrer erlebt hat, beschreibt ihn oft ähnlich: ruhig, aufmerksam, fair, präsent – und mit der nötigen Strenge. Einer, der Jugendlichen viel zutraut, ihnen aber auch Orientierung gibt. «Gerade in der Pubertät brauchen Jugendliche klare Strukturen und Leitplanken», sagt er. «In diesem Rahmen finden sie Orientierung, können Verantwortung übernehmen und wachsen.» Authentisch zu sein, war ihm immer wichtig. Ebenso, Beziehungen aufzubauen, die von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt sind. Eine ehemalige Schülerin, die heute seine Kollegin ist, erinnert sich: «Ich habe Hanspeter als Klassenlehrer erlebt und später als Kollegen. Beides bleibt mir in bester Erinnerung. Er war immer engagiert, aufmerksam und mit viel Herz bei den Jugendlichen.» Auch die Schülerinnen und Schüler verbinden kleine, liebevolle Eigenheiten mit ihm: «Wenn Herr Blaser seine Brille abnimmt, folgt ein ernstes Wort.» Eine weitere Schülerin sagt: «Ich finde es schön, dass Herr Blaser uns auch vieles aus seinem Leben erzählt. Manchmal auch Dinge, die er erlebt oder getan hat und die weniger gut waren.» Er behandle sie wie junge Erwachsene und traue ihnen einiges zu. Er sei streng, aber fair. Fragt man Hanspeter Blaser, ob er über all die Jahre Lieblingsklassen gehabt habe, merkt man schnell: Jede Klasse hatte ihren eigenen Platz. Sechs Jahre lang unterrichtete er auf der Mittelstufe. Mit der dritten Klasse, die er führte, wechselte er später an die Oberstufe – und durfte diese Schülerinnen und Schüler fünf Jahre lang begleiten. «Diese Klasse war für mich etwas sehr Besonderes.» Überhaupt spricht Hanspeter Blaser mit grosser Wärme von den vielen Jugendlichen, die er begleiten durfte. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm natürlich auch seine allererste Klasse. Und wenn er an seine aktuelle und letzte Klasse denkt, sagt er mit einem Lächeln: «Ich bin überzeugt, dass auch sie einen ähnlichen Platz behalten wird.» Später unterrichtete er sogar Kinder von ehemaligen Schülerinnen und Schülern aus seinen Anfangsjahren.
Der Wandel an den Schulen
Hanspeter Blaser hat den Wandel an den Schulen in den vergangenen vier Jahrzehnten intensiv miterlebt. Als er 1985 zu unterrichten begann, sei der Schulalltag noch ein anderer gewesen. «Man hatte viele Freiheiten. Der administrative Aufwand war überschaubar, es blieb mehr Zeit für die Schülerinnen und Schüler.» Lehrerkonferenzen hätten damals einmal im Monat während der Unterrichtszeit stattgefunden, vieles sei direkter und einfacher organisiert gewesen. Heute sei der Schulalltag deutlich dichter geworden: mehr Sitzungen, mehr Koordination, mehr Konzepte, mehr Kommunikation. Auch die Ausrichtung der Schule habe sich verändert. Früher sei sie klarer leistungsorientiert gewesen, sagt Blaser. Wer beispielsweise das 10. Schuljahr (WBK), damals ein eigentliches Leistungsjahr, besuchen wollte, musste eine Prüfung ablegen. Heute diene das 10. Schuljahr eher dazu, Jugendlichen mit Lücken den Anschluss an eine Berufslehre zu ermöglichen. Kritisch blickt Blaser auch auf gewisse Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21. Die Grundlagenarbeit und das Üben hätten aus seiner Sicht an Gewicht verloren. Stattdessen sei der Fokus stärker auf kompetenzorientiertes Unterrichten und Lernen gelegt worden. «Für mich war das eher pädagogische Kosmetik», sagt er. Neben der Digitalisierung habe in den letzten Jahren vor allem die integrative Schule grosse Veränderungen gebracht. Die Idee sei rasch umgesetzt worden, ohne dass die nötigen Ressourcen ausreichend bereitgestellt worden seien. Hanspeter Blaser beobachtet diese Entwicklung differenziert: dankbar für vieles, aber auch kritisch dort, wo er das Wesentliche verloren sieht. Er ist überzeugt: «Ohne ausreichende Grundlagenkenntnisse kann auch kein Vernetzen und Anwenden stattfinden.» Nicht die Kinder hätten sich grundsätzlich verändert, sagt er. Verändert habe sich vielmehr die Gesellschaft. Sie sei schneller geworden, geprägt von Digitalisierung und sozialen Medien. «Zu viel Zeit geht mit Social Media verloren – Zeit, die sinnvoller genutzt werden könnte. Das gilt aber nicht nur für die Jugend.» Blaser spricht auch von weniger Bewegung und davon, dass Kinder heute oft stärker begleitet, manchmal auch zu stark behütet würden. All dies werde den Unterricht weiter verändern. «Ich weiss nicht, ob das dann noch dieselbe Arbeit ist, die ich immer geschätzt habe.» Dann fährt er mit einem feinen Lächeln fort: «Ich bin froh, dass sich viele junge Leute für diesen Beruf entscheiden – aber ich bin auch nicht unglücklich, dass ich diesen Entscheid für mich nicht mehr fällen muss.» Dennoch empfindet er viele Veränderungen in Eriswil als sehr positiv. Dazu zählt er die starke Unterstützung durch die Gemeinde, die gute Infrastruktur, den Sportplatz, den Spielplatz und viele Investitionen, die den Schulalltag bereichern. Was rät er jungen Lehrerinnen und Lehrern? Die Arbeit mit Jugendlichen sei erfüllend und bereichernd, sagt Blaser – vorausgesetzt, man ist bereit, die Kinder ernst zu nehmen, Emotionen zuzulassen und zugleich klare Grenzen zu setzen. Ebenso wichtig sei es, die eigenen Freiräume bewusst zu nutzen. «Nicht alle Vorgaben, welche die Schule umsetzen sollte, sind wirklich in Stein gemeisselt. Freiräume sollen sinnvoll genutzt und Überzeugungen gelebt werden.»
Lehrer aus Überzeugung
Hanspeter Blaser blickt dankbar auf seine über vierzig Jahre im Schulzimmer zurück. «Es gab sicher auch herausfordernde Momente», sagt der 63-Jährige. «Aber meine Arbeit – diesen Beruf als solchen – habe ich nie infrage gestellt.» Eine wichtige Kraftquelle war für ihn dabei stets auch das Kollegium. «Wir haben uns gegenseitig unterstützt, motiviert und, wenn nötig, auch gestützt.» Aus der Zusammenarbeit entstanden Freundschaften und Verbundenheit. Wer ihn im Kollegium erlebt hat, spricht mit grosser Wertschätzung von ihm. «In stürmischen Zeiten ist Hanspeter sehr besonnen und überlegt – ein Fels in der Brandung.» Oder ganz schlicht: «Hanspeter ist für uns alle ein grosses Vorbild. Hilfsbereit, wohlwollend, loyal und unterstützend. Er wird eine grosse Lücke hinterlassen», ist sich das Kollegium einig. Auch schöne Traditionen prägten die gemeinsame Zeit – etwa das jährliche Pizzaessen bei ihm zu Hause oder die Unihockeyspiele über Mittag. Hanspeter Blaser war immer da: engagiert, präsent, zuverlässig und mit viel Herzblut. Er hat nie nur unterrichtet, sondern die Schule aktiv mitgestaltet. Viele erinnern sich an seine Begeisterung für Lager und Ausflüge: Landschulwochen, Skilager, Wanderungen, Abschlussreisen oder gemeinsame Spiele am Abend. Unvergessen bleibt für ihn selbst etwa jene Geschichte aus dem Skilager: Nach einem gemütlichen Abschlussabend mit Glace im Restaurant Simmenfälle machten sich die Leiterinnen und Leiter – etwas später als die Kinder – auf den Rückweg zum Chalet Ahorn. Doch dort wartete bereits eine bestens vorbereitete Überraschung: «Plötzlich stürmten die Kinder aus dem Dunkeln und wir wurden im tiefen Pulverschnee so richtig paniert», erzählt er lachend. Neben solchen Erlebnissen engagierte sich Hanspeter Blaser mit viel Einsatz für die Schule: beim Bau des Sportplatzes in der Wüeri, beim neuen Spielplatz, beim Biotop, beim OL, bei Papiersammlungen, am Suppentag oder beim Unterhalt des Langlaufmaterials.
Auch schwere Momente
In all den Jahren durfte Hanspeter Blaser unzählige schöne Erinnerungen sammeln. Doch es gab auch Erlebnisse, die ihn tief berührten. An eines davon erinnert er sich bis heute sehr genau. Als Mitglied der Fürsorgekommission erhielt er vor vielen Jahren den Auftrag, fünf Kinder einer Familie über einen behördlichen Entscheid zu informieren. Zwei dieser Kinder besuchten damals seine Klasse. Die Mutter war am selben Tag weggebracht worden; der Vater lebte nicht bei der Familie. Gemeinsam begleitete man die Kinder nach Hause, damit sie ihre wichtigsten Dinge packen konnten. Anschliessend brachte Blaser sie nach Langenthal in eine Pflegeeinrichtung. Es war eine aussergewöhnlich schwere Situation. Als er später nach Hause kam, überwältigten ihn die Gefühle. «Ich brachte es am nächsten Tag nicht fertig, meine Klasse über die Geschehnisse zu informieren. Da habe ich Hilfe gebraucht.» Mit einem betroffenen Kind blieb er noch eine Zeit lang in Briefkontakt. Besonders freut ihn rückblickend: «Die fünf Kinder haben ihren Weg trotz der tragischen Geschehnisse mit Erfolg gemeistert.» Dass ihn dieses Erlebnis bis heute bewegt, zeigt, wie ernst ihm das Wohl seiner Schülerinnen und Schüler immer war. Dieses Engagement zeigte sich ebenso in anderen Bereichen. Auch bei der Berufswahl begleitete er viele Jugendliche eng. Er besuchte sie an ihren Schnupperplätzen und pflegte den Kontakt zu den Lehrbetrieben.
Dankbar nach vorne schauen
Nach über 40 Jahren fällt der Abschied nicht leicht. «Der Austausch mit den Jugendlichen und die Kontakte mit dem Kollegium werden mir fehlen», sagt Hanspeter Blaser offen. «Auf der anderen Seite gibt es doch einige Dinge, vor allem im administrativen Bereich, die ich nicht vermissen werde.»
Nun freut er sich auf mehr Freiheit. Im Sommer reist er mit seiner Frau für einen Monat in die schwedische Wildnis. Eine Auszeit. Abstand gewinnen. Abschliessen. Danach möchte er mehr Zeit für seine Hobbys haben: «Ich habe eine kleine Imkerei, bin gerne draussen, wandere gerne und setze mich für die Erhaltung unserer Naturjuwelen und der Artenvielfalt ein – auch aktiv in der IG Artenvielfalt Eriswil», zählt er auf. Auch aufs Lesen freut er sich. «Ich liebe praktische Arbeiten mit Holz und habe auf unserer ehemaligen Heubühne einen kleinen Werkraum mit entsprechenden Maschinen.» Und augenzwinkernd fügt er an: «In unserem Garten bin ich die rechte Hand meiner Frau.» Sein grösster Wunsch für die Zukunft? «Dass meine Familie und ich gesund bleiben können.» Und für die Schule Eriswil? «Ich hoffe, dass diese einmalige und besondere Zusammenarbeit im Kollegium weiterhin Bestand haben wird und dass auch die Realklassen Teil der Schule Eriswil bleiben können.»
Von Marianne Ruch