Stolz präsentiert die Huttwiler Weltmeisterin Elsbeth Häusler ihre Goldmedaille im Diskuswerfen. · Bilder: zvg
Leichtathletik-Comeback bringt WM-Gold
Im Alter von 70 Jahren kehrte Elsbeth Häusler zur Leichtathletik zurück. Als 72-Jährige konnte sich die Huttwilerin nun an der Masters-WM in Südkorea zur Weltmeisterin im Diskuswerfen krönen lassen.
Leichtathletik · Trotz einer der kleinsten Delegationen der letzten Jahre mit nur elf angereisten Athletinnen und Athleten hat das Schweizer Masters-Leichtathletikteam die Landesfarben bei den Masters-Leichtathletik-Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu hochgehalten. Beim Kräftemessen der Athletinnen und Athleten ab 35 Jahren resultierten acht Goldmedaillen. Eine davon ging nach Huttwil.
Schwierige Verhältnisse
«Ich bin überglücklich über meinen ersten WM-Titel, obwohl ich nicht umsetzen konnte, wozu ich eigentlich fähig gewesen wäre», sagt Elsbeth Häusler, die in der Altersklasse W70 (70 bis 74 Jahre) antrat. Die Verhältnisse waren schwierig. «Bei der Anreise und während der ersten Tage herrschte in Daegu schönes und heisses Wetter. Doch ausgerechnet an meinen beiden Wettkampftagen regnete es dann in Strömen», bedauert Elsbeth Häusler. «Alle Athletinnen bekundeten Probleme. Mir ist der Diskus einfach aus der Hand gerutscht. So entschloss ich mich, einen Versuch aus dem Stand zu machen», erklärt Häusler. Die damit erzielten 23 m reichten bereits für die Führung. Darüber war die 72-Jährige aber nicht informiert. Ausgerechnet eine Konkurrentin verhalf Elsbeth Häusler dann zur definitiven Goldmedaille: «Die zweitplatzierte Tschechin sagte mir nach meinem Standversuch, der Diskusring sei nicht rutschig und ich solle keine Angst haben.» So wagte die Huttwilerin die verbleibenden Versuche mit Drehung. Prompt segelte der Diskus beim letzten Versuch knapp in den Sektor – auf 25,76 m.
Eine grosse Familie
«Es war versöhnlich, obwohl ich diese Saison den Diskus schon auf 28,17 m warf», sagt Häusler. Mit dieser Weite verbesserte sie im Mai den Schweizer Rekord in ihrer Alterskategorie. Die Konkurrentinnen in Daegu hatten offenbar viel mehr Mühe mit dem nassen Wetter. Die Silbermedaillengewinnerin Marie Žitná aus Tschechien warf fast vier Meter weniger. Zur grosszügigen Geste der Tschechin sagt Häusler: «Die Masters-Athletinnen und -Athleten sind eine grosse Familie. Man hilft sich gegenseitig und gönnt einander auch den Erfolg.» Noch schlimmer traf es die Hallen-Europameisterin Inger Marie Vingdal, die nur 21 m schaffte. «Bei ihrem Hallen-EM-Titel im März in Torun in Polen warf sie über 27 m weit», staunt Elsbeth Häusler.
Comeback im Sommer 2024
Elsbeth Häusler ist mit ihrem Mann Jürg Ende 2023 von Roggwil nach Huttwil gezogen. Im Frühling 2024 hat sie das Buch «Training im Alterungsprozess – fit und leistungsfähig bleiben» gelesen. Daraufhin äusserte Häusler gegenüber ihrer Kollegin Ruth Raaflaub, selbst eine starke Masters-Leichtathletin und Speakerin am Grand-Prix von Bern, den Wunsch, wieder einmal einen Diskus werfen zu wollen. «Sie kam sofort nach Huttwil. Auf der Campus-Anlage haben wir getestet. Ruth meinte, dass meine Technik noch gut sei und ich es unbedingt wieder probieren sollte.» Gesagt, getan. «Ich wollte einfach schauen, wozu mein Körper im Alter noch fähig ist.» Fortan trainierte Häusler mit ihrem Mann auf der Campus-Anlage in Huttwil und mit ihrer langjährigen Trainingskollegin Barbara Winz auf der Anlage Hard in Langenthal. Die rüstige Frau achtete darauf, vielfältig zu trainieren.
Inhaberin von LVL-Vereinsrekorden
Von null musste Häusler nicht beginnen. Im Gegenteil. Während vieler Jahre übte sie die Leichtathletik bei der LV Langenthal erfolgreich aus. Sie hält immer noch drei LVL-Vereinsrekorde. Damals noch als Elsbeth Andres warf sie den Diskus 1977 auf die Weite von 42,14 m. Im Jahr 1980 schaffte sie mit 5,92 m die noch heute gültige Bestmarke im Weitsprung. Und 1981 kam der Vereinsrekord im Siebenkampf mit 5032 Punkten dazu. Neben ihrer erfolgreichen Leichtathletik-Laufbahn war Elsbeth Häusler als engagierte und beliebte Trainerin bei der LV Langenthal im Einsatz. «Als ich gegen 50 zuging, hörte ich auf damit. Ich bildete mich zur Bewegungspädagogin BGB aus und unterrichtete bis zu unserem Umzug während 26 Jahren als Selbstständigerwerbende in meinem Studio in Roggwil. Heute gebe ich noch ab und zu Pilates-Lektionen als Ferienvertretung im Tanz- und Bewegungsstudio tanzpasión in Huttwil.» Vor zwei Jahren erfolgte das Comeback. «Ich bin erstaunt und glücklich darüber, wie ich in kurzer Zeit Fortschritte erzielen konnte.»
WM-Silber im Kugelstossen
Erst seit diesem Jahr versucht sich Elsbeth Häusler auch wieder im Kugelstossen. Darum entschloss sie sich, in Daegu auch in dieser Disziplin anzutreten. «Nahezu 30 Jahre habe ich nicht mehr chügelet. Darum war auch etwas Glück dabei, dass es gleich auf das Podest reichte. Ich bin technisch noch nicht so weit und habe auch noch ein Manko im Strecken des Arms.» Trotzdem kam im Kugelstossen eine WM-Silbermedaille hinzu. Mit 8,78 m verpasste das Ehrenmitglied der LV Langenthal die Saisonbestmarke von 9,08 m. «Für Gold hätte es aber sowieso nicht gereicht, da die Kolumbianerin fast 10 m stiess.» Auch im Kugelstossen blickt Elsbeth Häusler auf erfolgreiche Zeiten zurück. Ihre Bestmarke mit der 4-kg-Kugel liegt bei 13,09 m. Mit der 3-kg-Kugel stiess Häusler schon als 16-Jährige 12,54 m weit und wurde damit Schweizer Meisterin in der damaligen Kategorie «Jugend B».
Maskottchen tragen die WM-Medaillen
Die beiden WM-Medaillen von Daegu 2026 haben einen speziellen Ort gefunden. An beiden Rangverkündigungen hat Häusler ein WM-Maskottchen überreicht bekommen. Diesen beiden Fischottern namens «Dodalssu» hat sie kurzerhand die Medaillen umgehängt und sie «Chugi» und «Diski» getauft. Elsbeth Häusler hat nichts dagegen, wenn weitere Medaillen hinzukämen. «Ich gehe es aber langsam an. Schritt für Schritt. Nicht die Wettkämpfe stehen im Fokus, sondern die Dankbarkeit und die Freude daran, dass ich im Alter von 72 Jahren Sport in diesem vielseitigen Umfang noch ausüben kann.»
Auszug aus der Rangliste: Diskus, 1 kg, Frauen W70 (11 Klassierte): 1. Elsbeth Häusler, Huttwil, 25,76; 2. Marie Žitná, Tschechien, 21,94; 3. Inger Marie Vingdal, Norwegen, 21,06. – Kugelstossen, 3 kg, Frauen (16): 1. Esther Escorcia, Kolumbien, 9,88; 2. Elsbeth Häusler, Huttwil, 8,78; 3. Inger Marie Vingdal, Norwegen, 8,69 m.
Von Stefan Leuenberger