Daniel Scheidegger (links) und Martin Strub unterrichten Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer im richtigen Umgang mit der Sense. · Bild: Felix Ott
Leise Arbeit mit scharfem Blatt
Die Sense ist leise, braucht keinen Treibstoff und kann dort eingesetzt werden, wo Maschinen an Grenzen stossen. In einem Kurs bei Martin Strub lernten kürzlich rund 20 Berufsleute aus der Grünpflege, weshalb das alte Werkzeug wieder an Bedeutung gewinnt.
Huttwil · Das Geräusch ist regelmässig, hell und präzise. Metall schlägt auf Metall. Immer wieder. Nicht hastig, nicht zufällig, sondern in einem ruhigen Rhythmus. Unter dem wachsamen Auge von Martin Strub sitzt die eine Hälfte der Kursteilnehmenden vor ihren Sensen. Sie dengeln. Mit jedem Schlag wird die Schneide dünner, feiner, schärfer. Insgesamt 20 Angestellte eines Landschaftsgärtnereibetriebs sind an diesem Tag aus Münchenbuchsee gekommen, um den Umgang mit der Sense zu lernen. Für viele ist das Werkzeug vertraut aus Bildern, Erzählungen oder aus dem Geräteschopf. In der Hand zeigt sich aber rasch: Eine Sense ist kein nostalgisches Requisit. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Technik und Geduld. Martin Strub bietet seit 2002 Sensenmähkurse an. Die Idee kam ihm an einem Sensenfestival in Österreich. «Es war das erste und letzte seiner Art», sagt Strub. Dort erkannte er, dass die Nachfrage nach Sensenmähkursen gross war. So beschloss er, auch in der Schweiz Kurse anzubieten, den ersten mit Mitarbeitern der Stadt Zürich.
Mit der Sense aufgewachsen
Doch auch zuvor war Strub die Sense nicht fremd. Bereits sein Vater stellte im Halden sogenannte Sensenwörbe, die Stiele der Sense, her. 1989 übernahm er das Geschäft und wurde selber Worbmacher und Landwirt. Über viele Jahre stellte er schliesslich Wörbe für die ganze Schweiz und das Ausland her. Im kommenden Jahr soll dann schliesslich sein Sohn, Patrick Strub, das Geschäft übernehmen. Auch er sei wie sein Vater von klein auf mit Sensen in Kontakt gekommen, erklärt Strub. Wer bei ihm lernt, erfährt also nicht nur alles über das Mähen, sondern auch den gesamten Umgang mit der Sense. Denn eine Sense, die nicht richtig vorbereitet ist, mäht nicht. Sie reisst, rupft und bleibt im Gras hängen. Deshalb gehört das Dengeln zum Kurs wie das Mähen selbst. Beim Dengeln wird die Schneide mit gezielten Hammerschlägen ausgetrieben, also verdünnt und geschärft. Es ist eine feine Arbeit. Zu wenig bringt nichts, zu viel kann die Schneide beschädigen. Auch die Pflege des Werkzeugs ist ein wichtiger Kursinhalt. Bei der anderen Hälfte der Kursteilnehmenden klingt der Kurs etwas anders. Hier ist es nicht das helle Schlagen des Metalls, sondern ein leises Schneiden, das die Arbeit begleitet. Die Kursteilnehmenden führen die Sensen durch das Gras. Sensenlehrer Daniel Scheidegger beobachtet das Geschehen. Büschel um Büschel fällt. Manchmal gelingt der Schwung, manchmal bleibt die Sense hängen. Dann zeigt sich, worauf es ankommt: nicht zu viel auf einmal nehmen, den Körper mitarbeiten lassen, die Bewegung nicht erzwingen.
Die Technik ist entscheidend
Die Sense mäht nicht mit Kraft allein. Sie braucht Schärfe und Schwung. Der Schnitt entsteht aus einer ruhigen, fliessenden Bewegung am Boden. Wer zu hoch ansetzt, lässt Halme stehen. Wer zu tief oder zu hastig arbeitet, verliert den Rhythmus. Auch das Wetzen gehört deshalb immer wieder dazu. Mit dem Wetzstein wird die Schneide nachgeschärft, bevor sie stumpf wird. «Die Sense muss Kontakt mit dem Boden haben», sagt Strub. Verliert eine Sense den Bodenkontakt, bleibe sie schneller im Boden stecken. Dass ausgerechnet Angestellte eines Landschaftsgärtnereibetriebs einen solchen Kurs besuchen, ist kein Zufall. Die Sense hat in der professionellen Grünpflege zwar Konkurrenz durch motorisierte Geräte. Doch sie kann dort sinnvoll sein, wo Maschinen an Grenzen stossen: an steilen Böschungen, in empfindlichen Flächen, in kleinen Winkeln oder dort, wo Lärm und Abgase unerwünscht sind. Sie ist leise, braucht keinen Treibstoff und schont Insekten sowie andere Tiere. «Der Schnitt einer Sense ist deutlich besser und es gibt keine Sauerei», sagt Strub. Zudem würden ihm viele Personen berichten, dass bei der Verwendung von motorisierten Geräten viel Schutzkleidung benötigt werde. Beim Sensenmähen brauche man nur gute Schuhe, ansonsten reichten kurze Hosen und ein T-Shirt, sagt Strub. In Zürich sind motorisierte Trimmer in Verkehrsnähe aufgrund von Steinschlaggefahr inzwischen verboten. Dort ist die Sense eine gute Alternative. Gleichzeitig ist sie kein Werkzeug, das sich nebenbei beherrschen lässt. Der Kurs zeigt auch die Grenzen. Wer sauber mähen will, muss üben. Wer effizient arbeiten will, muss sein Werkzeug pflegen. Und wer die Sense falsch einsetzt, ermüdet rasch. Die vermeintlich einfache Arbeit ist in Wahrheit ein Zusammenspiel von Material, Körperhaltung und Erfahrung.
Übung macht den Meister
Daniel Scheidegger geht von Person zu Person. Er beobachtet die Haltung, korrigiert den Winkel, zeigt nochmals den Schwung. Bei manchen reicht eine kleine Anpassung, und die Sense beginnt hörbar besser zu schneiden. Das Gras fällt gleichmässiger. Der Widerstand wird kleiner. Aus einzelnen Versuchen wird langsam eine Bewegung. Der Kurs hat damit auch etwas Entschleunigendes. Niemand behauptet, die Sense ersetze alle Maschinen. Aber sie erinnert daran, dass alte Werkzeuge nicht automatisch überholt sind. Manchmal hängt ihr Nutzen davon ab, ob noch jemand weiss, wie man sie richtig einsetzt. Denn, klar ist, die Sense feiert ein Comeback. Aufgrund der vielen Biodiversitätsflächen wird oft wieder auf Sensen gesetzt, sagt Strub. Auch viele private Gartenbesitzer würden immer öfter ihre Wiesen mit der Sense mähen wollen. Am Ende bleiben zwei Geräusche im Ohr: unten das rhythmische Schlagen beim Dengeln, oben das leise Schneiden im Gras. Dazwischen liegt das Handwerk. Und die Erkenntnis, dass eine scharfe Sense nicht einfach vorhanden ist. Sie entsteht durch Pflege, Übung und einen Schwung, der gelernt sein will.
Von Felix Ott