• Bilder: Marcel Bieri und Stefan Leuenberger

25.03.2026
Sport

Michael Lüdi und ein Spielzug für die Ewigkeit

War es das beste Spiel in der nunmehr sechsjährigen Ära von Daniel Bieri? Vielleicht nicht. Aber eines der dramatischsten auf jeden Fall. Hockey Huttwil besiegt Titelverteidiger Seewen 4:3, gleicht den Final aus (1:1) und kommt am nächsten Sonntag (15 Uhr) in jedem Fall zu einem zweiten Heimspiel. Meister ist, wer zuerst drei Spiele gewinnt.

MyHockey League, Playoff-Final, Spiel 2: Hockey Huttwil - EHC Seewen 4:3 (1:0, 2:2, 1:1) · Titelverteidiger Seewen hatte 16 Playoff-Partien hintereinander gewonnen. Die letzte Niederlage mussten die Innerschweizer am 30. März 2024 im fünften Finalspiel gegen Aufsteiger Chur hinnehmen. Und am letzten Sonntag gewannen sie auch den ersten Final gegen Huttwil 3:1. Das mag zeigen: Seewen kann Playoff. Der Sieg von Hockey Huttwil im zweiten Finalspiel am Dienstagabend ist also ein grosser. Die Stimmung grandios. 1203 Fans, mehr als bei den beiden Partien in dieser Saison gegen Langenthal (703 und 1017), waren in der Campus-Eishalle. Wobei die Fans aus Seewen fast für ein Heimspiel ihrer Mannschaft sorgen. Und es ist ein maximal dramatischer Sieg in einer Partie mit einer Intensität wie in der National League. Besser und unterhaltsamer kann Hockey eigentlich gar nicht sein.

Schlussphase erklärt alles
Die letzte Wahrheit steht immer oben auf der Resultatanzeige. Punkt. Aber um zu diesem Resultat (4:3) zu kommen, benötigten die Huttwiler den Beistand der vereinten Hockeygötter. Auch Seewen spielte eine grandiose Partie, war noch besser, rauer, direkter als im ersten Finalspiel am Sonntag (3:1). Und verlor trotzdem. Warum? Die Schlussphase erklärt uns eigentlich alles. Nach 54:44 Minuten muss Joel Bieri aufs «Sündenbänklein». Er hat den Puck über das Plexiglas ins Publikum befreit. Nach 56:01 Minuten wird auch noch Michael Lüdi auf die Strafbank geschickt: Er bringt beim Forechecking in Unterzahl hinter dem gegnerischen Tor einen Gegenspieler zu Fall. Es steht 3:3. Nun kann Seewen 43 Sekunden lang mit fünf gegen drei Feldspieler den Siegestreffer anstreben und dann während weiteren 77 Sekunden mit fünf gegen vier. Die Huttwiler taumeln durch diese kritische Phase. Sie biegen sich unter dem gegnerischen Druck. Aber sie brechen nicht. Weil Siro Nicola Wyss über sich hinauswächst. Er ist nur 171 Zentimeter gross. Die gegnerischen Stürmer versuchen schlau diese Schwäche auszunützen und schiessen, wenn immer möglich, hoch über seine Schultern. Zweimal treffen sie auf diese Weise. Aber Huttwils Goalie-Floh ist eben auch beweglich wie ein Kobold und seine Fanghand schnell wie das Licht. Er pflückt in dieser alles entscheidenden Schlussphase mit wundersamen Reflexen und stoischer Ruhe alle Pucks. Wäre er auch noch 190 Zentimeter gross, würde er in der National League im Kasten stehen.

Von der Strafbank zum Siegtreffer
Und dann bebt der Campus Perspektiven. Michael Lüdi kehrt ausgeruht und voller Adrenalin von der Strafbank zurück, bekommt den Puck von Robin Nyffeler, der einst in der Swiss League einer der besten Boxplay-Spieler der Liga war, braust in die gegnerische Zone und versenkt den Puck 27 Sekunden nach Ablauf seiner Strafe zum 4:3. Dramatik pur in einer Schlussphase, die uns die Qualitäten der Huttwiler eindrücklich vor Augen geführt hat: Erst die aufopfernde, grandiose Defensivarbeit im Boxplay und dann dieser Spielzug für die Ewigkeit, den Michael Lüdi, an einem guten Abend der charismatischste und dominanteste Offensivspieler der Liga, mit dem Siegestor krönt. Es ist nach dem 2:0 sein zweiter Treffer.

Am Sonntag das nächste Heimspiel
Wahrlich, eine bittere Niederlage für Seewen. Sie ereilt die Gäste genau in dem Augenblick, in dem sie die Hand nach dem Sieg ausstrecken. Und ja, es ist ein glücklicher Sieg für die Huttwiler. Aber sie haben dafür hart gearbeitet und deshalb ist es auch das Glück des Tüchtigen. Beide Teams schenkten sich nichts. Es ging hart zur Sache und es rumpelte heftig. Doch nie ging der gegenseitige Respekt verloren. Playoff-Hockey, wie es sein sollte. Wer am Dienstagabend dieses Drama miterlebt hat, wird am Sonntag (Spielbeginn 15 Uhr) erneut in den Campus Perspektiven eilen, denn mit dem 1:1-Ausgleich in der Serie hat sich Huttwil ein weiteres Heimspiel gesichert. Die Chancen fürs nächste Spiel am Donnerstagabend in Seewen? Wieder 50:50. Mindestens. Aber ohne den vereinten Beistand der Hockey-Götter, so wie am Dienstag, wird es am Donnerstag in Seewen nur zu einem weiteren Drama, aber nicht zum Sieg reichen.

Yannick Offner zurück
P.S. Ein Dank sei dem SC Bern. Die SCB-Junioren in der höchsten Liga (U21) müssen die Schmach einer Liga-Qualifikation gegen Winterthur über sich ergehen lassen. Da der SCB die Playoffs verpasst hat, wird die Möglichkeit genutzt, zwei ältere Junioren aus der NL-Mannschaft ins Team zu holen. Dadurch ist Yannick Offner (22) überzählig geworden und stürmt für den Rest der Playoffs wieder für Hockey Huttwil. Nun hat der 24-fache Junioren-Internationale am Dienstag gegen Seewen sein Playoff-Debüt im Erwachsenenhockey gegeben. Trainer Daniel Bieri hat den smarten Flügel gleich im ersten Sturm neben Michael Lüdi und Robin Nyffeler laufen lassen und der SCB-Junior hat auf den Aussenbahnen für viel Durchzug in der gegnerischen Abwehr gesorgt.
Matchtelegramm: 24. März. - Campus Perspektiven, Schwarzenbach/Huttwil. - 1203 Zuschauende. - SR: S. Bangerter/R. Feuz, J. Dom/L. Oberson. - Tore: 9. J. Bieri (T. Braus) 1:0. 31. M. Lüdi (R. Nyffeler, T. Nyffeler) 2:0. 32. 2:1. 34. 2:2. 37. A. Tschudi (M. Lüdi, J. Lanz/Ausschluss L. Langenegger) 3:2. 51. 3:3. 59. M. Lüdi (R. Nyffeler) 4:3. - Strafen: Huttwil 7 x 2 Minuten; Seewen 2 x 2 Minuten. - Huttwil: S. N. Wyss; J. Schwab, L. Vouardoux; R. Bieri, N. Gurtner; M. Minder, S. Aebi; J. Gerber; T. Braus, J. Bieri, F. Haldimann; R. Nyffeler, M. Lüdi, Y. Offner; D. Struchen, A. Tschudi, S. Hess; J. A. Weber, R. Zryd, T. Nyffeler; J. Lanz. 

 Von Klaus Zaugg