Pöstler aus Leidenschaft: Nach 49 Jahren im Dienst geht der Wyssacher Werner Hess nun in Pension. · Bild: Gabriela Graber
«Mister Wyssachen» wird pensioniert
Nach fast fünf Jahrzehnten als Pöstler beendet der Wyssacher Werner Hess (64) seine Karriere. In dieser Zeit hat er nicht nur Tausende Briefe zugestellt, sondern auch Geschichten erlebt, die ihn bis heute prägen.
«Es ist viel passiert in 49 Jahren. Ich habe unzählige Menschen getroffen und viele schöne Momente erlebt», blickt Pöstler Werner Hess auf seine Karriere zurück. «Ich würde es jederzeit wieder tun.» Nach fast einem halben Jahrhundert im Dienst verabschiedet sich Hess nun in den Ruhestand.
Post austragen per Velo
«Schon als kleiner Bube war ich fasziniert vom Briefträger, der jeden Tag unsere Post brachte. Eines Tages entschied ich: Ich will das auch werden!» Mit 15 Jahren begann er seine «Stifti» als «uniformierter Postbeamter». «Wir waren damals noch Beamte.» Die Lehre ging damals gerademal ein Jahr, die ersten sechs Monate davon verbrachte er in Huttwil. «Zu dieser Zeit gab es hier keine ‹Stiftitour›, also eine verkürzte Tour für Lernende. So musste ich von Anfang an grosse Touren übernehmen.» Doch es gab ein Problem. «Ich durfte wegen meines Alters noch keine Kleinmotorräder fahren, die wir bei der Post verwendeten. Also vertrug ich die Post mit meinem Velo.» Spätestens dann, als er mehrmals mühselig mit grossen Ladungen Briefen und Päckli im Anhänger den Rüttistalden hinaufstrampeln musste, habe er zu seinem Privattöffli gewechselt. Für die zweite Hälfte der Lehre gings nach Langenthal, wo er Briefe und Pakete von einem in den anderen Zug umgeladen habe. Nach der Lehrabschlussprüfung machte er während mehreren Jahren im Sommer Ferienablösungen in Huttwil und arbeitete im Winter beim Bahnpostamt in Bern. Zu seinen Aufgaben gehörte etwas, was heute unvorstellbar wäre: «Wenn der Zürich-Genf-Zug auf Perron eins mit Expresspost ankam, mussten wir so schnell wie möglich quer über die Gleise rennen und sie zu einem anderen Zug bringen.» Damals habe es in vielen Zügen noch Bahnpostwagen gegeben, also Wagen, die eigens von der Post verwendet wurden, mit Bahnpöstlern drin, die die Post sortierten und herausgaben.
«Die schönsten Jahre»
Nach der Rekrutenschule und einem weiteren Jahr beim Bahnpostamt wechselte Hess mit 21 Jahren zur Post Gondiswil, wo er zehn Jahre blieb. «Es waren die schönsten Jahre meiner Karriere», so Hess. Er habe dort als alleiniger Briefträger gearbeitet. Damals habe es noch nicht viele Briefkästen an den Strassenrändern gegeben. «Ich brachte den Leuten die Briefe auf den Küchentisch oder den Fenstersims und lernte sie – und damit ihre Sörgeli und Nötli – kennen. Der persönliche Kontakt war für mich das Allerschönste.» 1985 hat Hess geheiratet. Bald darauf kamen die Kinder, ein Hausbau in Wyssachen und weitere Dienstjahre in der Post Wyssachen. Als diese reduziert wurde, sei er 2008 nach Huttwil versetzt worden, wo er heute seinen letzten Arbeitstag absolviert.
Anekdoten aus dem Pöstler-Leben
Auf die Frage nach besonderen Erinnerungen kommt Hess fast nicht mehr aus dem Erzählen heraus. «In Gon-diswil brachte ich einmal die Post zu einem Bauern, der ein Kalb auf einen Anhänger verladen wollte. Er schaffte es nicht alleine, also packte ich kurzerhand mit an.» Mit viel Mühe hätten es die beiden geschafft, doch dabei habe das Kalb seine Kleidung komplett eingehaart. «Da ich keine Reservekleider dabei hatte, beendete ich meine Tour voller Haare», erinnert er sich lachend. An Weihnachten folgte dann die Überraschung. «Das Paar schenkte mir einen Kleiderbügel mit der Aufschrift: »Üse Briefträger jahrii, jahruus, chunnter gäng fründlech is Huus.» Es war eine kleine Geste, die ihn tief berührte. «Solche kleinen Dinge haben mich immer am meisten gefreut. Und vielleicht war das auch gegenseitig.»
«Habe geholfen, wo ich konnte»
Weiter habe es in Wyssachen eine Frau gegeben, die immer den Berg hochjapste. «Weil ich nur einen Sitz hatte, durfte ich sie nicht aufladen. Aber ich habe ihr immer die Tasche mit nach oben genommen. Darüber hat sie sich immer riesig gefreut.» Einer anderen Person habe er jeweils Holz reingetragen, weil sie es selber nicht mehr konnte. «Für manche Menschen war ich fast die einzige Kontaktperson. Ich habe geholfen, wo ich nur konnte.» Dafür habe er früher mehr Zeit gehabt. «Früher spielte es keine Rolle, wenn man noch auf einen Kaffee blieb oder kurz mit den Leuten redete. Man hat dann einfach später Feierabend gemacht.» Heute gehe dagegen alles digital und man habe mehr Zeitdruck. Insgesamt habe sich vieles verändert in all den Jahren. Aber es sei nicht alles zwangsläufig schlechter geworden. «Ich hatte nie gross Mühe mit Veränderungen. Das sind für mich neue Herausforderungen.» Doch der Beruf sei nicht mehr derselbe wie damals. «Auch unsere Touren sind viel grösser geworden. Manche unserer Touren sind heute über 50 Kilometer lang.» Die aktuelle Wyssachen-Tour führe etwa über fünf Gemeinden durch Wasen, Wyssachen, Dürrenroth, Schwar-zenbach und Eriswil. «Man ist bei Wind und Wetter draussen. Und, obwohl man Zeitdruck hat, ist man sein eigener Herr und Meister. Das mag ich.»
Auf zu neuen Ufern
Am meisten vermissen werde er den Kontakt mit der Kundschaft. «Es war mir immer ein Anliegen, nicht nur Grüessech und Ade zu sagen, und ich habe das Gefühl, das ist auch geschätzt worden.» Ebenso vermissen werde er seine Kolleginnen und Kollegen bei der Post. «Wir sind ein gutes Team und haben gemeinsam viele schöne Momente erlebt. Auch unser Führungsduo ist super.» Was er jetzt mit seiner neu gewonnenen Zeit machen wird, lässt er noch offen. «Ein Freund hat mir schon ein Jöbli angeboten. Aber ich will erst mal runterfahren über die Festtage und schauen, wie sich das anfühlt, pensioniert zu sein!» Danach werde er eine Entscheidung treffen. Grosse Reisen stünden nicht mehr an, die habe er alle schon während seinen Arbeitsjahren gemacht. «Ich hab immer gelebt und mir Dinge gegönnt, wenn es möglich war.» Vielleicht werde er auch einfach mehr Zeit mit seinen Grosskindern verbringen, wandern und kleinere Reisen in Europa unternehmen. «Mit ‹Werne› geht unser ‹Mister Wyssachen› in die Pension. Sein Fachwissen und seine Ortskenntnisse sind bewundernswert, es gibt keine Ecke von Wyssachen, die er nicht kennt», so Michael Niklaus und Doris Baumgartner, Leitung der Post Huttwil. «Wernes gute Laune und freundliche Art waren eine Bereicherung für unser Team. Seine trockenen Sprüche werden uns immer in Erinnerung bleiben. Wir wünschen Werne und Magdalena alles Gute und gute Gesundheit im neuen Lebensabschnitt.»
Von Gabriela Graber