Desirée Weisskopf und Michael Wicky vor ihrem selbst ausgebauten Lastwagen. Schon bald wollen sie damit die Welt erkunden. · Bild: zvg
Mit dem Lastwagen ans Nordkap
Michael Wicky (31) und Desirée Weisskopf (29) arbeiten seit Jahren an ihrem grossen Traum: Mit ihrem eigens zum Mobilheim ausgebauten Lastwagen die Welt zu erkunden. Nach insgesamt zehn Jahren Tüfteln und Werkeln soll es nächstes Jahr mit einer Reise ans Nordkap losgehen.
Zell · Wer vor diesem Lastwagen steht, denkt nicht zuerst an Camping. Das knallrote Fahrzeug der Marke Scania mit weissen Zierlinien, Auflieger und wenigen Fenstern erinnert eher an einen sorgfältig aufbereiteten Show-Truck, der vorgezeigt wird, um Preise zu gewinnen. Doch im Innern des langen Aufliegers verbirgt sich Überraschendes. Michael Wicky hat sich dort zusammen mit seiner Freundin Desirée Weisskopf und mit Unterstützung von Bekannten ein eigenes Reich geschaffen – mit insgesamt vier Zimmern. Das Ziel der beiden Zeller: Mit ihrem «DIY-Mobilheim» im kommenden Jahr ans Nordkap zu fahren, als Auftakt für viele weitere Reisen, die folgen sollen. Damit geht für Wicky ein Traum in Erfüllung, an dem er schon viele Jahre mit einer enormen Ausdauer arbeitet.
Vom Fahrzeugschlosser zum Lastwagen-Bastler
Angefangen hat alles im Jahr 2013. Michael Wicky besuchte ein Lastwagentreffen in Holland – und sah einen umgebauten Lastwagen mit Auflieger. Wicky, schon immer ein Tüftler und Bastler, war fasziniert. So sehr, dass er danach selbst Ausschau nach dem richtigen Gefährt hielt – und fündig wurde. «Ich wollte eigentlich immer Chauffeur werden», erinnert sich Wicky. Seine Eltern haben ihm jedoch zu einem handwerklichen Beruf geraten – und er stiess auf den Fahrzeugbau. «In der Schnupperwoche durfte ich an einem Lastwagenauflieger mitbauen. Ich fand das toll.» So absolvierte Wicky nach der Schule eine Lehre als Fahrzeugschlosser, die er mit Bravour bestand. Wicky hatte also nicht nur die Idee, sondern auch die nötigen Fähigkeiten, um sein Lastwagen-Projekt zum Leben zu erwecken. Eine Vision davon, wie der Lastwagen aussehen sollte, hatte er bereits. «2006, mit 11 Jahren, habe ich ein ferngesteuertes Lastwagenmodell gebaut. Ich wollte dieses in Gross reproduzieren. Deshalb war die Linie bereits klar», erzählt er. Bis sein «grosser» Lastwagen so aussah, dauerte es drei Jahre. Er erneuerte dazu das Chassis, lackierte es, lackierte die Kabine und brachte das Fahrzeug so weit in Schuss, dass er damit 2019 erstmals an ein Lastwagentreffen fahren konnte. Ein Jahr später erwarb er den Auflieger – einen ehemaligen Möbelauflieger mit Jahrgang 1998, der früher einer Möbelfirma gehörte und lange Zeit in Huttwil stand. In dieser Zeit lernte er auch seine Partnerin Desirée Weisskopf kennen, die als Lastwagenchauffeurin seine Faszination für grosse Fahrzeuge teilt. Gemeinsam brachten sie das Fahrzeug auf Vordermann: Fahrgestell und Fahrwerk wurden erneuert, ein neuer Holzboden verlegt – erst danach begann der Innenausbau. «Die Grundidee war, dass wir den Auflieger ein bisschen einrichten. Also habe ich mal ein paar Skizzen gemacht», erzählt Wicky. Daraus entstanden Fenster, Türen, Küche, Schlafzimmer, Bad und – ja, eine Garage.
Tausende Arbeitsstunden investiert
«Die Räume sind so unterteilt, dass wir hinten einen kleinen Smart oder ein Motorbike mitnehmen könnten», erklärt Weisskopf. Besonders wichtig ist den Zellern das grosse Fenster im Schlafzimmer. Wenn das Paar dereinst irgendwo im Norden unterwegs ist, soll der Blick direkt hinausgehen – über ein Tal, an eine Küste oder aufs Meer. Der Innenausbau ist mittlerweile weitgehend fertiggestellt. Nun fehlen noch das Wassersystem und die Elektrizität. Dafür wird Wicky zwei Wassertanks mit insgesamt 1000 Liter Frischwasser einbauen – und vier grosse Batterien, die sich beim Fahren aufladen. Das Hobby der beiden Lastwagenfans ist zeitintensiv. Wie viele Arbeitsstunden sie in ihr aussergewöhnliches Mobilheim gesteckt haben, wissen sie nicht. «Beim Lastwagen habe ich nach 1000 Stunden aufgehört, die Stunden aufzuschreiben. Und da waren wir noch lange nicht fertig», so Wicky. Früher hätten sie jeweils an zwei Abenden pro Woche und den ganzen Samstag am Fahrzeug gearbeitet. «Bei grösseren Arbeiten, etwa als wir die Kabine lackiert haben, habe ich Ferien genommen und war 60 bis 70 Stunden dran», so Wicky. Es habe aber auch Phasen gegeben, in denen sie die Arbeiten pausiert hätten – etwa während des Winters, da die Halle in Grossdietwil, wo das Fahrzeug steht, nicht beheizt sei. Während des ganzen Ausbaus holte sich Wicky Rat von seinem Vater, Moritz Wicky, einem gelernten Zimmermann. «Er ist auch ein Bastler. Als ich zwei Jahre alt war, hat er unsere Wohnung ausgebaut – und ich habe bereits mitangepackt.»
Faszination Norden
Nächstes Jahr soll es losgehen – ans Nordkap. Der Gedanke, an einem der nördlichsten Punkte Europas zu sein, fasziniere Wicky, wie er erzählt. In fünf Tagen und Nächten will das Paar die Route von rund 3500 Kilometern von Zell bis zum Nordkap zurücklegen. Ein erster Halt ist in Hamburg geplant. Dann soll es weiter über Dänemark nach Schweden gehen bis in die Region von Södertälje, wo das Scania-Werk steht – die Produktionsstätte ihres Lastwagens – bevor dann die Reise weiter nach Norwegen zum Nordkap führen soll. Übernachten wollen die Zeller auf Raststätten und abgelegenen Stellplätzen – dort, wo es möglich und erlaubt ist. Es ist das erste grosse Ziel von vielen Reisen, die noch folgen sollen. «Unsere Hauptdestination ist schon der Norden. Insbesondere Schweden fasziniert mich schon länger – mit seiner Natur, den vielen Seen und den typischen roten Häuschen.» Weiter auf der Reisewunschliste stehen die traumhafte Atlantikstrasse in Norwegen sowie Lettland und Finnland. Doch auch Destinationen im Osten reizen die beiden Zeller, so etwa die Türkei. Abgesehen davon spielen Wicky und Weisskopf mit einem noch abenteuerlicheren Gedanken. «Wenn uns das Fernweh ganz packt, werden wir den Lastwagen verschiffen und durch die Vereinigten Staaten fahren», so Weisskopf. Dabei handle es sich allerdings um ein eher teures Unterfangen – «vielleicht mal, wenn wir dann pensioniert sind», fügt Wicky lachend an.
«Es ist unser Hobby»
Bis der Lastwagen reisefit ist, dauert es noch mehrere Monate. Vom Kauf des Lastwagens bis zur ersten grossen Reise werden damit über zehn Jahre vergangen sein. Woher nimmt man die Geduld, so lange an einem Projekt zu arbeiten? «Es ist unser Hobby», sagt Wicky. «Das Schöne daran ist: Wenn dich das Fahrzeug nervt, kannst du einfach den Schlüssel drehen und es in eine Ecke stellen.» Und doch holt Wicky es immer wieder hervor. Denn irgendwo hoch oben im Norden wartet ein karger Felsen mit einer grossen Globus-Skulptur – und das Gefühl, ganz Europa hinter sich zu haben.
Von Gabriela Graber