Am Wochenende wird Basel zur Hochburg für die Jodlergemeinschaft. Mit dabei sind auch die Fahnenschwinger aus dem Emmental. · Bild: Felix Ott.
Mit ruhiger Hand ans Eidgenössische
An diesem Wochenende findet in Basel das Eidgenössische Jodlerfest statt. Wie viele aus der «UE»-Region hat sich Jan Reist qualifiziert. Der Fahnenschwinger tritt in Basel im Einzel und im Duett an.
Dürrenroth · In der Turnhalle Heimisbach beginnt der Trainingsabend mit einem Geräusch, das man eher spürt, als dass man es nur hört. Stoff flattert, Fahnen rauschen durch die Luft, bei jedem Schwung entsteht ein kurzer Luftzug. Von draussen dringen Alphornklänge in die Halle. Vor dem Gebäude übt eine Alphorngruppe. Drinnen fliegen Schweizerfahnen in die Höhe, werden gedreht, geworfen und in einer fliessenden Bewegung wieder gefangen. Mittendrin steht Jan Reist. Der 26-jährige Fahnenschwinger aus Dürrenroth übt sein Programm. Noch einmal der Hochschwung, noch einmal der Übergang, noch einmal die Bewegung nach dem Fangen. Vieles wirkt leicht. Genau darin liegt die Schwierigkeit. Wer eine Fahne hochwirft, muss bereits wissen, wie es nach dem Fangen weitergeht. Der nächste Schwung ist vorbereitet, bevor die Fahne wieder in der Hand liegt.
Für Reist ist das Fahnenschwingen längst mehr als ein gelegentliches Hobby. Angefangen hat er mit zehn Jahren. Ein Freund habe ihn damals überredet, einmal mit ins Training zu kommen. Vor Ort gefiel ihm die Stimmung in der Gruppe, aber auch die Sache selbst. 2009 nahm er erstmals an einem Umzug teil. Zwei Jahre später folgte in Interlaken sein erstes Eidgenössisches Jodlerfest. Basel wird nun sein fünftes Eidgenössisches.
Das ist für den gelernten Logistiker keine Selbstverständlichkeit. Wer am Eidgenössischen antreten will, muss sich im Vorfeld qualifizieren. In Basel stellen sich in der Sparte Fahnenschwingen rund 200 Fahnenschwingerinnen und Fahnenschwinger den Jurys. Fast 200 Vorträge sind angemeldet, im Einzel und im Duett. Reist tritt in beiden Formen an. Die Duettübung zeigt er mit seinem Ausbildner.
Rund 12 000 Teilnehmende am Jodlerfest in Basel erwartet
Das 32. Eidgenössische Jodlerfest findet vom 26. bis 28. Juni in Basel statt. Die Stadt erwartet rund 12 000 Aktive aus den Sparten Jodelgesang, Alphornblasen und Fahnenschwingen sowie gegen 200 000 Besucherinnen und Besucher. Für drei Tage soll die Innenstadt zum Jodlerdorf werden. Das Motto lautet «Stadt und Land mitenand». Für Basel ist das Fest auch historisch aufgeladen. 1924 wurde dort erstmals ein Eidgenössisches Jodlerfest durchgeführt. Mehr als hundert Jahre später kehrt der Anlass nun an den Rhein zurück.
Die Bewertungsvorträge im Fahnenschwingen beginnen am Freitag um 16 Uhr und werden am Samstag ab 10 Uhr fortgesetzt. Am Sonntag folgen Festakt und Festumzug. Für viele Besucherinnen und Besucher dürfte das Fahnenschwingen vor allem ein Bild des Festes sein. Für die Aktiven ist es Präzisionsarbeit. Die Bewegungen sind genau definiert. Die Fahne darf nicht zu Boden fallen, der Standkreis darf nicht verlassen werden, und auch das Tempo muss stimmen. Zudem
gehören Pflichtelemente dazu, etwa Hochschwünge, die die dreifache Mannshöhe erreichen müssen.
Reist erklärt die Anforderungen ruhig. Die Fahne habe Gewicht, sagt er. Das Fahnenschwingen gehe in die Arme und brauche Konzentration. Wer nur zuschaue, unterschätze leicht, wie anstrengend die drei Minuten eines Vortrags seien. Gerade an einem Eidgenössischen müsse alles zusammenpassen. Kraft allein reiche nicht. Es brauche Technik, Ruhe und Übersicht.
Ein Vortrag unter dem wachsamen Auge der Jury
Das Bewertungssystem ist streng. Abzüge gibt es etwa, wenn die Fahne fällt oder wenn ein Schritt aus dem Kreis erfolgt. Eine Note 1 wäre für Reist am Eidgenössischen in Basel natürlich das Wunschresultat. Mit einer Note 2 wäre er aber ebenfalls zufrieden. Entscheidend sei am Ende nicht nur die Bewertung. «Das Dabeisein ist das grosse Ziel», sagt er.
Das klingt bescheiden, ist aber nicht gleichgültig. Reist weiss, wie viel Training hinter einem solchen Auftritt steckt. Er weiss auch, was die Eidgenössischen Feste für die Aktiven bedeuten. «Diese Feste sind definitiv ein Highlight», sagt er. Gleichzeitig gehe es beim Fahnenschwingen um mehr als um einzelne Noten. «Wir haben hier im Emmental eine gute Gruppe mit viel Nachwuchs. Das macht Spass.»
In der Turnhalle Heimisbach wird weiter geübt. Die Alphörner vor der Halle klingen durch die Wände, in der Halle rauschen die Fahnen. Jan Reist stellt sich wieder in den Kreis. Ein Blick nach oben, ein Schwung, dann steigt die Fahne. Für einen Moment ist nur das Flattern zu hören.
Von Felix Ott