In dieser Produktionshalle in Altbüron entstehen die Luxusteppiche für Kunden aus aller Welt. · Bilder: Gabriela Graber
Mit ruhiger Hand zum Luxusteppich
Vom kleinen Altbüron in Nobelhotels und Chef-etagen in aller Welt: In der Kramis Teppich Design AG werden im sogenannten Tufting-Verfahren hochwertige Teppiche hergestellt. Im Porträt erzählt der künftige Mitinhaber Tim Kramis, wie aus einem kleinen Familienbetrieb ein Unternehmen mit internationaler Ausstrahlung geworden ist.
Altbüron · Es rattert in der lichtdurchfluteten Produktionshalle. Mehrere noch unfertige Teppiche sind in einen grossen Rahmen aufgespannt – zwei, drei, vier Meter hoch. Am grössten arbeitet Ferat Ogjaj (38). Mit ruhiger Hand fährt er mit der Handtuft-Maschine von links nach rechts und fügt dem Teppich so Reihe um Reihe neues Garn hinzu. Ogjaj lächelt. «Die gerade Linie zu machen, ist die Herausforderung», sagt er. Für ihn allerdings nicht mehr – das Resultat ist makellos. Schon seit über 20 Jahren ist er im Familienbetrieb in Altbüron tätig und hat das Handwerk von Seniorchef Felix Kramis (66) höchstpersönlich gelernt. Neben Ogjaj steht Tim Kramis, Sohn des Firmengründers. «Ferat ist Teil dieser Firma wie kaum ein anderer.» Dann schaut er kurz auf den entstehenden Teppich. Das Modell «Funk» in Grautönen – ein Standardmodell. «Dieses Handwerk ist wie das Gipsen – du stehst alleine vor einer riesigen Hausfassade und ziehst sie durch.» Währenddessen richtet Ogjaj sein Gerät neu aus und beginnt eine neue Linie.
Vom Keller in die Luxusmöbelhäuser
Angefangen hat alles mit einem Töffunfall. Felix Kramis war damals gerade einmal 18 Jahre alt und arbeitete als Maurer. Durch den Unfall brach er sich das Handgelenk – und brauchte einen neuen Job. Er stiess auf eine Ausschreibung als Produktionsmitarbeiter in der Teppichfabrik Melchnau, die Teppiche für Züge, Flugzeuge und Schiffe herstellt. «Er sagte zuerst, er wolle sicher nicht in einer Fabrik arbeiten. Doch er schaute trotzdem vorbei – und verliebte sich vom ersten Tag an in das Handwerk», erzählt Sohn Tim Kramis. Er hatte sich so sehr ins Metier eingearbeitet, dass er nach kurzer Zeit Produktionsleiter wurde. Irgendwann sei dann der Wunsch entstanden, Teppiche für den Wohnbereich anzufertigen. Was folgte, war mehr Naivität als Kalkül. Felix Kramis kündigte, kaufte das nötige Equipment und begann in seinem Keller, Muster zu fertigen. «Er ging all-in. Wie ein Tier hat er gearbeitet», sagt Tim Kramis. Mit den Teppichmustern im Rucksack sei Felix Kramis nach Zürich gefahren. «Dort hat er sie stinkfrech den exklusiven Möbelhäusern gezeigt.» Viele hätten abgelehnt. Doch Felix Kramis liess sich nicht beirren. Das war 1987. Ein Jahr später mietete er beim Nachbarhaus eine Fläche, in der Produktion und Büro untergebracht waren. Dort blieb der Betrieb rund 20 Jahre. Später zog die Firma an den heutigen Standort um, der in den vergangenen Jahren mit einem Holzanbau erweitert wurde. Heute sind Büro, Produktion und Lager unter einem Dach vereint. Zwölf Personen, darunter Vater Felix, Mutter Doris, die beiden Söhne Daniel und Tim und mehrere langjährige Mitarbeitende, arbeiten hier zusammen. Die Söhne sind mit Teppichen aufgewachsen. «Wir haben darauf gespielt, Hausaufgaben gemacht. Am Familientisch drehte sich oft alles rund um den Teppich», erzählt Tim Kramis. Für die beiden sei ihr Weg immer klar gewesen. «Wir haben eine KV-Lehre im Betrieb absolviert und danach den Zivildienst gemacht. Für uns war von Anfang an klar, dass wir hier einsteigen möchten.» Tim, 28, ist heute für Marketing und Verkauf zuständig. Sein Bruder Daniel (33) hält die Produktion am Laufen – vom Einkauf bis zum fertigen Teppich. Nächstes Jahr sollen die beiden den Betrieb offiziell übernehmen. Die Eltern wollen dem Unternehmen jedoch so lange wie möglich erhalten bleiben.
Herstellung regional verankert
Am Anfang eines jeden Teppichs steht das Garn. Die Altbürer Firma arbeitet mit Schurwolle aus Neuseeland sowie mit Leinen aus Frankreich und dem Emmental. Die Wolle wird in der Wollspinnerei Huttwil zu Garn verarbeitet, das Leinen in Italien. Sobald ein Kunde sein Okay gegeben hat, wird die benötigte Menge in der gewünschten Farbe eingefärbt. Pro Quadratmeter Teppich sind zwei bis drei Kilogramm Garn nötig. In der Produktion zeigt sich, wie viel Handarbeit in jedem Teppich steckt. Die Fäden werden gezwirnt, danach wird der Teppich mittels Tufting gefertigt. Dabei schiesst eine spezielle Pistole Garn in ein Teppichgewebe. Zum Schluss wird der Teppich geschoren, sodass er überall gleich hoch ist, und kontrolliert. Die Herstellung eines standardgrossen Teppichs dauert rund drei bis vier Tage. Bei Spezialanfertigungen wird eine Vorlage mit einem Beamer auf die Fläche projiziert und anschliessend abgemalt, bevor die Muster mit der Tuftingpistole ausgefüllt werden. Wo die Teppiche am Ende landen, weiss die Familie Kramis oft nicht. Der Grossteil gehe an Privatpersonen, bestellt werde ausschliesslich über exklusive Möbelhäuser oder Innenarchitekten. «Unabhängig davon, ob die Personen viel Geld haben oder nicht: Alle Kunden befassen sich mit schönem Wohnen», so Tim Kramis. Der grösste Teil der Kundschaft stamme jedoch aus der oberen Mittelschicht: «Doppelverdiener, Ärzte, Anwälte oder frisch Pensionierte, die ihre Wohnung neu einrichten wollen.» Dann gebe es noch eine weitere Gruppe: «Personen, bei denen Geld keine Rolle spielt – etwa Menschen mit Villen am Zürichsee oder im Baselbiet sowie Unternehmer grosser Pharmafirmen.» Einige bekannte Namen nennt Tim Kramis dennoch: «George Harrison von den Beatles hatte einen Teppich von uns. Auch Kimi Räikkönen, der finnische Autorennfahrer, und Demna Gvasalia, der heutige Chefdesigner der Modemarke Gucci, gehören dazu.» Viel häufiger aber bleibt nur der Name auf der Bestellung bekannt. «Manchmal bestellt jemand bei uns einen Teppich zu einem riesigen Betrag. Wir wissen dann, dass er Müller heisst – mehr aber auch nicht.»
Firma blieb auf Spezialteppich sitzen
Doch auch für das Altbürer KMU waren nicht immer alle Zeiten einfach. «Vor der Pandemie hatte die Branche einige schwierige Jahre», sagt Tim Kramis. Während Corona sei das Interesse am Wohnen und Einrichten dann stark gestiegen. Kramis Teppiche nutzte diese Zeit auch, um seine Präsenz mit Videos und Social Media auszubauen. Die Videos vom Teppichmachen gingen immer wieder viral; heute zählt die Firma allein auf Instagram 165 000 Follower aus der ganzen Welt. Im vergangenen September erlangte die Familienfirma zudem kurzfristig grosse mediale Aufmerksamkeit. Sie hatte eine Massanfertigung für einen weltberühmten Künstler hergestellt, dessen Name allerdings nicht verraten werden darf – im Wert von 20 000 Franken. Mehrere Wochen arbeitete der Betrieb an dem Stück, da die Agentur, über die der Auftrag lief, immer neue Änderungen verlangte. Insgesamt zwei Monate lang blieb der Teppichrahmen blockiert. Doch als der Teppich fertig war, wollte der Künstler ihn nicht mehr. Ein Schock für den kleinen Betrieb. Hinzu kam: Weil das Design urheberrechtlich geschützt war, konnte die Familie den Teppich nicht einfach normal weiterverkaufen. Also machte sie die Niederlage auf sozialen Plattformen öffentlich und stiess damit auf grosse Resonanz. Daraufhin schnitt sie den Teppich in 50 Stücke und verkaufte diese einzeln. Aus dem Rückschlag wurde so am Ende doch noch eine Erfolgsgeschichte. Auch wenn die Aufmerksamkeit für das Unternehmen online stetig wächst, will es nicht grösser werden. «Wir wollen bewusst überschaubar bleiben – aber an Exklusivität gewinnen», so Tim Kramis. Gleichzeitig verfolge man das Ziel, den Ruf des Teppichs zu verändern. Viele würden ihn noch immer mit Grossmutters Wohnzimmer oder dem Staubfänger in der Ecke verbinden. «Genau dieses Bild wollen wir aufbrechen», sagt Tim Kramis weiter. So werden die beiden Brüder auch in Zukunft fortführen, was ihr Vater einst in seinem Keller begann.
Von Gabriela Graber