Grosses Aufatmen am frühen Freitagmorgen im Huttwiler Public Viewing nach dem 2:0 der Schweiz durch Dan Ndoye. · Bild: Stefan Leuenberger
Morgenstund hat Gold im Mund
Die Schweiz spielt um 5 Uhr in der Früh den WM-Sechzehntelfinal gegen Algerien. Das Sprichwort «Morgenstund hat Gold im Mund» trifft doppelt zu: Das Huttwiler Public Viewing ist bis auf den letzten Platz gefüllt – und die Schweiz liefert mit einem
2:0-Sieg die gute Stimmung.
Fussball-WM: Public Viewing in Huttwil · «Toooooooor für die Schweiz!», schreit SRF-Kommentator Sascha Ruefer ins Mikrofon. Breel Embolo bringt die Schweiz im WM-Sechzehntelfinal der Fussball-WM gegen Algerien mit 1:0 in Führung. Es ist ein Tor zum richtigen Zeitpunkt. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Public Viewing an der Hofmattstrasse in Huttwil herrscht am Freitagmorgen um 5 Uhr früh eine müde Stimmung. Algerien bestimmt die Startphase. Embolos Tor in der 11. Minute verändert alles. Nun sind die Fussball-Fans in Huttwil wach. Die Geräuschkulisse steigt markant. Die kollektiven «Uhs» und «Ahs» der Fans bei guten Abschlussmöglichkeiten sind das beste Indiz dafür. Das «Fussball-TV-Zmorge» ist aber auch ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem die Gesprächs-
themen an den Tischen bei Weitem nicht nur den Fussball betreffen.
Ganz früh wach
«Ich bin bereits seit 4 Uhr früh wach, um hier in Huttwil beim Public Viewing dabei sein zu können», sagt Yeray Kaya (14) aus Kleindietwil. «Die Müdigkeit ist da, weil am Abend noch der Schulabschluss stattfand.» Kaya ist nicht allein angereist. «Wir sind nach Huttwil gekommen, weil hier die Stimmung bei Spielen mit Schweizer Beteiligung einfach geil ist», erklärt Anna Früh (14) aus Madiswil. Früh spielt selber bei den Junioren Db des Sportclubs Huttwil Fussball. In der Pause der Partie gönnt sich das Duo auf der kleinen Tribüne ein Nickerchen.
SCH-Legende lobt
Kaum läuft die Partie nach der Pause wieder, trifft Dan Ndoye zum 2:0 für die Schweiz. Die Stimmung in der «Clientis Bank Oberaargau-Arena» ist gelöst. Aufgrund der Sicherheit, mit der die Schweiz das Spiel gestaltet, herrscht bei den Fans in Huttwil Gewissheit: Der Achtelfinal gegen Kolumbien am Dienstagabend, 7. Juli, ist Tatsache. Gross ist der Jubel und der anerkennende Applaus beim Abpfiff. «Selbstverständlich bin ich hier – und sogar ohne Wecker aufgestanden», sagt SCH-Legende Christian Iseli. «Wenn der Sportclub Huttwil ein so tolles Angebot mit einem feinen Zmorge anbietet, bin ich sicher dabei», lobt das Vereins-Ehrenmitglied. «Die Schweiz hat eine gute, kompakte Leistung gezeigt. Mit ein bisschen Wettkampfglück ist nun alles möglich.»
Schweizer Spiele vor vollen Rängen
Der Sportclub Huttwil ermöglicht das gemeinsame Verfolgen und Fachsimpeln seit vielen Fussball-Grossanlässen mit viel Herzblut und wurde auch zur frühen Morgenstunde dafür belohnt. «Wir wollten ein Zmorgebüffet anbieten und rechneten mit 30 bis 40 Leuten. Verkauft haben wir schliesslich 110 Zmorge», freut sich Reto Röthlisberger vom Public Viewing-OK. «Alle bisherigen Spiele der Schweiz fanden vor voll besetzten Rängen statt. Wir sind sehr zufrieden. Aufgrund der unterschiedlichen Anspielzeiten hatten wir nicht mit einem derartigen Andrang gerechnet.» Doch das Hauptinteresse an der Fussball-WM in Mexiko, Kanada und den Vereinigten Staaten konzentriert sich im Blumenstädtchen primär auf die Schweizer Spiele. «Das Eröffnungsspiel war gut besucht. Die anderen Partien wurden jeweils von 20 bis 40 Personen verfolgt», informiert Röthlisberger. «Das sind nicht sehr viele. Aber an früheren Austragungen gab es auch Partien, die unbesucht blieben. So gesehen verläuft die WM 2026 sehr erfolgreich.»
Heute Abend gegen Kolumbien
«Und nun erhalten wir ja noch ein zusätzliches Schweizer Spiel», freut sich Röthlisberger. Er ist überzeugt, dass die Partie vom Dienstag wieder vor voll besetzten Rängen im zur WM-Arena umfunktionierten Lagerschuppen stattfinden wird. «Wenn die Leute am frühen Morgen um 5 Uhr für die Schweiz aufstehen, dann werden sie auch um 22 Uhr am Abend da sein.» Ein weiteres «Full House» ist garantiert. Damit die WM-Spiele auf Grossleinwand in Huttwil mit Bewirtung reibungslos ablaufen, sind 125 Helfereinsätze nötig. «Alle Vereinsmitglieder ziehen mit. Niemand schwänzt die Einsätze», freut sich Röthlisberger. Und wie tippt Röthlisberger den weiteren Turnierverlauf? «Ich habe zu Beginn der WM auf Frankreich oder Portugal getippt. Beide Teams sind noch dabei. Der Schweiz traue ich viel zu. Im Viertelfinal könnten wir voraussichtlich gegen Argentinien Revanche nehmen für die bittere 0:1-Niederlage in der Verlängerung des WM-Achtelfinals 2014 in Brasilien.» Gewinnt die Schweiz heute Abend gegen Kolumbien, wird es am kommenden Sonntag um 3 Uhr in der Nacht höchstwahrscheinlich zum Viertelfinal-Knaller gegen Argentinien (oder allenfalls Australien) kommen.
Schweizer Spiele in Langenthal gut besucht
In Langenthal gibt es zur Fussball-WM 2026 keine zentralen Open-Air-Fanzonen, dafür aber dezentrale Public-Viewings. Eine der bekanntesten Anlaufstellen zum gemeinsamen Mitfiebern ist der «Platzhirsch» am Wuhrplatz. Dort sind jene WM-Spiele zu sehen, die in die regulären Öffnungszeiten fallen. Der Schweizer Sechzehntelfinal gegen Algerien war deshalb nicht zu sehen. «Aber die drei Schweizer Gruppenspiele waren ein Erfolg. Alle 30 Tische waren besetzt», sagt Dozlih Kiss vom «Platzhirsch». «Bei den anderen WM-Spielen war aber bislang nicht so viel los. Es gibt bei diesen Partien nur wenige Leute, die extra wegen des Public Viewings zu uns kommen. Im Schnitt sind es vier Tische», so Kiss. Der heutige Achtelfinal der Schweiz gegen Kolumbien wird im «Platzhirsch» gezeigt.
Von Stefan Leuenberger