Beim Song «Dazumal» bebt die Hütte. Die Heimwehler fegen wie Hardrocker über die Bühne.
Naturromantik und Seelenbalsam vereint
Der Männerchor «Heimweh» berührt die Menschen. So geschehen auch beim vierten Gastspiel in Huttwil am Sonntagabend in der ausverkauften Campus-Sporthalle. 1200 Fans geniessen für zwei Stunden den wohltuenden Seelenbalsam.
Auch das vierte Huttwiler Gastspiel nach 2022, 2023 und 2025 am Sonntagabend in der Campus-Sporthalle ist mit 1200 Fans ausverkauft. Die «Heimweh»-Musik ist ein Magnet. Die Leute lechzen förmlich nach den melodiösen «Gutfühlmomenten» der gestandenen Männer im «Chüjermutz». Wer mag es ihnen verdenken? In einer Zeit, in der ein wild gewordener Mann in Amerika und ein wild gewordener Mann in Russland die weltweite Sicherheit in Gefahr bringen, an vielen Orten der Welt Krieg und Elend herrschen und die stete Teuerung eine grosse Belastung mit sich bringt, ist das kurzzeitige Ausbrechen in eine heile Welt ein Genuss. Während eines Konzerts von «Heimweh» ist ein zweistündiges Abschalten von den alltäglichen «Sörgeli u Ängstli», die alle Menschen haben, perfekt möglich. Serviert wird von den stimm- und jodelgewaltigen Männern Seelenbalsam pur.
Lebenseinstellung statt Kitsch
Die seit 2016 existierende Gruppe «Heimweh» ist längst ein hochgradig profitables Geschäftsmodell. Auch dies ist nichts Verwerfliches. Wer gut arbeitet, soll auch ernten dürfen. Bei den «Heimweh»-Musikern ist bei ihrem Wirken auf der Bühne aber zu spüren, dass die emotionale Bindung zu den Fans nicht gespielt, sondern echt ist. Dass die Männer fühlen und leben, was sie in blumigen Texten singend erzählen. Kritiker meinen, dass die Kitsch-Schmerzgrenze bei weitem überschritten wird. Dabei weckt «Heimweh» auf musikalisch hochergreifende Art und Weise bloss das, was den Konzertbesuchenden so sehr am Herzen liegt. «Ihre Musik ist heilend und ihre Texte haben Hand und Fuss. Die ‹Heimweh›-Musik hat mich durch eine ganz schwierige Zeit getragen», erzählt Sonja Christen aus Gutenburg. «Ich bin ein grosser Fan und habe ‹Heimweh› schon dreimal live gesehen.» Christens Handy-Klingelton ist natürlich ein «Heimweh»-Lied.
Schwelgen, Schunkeln und Lachen
Mit viel Heimatliebe legen die acht Männer im Song «Dr letschti Tag vom Summer» vom neusten Werk «Vo de Bärge här» in Huttwil los. Mit dem Titeltrack des neunten und neusten «Heimweh»-Werks von 2025 sowie dem Song «Ürnersee» geht die besungene Heimatliebe weiter. Der in Nebikon lebende Patrick Hofstetter erinnert mit dem Gutenacht-Ritual mit seinem kleinen Sohn und dem folgenden Lied «Ig ha di gärn» daran, wie wichtig es ist, diese bloss vier Worte so oft wie möglich an seine Lieben auszusprechen. Das «Alpenkalb» von «Heimweh», der Appenzeller Fredi Koller, bringt das Publikum mit seinem Schalk zum Lachen. Herrlich, wenn er vom wohlig warmen Gefühl berichtet, wenn er barfuss «zmitzt ine Chueplätter» tritt. Koller – mit den Unterarm-Tätowierungen «My life Rock’n’Roll und my love my family» – präsentiert den Boogie-Rocker «Original», bei dem Chormitglied Alain Boog grosse Fingerfertigkeit während eines Keyboardsolos beweist. «Die Musik von Heimweh ist super. Aber mir gefallen auch die Männer ausgezeichnet», schwärmt Doris Gerber aus Madiswil, die bereits acht Konzerte der Erfolgstruppe besucht hat.
Heimspiel für den Berner
Mit dem «Alpentainer» Trauffer aus dem Berner Oberland schrieb «Heimweh» den Song «Stärneliechtermeer». Die Worte «und Millione Liechter schiine über Bärge drüberinä» werden von herrlichem Jodel begleitet. Die emotionale Wucht, wenn alle acht Männer zum Refrain ansetzen, ist ergreifend. Das Publikum sorgt mit den Handy-Taschenlampen für einen Gänsehautmoment in der Campus-Sporthalle. Dann ist die Reihe am einzigen Berner des Chors. Publikumsliebling Ralph Güntlisberger, der achtfache Grossvater mit dem Erscheinungsbild eines langhaarigen und tätowierten Hardrockers, geniesst sein Heimspiel in vollen Zügen. «‹Huttu› ist einfach Heimat für mich. Die Leute sind einfach genial.» Mit seiner unverwechselbaren Bassbariton-Stimme serviert er «Mis alte Härz» von 2018 und erntet viel Jubel. Auch «Räphe» mag den Schalk mit den Fans: «Daheim habe ich die Hosen an – aber meine Frau sagt welche...»
Steuermann Bernhard Betschart
Bei einem «Heimweh»-Konzert wechseln sich ans Herz gehende Balladen, lüpfige volkstümliche Mundart-Popschlager und witzige Ansagen munter ab. Erstmals so richtig Dampf in die Hütte bringt der von «Heimweh» gecoverte Song «Heimatgfüehl» der Mundart-Rockband «Megawatt». Dann gehört die Bühne dem Muotathaler Bernhard Betschart, zusammen mit dem Gründer, Produzent und Komponist Georg Schlunegger der Steuermann des erfolgreichen Schweizer Musik-Flaggschiffs «Heimweh». Das Meisterwerk «Vom Gipfel is Tal» prägt der Tenorsänger mit seinem traditionellen Naturjuuz, der den meisten «Heimweh»-Songs diese gewisse Portion Aussergewöhnlichkeit verleiht. Bergromantik pur gibt es auch bei «Abigrot». Bei «Blueme», dem Klassiker von Polo «National» Hofer von 2002, erinnern die Männer einmal mehr daran, den Moment zu leben und zu nutzen: «Drum bring mir Blueme solang i Fröid cha ha, u nid ersch denn, wenn ig muess vo dir gah. U het’s im Läbe halt nicht söue si, bruuchi ou kei Blueme, wenni gstorbe bi.» Die Glarner «Gmüetsmore» Markus Stadelmann spasst dann so richtig mit den Besuchenden: «Wir haben Vreni Schneider, das Elmer Citro und den Dicken von ‹Heimweh›. Ich habe kürzlich extra fettlösenden Geschirrspüler am ‹Ranzen› eingerieben – erfolglos.» Mit «Freud am Läbe» hält Stadelmann die Stimmung hoch. Über «Himmelblaui Auge» erreicht die Stimmung in der Bude den Siedepunkt. Niemand mehr sitzt. Die um zigmal bessere Liveversion der 2017er-Nummer «Dazumal» ist schlicht grandios. Das Stageacting erinnert auf einmal an eine Hardrock-Band von Weltformat, krasses Gitarrensolo inklusive. Das Publikum klatscht, tanzt, ja gröhlt sogar. Das Gemeinschaftsgefühl in Vollendung.
Der grosse Hit zum Schluss
Der Luzerner Ricardo Sanz nimmt beim 18. und letzten Song zum Grande Finale den Fuss vom Gaspedal. Dank der ruhigen Nummer «Rosmarie» ist «Heimweh» heute ein Topseller im Schweizer Musikmarkt. Immer noch «erhudlet» es die Fans, wenn die Geschichte mit der Liebe bis über den Tod hinaus vorgetragen wird. «Meine Mutter heisst Rosmarie. Es ist mein Lieblingssong. Die musikalischen Geschichten von ‹Heimweh› sind einfach der Hammer», lobt Konzertbesucher Hans Thuner aus Roggwil. «Heimweh» liefert auch beim vierten Auftritt in Huttwil ab. «Huttwil ist ein sehr guter Ort für ‹Heimweh›. Wir werden nächstes Jahr wiederkommen», sagt Tom Münger, Produktionsleiter des Konzertorganisators Domino Event SARL. Auch das vierte «Heimweh»-Konzert in Huttwil bekräftigt das vor vier Jahren gezogene Fazit: Ihre Musik müsste in der Apotheke verkauft werden, weil sie so ein Balsam für die Seele ist. Und ein Verfallsdatum dafür scheint es auch nicht zu geben…
Von Stefan Leuenberger