• Das Ferienheim Oberwald in Dürrenroth. · Bild: zvg

07.09.2026
Emmental

Politisches Ringen um Ferienheim-Zukunft

Die Stadt Langenthal will keinen Leistungsvertrag mehr mit dem Ferienheim Oberwald in Dürrenroth abschliessen. Dagegen regt sich jedoch Widerstand. Mehr als die Hälfte der Stadträte hat eine Motion für einen weiteren Leistungs-vertrag unterschrieben.

Langenthal / Dürrenroth · Ferien machen und dazu weiter entfernte Gebiete aufsuchen ist heutzutage normal geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war dies noch ganz anders. Um erholungsbedürftigen Schulkindern Ferien zu ermöglichen, quartierte der Dürrenrother Gastwirt Johann Friedrich Steffen-Meister in der Wirtschaft Oberwald Schulkinder ein. Ab 1908 arbeitete er mit dem Ferienversorgungsverein Langenthal zusammen. Dieser war eine Vereinigung von Gönnern, die den Kindern Ferien ermöglichen wollten. Neun Jahre währte diese Zusammenarbeit, ehe 1917 der Ferienversorgungsverein für einen Betrag von 20 000 Franken das Haus, Grund und Boden sowie das Inventar erwarb. 1931 wurde der Erweiterungsbau erstellt, 1976 eine Duschanlage eingebaut. Ende der 1980er- Jahre wurde der Besitz in die «Stiftung Ferienheim Oberwald» überführt. In jener Zeit wurde auch die letzte umfangreiche Renovation vorgenommen. Das Ferienheim dient aktuell als Domizil für Lager- und Landschulwochen. Es steht auch Auswärtigen offen und ist von April bis Oktober in Betrieb. Für eine Nutzung während der Wintermonate ist es nicht geeignet. Der Langenthaler Gemeinderat lässt nun den Leistungsvertrag mit dem Stiftungsrat auf Ende der Saison 2026 auslaufen. Im Jahr 2027 wird der jährlich überwiesene Betrag von 46 000 Franken ausbezahlt, jedoch aus dem Fonds «Gewinnausschüttungen Anzeiger Oberaargau AG». Gleichzeitig soll der Stiftungsrat dazu aufgefordert werden, ein Konzept über die Zukunft des Ferienheims zu erstellen. Beim Gemeinderat überwogen rationale Argumente gegenüber emotionalen Überlegungen. «Wir erhielten Rückmeldungen, dass das Ferienheim nicht aufgegeben werden soll, dass das sehr schade wäre», sagt die für die Schulen zuständige Langenthaler Gemeinderätin Stefanie Barben. Es überwogen aber andere Argumente bei der Entscheidfindung der Stadtregierung. Etwa, dass Lager von Langenthaler Klassen mittlerweile häufiger auswärts stattfinden würden, in anderen Landesteilen, wo das Lager mit attraktiven Ausflügen verbunden werden kann, wie zum Beispiel im Fall der Innerschweiz mit dem  Verkehrshaus in Luzern. Das Gebäude und auch der Spielplatz seien stark sanierungsbedürftig; es müsste einiges an finanziellen Mitteln in das Ferienheim investiert werden. «Wir haben andere Aufgaben, die für uns wichtiger sind, wie die Kindergärten und die Tagesschulen. Diese geniessen für uns Priorität», sagt Barben.

Der politische Widerstand gegen den Entscheid ist gross
Die Chancen stehen dennoch gut, dass das Ferienheim auch in Zukunft durch Leistungsverträge der Stadt Langenthal in seinem Betrieb unterstützt wird. Viele Langenthalerinnen und Langenthaler verbinden Erinnerungen an das Ferienheim, und der Stadtrat wird in dieser Sache noch beraten. Die SP-Stadträtin Verena Heubi hat eine Motion eingereicht. Diese beinhaltet, dass der Gemeinderat den längerfristigen Weiterbetrieb des Ferienheims anstrebt. Es soll das Ziel verfolgt werden, ab 2028 einen neuen Leistungsvertrag über möglichst vier Jahre abzuschliessen. Die Stiftung soll, wenn nötig, bei der Ausarbeitung der dafür nötigen Unterlagen unterstützt werden. Die Motion ist auf grosse Unterstützung aus allen politischen Lagern gestossen. 22 von 37 anwesenden Mitgliedern des Stadtrats haben sie unterschrieben. Stimmen alle diese Parlamentarierinnen und Parlamentarier dem Vorstoss zu, wäre eine Mehrheit für die Erheblicherklärung der Motion bereits gesichert. Heubi ist Unterstufenlehrerin an der Schule Hard und führt mit ihren Klassen regelmässig Lager im Ferienheim Oberwald durch. «Ich erlebe, wie die Kinder dort glücklich sind», sagt sie. Die Worte «Wow, ist das schön hier» habe sie oft von Kindern gehört, wenn diese nach dem Aufstieg durch den Wald beim Heim angekommen seien. Das Haus sei überschaubar, dazu kämen die Spielmöglichkeiten im Wald und das feine Essen. «Ich erlebe rundum glückliche Kinder, wenn wir dort sind», sagt Heubi. «Das Gemeinschaftserlebnis ist ein Gewinn für die Kinder.» Zudem käme es für die Stadt nicht günstiger, wenn die im Ferienheim durchgeführten Lager anderswo stattfinden würden. «Das Ferienheim Oberwald ist in Langenthal ein emotionales Thema», sagt sie. Viele der Stadträte, die die Motion unterschrieben haben, seien als Kinder selbst dort gewesen oder deren Kinder hätten dort Lager besucht. Heubi ist daher zuversichtlich, dass die Motion im Stadtrat überwiesen werden wird.

Stiftungsrat hat den Wunsch nach Planungssicherheit
Beim Stiftungsrat sorgt die aktuelle Situation vor allem für Unsicherheit. «Wir wollten den Umbau des Spielplatzes aufgleisen und hatten für die Finanzierung schon einen Geldgeber gefunden», sagt Stiftungsratspräsident Lars Schlapbach. Er selbst wollte nach jahrzehntelanger Arbeit für das Ferienheim sein Amt auf Ende Jahr zur Verfügung stellen, die Arbeiten in der Stiftung sollten neu aufgeteilt werden. Wegen der jetzigen Sachlage sei aber die Besetzung des Präsidiums noch nicht geregelt. «Es ist nicht ganz neu, dass aus der Politik Vorgaben für das Ferienheim kommen», sagt Schlapbach. Es wurde etwa eine Aufwand-Ertrag-Analyse durchgeführt, beim Abschluss des letzten Leistungsvertrags im Jahr 2022 wurde der Beitrag der Stadt Langenthal um 4000 auf aktuell 46 000 Franken gekürzt. «Wir haben dies recht gut auffangen können», sagt Schlapbach. «Wir haben intern im Betrieb Auflagen gemacht, um die Kosten zu senken.» Zuletzt habe man sogar einen kleinen Gewinn geschrieben. Mit diesem wurde etwa die Waschmaschine ersetzt.  Das Ferienheim ist während der sechseinhalb Monate Betriebszeit gemäss Schlapbach zu etwa 80 Prozent ausgelastet. Zwischen 50 und 60 Prozent der Gäste kämen von Langenthaler Schulen. «Bei den jüngeren Jahrgängen ist das Ferienheim beliebt», sagt Schlapbach. Die älteren Jahrgänge würden es vor allem für Spezialwochen nutzen. Aus heiterem Himmel sei der Beschluss des Gemeinderats gekommen, sagt der Stiftungsratspräsident. «Ich habe jedoch damit gerechnet, dass etwas kommen kann.» Es sei sehr schön zu sehen, welchen Rückhalt es aus den Reihen des Stadtrats geniesse. «Es ist gut investiertes Geld», ist sich Schlapbach sicher.

Von Reto Pfister