Die Uraufführung des Freilichtspiels «Burechrieg» vom vergangenen Samstag war bei bestem Sommerwetter ein voller Erfolg. · Bilder: Fotografica, Rolf Sutter
Reise in die Volksgeschichte der Region Huttwil
Bei besten Bedingungen konnte die Uraufführung des bereits seit mehreren Jahren geplanten Freilichtspiels «Burechrieg» vor ausverkaufter Tribüne durchgeführt werden. Das Publikum wurde hautnah in die Geschehnisse in und um Huttwil des Jahres 1653 einbezogen. Der vom Autor Gerhard Meister angewandte Stil der Griechischen Tragödie lässt neben dem geradlinigen Erzählstrang die Möglichkeit, die Zuschauer mit Hintergrundinformationen zu versorgen.
Es liegt eine elektrisierende Stimmung in der Luft: Endlich, nach vielen Jahren der Berichterstattung, Neuausrichtung und Neubesetzungen beginnt die langersehnte und erwartete Uraufführung des Freilichtspiels über den Bauernführer Niklaus Leuenberger auf dem Gelände des Spycher Handwerks in Schwarzenbach. Zur Feier des Abends sind Christine Häsler, Regierungsrätin, und Barbara Lüthi, Vize-Präsidentin des Bernischen Bauernverbandes, anwesend. Häsler verweist darauf, dass die Geschehnisse von 1653 eine von mehreren schlechten Geschichten im Kanton Bern beleuchten, nebst Täufferverfolgung oder dem Verdingen von Kindern. Auf die Parallelen zur heutigen Zeit verweist Lüthi, sind gesellschaftliche Veränderungen doch nur möglich, wenn alle Beteiligten gehört werden. Das Publikum taucht ein in die abgespielten Alphornklänge. Aus der Ferne kommen zwei Gauklerinnen und ein Gaukler auf einem Schubkarren. Sie lassen das Publikum wissen, dass der Bauernaufstand vorüber ist. Die Hoffnung der «freien Schweizer», repräsentiert durch den Bauernstand, war regelrecht totgeschlagen worden. Die währenddessen zum Frauenchor angetretenen Schauspielerinnen singen von der Reaktion der Berner Obrigkeit auf den niedergeschlagenen Aufstand. Nicht nur die Männer wurden gefangen genommen, eingekerkert oder hingerichtet. Auch Frauen mussten Folterungen über sich ergehen lassen, da die Obrigkeit die Verstecke ihrer Männer wissen wollten.
Der Wandel gegenüber der Obrigkeit
Der Blick wendet sich analog einem Zeitsprung auf die rechte Seite der Szenerie, wo das Schönholzer Heimet von Niklaus Leuenberger, überzeugend gespielt von Fabian Guggisberg, gezeigt wird, zu Beginn des Schicksalsjahres 1653. Alles scheint friedlich und idyllisch, und doch erfährt das Publikum immer mehr, was die Bauern unzufrieden macht: Die «Gnädigen Herren» von Bern auferlegen dem Volk immer mehr Steuern und Abgaben, ihre Meinung ist nicht gefragt, die Depression nach Beendigung des 30-jährigen Krieges macht der Landbevölkerung zu schaffen. Auch Tribolet, der Landvogt zu Trachselwald, auferlegt dem Volk unsinnige Abgaben und Geldstrafen, ohne Aussicht auf faire Behandlung seiner Untertanen. Geschickt eingesetzt hat Regisseur Ulrich Eggimann die Einsätze des Frauenchors unter Einbezug der gesamten Breite der zur Verfügung stehenden Szenerie. Der Frauenchor macht seine in Musik eingefassten Erklärungen direkt vor den ersten Reihen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Diese werden unweigerlich mit in die Handlung miteinbezogen, da auch die musikalischen Einschübe mit voller Überzeugung und auf hohem Niveau durch die rund 35 Laiendarstellerinnen vorgetragen werden. Die Kompositionen stammen aus den Federn von Ben Jeger, Guido Kunz und Kaspar Eggimann. Letzterer spielte die Lieder ein und hat die musikalische Leitung inne. Ein weiterer Grund, dem Frauenchor Respekt zu zollen, da die Lieder mit Playback vorgetragen werden.
Grosse Bühne grossartig genutzt
Die Szenerie besteht nebst Leuenbergers Heimet aus den Stadtmauern mit Stadttor von Bern und dem Turm von Schloss Trachselwald, wo Tribolt residiert. Regisseur Ulrich Eggimann weiss so die verschiedenen Erzählstränge der jeweiligen Protagonisten oder Personengruppen gekonnt in allen drei Dimensionen zu zeigen und bei Bedarf miteinander zu verschmelzen. Ebenso gekonnt sind die Volksszenen angelegt. Nebst dem Frauenchor gesellen sich 40 bis 50 Laiendarsteller hinzu und geben dem wuseligen Treiben auf dem Huttwiler Markt eine realistische Note. Leuenbergers Frau, vorzüglich gespielt von Alena Aebi, sticht aus der Menge heraus, ist sie doch die einzige Frau auf der Szene, die keine Haube oder Kopftuch trägt. Ein auf dem Boden ausgelegtes Seil zeigt die Unsicherheit der Bauern: links die Befürworter eines Widerspruchs gegenüber der Berner Obrigkeit, rechts die Überzeugten der herrschenden göttlichen Ordnung. Der Auftritt von Landvogt Tribolet lässt die Zahl der Befürworter des Widerspruchs sinken. Doch Leuenberger kann alle überzeugen und schlägt Tribolet in die Flucht.
Von der Hoffnung zur Niederschlagung
Diese Szene veranlasst die Bauern dazu, Leuenberger als ihren Wortführer zu wählen und alle gemeinsam den Bundesschwur an der Landsgemeinde von Huttwil 1653 abzulegen. Die Bauern können die Stadt Bern zwar belagern, haben aber keine wirksamen Waffen, die Stadtmauer zu überwinden. Sie fallen auf eine List der Obrigkeit herein und nach ihrem Abzug werden die Bauern von den welschen und Zürcher Truppen aufgerieben, getötet und vertrieben. Leuenberger, von seinem Nachbarn verraten, wird eine lange Zeit eingekerkert, mit und ohne Folter mehrmals befragt, schlussendlich geköpft und gevierteilt. Der Frauenchor besingt wie zu Beginn die Qualen, welche ihre Männer und sie zu ertragen hatten, sei es als Folter oder unbezahlbarer Busse in Folge der Niederschlagung des Aufstands – «De Burechrieg isch vrby». Als die Gaukler auftreten, um ein verbotenes Portrait von Niklaus Leuenberger zu verkaufen, hat Leuenberger seinen letzten Auftritt – aus dem Jenseits. Seinen Aufruf richtet er wiederholt direkt an das Publikum. Hier zeigen sich nochmals Fabian Guggisbergs Qualitäten als Schauspieler. Ihm gelingt es, das Publikum mit seinem Schlussmonolog zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen. Wenn Änderung geschehen soll, dann ist Widerspruch wichtig. Ein grossartiges Ensemble, bestehend aus rund 100 Laiendarstellern, sowie alle im Hintergrund Beteiligten erhielten für ihre ausserordentliche Leistung den verdienten Lohn in Form von tosendem Applaus und stehenden Ovationen. Ein kultureller Lichtblick in der Region Huttwil.
Von Guido Kunz