• Martin Meer vom Schwingklub Huttwil ist der einzige Berner Kampfrichter, der am Kilchberger Schwinget zum Einsatz kommen wird. · Bild: Yanick Kurth

27.07.2026
Sport

Sein Wort ist für die «Bösen» Gesetz

Martin Meer wird am diesjährigen Kilchberger Schwinget am 5. September als Kampfrichter im Sägemehl stehen. Der gebürtige Eriswiler ist der einzige Berner, der am diesjährigen Saisonhöhepunkt für Recht und Ordnung sorgen wird. Im «Unter-Emmentaler»gewährt das 44-jährige Mitglied des Schwingklubs Huttwil Einblicke in seine Tätigkeit als Kampfrichter.

Interview: Yanick Kurth im Gespräch mit Martin Meer, Kampfrichter aus Eriswil · Der Kilchberger Schwinget ist ein renommiertes Ereignis im Kanton Zürich und wird alle sechs Jahre jeweils im September auf dem Gelände des Gutshofs «Uf Stocken» durchgeführt. Heuer findet er am Samstag, 5. September, statt. Der 1927 initiierte Anlass verbindet Tradition mit einer strengen Auswahl der 60 besten Athleten im Schwingsport. Daher gilt unter Schwingern ein Sieg am «Kilchberger» als schwieriger zu erreichen als ein Sieg an einem Eidgenössischen Schwingfest und bringt einen entsprechenden Status mit sich. Dieses historische und prestigeträchtige Schwingfest in der Gemeinde Kilchberg lockt jeweils 12 000 Zuschauerinnen und Zuschauer ans linke Zürichsee-Ufer. Geschwungen wird lediglich auf zwei Sägemehlringen. Die Eintrittsbillette in die Arena können nicht gekauft werden. Das Organisationskomitee und der Eidgenössische Schwingerverband teilen die begehrten Tickets den Teilverbänden zu. Am Schwingfest können keine Kränze gewonnen werden; der Beste gewinnt einen Muni, die anderen erhalten einen Preis im Wert von mindestens 1000 Franken. Eine Eigenheit des Festes ist der Schönschwingerpreis, der an den Ästheten unter den Hünen abgegeben wird. 
Mittendrin im Geschehen wird der 44-jährige Martin Meer vom Schwingklub Huttwil als Kampfrichter stehen und über die Gänge urteilen. Der gebürtige Eriswiler und gelernte Baumaschinenmechaniker kam schon in jungen Jahren mit dem Schwingsport in Kontakt. Mehrere Jahre lang stand er während der Schulzeit als Jungschwinger in den Zwilchhosen. Der Übertritt zu den Aktivschwingern funktionierte damals aber aus verschiedenen Gründen nicht. Im jungen Erwachsenenalter kam er schliesslich mit dem Amt als Kampfrichter in Kontakt. Der beliebte Eriswiler Kampfrichter stand schon auf dem Brünig, am Schwarzsee, auf der Schwägalp und im letzten Jahr am Eidgenössischen Schwingfest in Mollis im Sägemehl. Am prestigeträchtigen Kilchberger Schwinget ist Martin Meer der einzige Berner, der auf dem Schwingplatz für Recht und Ordnung sorgen wird. Als Berner Ersatzmann reist Kevin Graber aus Uetendorf ans linke Zürichsee-Ufer. Martin Meer wird zusammen mit Matthias Stahel aus Turbenthal und Stefan Briker aus Flüelen auf Platz 1 im Einsatz sein. Die drei kennen sich und wissen, dass sie gut harmonieren. Das sind beste Voraussetzungen für einen fairen Wettkampf. Der «UE» unterhielt sich vor dem Saisonhighlight im Schwingen – sowohl für Schwinger als auch für Kampfrichter – mit Martin Meer.

Wie sind Sie mit dem Schwingsport in Kontakt gekommen?
Mein Vater Ferdinand Meer hat früher selbst geschwungen, und mein Onkel Werner Meer war in verschiedensten Funktionen in Klub und Verband tätig. Dadurch bin ich schon früh mit dem Schwingsport in Kontakt gekommen. Im Alter von zehn Jahren bin ich als Jungschwinger zum Schwingklub Huttwil gestossen. Vor dem Übertritt zu den Aktiven waren wir eine Gruppe von rund fünf gleichaltrigen Schwingern. Leider hat einer nach dem anderen aus verschiedenen Gründen mit dem Schwingsport aufgehört. Ich war der Letzte. Dazu kamen andere Interessen und Prioritäten. Daraufhin habe ich während meiner Lehre zum Baumaschinenmechaniker mit dem Schwingsport aufgehört. Beim Oberaargauischen Schwingfest 2010 in Eriswil bin ich dann wieder so richtig mit dem Schwingsport in Kontakt gekommen.

Als Kampfrichter. Wie ist es genau dazu gekommen?
Es war nicht geplant, wieder vermehrt in den Schwingsport zurückzukehren. Ein ehemaliger Technischer Leiter des Oberaargauischen Schwingverbands hat mich nach dem «Oberaargauischen» in Eriswil angefragt, ob nicht das Amt als Kampfrichter etwas für mich wäre. Ich war nicht abgeneigt, dem Schwingsport in dieser Form etwas zurückzugeben. Schliesslich habe ich mich entschieden, das herausfordernde Amt anzutreten und die Kurse zu besuchen. Am Buebeschwinget in Attiswil im Jahr 2011 hatte ich dann meinen ersten Einsatz als Kampfrichter. Man fängt bei den Jungschwingern an und arbeitet sich dann bis auf die nationale Ebene hoch. Die Unterstützung aus dem Verband und dem Klub war stets gross und hilfreich.

Was hat sich in den 15 Jahren als Kampfrichter verändert?
Das Interesse am Schwingsport ist in diesen Jahren stark gestiegen. Dadurch stehen der Kampfrichter und seine Arbeit mehr im Fokus. Die Arbeit selbst hat sich aber nur minimal verändert. Zum Beispiel ist die sogenannte «Hosenkontrolle» in dieser Zeit entstanden. Das obligatorische Überprüfen der Schwingerhosen und des Ledergurts durch die Kampfrichter auf korrekten Sitz, Grösse und Reglementskonformität ist sinnvoll. Hinzu kam auch der Tablet-Bediener.

Sind Sie stolz darauf, am Kilchberger Schwinget im Einsatz zu sein?
Ich war sehr stolz darauf, als ich erfuhr, dass ich als Kampfrichter ausgewählt worden bin. Um an einem eidgenössischen Anlass als Kampfrichter im Einsatz stehen zu dürfen, braucht man viel Routine, und man muss auf der höchsten Kampfrichter-Stufe aktiv sein. Sowohl für die Schwinger als auch für die Kampfrichter sind solche eidgenössischen und prestigeträchtigen Schwingfeste nicht alltäglich. Der Einmarsch in Kilchberg wird sicherlich unter die Haut gehen. Ich freue mich wahnsinnig auf den Tag. Aber es gibt auch einen gewissen Druck, den hohen Erwartungen gerecht zu werden.

Wie bereiten Sie sich auf den Tag vor?
Ich bereite mich nicht anders vor, als ich dies bei den anderen Schwingfesten auch tun würde. Jedes Schwingfest ist für mich in dieser Beziehung gleich, ganz egal, ob es ein Jungschwingertag ist oder eben der prestigeträchtige Kilchberger Schwinget. Spezielle Rituale habe ich keine – es wird am Vorabend jedoch nicht allzu spät. Das positive Kribbeln für das Schwingfest hat schon leicht begonnen und wird sicherlich kurz vor dem Anlass noch zunehmen. Ich freue mich sehr auf das schwingerische Saisonhighlight.

Was macht einen guten Kampfrichter aus?
Dazu zählen aus meiner Sicht verschiedene Punkte. Wenn man in jungen Jahren als Schwinger in den Zwilchhosen stand, hilft das natürlich, ist aber keine Voraussetzung. Das erleichtert es einem aber, einen Gang lesen zu können. Neutral zu sein und die eigenen Athleten aus dem Verband und Klub nicht zu bevorzugen, ist sehr wichtig und essenziell, um als Kampfrichter Erfolg zu haben und akzeptiert zu werden. Ein guter Kampfrichter muss zudem teamfähig sein, aber auch ein gewisses Alphatier sein, das rasch Entscheidungen treffen kann. Der Kampfrichter steht allein auf dem Platz, und mit den beiden anderen Kampfrichtern am Tisch bildet er doch ein Team.

Welchen Gang würden Sie in Kilchberg gerne als Kampfrichter leiten?
Da habe ich keinen besonderen Wunsch. Natürlich haben die absoluten Spitzenpaarungen einen gewissen Reiz. Ich leite gerne Zweikämpfe, in denen die Athleten etwas aus ihrem Gang machen wollen. Aus meiner Kampfrichter-Karriere erinnere ich mich an zwei Gänge: Zum einen an den Gang zwischen Christian Gerber und Matthias Glarner am Oberländischen Schwingfest 2017 in Grindelwald. Der einheimische Glarner fiel gegen mich, Gerber war nahe am Sieg. Das Publikum applaudierte lautstark, obwohl der Einheimische stark in Bedrängnis war. Der Gang endete schliesslich gestellt. Der zweite Gang war der Schlussgang am Oberaargauischen Schwingfest 2023 in Kirchberg zwischen Fabian Staudenmann und Joel Wicki. Wicki war zu diesem Zeitpunkt bereits Schwingerkönig und der absolute Spitzenschwinger. Fabian Staudenmann konnte den Schwingerkönig wuchtig besiegen. Eine Sensation, die mir bis heute in Erinnerung bleibt.

Die Schwinger sind bekannt für ihre Fairness. Aber es geht um mehr als nur Ruhm und Ehre. Versuchen die Schwinger nicht auch, den Kampfrichter zu beeinflussen?
Die Schwinger kennen mich mittlerweile und schätzen meine neutrale Art. Die Athleten haben die Entscheide der Kampfrichter zu akzeptieren. Das wissen alle – selbst die Jungschwinger. Nicht immer ist die Wertung ganz einfach. Ich versuche jedoch immer, gerecht zu urteilen. Es gibt ein paar bekannte Kandidaten, die Entscheide immer wieder infrage stellen. Teilweise ist das verständlich, wenn sich die Schwinger nach dem Kampf, noch voller Adrenalin, ungerecht beurteilt fühlen.

Ist der Job hart?
Ja, man muss den ganzen Tag über präsent sein. Je nach Wetter ist dies besonders anstrengend. Es erfordert eine hohe Konzentration, da wir rund neun Stunden als Kampfrichter auf dem Platz stehen. Es ist nicht etwa mit einem Fussball-Schiedsrichter vergleichbar. Man darf sich nicht ablenken lassen und auf die anderen Plätze blicken. Es wird erwartet, dass wir in jedem Gang 100 Prozent Leistung abliefern. Die drei Kampfrichter wechseln sich nach einigen Gängen ab und rotieren. Es wird darauf geachtet, dass man nicht als Platzkampfrichter an der Front steht, wenn Schwinger aus dem eigenen Verband oder Klub antreten. Ich habe zudem das Glück, mit einer Partnerin zusammen zu sein, die mich dabei unterstützt und Verständnis dafür hat, dass ich pro Jahr an rund 15 Schwingfesten als Kampfrichter im Sägemehl stehe.

Heute werden viele Schwingfeste im TV ausgestrahlt. Schauen Sie Ihre Bewertungen im Nachhinein an? 
Wenn Kamerabilder vorhanden sind, gibt es teilweise Zweikämpfe, die ich mir nach dem Schwingfest zu Hause in aller Ruhe anschaue. Oftmals sind es Entscheide, bei denen es heikel wurde oder Diskussionen zum Resultat gab. Daraus kann ein Kampfrichter lernen, und man muss sich beim Schwinger auch entschuldigen können, wenn man einmal falsch geurteilt hat.

Wer wird Sieger am Kilchberger Schwinget?
Ich hoffe natürlich auf einen Berner (lacht). Alle Teilverbände haben jedoch Athleten am Start, die gewinnen können. Es wird also spannend.

In letzter Zeit standen immer wieder Fehlentscheide der Kampfrichter zur Diskussion. Wie sehen Sie das?
Was ich von einem VAR (Videoschiedsrichter) oder dergleichen halten soll, kann ich nicht sagen. Es gibt aber noch diverse Fragen, die geklärt werden müssen. Ich bin nicht gegen Neuerungen, die uns Kampfrichtern helfen, Entscheide noch besser und gerechter fällen zu können. Im Schwingsport geht es schliesslich immer um mehr. Man darf sich gegenüber Veränderungen nicht verschliessen. Diesen Herbst wird an Schwingfesten getestet, die drei Kampfrichter per Funk miteinander zu verbinden, damit sie sich während des Gangs austauschen können. Man wird sehen, ob dies bei der Bewertung hilfreich ist.

Hilft der seit dieser Saison neu eingesetzte Tablet-Bediener?
Der Tablet-Bediener hilft uns Kampfrichtern, die Konzentration besser auf die Zweikämpfe lenken zu können. Die Person bedient das Tablet, ruft die Schwinger auf und achtet darauf, dass die richtigen Athleten auf dem Platz stehen. Das ist schon eine hilfreiche Neuerung, die den Kampfrichter entlastet.