Hansrudolf Jörg gewann während seiner Aktivzeit fünf Kränze.
Seine ganz grosse Herzensangelegenheit
Der 60-jährige Huttwiler Hansrudolf Jörg erhält für sein unermüdliches Schaffen mit den Jungschwingern beim Schwingklub Huttwil vom Club 88 den Nachwuchsförderungs-Preis 2024 verliehen. Seit 22 Jahren steckt «Rüedu» sein ganzes Herzblut in den Huttwiler Schwingsport-Nachwuchs.
Schwingen · Immer weniger Schweizerinnen und Schweizer engagieren sich ehrenamtlich in einem Verein. Dies wiederum führt dazu, dass viele Vereine Schwierigkeiten haben, die Vorstandsfunktionen zu besetzen. Leute, welche sich über Jahrzehnte mit grossem Herzblut für einen Verein engagieren, sind heute (praktisch) nicht mehr zu finden. Glücklich schätzen darf sich, wer noch über solche «Auslaufmodelle» verfügt. Wie der Schwingklub Huttwil. Der 60-jährige Huttwiler Hansrudolf Jörg ist seit Jahrzehnten Feuer und Flamme für die Arbeit mit den Jungschwingern.
Erst als 22-Jähriger zum Schwingen
«Rüedu» oder «Ruedi», wie den Mann vom Oberbühl alle liebevoll nennen, kam durch seine älteren Brüder Franz und Ueli zum Schwingen. «Ich bin ein bisschen Velo gefahren. In einem Sportverein war ich aber nie. Durch meine Brüder habe ich dann mit 22 Jahren mit dem Schwingen begonnen und grossen Gefallen daran gefunden», erzählt der dreifache Familienvater und fünffache Grossätti. 1987 trat er dem Schwingklub Huttwil bei. Seinen ersten von insgesamt fünf Kränzen holte er am Zuger Kantonalschwingfest 1993 im Rang 5a. Nach dem fünften Kranzgewinn 2002 im Jura musste sich Jörg einer Bandscheiben-Operation unterziehen lassen. «Ich hätte gerne bis zum Bernisch-Kantonalen Schwingfest in Huttwil 2005 geschwungen. Da wäre ich dann 41 Jahre alt gewesen. Die Gesundheit liess es aber nicht zu, weil meine berufliche Tätigkeit auf dem Bau dem Körper auch viel abverlangte», sagt Hansrudolf Jörg. Und fügt etwas wehmütig an: «Darum habe ich 2003 nach 17 Jahren meine Aktivkarriere beendet.» Der Rücktritt war für Jörg zugleich ein Neustart – und für den Schwingklub Huttwil sogar ein Glücksfall. «Fredy Gerber hat zu dieser Zeit das Amt des Jungschwinger-Verantwortlichen niedergelegt. Es konnte niemand gefunden werden. Zusammen mit Walter Leuenberger habe ich mich dann bereit erklärt, dieses Amt zu übernehmen», berichtet Jörg. «Gesucht habe ich es nicht. Aber ich wollte den jungen Burschen ihr Hobby im Sägemehl unbedingt ermöglichen.» Rasch verwandelte sich die anfängliche Pflicht-Tätigkeit im Sägemehl für «Rüedu» zu seiner liebsten Tätigkeit neben dem Zusammensein mit seiner Familie. «Die ‹Giele› sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen», bestätigt Jörg, der in seiner nun 35-jährigen Vorstandszugehörigkeit beim Schwingklub Huttwil auch als Materialverwalter, Festmitorganisator, Kampfrichter (2004 bis 2016) oder Einteilungsrichter im Einsatz stand. Und die jungen Talente gehen gerne zum bärtigen Mann mit der väterlichen Ausstrahlung ins Training. Sie mögen ihn. Über die Jahre intensiviert sich die Zusammenarbeit. «Heute muss ich sagen, dass wir bei den Jungschwingern im Schwingklub Huttwil wie eine Familie sind», strahlt der unermüdliche Schaffer.
Der «Gib-Häb-Zünd»
Etwas zurückzugeben, ist eine wichtige Lebensaufgabe. Hansrudolf Jörg gibt sehr viel zurück. Pro Jahr ist er an bis zu 25 Wochenenden mit den Jungschwingern unterwegs. An den Wettkämpfen in der ganzen Schweiz ist er viel mehr als nur der Trainer und Betreuer. Mit seiner liebenswerten und gemütlichen Art ist «Rüedu» für die jungen Schwinger der «Gib-Häb-Zünd». Jörg fährt die Jungschwinger auch immer selbst im Bus an die Wettmessen und bringt sie sicher wieder nach Hause zurück. «Rüedu» ist auch im zwischenmenschlichen Bereich für seine «Giele» da. «Ich bin mir der Verantwortung bewusst. Gleichzeitig freut mich das Vertrauen, welches mir die Eltern entgegenbringen», so Jörg. Viel Aufwand betreibt er für die wöchentlichen Trainings im Schwingkeller in der Turnhalle Schwarzenbach. Zusätzlich hat Hansrudolf Jörg vor einiger Zeit damit begonnen, Trainings in seinem herrlich in der Natur gelegenen Zuhause im Oberbühl auszutragen. Dort, wo seit 2007 jährlich auch der bekannte und beliebte Oberbühl-Schwinget und die ebenso berüchtigten «Rüedu-Schwingerchibuine» stattfinden. Es handelt sich um Konditions- und Koordinationstrainings auf spielerische Art, welche weit über das Schwingen hinaus gehen. Mittlerweile treffen sich dort auch alle Nachwuchsschwinger vom Oberaargau regelmässig zum Training. «Wir hinken im Oberaargau beim Nachwuchsschwingen etwas hinterher. Diese Lücke wollen wir schliessen.»
80 Trainings im Jahr
Um die 80 Trainings leitet Jörg beim Schwingklub Huttwil für seine «Giele» – und mittlerweile seit einigen Jahren auch «Meitli» – pro Saison. Hinzu kommen spezielle Anlässe wie Bräteln, Rodeln, Skifahren, Seilpark, Racletteessen oder Hallenbadbesuche, welche viel zum familiären Spirit innerhalb der Truppe beitragen. Hansrudolf Jörg engagiert sich seit 22 Jahren mit totaler Hingabe für den Huttwiler Schwingnachwuchs. «Es ist alles in allem ein Aufwand, den ein normal Berufstätiger gar nicht betreiben kann. Da ich mittlerweile reduziert arbeite, ist es mir möglich. Mir macht diese Tätigkeit immer noch grossen Spass. Trotzdem nehme ich jetzt immer einen Aktivschwinger in die Pflicht, der mir bei der Donnerstags-Trainingsleitung mithilft. Es ist mir wichtig, dass das Aufgebaute beim Huttwiler Schwingernachwuchs fortgeführt wird, wenn ich einmal aufhöre.»
Den Nachwuchs zu den Aktiven bringen
Natürlich feierte der Huttwiler Nachwuchs unter Hansrudolf Jörg auch schöne Erfolge. Viele Festsiege und Zweiggewinne wanderten ins Blumenstädtchen. Am meisten stolz ist der Nachwuchschef über die vielen Huttwiler Jungschwinger, welche sich im Verlauf der Jahre für den alle drei Jahre stattfindenden Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag qualifizieren konnten. «Eine wichtige Aufgabe von mir ist es, die Jungschwinger so weit zu bringen, dass sie von sich aus den Ehrgeiz haben, im Schwingen etwas zu erreichen. Dass sie freiwillig hart trainieren, um möglichst weit nach vorne zu kommen.» Der erfolgreichste Jungschwinger in der bisherigen Ära von Jörg war der jetzt 18-jährige Schwarzenbacher Flurin Eymann, der in seiner Jungschwinger-Karriere 24 Festsiege und 103 Zweige sowie den Doppelzweig am Eidgenössischen Nachwuchs-schwingertag gewann. «Selbstverständlich machen mich solche Erfolge stolz. Bei mir ist aber jeder Jungschwinger gleich viel wert, egal wo er sich sportlich klassiert. Ganz wichtig ist, dass die Jungs am Ende ihrer Jungschwinger-Karriere als Aktivmitglieder in den Schwingklub Huttwil aufgenommen werden können. Dies ist die Kernaufgabe meiner Nachwuchstätigkeit. Damit wird das Weiterbestehen des Schwingklubs Huttwil gesichert», schliesst der unermüdliche Schaffer.
Von Stefan Leuenberger