Einmal im Monat hat das Flickatelier in Lützelflüh geöffnet. Zwischen zwei und vier Frauen sind dabei in der Regel vollauf mit Flickarbeiten beschäftigt. · Bilder: Marion Heiniger
Sie wirken dem Wegwerftrend entgegen
Löcher stopfen, Knöpfe annähen, Hosen kürzen oder Reissverschlüsse auswechseln. Egal welche Arbeiten an Kleidungsstücken vorzunehmen sind, die Flickerinnen vom Flickatelier in Lützelflüh wissen, was zu tun ist. Einmal im Monat hat das Atelier geöffnet. Das Angebot gibt es seit zehn Jahren, seither wächst die Kundschaft stetig
Lützelflüeh · Konzentriert sitzen drei Frauen an zu einem Block zusammengestellten Tischen, vor ihnen steht jeweils eine Nähmaschine. Sie sind an diesem Mittwochvormittag beim Flickatelier eingeteilt. An der Wand hängt eine Preisliste, deren Beträge auffallend günstig gehalten sind: Loch in Jacken- und Hosensäcken 10 Franken, Reissverschlüsse bei Hosen und leichten Jäckli ersetzen 20 Franken, Hosen, Röcke, Ärmel kürzen 10 Franken …. «Das sind aber nur Richtpreise, weil uns unsere Kundinnen und Kunden immer wieder gefragt haben, was denn die entsprechenden Flick- oder Änderungsarbeiten in etwa kosten würden», erklärt Edith Mühlemann, die soeben zu ihren Flick-Kolleginnen dazugestossen ist. Schlussendlich aber bestimmen die Flickerinnen den Preis selbst, den sie für ihre Arbeit als angemessen erachten. Doch ums Geld geht es hier eigentlich nicht primär. «Wir flicken gerne, sonst würden wir es nicht tun», sind sich die vier Damen einig. Wenn dabei noch etwas für die Vereinskasse herausspringt – umso besser. Edith Mühlemann organisiert und koordiniert jeweils das Flickatelier, das unter dem Patronat des gemeinnützigen Frauenvereins Lützelflüh-Goldbach steht. Untergebracht ist das Atelier in einem Raum in der Mehrzweckanlage Emmenschachen in Lützelflüh. Gesamthaft sind es sieben Frauen, die für das Flickatelier aufgeboten werden können. Einmal im Monat hat es geöffnet, mit Ausnahme der Monate August und Oktober. Während der Schulferienzeit laufe erfahrungsgemäss nicht viel, zudem würde die Mehrzweckanlage dann gereinigt. In den anderen Monaten sind es jeweils zwei halbe Tage, immer Anfangs Monat, an denen das Flickatelier geöffnet hat. An einem Dienstagnachmittag von 13.30 bis 16.30 Uhr und am darauffolgenden Mittwochvormittag von 8.30 bis 11 Uhr. «In der Regel sind es zwei bis drei Frauen pro Halbtag, die dazu eingeteilt werden. Wenn viel zu tun ist, können es aber auch schon mal vier sein», verrät Edith Mühlemann.
Beliebtes Angebot
Weit über 20 Kleidungsstücke wurden an diesen beiden Tagen zum Flicken oder Abändern abgegeben. Manchmal seien es mehr, manchmal weniger. Tendenziell aber wurden es in den vergangenen zehn Jahren, seit es das Flickatelier gibt, immer mehr. «Und es kommen auch immer wieder neue Kunden und Kundinnen dazu», freuen sich die Flickerinnen, wie sie sich selbst nennen. «Wahrscheinlich hat das Bewusstsein, Kleider zu flicken, statt wegzuwerfen zugenommen. Ausserdem können heute viele gar nicht mehr nähen oder flicken, haben keine Nähmaschine oder keine Zeit mehr», erklären sich die Frauen das zunehmende Interesse an ihrem Angebot. Aber nicht immer können alle Kleider, die an diesen beiden Tagen abgegeben werden, auch gleich geflickt werden. «Manchmal reicht die Zeit einfach nicht aus, um alles zu erledigen, und nach Hause nehmen möchten wir die Arbeit nicht. Deshalb klären wir gleich zu Anfang, ob es mit den Flickarbeiten eilt oder ob allenfalls bis zum nächsten Monat gewartet werden kann», erklärt Edith Mühlemann. Viel Zeit zum Beispiel brauche es, um einen neuen Reissverschluss einzunähen, fügt eine der Flickerinnen an. Dennoch braucht man sich beim Flickatelier nicht vorher anzumelden. Man könne einfach vorbeikommen. Aber um die beiden Halbtage optimal planen zu können, sei es von Vorteil, wenn die zu flickenden Kleidungsstücke gleich am Dienstagnachmittag vorbeigebracht werden können, lässt Edit Mühlemann durchblicken. Mitbringen müssen ihre Kundinnen und Kunden für die zu flickenden Kleidungsstücke nichts, mit Ausnahme der Reissverschlüsse in der richtigen Länge und Farbe. Denn Knöpfe, Faden und Nadeln sind zuhauf vorhanden. Das Verbrauchsmaterial wurde in der Regel von Privatpersonen gespendet, die Nähmaschinen auch oder sie wurden von der Schule ausgemustert. «Unsere Nähmaschinen sind schon alt, werden aber regelmässig gewartet und funktionieren deshalb noch einwandfrei», freut sich Edit Mühlemann. Problematisch wird es bei den Ersatzteilen, denn die gibt es meist nicht mehr.
Zufriedene Kundschaft
Nach und nach werden an diesem Mittwochvormittag die geflickten Kleidungsstücke wieder abgeholt. Kurz vor 11 Uhr erscheint auch eine adrett gekleidete Dame aus Grünenmatt in der Türe und fragt diskret, ob ihre beiden Kleidungsstücke fertig sind. «Ich bin gleich fertig», antwortet eine der Flickerinnen, während sie die letzten Handgriffe vornimmt. Zufrieden schaut die Kundin ihr über die Schulter. Sie sei das erste Mal hier, vom Flickatelier erfahren habe sie durch die Tochter von Edith Mühlemann, erzählt sie. In der Zwischenzeit sind ihre Kleider fertig geworden. Sieben Franken kostet es insgesamt. Ihr erstaunter Blick zeigt, dass sie mit wesentlich mehr gerechnet hat. Dankbar steckt sie das Geld in die dafür bereitgestellte Kasse. «Manchmal stecken unsere Kundinnen und Kunden auch mal etwas mehr oder manchmal auch etwas weniger in die Kasse, ganz so wie es ihre finanzielle Lage gerade zulässt», sagt Edith Mühlemann zufrieden. Als Lohn gehen die Flickerinnen einmal im Jahr mit einem Teil des Geldes zusammen essen, davor findet immer eine Planungssitzung statt, an der die Daten für das nächste Jahr festgelegt werden.
Von Marion Heiniger