24.01.2025
Oberaargau

Tanzfreudige Frauen feiern lebendige Tradition

Wenn am zweiten Januarsamstag mehr als 100 Frauen einträchtig miteinander feiern, kann dies nur eines bedeuten: Im Gasthof Löwen in Melchnau ist der traditionelle «Spinnet» voll im Schwung. Neben Musik und Tanz werden auch die kulinarischen Genüsse gepflegt und jeweils 400 selbst gebackene Schlüferli aufgetischt. Bis heute sind männliche Besucher erst am Abend willkommen.

Melchnau · Musik, Stimmengewirr und Gelächter tönen aus dem Saal im ersten Stock. Da stehen sie alle, tanzen, klatschen und singen. Von den 115 angemeldeten Frauen sind 80 Prozent Stammgäste. 

Die Tradition lebt im Emmental-Oberaargau
Seit 1910 findet im Gasthof Löwen dieses Traditionsfest statt, wie die eingerahmte Einladung von damals bezeugt. Hat früher beinahe jeder Gasthof einen Spinnet abgehalten, findet ein solcher nur noch in Melchnau statt und ist im Kanton Bern als «lebendige Tradition» in der Region Emmental-Oberaargau vermerkt und archiviert; zusammen mit Anlässen wie der Sichlete oder dem Unspunnenfest. Um die einmalige Tradition zu erhalten, organisiert Löwen-Wirtin Sabine Eichenberger jeweils am zweiten Samstag im Januar diesen Anlass. Zusammen mit ihrem Sohn Daniel sitzt die Wirtin persönlich an der Kasse und begrüsst die bunt gemischte Gästeschar. Am weitesten gereist ist Elisabeth aus Berlin, die den Spinnet-Besuch jeweils mit Ferien in der Heimat verbindet. Der Spinnet ist ein arbeitsintensiver Anlass und das Vorbereiten des Saals benötigt mehr Zeit als bei einem normalen Bankett. Um einen reibungslosen Serviceablauf zu gewährleisten, braucht es genügend Mitarbeitende. Spätestens um Viertel nach sieben muss das Menu serviert sein, damit auch die männlichen Gäste kommen können. «Sobald um halb drei die ersten Takte der Livemusik erklingen, füllt sich die Tanzfläche auf einen Schlag und leert sich nicht mehr bis zur ‹Chilterzyt›. Wenn wir die fröhliche Stimmung in uns aufnehmen und in die strahlenden Augenpaare blicken, dann ist alle Müh vergessen», erklärt Wirtin Sabine Eichenberger und bezeichnet den Spinnet als den schönsten Anlass des Jahres.

Tanzen kennt kein Alter
«Tanz mit mir, Corina», tönt es durch den vollbesetzten Saal. Da lassen sich die fröhlichen Frauen nicht zweimal bitten. Das Duo Toni & Fäni sorgt mit Evergreens, aktuellen Hits, deutschen Schlagern und Mundartliedern für ausgelassene Stimmung. Es wird mitgesungen, geschunkelt und gescherzt. Der Altersdurchschnitt von 70 plus ist kein Thema: Wie sang einst schon Udo Jürgens: «Mit 66 Jahren fängt das Leben an». Debütantinnen sind ebenso begeistert wie langjährige Besucherinnen. Man ist per Du und fordert sich gegenseitig zum Tanz auf. Voll im Element ist Kathrin und singt kräftig mit, als «Ein Stern, der deinen Namen trägt» ertönt. Aufgewachsen in Melch-nau, ist der Besuch des Löie-Spinnets für die Solothurnerin Ehrensache. Begleitet von ihrer Kollegin Maya, die den legendären Tisch Nummer neun bereits für nächstes Jahr reserviert. Unermüdlich spielt das Duo weiter und hat offensichtlich Spass am Musizieren und den spontanen Darbietungen, etwa wenn Frauen Witze vortragen, Geschichten erzählen oder Sketche zum Besten geben. Viel Beifall erhält ein Jodelduett aus dem Fribourgischen. Mit einem Blick in die Runde fragt Musiker Fäni: «Wie wär’s mit einem Englischwalzer?» Elegant tanzt die 85-jährige Heidi mit ihrer Schwester Veronika, die seit Jahren aus der Ostschweiz anreist und deshalb ein Zimmer im Gasthof Löwen gebucht hat. Als «Mendocino» ertönt, gibt es auch für Renate aus Langenthal kein Halten. Viele Hände gehen in die Höhe, als «Take me home, Country Roads» erklingt. Schliesslich liegt Melchnau auf dem Land, und im heimeligen Gasthof Löwen fühlt man sich daheim. 

Kulinarische Genüsse
Währenddessen hat das Wirtepaar und sein Team alle Hände voll zu tun und verwöhnt die Gäste mit einem köstlichen Menu aus der «Löwen»-Küche: Gemischter Blattsalat mit Speck- und Brotwürfeli, Kalbsgeschnetzeltes an Preiselbeersauce, Teigwaren und Mischgemüse sowie ein zartschmelzendes Tartufo Cioccolato zum Dessert. Bereits am frühen Nachmittag genossen die Frauen «Züpfe», «Chnöiplätze» und 400 «Schlüferli», die jedes Jahr selbst gebacken werden.

Geselliges Beisammensein
Mit einer Polonaise wird die «Hasplerzyt» eröffnet und somit sind auch die Männer zum Tanzen eingeladen. Als am späteren Abend auch das Wirtepaar Ernst und Sabine Eichenberger zum Tanzen kommt, sind die müden Beine und die kurze Nacht vergessen. Gefeiert wird bis nach Mitternacht und selbst nach zwei Zugaben klatschen die Tanzfreudigen weiter und Toni & Fäni fragen: «Dürfen wir noch einen Allerletzten spielen?» Diesen Wunsch kann ihm Sabine Eichenberger nicht abschlagen und stimmungsvoll wird ihr schönster Anlass mit «Sierra Madre» beendet. Erfolgreich und mit viel Herzblut führt die Familie Eichenberger den Löwen seit 1988 in dritter Generation. «Da sich keine interne Nachfolgelösung abzeichnet, suchen wir einen Käufer für den Gasthof inklusive Saalgebäude. So wie es im Moment aussieht, sind wir noch eine Weile da, und es besteht die Chance, dass der Spinnet auch nächstes Jahr durchgeführt wird», sinniert Sabine Eichenberger. So können die Frauen weitertanzen – wie einst schon ihre Mütter und Grossmütter.

Spinnet
Lebendige Tradition
Im Winter trafen sich früher die Bäuerinnen zu einem gemütlichen Zusammensein mit Milchkaffee und «Chüechli» in der heimischen Stube. Dazu wurde Wolle oder Flachs gesponnen; daher der Name «Spinnet». Erst am Abend, nach
der Stallarbeit, halfen die Männer, das Örgeli im Gepäck, den Flachs auf den Haspel aufzuwickeln. Deshalb werden die männlichen Besucher auch heute noch Haspler genannt.

Die Spinnräder verschwanden
Mit der Zeit wurde der Anlass in die Gasthöfe verlegt und in fast jedem grösseren Dorf durchgeführt. Zu Musik und Tanz wurden selbstgemachte Backwaren und ein währschaftes Essen aufgetischt. Infolge Überalterung und fehlendem Nachwuchs sind viele Spinnet verschwunden. Geblieben ist die Freude am geselligen Zusammensein und die reine Frauenpräsenz, die bis zur Chilterzyt dauert. Der Chilter ist ein Haspler, der am Feierabend bei seiner Angebeteten noch fensterlt (z’Chilt geht). Mehr Informationen unter: www.lt.bkd.be.ch/de/start/traditionen/spinnet

Von Brigitte Meier