• Seit 13 Jahren arbeitet Lydia de Iorio selbstständig als Keramikerin und stellt für verschiedene Kundinnen und Kunden handgefertigte Unikate her. · Bilder: Felix Ott

  • Für ihre Arbeit verwendet Lydia de Iorio nur Steinzeug aus Einsiedeln.

  • Fast einen Monat dauert die Herstellung eines Keramikstückes.

  • Ihre Werke sind im Atelier erhältlich.

23.04.2026
Langenthal

Ton, Feuer und ein eigener Weg

An der Melchnaustrasse in Langenthal entstehen bei Lydia de Iorio Stücke aus Ton, die robust für den Alltag und zugleich unverwechselbar sind. Jedes wird einzeln auf der Drehscheibe gefertigt. Hinter dem Atelier Cotta steht eine Frau, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf gemacht hat, obwohl der Weg dorthin alles andere als gradlinig war.

Es ist ein unscheinbares Haus an der Melchnaustrasse in Langenthal. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass hier etwas Besonderes hergestellt wird. Hier entstehen Formen mit Ruhe, Präzision und Gespür. Beim Eingang stehen Vasen, Teller, Tassen und Schalen, sauber präsentiert. Sie sind klar in der Sprache und folgen geometrischen Linien mit ruhigen Proportionen. Und doch ist jedes Stück von Hand gedreht. Gerade diese Spannung macht die Arbeiten von Lydia de Iorio aus. Seit Juli des letzten Jahres arbeitet die 42-jährige Keramikerin an diesem neuen Ort, wo sie Atelier, Ausstellungsfläche und einen Raum für Kunsttherapie unter einem Dach vereint. «COTTA Keramik» hat hier ein neues Zuhause gefunden. Im grössten Raum steht die Drehscheibe. Hier entstehen Auftragsarbeiten für Private, Gastrobetriebe und Floristen, daneben aber auch Stücke aus ihrer eigenen Kollektion, die sie auf Vorrat hält. Wer Lydia de Iorio zuhört, versteht rasch, dass ihre Keramik nicht nur aus einer kommerziellen Idee entsteht, sondern aus einer Haltung. «Ich liebe das Drehen. Das Material ist so wandelbar. Das fasziniert mich», sagt sie. Dass heute viele Keramikerinnen und Keramiker giessen, statt zu drehen, ist für sie keine Verlockung. Es sei ihr zu langweilig. Sie will mit den Händen an den Ton, will spüren, wie sich eine Wand hebt, wie eine Form kippt, wie ein Gefäss im richtigen Moment zurückgenommen werden muss.

Von der Tonaufbereitung bis zum Brennen im Ofen
Wer in Möbelhäusern Geschirr kauft, kauft in der Regel industrielle Verlässlichkeit. Wer bei Lydia de Iorio bestellt, kauft auch ein Kunstwerk, dem viel Erfahrung innewohnt. Denn bevor ein Teller oder eine Tasse auf dem Tisch steht, hat das Material bereits einen langen Weg hinter sich. De Iorio bereitet den Ton selbst auf. Reste werden gesammelt, eingesumpft und im Vakuum-Tonschneider wieder auf die richtige Konsistenz gebracht. Erst danach beginnt die eigentliche Formgebung an der Drehscheibe. Danach braucht es Geduld. Die Stücke trocknen zunächst rund eine Woche, bis sie lederhart sind. Dann wird die Unterseite bearbeitet, der Fuss geformt, das Gefäss präzisiert. Anschliessend folgt die Farbgebung. Auch hier überlässt Lydia de Iorio wenig dem Zufall. Die Glasuren stellt sie selber her und die Engobenfarben werden neu gemischt. «Die Farben verändern sich beim Brennen; daher weiss man nie ganz genau, wie das Stück am Ende aussehen wird», sagt sie. Nach der Farbgebung bedarf es einer Trocknungszeit von zwei bis drei Wochen, bis die Stücke gebrannt werden können. Nach dem ersten Brand folgt der Glasurauftrag und anschliessend folgt der zweite Brand bei 1280 Grad. Die Werkstücke verändern sich in diesem Prozess. Beispielsweise schwinden die Stücke insgesamt um rund 12 Prozent. 

Wenn Handwerkskunst zur Rechenaufgabe wird
Diese 12 Prozent sind nicht bloss eine technische Fussnote. Sie erzählen viel darüber, wie präzis dieses Handwerk ist. Gerade bei Auftragsarbeiten wird Gestaltung schnell zur Rechenauf­gabe. Wenn ein Teller am Ende stimmen soll, müssen Spiegel, Fahne und Durchmesser schon im feuchten Zustand anders gedacht werden. Lydia de Iorio hält solche Berechnungen in einem Ordner fest. So können Kundinnen und Kunden später einzelne Stücke nachbestellen, mit denselben Massen, derselben Formensprache, derselben Funktion. Das ist bemerkenswert, weil ihre Arbeiten eben keine Fabrikware sind. Es sind Unikate, die sich trotzdem im Alltag behaupten müssen. In Gastrobetrieben erst recht. Dass das funktioniert, hat auch mit dem Material zu tun. De Iorio arbeitet ausschliesslich mit Steinzeug aus Einsiedeln. Im Vergleich zu Irdengut ist es dichter, robuster, hochwertiger. Es wird höher gebrannt und hält mehr aus. De Iorio betont zudem: «Es ist ein lebendiges Material.» Ihre Kundschaft scheint dieses Versprechen zu kennen. Verschiedene Gastrobetriebe in der Region und viele Privatpersonen vertrauen auf ihr Geschirr. Es sei nicht viel teurer als Gastrogeschirr, sagt sie, habe aber eine andere Wertigkeit. In einem Nebenraum des Ateliers geht es um eine andere Form von Arbeit mit Ton. Hier bietet Lydia de Iorio Kunsttherapie an. Der Raum ist ruhiger, persönlicher, intimer. Willkommen sei hier, wer sich mit sich selbst auseinandersetzen wolle. «Mit Ton kann man ohne Worte etwas ausdrücken, das sonst vielleicht verborgen bleibt», sagt sie. Es ist ein Satz, der gut zu ihrer Biografie passt. Denn auch sie selbst hat sich ihren Weg nicht entlang vorgezeichneter Linien gebaut.

Der innere Drang gegen den Strom zu schwimmen
Schon früh zog es sie zur Gestaltung. Sie begann eine Lehre als Glasmalerin und Kunstglaserin. Dann wurde sie mit 19 Mutter. Später zog sie mit ihrer Tochter von Herzogenbuchsee nach Interlaken und schliesslich wieder zurück. Als die Tochter in den Kindergarten kam, wuchs der Wunsch, wieder einen eigenen gestalterischen Raum zu finden. Sie besuchte den gestalterischen Vorkurs in Langenthal und kam danach in die Keramikdesignfachklasse in Bern. Die Zeit in Bern sei hart gewesen, erzählt sie. Nicht weil ihr das Material fernlag, im Gegenteil. Dort verliebte sie sich in die Keramik. Hart sei vielmehr das System gewesen. Lydia de Iorio beschreibt sich als willensstarke Person, die sich Konventionen nicht einfach beugt. «Wenn alle nach rechts wollen, habe ich den Impuls, nach links zu gehen», sagt sie. In der Schule habe sie vor allem drehen wollen. Gefordert worden seien aber auch andere Techniken wie das Giessen. Ein Lehrer habe ihr einmal gesagt: Wenn du nur drehen willst, ist das der falsche Ort für dich. Man kann diesen Satz als Warnung lesen. Lydia de Iorio machte daraus eine Richtung. Sie riskierte viel und machte sich selbstständig. Im ersten Jahr, sagt sie, habe sie gerade einmal 700 Franken verdient. Es ist eine Zahl, die zeigt, wie dünn der Boden am Anfang war. Und sie sagt zugleich etwas über diese Frau, die heute in einem hellen Atelier in Langenthal steht und ganz selbstverständlich davon lebt, was sie mit ihren Händen schafft. «Das freie Gestalten und das Handwerk sind meine grosse Liebe», sagt sie. Seit 2013 arbeitet sie nun selbstständig als Keramikerin und gründete schliesslich 2017 das Label «COTTA». 

Die eigene Sprache in den Ton geprägt
Der Erfolg kam nicht, weil Lydia de Iorio sich angepasst hätte. Eher im Gegenteil. «Ich würde nie etwas machen, was den Leuten gefällt», sagt sie und meint damit nicht Geringschätzung gegenüber Kundinnen und Kunden. Gemeint ist etwas anderes: Sie hat ihre eigene Sprache in der Keramik gesucht und gefunden. Dass diese Sprache heute verstanden wird, zeigt sich nicht nur an treuen Bestellungen, sondern auch an Anerkennung ausserhalb der Region. Ihre Arbeiten wurden beispielsweise in die Sammlung des Museums für Gestaltung in Zürich und in die Kunstsammlung der Stadt Langenthal aufgenommen. Lydia de Iorio wirkt nicht wie jemand, der Widersprüche auflösen will. Eher wie jemand, der gelernt hat, mit ihnen zu arbeiten. Der Ton ist dafür vielleicht das richtige Material. Er ist weich und widerspenstig zugleich. Er braucht Führung, aber duldet keine Gewalt. Und er vergisst nichts. Vielleicht haben ihre Vasen, Teller und Tassen gerade deshalb diese Ruhe. Sie sind nicht geschniegelt auf übertriebene Wirkung hin. Sie stehen einfach da und behaupten ihre Form. So wie ihre Schöpferin.

Von Felix Ott