Die Verantwortlichen der Jugendriege Langenthal werden von SP-Gemeinderätin Martina Moser (rechts) geehrt. · Bilder: Reto Pfister
Turner und Gassenküche geehrt
Der Stadtturnverein baut die Jugi fast vollständig neu auf, die Gassechuchi ist seit 21 Jahren für die Schwächsten da. Zwei unterschiedlichen Institutionen wurde am Mittwoch in der Alten Mühle in Langenthal der Sozialpreis verliehen.
Die Jugi des Stadtturnvereins Langenthal (STV) boomt, 120 Kinder sind in ihr aktuell aktiv, jeder Jahrgang ist vertreten. Eine Selbstverständlichkeit ist dies jedoch nicht. Es braucht auch Leute, die die Abteilung führen, dafür sorgen, dass Leitungspersonen da sind. Genau dies war in Langenthal nicht mehr der Fall. Vier Jahre ist es erst her, da stand die Jugi vor einem Scherbenhaufen. Nur noch ganz wenige Kinder turnten, die Abteilung lag quasi brach. «Das Ganze war ausgefranst, es gab keine Nachfolge für die abgetretenen Leitungspersonen», schildert Christian Vonäsch, Vorstandsmitglied und Leiter Männerriege beim STV Langenthal, die Situation. Also ergriff eine engagierte Gruppe um Vonäsch, Heinz Lehmann, Elmar Strombach und Stefan Geissbühler die Initiative und brachte das Jugendturnen im Verein wieder auf Vordermann. «Für mich war sofort klar, dass ich dabei sein würde», sagt etwa Lehmann. Mit sieben Kindern fing man an, rasch sprach sich herum, dass im Stadtturnverein eine neue Crew am Ruder ist und wieder etwas für den Nachwuchs tun wird. Die Kinder rannten dem Verein die offene Tür ein. Mittlerweile funktioniert die Jugi so gut, dass jedes Kind, das turnen will, beim STV seine Möglichkeit dazu erhält. Auch an Leitungspersonen mangelt es nicht, dagegen stösst man im Winter bei den Hallenkapazitäten an die Grenze. «In der Rhythmischen Gymnastik etwa geht es schon Richtung Leistungssport. Es sind nur etwa zehn Gymnastinnen, die bei uns diesen Sport betreiben. Sie brauchen aber viel Platz und auch viel Hallenzeit», gibt Vonäsch ein Beispiel. «Es ist nicht immer einfach, die verfügbaren Hallenzeiten so zu organisieren, dass alle auf ihre Rechnung kommen.» Der Bedarf an zusätzlichen Sporthallen ist bei der Langenthaler Politik längst erkannt worden. Nach einem klaren Votum im Stadtrat im Oktober will die Stadt beim Kanton bezüglich eines Neubaus im Gebiet Hard vorstellig werden, «In der Jugi wird der Nachwuchs gefördert, soziale Werte und die Integration gefördert», hiess es in der Begründung, warum der Stadtturnverein 2025 den Sozialpreis erhält. «Die Jugi ist ein Ort, wo Zusammenhalt gelebt wird, wo Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Hintergründen etwas zusammen machen. In der Jugi werden Werte wie Teamgeist gelebt, die weit über den Sport hinausgehen.»
«Etwas Warmes im Bauch»
Als zweite Institution wurde am Mittwochabend die Gassechuchi mit dem Sozialpreis ausgezeichnet. Entstanden ist sie in den Jahren 2003/04, als in Langenthal eine Drogen- und Alkoholikerszene entstanden war. Esther Schönmann baute damals zusammen mit Hans-Ruedi Leuthold, der als Küchenchef fungierte, die Gassenküche auf. «Etwas Warmes im Bauch», lautete das Motto damals. Während der Corona-Pandemie 2020 musste die Gassenküche ihren Betrieb in dieser Form einstellen und erfand sich quasi neu. Heute wird nicht mehr im eigentlichen Sinne gekocht. Vielmehr werden Lebensmittel, aber auch Kleider in Taschen jeweils am Mittwoch beim Waaghaus nahe der Markthalle gegen einen bescheidenen Beitrag abgegeben. Wer eine Tasche beziehen will, muss sich zuvor anmelden und ausweisen. Die Gassenküche hat sich längst als Institution etabliert und geniesst Unterstützung von verschiedenen Seiten. Grossverteiler spenden überschüssige Lebensmittel, Firmen leisten Unterstützung, genauso wie die Schweizer Tafel. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar 2022 stieg der Bedarf stark an, zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer nahmen die Dienste der Institution in Anspruch. Was Esther Schönmann etwas Sorgenmacht, ist die Überalterung des Vorstands. «Ich bin 83, ewig kann ich das nicht machen», sagt die Präsidentin. «Einige meiner Mitstreiter sind auch schon älter.» Sie würde sich wünschen, dass jüngere Personen vermehrt Verantwortung übernehmen würden.
Der Staat überträgt Aufgaben
Vor der Verleihung der Sozialpreise wurde eine interessante Podiumsdiskussion mit Anke Kaschlik und Felix Wolffers geführt. Kaschlik ist an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) als Dozentin und Senior Researcher am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe tätig. Wolffers ist als selbstständiger Experte für Konfliktlösungen und Unternehmensberater tätig; als ehemaliger Leiter des Sozialamts der Stadt Bern und Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialhilfe (SKOS) verfügt er über eine grosse Expertise, was den Sozialstaat in der Schweiz betrifft. Wolffers führte aus, dass die Sozialhilfe oft dann zum Zug kommt, wenn eine Notlage im privaten Umfeld nicht mehr aufgefangen werden kann. Sie sei ein ungeliebtes Kind des Schweizer Sozialstaates gewesen. Der Bund hat kaum Regelungen getroffen, der Kanton wenige, weshalb die SKOS dann die bekannten SKOS-Richtlinien erarbeitet habe. Wolffers zeigte auch auf, dass die Leistungen in der Sozialhilfe wesentlich tiefer sind als die Ergänzungsleistungen. Kaschlik sagte, das Beispiel Gassenküche nennend, dass hier soziale Aufgaben vom Staat an Freiwillige übertragen würden. Sie hat in ihren Forschungen festgestellt, dass sich die Freiwilligenarbeit verändert. Es sei schwieriger geworden, Freiwillige für fixe Aufgaben in Vereinen zu finden. Was nicht heisse, dass weniger Freiwilligenarbeit geleistet werde. Vielmehr geschehe dies vermehrt projektbezogen. Frau und Mann packen etwas an und wenden sich danach der nächsten Aufgabe zu.
Von Reto Pfister