• Insgesamt 102 Meldungen über Notfälle im Zusammenhang mit Wasserschäden waren eingegangen. · Bilder: ryl/Feuerwehr Langenthal

  • In der Einsatzzentrale im Feuerwehrmagazin wurden die Einsätze koordiniert.

  • In mehreren Privatwohnungen ist ein erheblicher Sachschaden entstanden.

27.08.2025
Langenthal

Und plötzlich müsste man überall sein …

Für die Feuerwehr Langenthal geht der Mittwoch der letzten Wochen in die Geschichte ein – und dies aus mehr als nur einem Grund. Alleine wegen Wasserschäden wurden 102 Alarmmeldungen registriert. Am gleichen Tag wurde aber auch noch ein Brand bekämpft und erstmals überhaupt musste sogar die spezialisierte «Strahlenwehr-Truppe» in den Einsatz gehen. Feuerwehrkommandant Christian Giesser sagt: «So etwas habe ich in meiner 28-jährigen Feuerwehrkarriere noch nie erlebt.»

Am vergangenen Mittwoch, dem 20. August, passierte um 17.20 Uhr, was in den letzten Jahren noch gar nie nötig war: «Wir haben uns zu diesem Zeitpunkt entschieden, das komplette Feuerwehrpersonal auf einmal aufzubieten», erzählt Langenthals Feuerwehrkommandant Christian Giesser. In den Minuten zuvor gingen derart viele Meldungen ein, dass im Langenthaler Feuerwehrmagazin bereits um 17.10 Uhr die Einsatzzentrale besetzt und aufgebaut wurde und die in der Einsatzzentrale in Bern eingehenden Notfälle nur noch aufgenommen, aber nicht mehr bearbeitet und koordiniert werden konnten. «Die Alarmmeldungen wurden uns dann per Mail zugestellt, woraufhin wir eine Priorisierung der Fälle vorgenommen und unsere Einsatzkräfte und Mittel entsprechend eingeplant haben.» Zwischen 16.45 Uhr und 22.00 Uhr seien total 102 Meldungen wegen Überschwemmungen und Wasserschäden eingegangen – und dadurch hätte die Feuerwehr quasi vom einen auf den anderen Moment überall sein müssen. Für Feuerwehrkommandant Christian Giesser ist klar: «So etwas habe ich in meiner 28-jährigen Feuerwehrkarriere noch nie erlebt.»

Zusätzliche Herausforderungen
Entsprechend herausfordernd war dieser Abend dann auch. «Da hat man gemerkt, dass eine Milizfeuerwehr, wie wir es sind, an ihre Grenzen stösst.» Einerseits habe Personal gefehlt, andererseits aber auch Fahrzeuge oder Pumpen. Und herausfordernd sei dabei weniger die Bearbeitung an sich, sondern eher der zeitliche Faktor. Denn, «wenn man die Feuerwehr ruft, erwartet man auch, dass sie zeitnah erscheint. Das war bei der Menge an Notfällen aber gar nicht mehr möglich.» Und als dann auch noch weitere, spezielle Einsätze nötig wurden, erschwerte sich die Situation noch zunehmend. «In Bützberg schlug ein Blitz ein, im Langenthaler Gymnasium wurde uns eine Strahlenquelle gemeldet (siehe Kasten), morgens um vier Uhr folgte dann ein Einsatz bei Dättwyler in Bleienbach, weil eine Brandmelde-Anlage alarmierte und um 9 Uhr morgens trug sich auch noch ein Bahnunfall in Attiswil zu, bei dem ein Personenwagen auf der Strecke des Bipperlisis mit einem Fahrmast kollidierte», zählt Christian Giesser auf. Und zusätzlich habe der Mittwochmorgen auch noch mit einem Brand in einem Wohnhaus in Ursenbach begonnen, sodass schon vor den wettertechnischen Kapriolen ein erster Einsatz nötig war. «Die Masse an Einsätzen war heftig. Insbesondere am frühen Abend wurde es für uns richtig intensiv», so Giesser weiter. Bis kurz vor zwei Uhr und am darauffolgenden Morgen wiederum wurden in der Folge sogenannte Elementareinsätze geleistet, um die Folgen der grossen Niederschlagsmenge zu bewältigen.

Über 90 Pizzen bestellt
Die grösste Herausforderung, um dies zu meistern, sei organisatorischer Natur gewesen, erklärt Christian Giesser und weist auf die entscheidenden Fragen hin: «Wo setze ich das vorhandene Personal und die vorhandenen Mittel am besten ein?» Christoph Kurth und David Burkhalter hätten sich als Einsatzleiter aber gut geschlagen, zeigt sich der Feuerwehrkommandant mit dem Resultat zufrieden. Er selbst habe sie mit Koordinationen im Hintergrund unterstützt. So habe er die Gemeinden über die Lage informiert, Absprachen mit anderen Feuerwehren gehalten oder auch Pizzen organisieren lassen. «Drei Pizzerien haben uns zwischenzeitlich immer wieder mit frischen Pizzen beliefert, damit die Einsatzkräfte zwischen den Einsätzen essen konnten», erinnert sich Christian Giesser. Insgesamt wurden über 90 Pizzen bestellt, weiss er.

Unterstützung aus der Region
Aufgegessen wurden diese von über 60 Langenthaler Feuerwehrangehörigen, aber auch von Helfern aus Huttwil und Herzogenbuchsee. «Die regionale Unterstützung via Kreisfeuerwehrinspektor war entscheidend für das gute Gelingen», sagt Christian Giesser. In Huttwil und Herzogenbuchsee habe es beispielsweise kaum geregnet, beide rückten deshalb mit Fahrzeugen, Pumpen und 10 (Herzogenbuchsee) respektive 15 Mann (Huttwil) zur Unterstützung an. «Der Einsatz hat gezeigt, dass wir gut organisiert sind. Gerade auch dank der Unterstützung von weiteren Feuerwehren und der reibungslosen Zusammenarbeit konnten wir den Einsatz bewältigen», sagt Christian Giesser. Dass man bei gewissen Notfällen erst zu spät Hilfe anbieten konnte, sei in einer solchen Extremsituation nicht zu verhindern gewesen, weil eine Priorisierung der eingegangenen Meldungen unabdingbar gewesen sei. Und das Resultat der langen Nacht? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Personenschäden gab es keine, sämtliche Einsätze konnten in diesen beiden Tagen abgeschlossen werden, ohne dass jemand stark verletzt wurde. Aber: «Die Schadensumme dürfte riesig sein», schätzt der Feuerwehrkommandant. Das Langen-thaler Parkhotel, in dem derzeit umgebaut wird, wurde mit zwei Kelleretagen besonders hart getroffen, gleiches gilt auch für die Garage Gautschi, in deren Keller nebst Wasser auch Öl ausgetreten ist. «All dies hat für mich einmal mehr gezeigt, wie wichtig unsere Arbeit zu Gunsten der Bevölkerung ist», sagt Christian Giesser zuletzt, der sich am Folgetag in einem ausführlichen Mail bei seinen Einsatzkräften für den geleisteten Einsatz bedankte. Er schloss diese allerdings mit den Worten «und es regnet weiter». Zum Glück waren dann in den Folgetagen die Notfälle aber nicht mehr ganz so zahlreich …

Von Leroy Ryser