• Die drei noch lebenden der damals 14 OK-Mitglieder der Radquer-WM 1975 in Melchnau (von links): Peter Graber (Sekretär, Melchnau), Heinz Studer (WM-OK-Präsident, Melchnau/Langenthal) und Walter Leibundgut (Malters). · Bild: Peter Friedli

  • Diese fünf WM-Teilnehmer von 1975 in Melchnau waren bei der Feier anwesend (von links): Willy Lienhard (Steinmaur), Richard Steiner (Bäretswil), Ueli Müller (Steinmaur), Walter Müller (Steinmaur) und Albert Zweifel (Rüti ZH). · Bild: Peter Friedli

  • Erinnerungen an den grossen Oberaargauer Sportanlass vom 26. Januar 1975 in Melchnau. · Bild: Peter Friedli

  • Vor vielen Zuschauenden holte sich dieses Trio 1975 die WM-Medaillen (von links): Albert Zweifel (Silber), Weltmeister Roger de Vlaeminck und Peter Frischknecht. · Bild: Keystone

27.01.2025
Sport

Viel Prominenz feierte den historischen Tag

Vor genau 50 Jahren fand in der Gemeinde Melchnau die Radquer-WM statt. Bei der 50-Jahr-Feier dieses sporthistorischen Anlasses im Oberaargau im Alterszentrum «Schärme» konnten die drei OK-Mitglieder Heinz Studer (OK-Präsident), Peter Graber (Sekretär) und Walter Leibundgut (Medienchef) viele Gäste und fünf damalige Schweizer WM-Teilnehmende begrüssen.

50 Jahre Radquer-WM in Melchnau · Im Jahr 1950 fand in Paris die erste Radquer-WM statt, die vom französischen Strassenfahrer Jean Robic gewonnen wurde. Im vergangenen Jahr 2024 fand in Tabor in Tschechien bereits die 75. Radquer-WM statt, die jetzt Cyclocross heisst. Der Holländer Mathieu van der Poel, ein Alleskönner auf dem Rad, visiert am kommenden Sonntag, 2. Februar 2025, im französischen Lieven als Titelverteidiger den siebten WM-Titel im Cyclocross an. Und so könnte der fliegende Holländer mit dem Belgier Eric de Vlaemink, der 1975 im Oberaargau hinter seinem Bruder Roger de Vlaemink und den beiden Schweizern Albert Zweifel und Peter Frischknecht in Melchnau Vierter geworden war, als Rekordhalter mit sieben WM-Goldmedaillen gleichziehen. Der letzte Schweizer Weltmeister bei den Profis im Radquer war 1995 der Solothurner Dieter Runkel in Eschenbach SG. Mit den fünf Titeln von Albert Zweifel und der Goldmedaille 1988 in Hägendorf von Pascal Richard hat die Schweiz also insgesamt sieben Mal den Weltmeistertitel im Cyclocross bei den Profis errungen.

Am Fernsehen zur Prime Time
Früher konnte man im Schweizer Fernsehen am Sonntagabend fast jedes Radquer-Rennen, ebenso auch alle Waffenläufe, sehen. Die Berichterstattungen wurden sogar dem Fussball vorgezogen. Heute wird nicht mehr darüber berichtet. Deshalb gibt es immer mehr Leute, die meinen, dass diese beiden Sportarten nicht mehr existieren. Ein Trugschluss. Der Cyclocross-Sport floriert vor allem in den beiden Radsport-Hochburgen Belgien und Holland immer noch. Schnell kommen so 25 000  und mehr Sportfans zusammen, um an den Radquer-Rennen Volksfeste zu feiern. Aber auch in den USA, in Italien, Frankreich und in Grossbritanien ist während den kalten Monaten im Quersport viel los. Nur in der Schweiz gibt es im Moment immer wie weniger internationale und nationale Radquerrennen, wo man sich die wertvollen UCI-Punkte holen kann. So verschwanden zahlreiche beliebte Radquers in der Schweiz von der Bildfläche. Auch jene in Pfaffnau und Dagmersellen gibt es nicht mehr. Apropos: Am 26. Dezember 1999, als der Sturm Lothar durch das Land zog, konnte man  den bekannten und verstorbenen Fernsehmoderator Hans Jucker in Dagmersellen wegen Stromausfall  und umgestürzten Bäumen und heruntergefallenen Ziegeln über eine Stunde nicht mehr am Mikrofon hören. Der gleiche Hans Jucker war am vergangenen Samstag bei der WM-Feier in Melchnau im präsentierten Fernsehfilm als versierter Moderator zu hören.

Wiedersehen der damaligen Schweizer Radquer-Grössen
50 Jahre nach dem grossen Oberaargauer Sportevent in der 1500-Seelen-Gemeinde traf sich viel Prominenz im Mehrzweckraum des Alters- und Pflegeheims «Schärme». Die drei noch lebenden der 14 OK-Mitglieder begrüssten die Anwesenden. Allen voran der Langenthaler Peter Studer, der nicht nur OK-Präsident der Radquer-WM in Melchnau, sondern auch der Initiant war, der dafür sorgte, dass dieser Grossanlass im Oberaargau durchgeführt wurde. Ebenfalls im OK sass der frühere Melchnauer Gemeindepräsident Peter Graber als Sekretär sowie Pressechef Walter Leibundgut.  Das Trio erzählte den zahlreich aufmarschierten Gästen – darunter die fünf Melchnauer WM-Teilnehmer Albert Zweifel, Richard Steiner, Willi Lienhard und die Brüder Walter und Ueli Müller – interessante Reminiszenenzen, die vor 50 Jahren auf und neben der Piste passiert sind.

Wetzikon ausgestochen
Doch bereits die Durchführung in Melchnau war eine Besonderheit. So machte Melchnau das Rennen unter sieben Kandidaturen. Wetzikon im Zürcher Oberland galt damals als Topfavorit. Heinz Studer machte damals einen Ausflug in die Stammbeiz des dortigen Veloclubs, wo er am Stammtisch hörte, dass Wetzikon beim Nationalen Radverband ein Angebot von 110 000 Franken gemacht habe.  Die Melchnauer erhöhten danach das Angebot auf 150 000 Franken. «Im August 1973 erhielten wir dann den Zuschlag für die WM. Damals wurde die Nachricht, dass wir die WM organisieren können, sogar im Schweizer Radio DRS am Morgen in den Nachrichten verkündet. So kamen wir zu diesem Grossanlass», erzählte Studer stolz.

Ein Gewinn von 110 000 Franken
Der WM-Sekretär Peter Graber erinnerte sich an die 13 OK-Sitzungen im Vorfeld und die Notwendigkeiten, um finanziell am Ende gut dazustehen: «Zur Finanzierung verkauften wir 80 000 Tombola-Lose und 1200 Jassteppiche. Und an der WM selbst verkauften wir alle Würste restlos. Am Schluss schaute sogar ein Reingewinn von 110 000 Franken heraus», freute sich Graber. Das Spital in Langenthal, das ein Jahr später eröffnete, das einheimische Altersheim und der Veloclub Melchnau erhielten im Anschluss an die WM je 35 000 Franken vom Gewinn. Schmunzelnd erinnerte sich Pressechef Walter Leibundgut an den Fondueplausch im Madiswiler Bürgisweyerbad oder an das Presse-Toto, in dem die drei ersten Amateure und Profis zu erraten waren.

Stern von Albert Zweifel geht auf
Mit der Radquer-WM wurde Melchnau am 26. Januar 1975 wegen der Direktübertragung in viele Länder auf einen Schlag weltbekannt. Nachdem es am Vortag im Oberaargau noch stark geregnet hatte, sahen die fast 20 000 Zuschauenden vor Ort sowie die vielen Zuschauenden am TV eine Schlammschlacht par exellence. «Nur vier Jahre später, als ich meinen vierten WM-Titel in Serie im italienischen Saccolongo feiern konnte, gab es noch eine viel grössere Schlammschlacht als im Oberaargau», wusste Albert Zweifel,  der neben seinen heroischen Taten als Radquerfahrer nicht weniger als 16 Mal die Tour de Suisse bestritten hatte, zu berichten. Die Bilder vom zum Radsport passenden Fight im Morast gingen um die Welt. Weltmeister in Melchnau wurde der belgischen Weltklasse-Strassenfahrer Roger de Vlaeminck. Silber holte Albert Zweifel, dessen Stern damals mit seinem ersten Medaillengewinn so richtig aufging.  Die Bronzemedaille gewann vor 50 Jahren Peter Frischknecht, der Vater der Mountainbike-Legende Thomas Frischknecht. Er ist auch der Grossvater des immer noch aktiven Mountainbikers Andri Frischknecht. Der damalige, äusserst erfolgreiche Schweizer Radquer-Nationaltrainer war der  Langenthaler Carlo Lafranchi sen.

Noch immer präsent
Die Veranstaltung ist auch 50 Jahre später noch präsent. Man sieht in einzelnen Restaurants immer noch die Jassteppiche mit dem Logo des damaligen Anlasses. Ausserdem hat der frühere Pfarrer und Langenthaler Stadtarchivar Simon Kuert 2021 ein fast 400 seitiges Buch über das Sportgeschehen in den letzten 50 Jahren im Oberaargau herausgegeben. Darin ist ein ganzes Kapitel, gut bebildert, von der Radquer-WM in Melchnau zu lesen. Das Buch ist über den Herausgeber Donnerstag Club Oberaargau zu beziehen (www.donnerstag-club.ch).

Von Manfred Dysli